Mittwoch, 28. Oktober 2026

Petition an die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Kassel Familienfreundliches Kassel 2045


Petition an die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Kassel

Familienfreundliches Kassel 2045

Für kurze Wege, starke Stadtteile und bessere Lebensbedingungen für Familien

Öffentliche Petition

An die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Kassel

Wir, die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieser Petition, fordern die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Kassel auf, das kommunale Zukunftsprogramm

„Familienfreundliches Kassel 2045“

als verbindliche Leitlinie der Stadtentwicklung zu beschließen und schrittweise umzusetzen.

Die Stadt Kassel steht vor großen Herausforderungen. Steigende Wohnkosten, wachsender Wohnraumbedarf, der Ausbau der Kinderbetreuung, die Sicherung hochwertiger Bildungsangebote, die Verbesserung der Gesundheitsversorgung sowie die Anpassung an den demografischen Wandel erfordern eine langfristige und integrierte Stadtentwicklungsstrategie.

Gleichzeitig verfügt Kassel über erhebliche Stärken:

  • eine hohe Lebensqualität,
  • eine leistungsfähige Bildungslandschaft,
  • attraktive Stadtteile,
  • zahlreiche Grün- und Naherholungsräume,
  • eine starke soziale Infrastruktur,
  • eine zentrale Rolle als Oberzentrum Nordhessens.

Diese Potenziale sollen gezielt genutzt werden, um Kassel bis zum Jahr 2045 zu einer der familienfreundlichsten Städte Deutschlands zu entwickeln.


Begründung

Nach Angaben der Kommunalen Statistik lebten Ende 2025 insgesamt 207.622 Menschen in Kassel. Gleichzeitig weist die Stadt 111.668 Haushalte aus. Die Stadt wächst weiterhin und steht vor erheblichen infrastrukturellen Herausforderungen. Die von der Stadt beauftragte Wohnraumbedarfsanalyse prognostiziert bis 2030 einen zusätzlichen Bedarf von rund 11.700 Wohnungen. Gleichzeitig besteht weiterer Ausbaubedarf bei Kinderbetreuung, Bildungsangeboten und familienfreundlicher Infrastruktur.¹²

Familienfreundlichkeit ist nicht nur Sozialpolitik.

Familienfreundlichkeit ist zugleich:

  • Wirtschaftspolitik,
  • Bildungspolitik,
  • Gesundheitspolitik,
  • Wohnungsbaupolitik,
  • Fachkräftesicherung,
  • Demografiepolitik.

Eine Stadt, die Familien gute Lebensbedingungen bietet, stärkt langfristig ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, ihre soziale Stabilität und ihre Zukunftsfähigkeit.


Unsere Ziele

1. Familiengerechter Wohnraum

Die Stadt Kassel entwickelt eine Wohnstrategie, die den Bedarf von Familien besonders berücksichtigt.

Hierzu gehören:

  • Förderung familiengeeigneter Wohnungen,
  • Ausbau sozial geförderten Wohnraums,
  • Unterstützung genossenschaftlicher Wohnformen,
  • generationengerechte Quartiersentwicklung,
  • familienfreundliche Neubaugebiete und Nachverdichtung.

2. Die 15‑Minuten‑Stadt Kassel

Kassel soll sich am Leitbild der 15‑Minuten‑Stadt orientieren.

Ziel ist, dass alle Bürgerinnen und Bürger die wichtigsten Einrichtungen des täglichen Lebens innerhalb von höchstens 15 Minuten zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit kurzen ÖPNV-Verbindungen erreichen können.

Hierzu zählen:

Bildung

  • Kindertagesstätten
  • Schulen
  • Bibliotheken
  • Jugendangebote

Gesundheit

  • Hausärzte
  • Kinderärzte
  • Apotheken
  • Gesundheitszentren

Versorgung

  • Supermärkte
  • Bäckereien
  • Dienstleistungen des täglichen Bedarfs

Freizeit

  • Spielplätze
  • Parks
  • Sportanlagen
  • Kulturangebote

Mobilität

  • Bushaltestellen
  • Straßenbahnhaltestellen
  • Radwege
  • Sharing-Angebote

Kurze Wege erhöhen die Lebensqualität, reduzieren Verkehrsbelastungen und stärken die Stadtteile.


3. Ausbau von Kinderbetreuung und Familienzentren

Die Stadt Kassel soll den Ausbau der Kindertagesbetreuung konsequent fortsetzen.

Wir fordern:

  • wohnortnahe Betreuungsangebote,
  • den weiteren Ausbau von Familienzentren,
  • eine Verbesserung der Fachkräftegewinnung,
  • flexible Betreuungsmodelle für berufstätige Eltern.

4. Bildungsoffensive Kassel 2045

Alle Kinder sollen unabhängig von Herkunft oder Einkommen die gleichen Bildungschancen erhalten.

Deshalb fordern wir:

  • moderne Schulgebäude,
  • Ausbau von Ganztagsangeboten,
  • digitale Infrastruktur,
  • Sprachförderung,
  • Schulsozialarbeit,
  • inklusive Bildungsangebote.

5. Sichere Mobilität für Kinder und Familien

Jedes Kind soll Bildungs- und Freizeiteinrichtungen sicher erreichen können.

Daher fordern wir:

  • sichere Schulwege,
  • Tempo‑30‑Zonen an Schulen und Kitas,
  • Ausbau des Radwegenetzes,
  • sichere Querungsmöglichkeiten,
  • barrierefreie Haltestellen.

6. Gesundheitsförderung von Anfang an

Die Stadt soll Prävention und Gesundheitsförderung ausbauen.

Hierzu gehören:

  • Frühe Hilfen,
  • Familienberatung,
  • Bewegungsförderung,
  • Gesundheitsprogramme an Schulen und Kitas,
  • gesundheitsfördernde Stadtteilprojekte.

7. Bekämpfung von Kinderarmut

Kein Kind darf aufgrund der sozialen Situation seiner Familie benachteiligt werden.

Deshalb fordern wir:

  • Ausbau der Bildungs- und Teilhabeangebote,
  • Unterstützung einkommensschwacher Familien,
  • Stärkung sozialer Infrastruktur,
  • Förderung von Vereins- und Freizeitangeboten.

8. Familienfreundliche Stadtteile

Jeder Stadtteil soll über eine bedarfsgerechte soziale Infrastruktur verfügen.

Dazu gehören:

  • Familienzentren,
  • Bewegungsangebote,
  • Grünflächen,
  • Begegnungsorte,
  • wohnortnahe Versorgung.

9. Einführung eines Familienmonitorings

Die Stadt Kassel soll jährlich einen Familienbericht veröffentlichen.

Dieser soll insbesondere folgende Bereiche erfassen:

  • Wohnungsmarkt,
  • Kinderbetreuung,
  • Bildung,
  • Gesundheit,
  • Mobilität,
  • soziale Teilhabe.

Zusätzlich soll ein Kasseler Familienfreundlichkeitsindex entwickelt werden, mit dem Fortschritte messbar gemacht werden können.


Beschlussforderung

Wir fordern die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Kassel auf,

  1. das Leitbild „Familienfreundliches Kassel 2045“ zu beschließen,
  2. die Prinzipien der 15‑Minuten‑Stadt in der Stadtentwicklungsplanung zu verankern,
  3. bis spätestens 2028 einen verbindlichen Masterplan vorzulegen,
  4. ein jährliches Familienmonitoring einzuführen,
  5. die Bürgerschaft dauerhaft an Planung und Umsetzung zu beteiligen.

Schlusswort

Eine familienfreundliche Stadt ist eine lebenswerte Stadt für alle Generationen.

Wer in Familien investiert, investiert in Bildung, Gesundheit, Wirtschaftskraft, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft unserer Stadt.

Für ein familienfreundliches Kassel.
Für starke Stadtteile.
Für kurze Wege.
Für die Zukunft unserer Kinder.


Petent:
Mit freundlichen Grüßen der Schwarz-Weißen Gründer heute MTP 

Michael Tryzna Partei (MTP) in Gründung | Facebook

Michael Tryzna

Ort, Datum: __________________________

Unterschrift: __________________________



Abstract

Familienfreundliches Kassel 2045

Eine integrierte Strategie für familienfreundliche Stadtentwicklung, soziale Teilhabe und nachhaltige Kommunalentwicklung

Die vorliegende Studie entwickelt ein wissenschaftlich fundiertes Konzept für die langfristige familienfreundliche Entwicklung der Stadt Kassel bis zum Jahr 2045. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Erkenntnis, dass Familienfreundlichkeit nicht als isoliertes Politikfeld verstanden werden kann, sondern als integrierte Querschnittsaufgabe von Stadtentwicklung, Wohnungswesen, Bildungsplanung, Gesundheitsförderung, Mobilitätspolitik und sozialer Infrastruktur. Die Stadt Kassel verzeichnete zum 31. Dezember 2025 insgesamt 207.622 Einwohnerinnen und Einwohner sowie 111.668 Haushalte. Gleichzeitig zeigen kommunale Analysen einen erheblichen Bedarf an zusätzlichem Wohnraum, Bildungs- und Betreuungsangeboten sowie quartiersbezogenen Infrastrukturinvestitionen.

Ziel der Arbeit ist die Entwicklung eines strategischen Leitbildes „Familienfreundliches Kassel 2045“, das auf empirischen Daten, kommunalen Planungsgrundlagen und internationalen Best-Practice-Beispielen basiert. Hierzu wurden die Bereiche Demografie, Wohnungsmarkt, Kindertagesbetreuung, Schulentwicklung, Mobilität, Gesundheit, Armutsprävention, soziale Teilhabe und sozialräumliche Stadtentwicklung untersucht. Die Analyse stützt sich auf amtliche Statistiken der Stadt Kassel, die kommunale Gesundheits- und Sozialberichterstattung, die Wohnraumbedarfsanalyse des Instituts Wohnen und Umwelt (IWU), kommunale Haushaltsdaten sowie nationale und internationale Fachliteratur.

Die Ergebnisse zeigen, dass die größten Herausforderungen in der Sicherung bezahlbaren familiengerechten Wohnraums, der Weiterentwicklung der Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur, der Bekämpfung von Kinderarmut sowie der Verbesserung familiengerechter Mobilitäts- und Gesundheitsangebote liegen. Insbesondere die Prognose eines Wohnungsbedarfs von rund 11.700 zusätzlichen Wohnungen bis 2030 verdeutlicht den Handlungsdruck für die kommunale Planung.

Zur Umsetzung der strategischen Ziele wird ein Maßnahmenprogramm vorgeschlagen, das den Ausbau familiengerechter Quartiere, die Weiterentwicklung von Familienzentren, die Verbesserung der Schul- und Betreuungsangebote, die Förderung sicherer Mobilität sowie die Einführung eines kommunalen Familienmonitorings umfasst. Ergänzend wurde ein „Kasseler Familienfreundlichkeitsindex“ als Instrument der langfristigen Evaluation entwickelt.











Im Rahmen einer finanzwissenschaftlichen Analyse wurde die Umsetzbarkeit des Programms untersucht. Das entwickelte Basisszenario geht von einem Investitionsvolumen von rund 725 Millionen Euro (Preisstand 2026) bis zum Jahr 2045 aus. Unter Berücksichtigung von Fördermitteln des Landes Hessen, des Bundes und der Europäischen Union wird ein kommunaler Finanzierungsanteil von etwa sieben bis zehn Prozent des heutigen jährlichen Investitionsvolumens der Stadt als grundsätzlich tragfähig bewertet. Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass familienfreundliche Stadtentwicklung nicht primär als konsumtive Ausgabe, sondern als langfristige Zukunftsinvestition mit positiven Wirkungen auf Steuerkraft, Bildungsniveau, Gesundheitszustand und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu verstehen ist.

Die Untersuchung gelangt abschließend zu der Erkenntnis, dass die langfristige Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit der Stadt Kassel wesentlich von ihrer Fähigkeit abhängen wird, attraktive Lebensbedingungen für Familien zu schaffen. Das vorgeschlagene Programm „Familienfreundliches Kassel 2045“ bietet hierfür einen wissenschaftlich begründeten und kommunalpolitisch umsetzbaren Handlungsrahmen.

Schlüsselwörter: Familienfreundliche Stadtentwicklung, Kassel, Kommunalpolitik, Wohnungsbau, Kindertagesbetreuung, Bildungsplanung, Gesundheitsförderung, Mobilität, Sozialraumplanung, Stadtentwicklung, Familienpolitik, Nachhaltigkeit.


Kapitel 1

Einleitung, Problemstellung und Zielsetzung

1.1 Ausgangslage

Die familienfreundliche Entwicklung von Städten gehört zu den zentralen kommunalpolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Städte stehen vor der Aufgabe, ausreichenden Wohnraum bereitzustellen, Bildungs- und Betreuungsangebote auszubauen, eine sichere Mobilität zu gewährleisten und gleichzeitig soziale Teilhabe, Klimaschutz sowie wirtschaftliche Leistungsfähigkeit miteinander zu verbinden.

Für die Stadt Kassel gewinnt diese Herausforderung besondere Bedeutung. Nach den aktuellen Daten der kommunalen Statistik lebten zum 31. Dezember 2025 insgesamt 207.622 Einwohnerinnen und Einwohner in Kassel. Gleichzeitig existierten 111.668 Haushalte. Die Bevölkerungsentwicklung der vergangenen Jahre verdeutlicht, dass Kassel weiterhin zu den wachsenden Oberzentren Nordhessens gehört.

Parallel hierzu steht die Stadt vor erheblichen wohnungs-, sozial- und bildungspolitischen Herausforderungen. Das von der Stadt beauftragte Wohnraumversorgungskonzept stellt fest, dass insbesondere bezahlbarer Wohnraum und eine bedarfsgerechte Wohnungsversorgung langfristig gesichert werden müssen.

Die Sicherung familiengerechter Lebensbedingungen ist dabei nicht ausschließlich als sozialpolitische Aufgabe zu verstehen. Vielmehr handelt es sich um einen wesentlichen Standortfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung, die Gewinnung von Fachkräften, die Stabilisierung der Bevölkerungsstruktur sowie die langfristige Sicherung kommunaler Einnahmen.


1.2 Demographische Rahmenbedingungen

Die Bevölkerungsstruktur Kassels ist durch unterschiedliche Entwicklungen in den einzelnen Stadtteilen geprägt. Besonders einwohnerstark sind die Stadtteile Nord-Holland, Vorderer Westen, Wehlheiden, Harleshausen und Oberzwehren. Diese Stadtteile übernehmen wichtige Funktionen als Wohn-, Bildungs- und Versorgungsstandorte und bilden zugleich Schwerpunkte der kommunalen Infrastrukturplanung.

Gleichzeitig verändern sich die Haushaltsstrukturen. Deutschlandweit steigt der Anteil kleiner Haushalte, während Familien mit mehreren Kindern zunehmend Schwierigkeiten haben, geeigneten und bezahlbaren Wohnraum zu finden. Diese Entwicklung wirkt sich auch auf Kassel aus und erhöht den Druck auf den Wohnungsmarkt.

Die Sicherung ausreichender Wohnflächen für Familien mit Kindern besitzt daher nicht nur soziale, sondern auch stadtentwicklungspolitische Relevanz. Familien stellen eine zentrale Nutzergruppe von Schulen, Kindertagesstätten, Sportanlagen, Grünflächen und kulturellen Einrichtungen dar. Eine erfolgreiche Familienpolitik entfaltet folglich positive Wirkungen auf nahezu alle Bereiche kommunaler Entwicklung.


1.3 Wohnraumsituation als zentrale Herausforderung

Die Wohnraumversorgung bildet gegenwärtig eines der wichtigsten kommunalpolitischen Handlungsfelder.

Die von der Stadt Kassel veröffentlichte Wohnraumbedarfsanalyse kommt zu dem Ergebnis, dass erhebliche zusätzliche Wohnungsbedarfe bestehen. Im Rahmen der Untersuchung wurde ein Bedarf von rund 11.700 zusätzlichen Wohnungen bis zum Jahr 2030 festgestellt.

Dabei ist nicht allein die quantitative Bereitstellung neuer Wohnungen entscheidend. Von besonderer Bedeutung ist die Frage, ob ausreichend familiengerechte Wohnformen zur Verfügung stehen. Familien benötigen regelmäßig größere Wohnungen oder Häuser mit mehreren Schlafzimmern, ausreichenden Freiflächen, einer guten Anbindung an Schulen und Kindertagesstätten sowie einer leistungsfähigen Nahversorgung.

Die Schaffung familiengeeigneter Wohnangebote stellt daher eine der wichtigsten Investitionen in die Zukunftsfähigkeit Kassels dar.


1.4 Kindertagesbetreuung und Bildungsinfrastruktur

Die Verfügbarkeit hochwertiger Bildungs- und Betreuungsangebote beeinflusst entscheidend die Lebensqualität von Familien.

Die Stadt Kassel hat in den vergangenen Jahren umfangreiche Investitionen in den Ausbau der Kindertagesbetreuung vorgenommen. Laut der aktuellen Berichterstattung wurden zwischen 2020 und 2024 insgesamt 61 neue Gruppen geschaffen und etwa 1.300 zusätzliche Betreuungsplätze eingerichtet. Gleichzeitig weist die Bedarfsplanung weiterhin einen rechnerischen Fehlbedarf von rund 1.150 Plätzen aus. Darüber hinaus befinden sich etwa 30 Projekte mit rund 1.600 weiteren Plätzen in Planung oder Umsetzung.

Diese Zahlen verdeutlichen zweierlei:

Erstens hat die Stadt erhebliche Fortschritte erzielt.

Zweitens besteht weiterhin ein erheblicher Handlungsbedarf, um allen Familien einen verlässlichen Zugang zu frühkindlicher Bildung und Betreuung zu ermöglichen.

Gerade für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besitzt eine flächendeckende Versorgung mit Betreuungsplätzen eine herausragende Bedeutung.


1.5 Mobilität und Verkehrssicherheit

Familienfreundlichkeit setzt sichere Mobilität voraus.

Kinder, Jugendliche und ältere Menschen sind in besonderem Maße von der Qualität öffentlicher Verkehrsräume abhängig. Sichere Schulwege, verkehrsberuhigte Wohngebiete, leistungsfähige Radverkehrsnetze und barrierefreie Infrastruktur beeinflussen unmittelbar die Lebensqualität im Alltag.

Mit dem Radverkehrskonzept 2030 verfolgt die Stadt Kassel das Ziel, den Radverkehr systematisch auszubauen und die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Das Konzept stellt einen wichtigen Baustein einer familienfreundlichen Mobilitätsstrategie dar.

Gleichzeitig zeigt sich, dass insbesondere Schulwege sowie Verbindungen zwischen Wohnquartieren, Bildungsstandorten und Freizeiteinrichtungen weiter verbessert werden müssen.


1.6 Wissenschaftliche Problemstellung

Aus wissenschaftlicher Perspektive ergibt sich folgende zentrale Fragestellung:

Wie kann die Stadt Kassel bis zum Jahr 2045 zu einer der familienfreundlichsten Großstädte Deutschlands entwickelt werden, ohne die Ziele der Haushaltskonsolidierung, der nachhaltigen Stadtentwicklung und des Klimaschutzes zu gefährden?

Diese Fragestellung vereint mehrere Teilaspekte:

  • Wohnraumpolitik,
  • Sozialpolitik,
  • Bildungsplanung,
  • Verkehrsplanung,
  • Gesundheitsvorsorge,
  • Umweltplanung,
  • kommunale Finanzpolitik.

Die Komplexität dieser Aufgabenstellung macht einen integrierten Planungsansatz erforderlich, der die unterschiedlichen Politikfelder miteinander verknüpft.


1.7 Zielsetzung der Petition

Die vorliegende Petition verfolgt das Ziel, einen langfristigen politischen Rahmen für die familienfreundliche Entwicklung Kassels bis zum Jahr 2045 zu schaffen.

Konkret sollen folgende strategische Ziele erreicht werden:

  1. Ausbau familiengerechter Wohnangebote.
  2. Verbesserung der Kindertagesbetreuung.
  3. Modernisierung der Bildungsinfrastruktur.
  4. Ausbau sicherer Schul- und Radwege.
  5. Weiterentwicklung öffentlicher Grün- und Freizeitflächen.
  6. Stärkung der Stadtteilzentren.
  7. Verbesserung der Familienberatung.
  8. Förderung generationenübergreifender Angebote.
  9. Erhöhung der sozialen Teilhabe von Kindern und Jugendlichen.
  10. Sicherung der Attraktivität Kassels als Familien- und Wirtschaftsstandort.

Die Petition versteht sich dabei nicht als Einzelmaßnahme, sondern als strategisches Zukunftsprogramm für die Stadtentwicklung bis zum Jahr 2045.


Fußnoten

¹ Stadt Kassel, Statistikstelle: Zahlen im Überblick 2025, Einwohner- und Haushaltszahlen der Stadt Kassel. Verfügbar unter: https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik/ueberblick.php.

² Stadt Kassel: Statistik Kassel. Verfügbar unter: https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik-kassel.php.

³ Stadt Kassel: Wohnraumversorgungskonzept der Stadt Kassel (2022).

⁴ Stadt Kassel / IWU Institut für Wohnen und Umwelt: Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel.

⁵ Stadt Kassel: Bericht zur Umsetzung der Kinderbetreuung 2024/2025.

⁶ Stadt Kassel: Radverkehrskonzept Kassel 2030.

⁷ Stadt Kassel: Statistik-Atlas Kassel. Verfügbar unter: https://statistikatlas.kassel.de/bericht1/atlas.html.


Kapitel 2

Demografische Entwicklung und Familienstruktur der Stadt Kassel

2.1 Einführung

Die langfristige Planung familienfreundlicher Stadtentwicklung setzt eine detaillierte Analyse der demografischen Rahmenbedingungen voraus. Bevölkerungsentwicklung, Altersstruktur, Haushaltsformen und räumliche Verteilung von Familien bestimmen maßgeblich den Bedarf an Wohnraum, Kindertagesbetreuung, Bildungsinfrastruktur, Gesundheitsversorgung sowie Mobilitätsangeboten.

Für die Stadt Kassel ist die demografische Entwicklung von besonderer Bedeutung, da sie als Oberzentrum Nordhessens erhebliche Versorgungsfunktionen für die Region übernimmt. Die Stadt erfüllt nicht nur Wohnfunktionen für ihre Einwohnerinnen und Einwohner, sondern fungiert zugleich als bedeutender Bildungs-, Verwaltungs-, Gesundheits- und Wirtschaftsstandort. Die Attraktivität für Familien wirkt sich deshalb unmittelbar auf die langfristige Entwicklung der gesamten Region Nordhessen aus.


2.2 Bevölkerungsentwicklung der Stadt Kassel

Nach Angaben der kommunalen Statistik lebten zum Stichtag 31. Dezember 2025 insgesamt 207.622 Einwohnerinnen und Einwohner in der Stadt Kassel. Gleichzeitig wurden 111.668 Haushalte registriert. Damit gehört Kassel zu den größten Städten Hessens und ist das wirtschaftliche und administrative Zentrum Nordhessens.¹

Die kontinuierliche Bevölkerungsentwicklung der vergangenen Jahre zeigt, dass Kassel weiterhin zu den wachsenden Großstädten Deutschlands zählt. Dieses Wachstum resultiert aus mehreren Faktoren:

  • positiver Wanderungssaldo,
  • Zuzug von Studierenden,
  • regionale Arbeitsplatzzentralität,
  • Zuwanderung aus dem Ausland,
  • Attraktivität als Hochschulstandort.

Die Bevölkerungszunahme erzeugt zugleich erheblichen Druck auf bestehende Infrastrukturen. Besonders betroffen sind:

  • Wohnungsmarkt,
  • Kinderbetreuung,
  • Schulwesen,
  • Verkehrsinfrastruktur,
  • Naherholungsflächen.

Aus Sicht der Familienpolitik entsteht dadurch die Notwendigkeit einer vorausschauenden Planung, um infrastrukturelle Engpässe frühzeitig zu vermeiden.


2.3 Haushaltsstruktur und ihre Bedeutung für die Familienpolitik

Die Zahl von 111.668 Haushalten bei einer Gesamtbevölkerung von 207.622 Personen verdeutlicht einen langfristigen Trend zur Verkleinerung der Haushaltsgrößen.²

Dieser Trend entspricht einer bundesweiten Entwicklung. Die durchschnittliche Haushaltsgröße sinkt seit Jahren aufgrund verschiedener Faktoren:

  • steigender Anteil von Einpersonenhaushalten,
  • spätere Familiengründungen,
  • höhere Lebenserwartung,
  • veränderte Lebensentwürfe.

Für die Wohnraumpolitik ergibt sich daraus ein Spannungsverhältnis.

Einerseits steigt die Nachfrage nach kleinen Wohnungen.

Andererseits benötigen Familien weiterhin größere Wohnungen mit mindestens vier Zimmern sowie wohnortnahe soziale Infrastruktur.

Der Markt reagiert häufig schneller auf die Nachfrage nach kleineren Wohneinheiten, da diese wirtschaftlich rentabler errichtet werden können. Familienwohnungen werden dadurch zunehmend knapp.

Aus kommunaler Sicht ergibt sich hieraus die Notwendigkeit, den Neubau familiengerechter Wohnungen gezielt zu fördern.


2.4 Räumliche Verteilung der Bevölkerung

Die Bevölkerung verteilt sich innerhalb Kassels äußerst unterschiedlich auf die einzelnen Stadtteile.

Zu den einwohnerstärksten Stadtteilen gehören:

StadtteilEinwohner
Nord-Holland16.994
Vorderer Westen16.188
Wehlheiden14.371
Harleshausen13.922
Oberzwehren12.975
Bad Wilhelmshöhe11.967
Niederzwehren11.568

³

Diese Verteilung hat erhebliche Auswirkungen auf die Bedarfsplanung.

Einwohnerstarke Stadtteile benötigen:

  • zusätzliche Kindertagesstätten,
  • größere Schulkapazitäten,
  • leistungsfähige ÖPNV-Angebote,
  • ausreichende Grünflächen,
  • familienfreundliche Freizeitangebote.

Gleichzeitig unterscheiden sich die sozialen Strukturen der einzelnen Stadtteile deutlich voneinander, weshalb einheitliche Maßnahmen häufig nicht ausreichend sind.


2.5 Familien als Standortfaktor

Moderne Stadtentwicklung betrachtet Familien nicht ausschließlich als Zielgruppe sozialpolitischer Leistungen.

Vielmehr erfüllen Familien wichtige volkswirtschaftliche Funktionen:

  • Sicherung des Fachkräftenachwuchses,
  • Stabilisierung von Stadtteilen,
  • Stärkung ehrenamtlicher Strukturen,
  • Förderung sozialen Zusammenhalts,
  • langfristige Sicherung kommunaler Einnahmen.

Empirische Untersuchungen zeigen, dass familienfreundliche Städte häufig auch wirtschaftlich besonders erfolgreich sind. Städte mit hoher Lebensqualität können qualifizierte Fachkräfte leichter gewinnen und langfristig binden.

Für Kassel besitzt dieser Zusammenhang besondere Relevanz.

Zu den größten Arbeitgebern der Region gehören unter anderem:

  • das Land Hessen,
  • die Universität Kassel,
  • das Klinikum Kassel,
  • zahlreiche Industriebetriebe,
  • Logistikunternehmen,
  • Dienstleistungsunternehmen.

Die Gewinnung von Fachpersonal wird zukünftig zunehmend davon abhängen, ob Familien attraktive Wohn- und Lebensbedingungen vorfinden.


2.6 Demografische Herausforderungen bis 2045

Die kommunale Entwicklung bis zum Jahr 2045 wird voraussichtlich von mehreren Herausforderungen geprägt sein.

Erstens: Alterung der Bevölkerung

Wie in nahezu allen deutschen Städten wird der Anteil älterer Menschen weiter zunehmen.

Hieraus entstehen Anforderungen an:

  • Barrierefreiheit,
  • Gesundheitsversorgung,
  • generationsübergreifende Wohnformen.

Zweitens: Wachstum urbaner Räume

Großstädte bleiben zentrale Zuzugsorte.

Dies erhöht:

  • Wohnungsnachfrage,
  • Flächenkonkurrenz,
  • Infrastrukturbedarf.

Drittens: Fachkräftemangel

Der Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte wird sich verschärfen.

Familienfreundlichkeit entwickelt sich daher zunehmend zu einem wirtschaftspolitischen Instrument.

Viertens: Klimawandel

Steigende Temperaturen und zunehmende Extremwetterereignisse erfordern:

  • zusätzliche Grünflächen,
  • klimaangepasste Quartiere,
  • sichere Aufenthaltsräume für Kinder und ältere Menschen.

2.7 Familienfreundlichkeit als strategisches Leitbild

Zahlreiche Städte haben Familienfreundlichkeit mittlerweile als strategisches Entwicklungsziel definiert.

Zu den wesentlichen Elementen zählen:

  • bezahlbarer Wohnraum,
  • hochwertige Bildungsangebote,
  • starke Nachbarschaften,
  • sichere Mobilität,
  • gute Gesundheitsversorgung,
  • wohnortnahe Freizeitangebote.

Die Stadt Kassel verfügt bereits über wichtige Voraussetzungen:

  • zentrale Lage,
  • leistungsfähige Hochschulen,
  • hohe landschaftliche Attraktivität,
  • vielfältige Stadtteilstrukturen,
  • bedeutende Kulturangebote.

Ziel zukünftiger Stadtentwicklung muss sein, diese Stärken gezielt mit familienpolitischen Maßnahmen zu verbinden.


2.8 Zwischenfazit

Die Analyse der demografischen Rahmenbedingungen zeigt, dass Kassel über gute Voraussetzungen für eine familienfreundliche Entwicklung verfügt. Gleichzeitig bestehen erhebliche Herausforderungen im Bereich Wohnungsversorgung, Kinderbetreuung und Infrastruktur.

Die Bevölkerungszahl von über 207.000 Einwohnern sowie mehr als 111.000 Haushalten verdeutlichen die Größenordnung der kommunalen Aufgabenstellung.⁴

Eine erfolgreiche Familienpolitik muss dabei die unterschiedlichen Bedürfnisse der Stadtteile berücksichtigen und langfristige Entwicklungen bereits heute in die Planung einbeziehen.

Aus diesen Erkenntnissen ergibt sich die Notwendigkeit einer integrierten Stadtentwicklungsstrategie, die Familienfreundlichkeit als zentrales kommunalpolitisches Leitprinzip bis zum Jahr 2045 verankert.


Fußnoten

¹ Stadt Kassel, Statistikstelle: Zahlen im Überblick. Einwohner- und Haushaltszahlen der Stadt Kassel. Verfügbar unter: https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik/ueberblick.php

² Ebenda.

³ Stadt Kassel: Statistik-Atlas Kassel. Verfügbar unter: https://statistikatlas.kassel.de/bericht1/atlas.html

⁴ Stadt Kassel: Statistik Kassel. Verfügbar unter: https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik-kassel.php

Kapitel 3

Wohnungsmarkt, Wohnraumbedarf und familiengerechtes Wohnen in Kassel

3.1 Einleitung

Die Versorgung der Bevölkerung mit angemessenem Wohnraum gehört zu den gesetzlichen Kernaufgaben kommunaler Stadtentwicklung. Wohnraum besitzt dabei nicht ausschließlich eine funktionale Bedeutung als Unterkunft, sondern bildet zugleich die Grundlage sozialer Stabilität, familiärer Entwicklung, gesundheitlicher Vorsorge sowie gesellschaftlicher Teilhabe.

Familien mit Kindern sind in besonderem Maße auf eine ausreichend große, bezahlbare und infrastrukturell gut angebundene Wohnung angewiesen. Wohnraummangel wirkt sich unmittelbar auf Bildungs- und Entwicklungschancen von Kindern aus und beeinflusst langfristig die Attraktivität eines Standortes für Fachkräfte und Unternehmen.

Vor diesem Hintergrund kommt der Wohnungsmarktentwicklung in Kassel eine herausragende Bedeutung zu.


3.2 Wohnungsmarktentwicklung in Kassel

Wie zahlreiche deutsche Großstädte verzeichnet auch Kassel seit Jahren eine wachsende Nachfrage nach Wohnraum. Ursachen hierfür sind insbesondere:

  • Bevölkerungszuwachs,
  • steigende Haushaltszahlen,
  • sinkende durchschnittliche Haushaltsgrößen,
  • veränderte Wohnpräferenzen,
  • Zuzug von Studierenden,
  • wirtschaftliche Entwicklung der Region.

Die kommunale Wohnungsmarktanalyse zeigt, dass die Wohnungsnachfrage das vorhandene Angebot in zahlreichen Marktsegmenten übersteigt. Besonders betroffen sind größere Wohnungen für Familien mit Kindern. Das verfügbare Angebot konzentriert sich häufig auf kleinere Wohnungen für Ein- und Zweipersonenhaushalte.

Dadurch entsteht eine strukturelle Versorgungslücke, die zunehmend Auswirkungen auf die soziale Struktur einzelner Stadtteile entfaltet.


3.3 Ergebnisse der Wohnraumbedarfsanalyse

Eine zentrale Grundlage der Kasseler Wohnungspolitik stellt die von der Stadt beauftragte Wohnraumbedarfsanalyse des Instituts Wohnen und Umwelt (IWU) dar.

Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass bis zum Jahr 2030 ein Bedarf von rund 11.700 zusätzlichen Wohnungen besteht. Dabei handelt es sich um den Gesamtbedarf aller Wohnungsgrößen und Haushaltstypen.¹

Diese Prognose verdeutlicht die Größenordnung der wohnungspolitischen Herausforderung.

Der Bedarf resultiert insbesondere aus:

  • Bevölkerungswachstum,
  • Haushaltsverkleinerung,
  • Ersatzbedarf für ältere Wohngebäude,
  • qualitativen Ansprüchen an modernen Wohnraum.

Die Untersuchung zeigt zugleich, dass die Herausforderung nicht allein in der Errichtung zusätzlicher Wohneinheiten besteht, sondern ebenso in der Schaffung bedarfsgerechter Wohnformen.


3.4 Familiengerechter Wohnraum

Familien benötigen andere Wohnformen als Singles oder ältere Menschen.

Zu den wesentlichen Anforderungen zählen:

  • mindestens vier Wohnräume,
  • ausreichende Wohnfläche,
  • wohnungsnahe Grünflächen,
  • Spielmöglichkeiten,
  • sichere Schulwege,
  • Kindertagesstätten im Wohnumfeld,
  • gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.

In der Praxis zeigt sich, dass insbesondere Wohnungen mit vier oder mehr Zimmern deutlich knapper verfügbar sind als kleinere Wohneinheiten.

Die Folge sind:

  • steigende Mietpreise,
  • längere Wohnungssuchzeiten,
  • Abwanderungsbewegungen ins Umland,
  • soziale Segregation.

Die Sicherung eines ausreichenden Angebots familiengeeigneter Wohnungen stellt daher eine wesentliche Voraussetzung für die langfristige Stabilisierung der Kasseler Bevölkerungsstruktur dar.


3.5 Räumliche Entwicklungspotenziale

Die Stadt Kassel verfügt nur über begrenzte Flächenreserven.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer differenzierten Entwicklungsstrategie.

Grundsätzlich lassen sich vier Potenzialtypen unterscheiden:

Konversionsflächen

Hierzu gehören ehemals militärisch, industriell oder gewerblich genutzte Areale.

Vorteile:

  • vorhandene Infrastruktur,
  • gute Erschließbarkeit,
  • geringe zusätzliche Flächenversiegelung.

Innenentwicklung

Die kommunale Planung verfolgt grundsätzlich den Vorrang der Innenentwicklung gegenüber der Außenentwicklung.

Möglichkeiten bestehen insbesondere durch:

  • Baulückenschließung,
  • Umnutzung untergenutzter Grundstücke,
  • Nachverdichtung geeigneter Standorte.

Quartierserneuerung

In älteren Wohngebieten können Modernisierung und Nachverdichtung zusätzliche Wohnangebote schaffen.

Dies betrifft insbesondere:

  • Nord-Holland,
  • Rothenditmold,
  • Wesertor,
  • Teile Bettenhausens.

Neubaugebiete

Neue Wohnquartiere können nur dort entstehen, wo planungsrechtliche, verkehrliche und ökologische Voraussetzungen erfüllt sind.

Dabei ist eine Abwägung zwischen Wohnraumbedarf und Freiraumschutz erforderlich.


3.6 Soziale Auswirkungen steigender Wohnkosten

Die Entwicklung der Wohnkosten besitzt erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität von Familien.

Steigende Mieten führen zu:

  • höherer Wohnkostenbelastung,
  • sinkender Kaufkraft,
  • Verdrängungsprozessen,
  • sozialräumlicher Segregation.

Besonders betroffen sind:

  • Alleinerziehende,
  • Familien mit mehreren Kindern,
  • Haushalte mit mittleren Einkommen,
  • junge Familien in der Gründungsphase.

Eine familienfreundliche Wohnungsmarktpolitik muss deshalb sowohl quantitative als auch qualitative Ziele verfolgen.

Ziel darf nicht ausschließlich die Schaffung zusätzlichen Wohnraums sein, sondern ebenfalls dessen langfristige Bezahlbarkeit.


3.7 Kommunale Wohnungsbaupolitik

Die Stadt Kassel verfügt bereits über verschiedene Instrumente zur Steuerung der Wohnungsentwicklung.

Dazu gehören:

  • Bauleitplanung,
  • städtebauliche Verträge,
  • soziale Wohnraumförderung,
  • kommunale Wohnungsunternehmen,
  • Konzeptvergaben.

Aus wissenschaftlicher Sicht empfiehlt sich insbesondere eine stärkere Verknüpfung von Wohnungsbau und Familienpolitik.

Mögliche Instrumente sind:

  1. Festlegung von Familienwohnungsquoten in größeren Neubaugebieten.
  2. Vorrangige Vergabe geeigneter Grundstücke an familienorientierte Projekte.
  3. Förderung genossenschaftlicher Wohnformen.
  4. Ausbau sozial geförderter Familienwohnungen.
  5. Stärkung generationenübergreifender Wohnprojekte.

3.8 Internationale Vergleichsmodelle

Internationale Erfahrungen zeigen, dass familienfreundliche Wohnungspolitik erhebliche positive Wirkungen entfalten kann.

Besonders häufig werden genannt:

  • Wien,
  • Freiburg im Breisgau,
  • Münster,
  • Kopenhagen.

Gemeinsame Erfolgsfaktoren sind:

  • langfristige Flächenpolitik,
  • kommunaler Wohnungsbestand,
  • integrierte Quartiersplanung,
  • hochwertige öffentliche Räume,
  • Kombination von Wohnen, Bildung und Nahversorgung.

Diese Ansätze können als Orientierung für zukünftige Strategien in Kassel dienen.


3.9 Strategische Zielsetzung bis 2045

Aus den vorangegangenen Analysen ergeben sich folgende strategische Ziele:

Ziel 1: Sicherung ausreichender Wohnbauflächen

Die Stadt soll kontinuierlich geeignete Entwicklungsflächen identifizieren und erschließen.

Ziel 2: Vorrang für familiengerechte Wohnformen

Bei größeren Wohnungsbauprojekten sollen Wohnungen mit mindestens vier Zimmern besonders berücksichtigt werden.

Ziel 3: Bezahlbarkeit sichern

Neuer Wohnraum soll einen angemessenen Anteil öffentlich geförderter Wohnungen enthalten.

Ziel 4: Quartiere ganzheitlich entwickeln

Wohnungsbau ist stets gemeinsam mit:

  • Kita-Ausbau,
  • Schulplanung,
  • Mobilität,
  • Grünflächenentwicklung,

zu betrachten.

Ziel 5: Innenentwicklung stärken

Vor der Ausweisung neuer Flächen sollen Möglichkeiten der Nachverdichtung geprüft werden.


3.10 Zwischenfazit

Die Analyse des Kasseler Wohnungsmarktes zeigt, dass die Stadt in den kommenden Jahrzehnten vor erheblichen Herausforderungen steht.

Die Wohnraumbedarfsanalyse prognostiziert einen Bedarf von rund 11.700 zusätzlichen Wohnungen bis zum Jahr 2030.¹ Diese Entwicklung betrifft Familien in besonderer Weise, da größere Wohnungen und familiengerechte Wohnformen überdurchschnittlich knapp sind.

Familienfreundliche Stadtentwicklung setzt daher eine Wohnungsbaupolitik voraus, die quantitative Bedarfsdeckung, soziale Ausgewogenheit und langfristige Bezahlbarkeit miteinander verbindet.

Das Thema Wohnen bildet somit die zentrale Grundlage aller weiteren Handlungsfelder der Petition.


Fußnoten

¹ Kassel/Institut Wohnen und Umwelt (IWU): Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel. Offizieller Endbericht der Stadt Kassel. Verfügbar unter: https://www.kassel.de/service/media/Dateien_und_Verzeichnisse/Wohnraumbedarfsanalyse.pdf

² Kassel: Wohnraumversorgungskonzept der Stadt Kassel (2022). Ratsinformationssystem der Stadt Kassel.

³ Kassel, Statistikstelle: Zahlen im Überblick. Verfügbar unter: https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik/ueberblick.php

⁴ Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR): Wohnungs- und Immobilienmärkte in Deutschland, verschiedene Jahrgänge.

⁵ Deutscher Städtetag: Familienfreundliche Stadtentwicklung als kommunale Zukunftsaufgabe, Berlin.

Stand des Gesamtwerks: Kapitel 1–3 entsprechen nun bereits etwa 15–20 Seiten im Dissertationslayout mit Fußnotenapparat. Als nächstes sollte Kapitel 4: Kindertagesbetreuung, Schulen und Bildungsgerechtigkeit in Kassel folgen, gestützt auf die offizielle Kita-Bedarfsplanung, Schulentwicklungsplanung und Bildungsberichte der Stadt Kassel.

Kapitel 4

Kindertagesbetreuung, Schulen und Bildungsgerechtigkeit in der Stadt Kassel

4.1 Bildung als Grundlage familienfreundlicher Stadtentwicklung

Die Qualität der Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur gehört zu den wichtigsten Faktoren für die Attraktivität einer Stadt als Wohnort für Familien. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass insbesondere die Verfügbarkeit wohnortnaher Kindertagesstätten, qualitativ hochwertiger Schulen und ganztägiger Bildungsangebote einen erheblichen Einfluss auf Familienentscheidungen besitzt.

Kommunen stehen dabei vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits müssen ausreichende Betreuungs- und Bildungsangebote bereitgestellt werden. Andererseits müssen diese Angebote räumlich und sozial so verteilt werden, dass unabhängig von Einkommen, Herkunft oder Wohnort möglichst gleichwertige Bildungschancen entstehen.

Für die Stadt Kassel besitzt dieser Aspekt besondere Bedeutung. Als Oberzentrum Nordhessens übernimmt die Stadt Bildungsfunktionen weit über das eigene Stadtgebiet hinaus und verfügt über eine vielschichtige soziale und kulturelle Bevölkerungsstruktur.


4.2 Rechtliche Grundlagen der Kinderbetreuung

Die Bereitstellung von Betreuungsangeboten basiert auf bundes- und landesrechtlichen Vorgaben.

Grundlagen sind insbesondere:

  • Artikel 6 Grundgesetz,
  • Achtes Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII),
  • Hessisches Kinder- und Jugendhilfegesetzbuch (HKJGB),
  • Hessisches Kinderförderungsgesetz.

Von besonderer Bedeutung ist der bundesgesetzlich verankerte Rechtsanspruch auf frühkindliche Förderung für Kinder ab Vollendung des ersten Lebensjahres.

Hieraus ergibt sich für die Kommunen die Verpflichtung, ausreichende Betreuungsangebote vorzuhalten und bedarfsgerecht auszubauen.

Die Ausstattung der Betreuungsinfrastruktur ist somit keine freiwillige Leistung, sondern ein wesentlicher Bestandteil kommunaler Daseinsvorsorge.


4.3 Entwicklung der Kindertagesbetreuung in Kassel

Die Stadt Kassel hat in den vergangenen Jahren erhebliche Investitionen in den Ausbau der Kinderbetreuung vorgenommen.

Nach dem Bericht zur Umsetzung der Kinderbetreuung wurden zwischen 2020 und 2024 insgesamt 61 neue Gruppen geschaffen. Gleichzeitig entstanden etwa 1.300 zusätzliche Betreuungsplätze. Zudem befinden sich rund 30 weitere Projekte mit zusätzlichen Kapazitäten in Planung oder Umsetzung.¹

Diese Entwicklung verdeutlicht das Engagement der Stadt zur Verbesserung der Betreuungssituation.

Dennoch zeigt die Bedarfsplanung weiterhin einen rechnerischen Mehrbedarf an Betreuungsplätzen. Die Ausbaudynamik muss daher auch in den kommenden Jahren fortgesetzt werden.

Die Herausforderungen konzentrieren sich insbesondere auf:

  • steigende Geburtenzahlen in einzelnen Planungsräumen,
  • Zuzug junger Familien,
  • Erfüllung gesetzlicher Betreuungsansprüche,
  • Fachkräftemangel im Erziehungsbereich.

4.4 Räumliche Ungleichgewichte der Betreuungsversorgung

Die Versorgungslage unterscheidet sich zwischen den einzelnen Stadtteilen teilweise erheblich.

Während einige Stadtteile über vergleichsweise gut ausgebaute Betreuungsstrukturen verfügen, entstehen in anderen Planungsräumen regelmäßig Engpässe.

Dies betrifft insbesondere Stadtteile mit:

  • hohem Bevölkerungswachstum,
  • erhöhtem Familienanteil,
  • größeren Neubauentwicklungen.

Bildungspolitisch problematisch sind längere Fahrt- und Wegezeiten, da sie insbesondere Familien mit mehreren Kindern belasten.

Aus Sicht der familienfreundlichen Stadtentwicklung sollte daher das Prinzip der wohnortnahen Versorgung verfolgt werden.

Langfristiges Ziel sollte sein, dass Kinderbetreuung möglichst innerhalb des jeweiligen Stadtteils beziehungsweise innerhalb kurzer Wege erreichbar ist.


4.5 Familienzentren als integrierte Infrastruktur

Moderne Familienpolitik beschränkt sich nicht auf die Bereitstellung von Betreuungsplätzen.

Zunehmend gewinnen sogenannte Familienzentren an Bedeutung.

Diese Einrichtungen verbinden:

  • Kinderbetreuung,
  • Elternberatung,
  • Gesundheitsförderung,
  • Sprachförderung,
  • Familienbildung,
  • soziale Integration.

Die Stadt Kassel verfolgt diesen Ansatz bereits in einzelnen Projekten. Im Rahmen des Ausbaus der Kindertageseinrichtung Mattenberg ist beispielsweise die Einrichtung eines Familienzentrums vorgesehen.¹

Aus wissenschaftlicher Sicht bieten Familienzentren mehrere Vorteile:

  1. niedrigschwellige Beratungsangebote,
  2. bessere Erreichbarkeit von Familien,
  3. frühzeitige Unterstützung bei Problemlagen,
  4. Förderung sozialer Netzwerke,
  5. Stärkung der Stadtteilidentität.

Sie können daher als zentrale Bausteine einer familienfreundlichen Stadtentwicklung betrachtet werden.


4.6 Schulentwicklung und Bildungsinfrastruktur

Schulen erfüllen weit mehr als reine Bildungsaufgaben.

Sie wirken zugleich als:

  • soziale Begegnungsorte,
  • Integrationszentren,
  • Bewegungsräume,
  • kulturelle Einrichtungen,
  • Standorte kommunaler Identität.

Die langfristige Entwicklung der Schullandschaft gehört deshalb zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben der Stadt.

Besonders bedeutsam sind:

  • ausreichende Schulkapazitäten,
  • moderne Gebäude,
  • digitale Ausstattung,
  • Ganztagsangebote,
  • Sport- und Freizeitflächen.

Familien entscheiden sich häufig für einen Wohnort aufgrund der wahrgenommenen Qualität der Bildungsangebote.

Bildungspolitik wird damit unmittelbar zu einem Standortfaktor.


4.7 Bildungsgerechtigkeit als kommunale Aufgabe

Soziale Ungleichheiten zeigen sich häufig bereits im frühen Kindesalter.

Unterschiedliche familiäre Voraussetzungen beeinflussen:

  • Sprachentwicklung,
  • Lernleistungen,
  • Gesundheitschancen,
  • spätere Bildungswege.

Kommunale Bildungsplanung kann diesen Entwicklungen entgegenwirken.

Von besonderer Bedeutung sind:

  • frühkindliche Förderung,
  • Sprachförderungsprogramme,
  • Ganztagsangebote,
  • Schulsozialarbeit,
  • quartiersbezogene Bildungsnetzwerke.

Internationale Untersuchungen belegen, dass Investitionen in frühe Bildungsphasen zu den volkswirtschaftlich wirksamsten Maßnahmen gehören.

Jeder Euro, der in frühkindliche Bildung investiert wird, kann langfristig erhebliche gesellschaftliche Folgekosten reduzieren.


4.8 Ganztagsschulen und Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Die gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte haben die Anforderungen an Schulen grundlegend verändert.

In vielen Familien sind beide Elternteile berufstätig.

Dadurch steigt der Bedarf an:

  • Ganztagsbetreuung,
  • Hausaufgabenbetreuung,
  • Freizeitangeboten,
  • Mittagsversorgung.

Ganztagsschulen übernehmen hierbei eine zentrale Funktion.

Sie verbessern:

  • Bildungschancen,
  • soziale Integration,
  • Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Eine familienfreundliche Stadtentwicklung sollte daher den sukzessiven Ausbau qualitativ hochwertiger Ganztagsangebote unterstützen.


4.9 Schulwege und Bildungssicherheit

Die Qualität von Bildungseinrichtungen hängt nicht allein von den Gebäuden selbst ab.

Ebenso wichtig ist die sichere Erreichbarkeit.

Eltern bewerten insbesondere:

  • Verkehrssicherheit,
  • Beleuchtung,
  • Radwege,
  • Querungsmöglichkeiten,
  • ÖPNV-Anbindung.

Unsichere Schulwege wirken sich negativ auf die Selbstständigkeit von Kindern aus und erhöhen gleichzeitig den motorisierten Bringverkehr.

Dadurch entstehen zusätzliche Verkehrsbelastungen im Schulumfeld.

Eine integrierte Bildungsplanung muss daher stets mit Verkehrsplanung verknüpft werden.


4.10 Digitalisierung von Bildungseinrichtungen

Die digitale Transformation verändert auch die Anforderungen an Schulen und Betreuungseinrichtungen.

Zu den wesentlichen Herausforderungen gehören:

  • digitale Infrastruktur,
  • leistungsfähige Internetanschlüsse,
  • digitale Endgeräte,
  • Medienkompetenz,
  • Fortbildung pädagogischer Fachkräfte.

Bildungseinrichtungen müssen zukünftig sowohl klassische Bildungsaufgaben als auch digitale Kompetenzen vermitteln.

Eine moderne Bildungsstrategie für Kassel sollte diese Entwicklungen frühzeitig berücksichtigen.


4.11 Strategische Bildungsziele für Kassel 2045

Aus den bisherigen Analysen ergeben sich folgende Handlungsziele:

Ziel 1

Bedarfsgerechter Ausbau der Kinderbetreuung in allen Planungsräumen.

Ziel 2

Kontinuierliche Modernisierung bestehender Schulen.

Ziel 3

Schrittweiser Ausbau ganztägiger Bildungsangebote.

Ziel 4

Stärkung von Familienzentren als integrierte Anlaufstellen.

Ziel 5

Verbesserung der Sprachförderung und Schulsozialarbeit.

Ziel 6

Sichere Schulwege für alle Kinder.

Ziel 7

Ausbau digitaler Bildungsinfrastruktur.

Ziel 8

Verknüpfung von Bildungs-, Sozial- und Stadtentwicklungspolitik.


4.12 Zwischenfazit

Die Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur bildet einen zentralen Baustein familienfreundlicher Stadtentwicklung.

Die Stadt Kassel hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte beim Ausbau der Kinderbetreuung erzielt. Gleichzeitig zeigen die Bedarfsplanungen, dass weiterhin zusätzliche Kapazitäten erforderlich sind.¹

Neben dem Ausbau von Betreuungsplätzen gewinnen zunehmend qualitative Aspekte an Bedeutung. Hierzu zählen insbesondere Bildungsgerechtigkeit, Ganztagsangebote, Familienzentren, Digitalisierung und sichere Schulwege.

Eine erfolgreiche Familienpolitik bis 2045 wird daher nur möglich sein, wenn Bildungs- und Betreuungsfragen dauerhaft als strategische Kernaufgabe kommunaler Stadtentwicklung verstanden werden.


Fußnoten

¹ Kassel, Jugendamt: Bericht zur Umsetzung der Kinderbetreuung in der Stadt Kassel 2024/2025, Ratsinformationssystem der Stadt Kassel. (Der Bericht nennt 61 zusätzliche Gruppen zwischen 2020 und 2024, rund 1.300 geschaffene Plätze sowie weitere Ausbauvorhaben.)

² Hessisches Ministerium für Soziales und Integration: Hessisches Kinder- und Jugendhilfegesetzbuch (HKJGB).

³ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Kinder- und Jugendhilferecht (SGB VIII).

⁴ Deutscher Städtetag: Ganztagsbildung und kommunale Bildungslandschaften, Berlin.

⁵ OECD: Education at a Glance, verschiedene Jahrgänge.

⁶ Kassel: Kommunale Bildungs- und Schulentwicklungsplanung, verschiedene öffentliche Berichte.

Kapitel 5

Mobilität, Verkehrssicherheit und familienfreundliche Erreichbarkeit in der Stadt Kassel

5.1 Einleitung

Mobilität gehört zu den grundlegenden Voraussetzungen gesellschaftlicher Teilhabe. Die Erreichbarkeit von Kindertagesstätten, Schulen, Arbeitsplätzen, Gesundheitsangeboten, Freizeitstätten und Nahversorgungseinrichtungen beeinflusst unmittelbar die Lebensqualität von Familien.

Im Rahmen familienfreundlicher Stadtentwicklung ist Mobilität nicht ausschließlich als Verkehrsfrage zu verstehen. Vielmehr berührt sie zentrale Aspekte sozialer Gerechtigkeit, Gesundheitsförderung, Bildungschancen, Klimaschutz und wirtschaftlicher Entwicklung.

Familien sind in besonderer Weise auf leistungsfähige Mobilitätssysteme angewiesen. Die täglichen Wege zwischen Wohnung, Betreuungseinrichtung, Schule, Arbeitsplatz und Freizeitangeboten erfordern sichere, bezahlbare und zeitlich effiziente Verkehrslösungen.

Für die Stadt Kassel stellt die Weiterentwicklung einer familienfreundlichen Mobilitätsinfrastruktur deshalb einen zentralen Baustein der Stadtentwicklung bis zum Jahr 2045 dar.


5.2 Mobilität als Bestandteil kommunaler Daseinsvorsorge

Kommunale Mobilitätsplanung verfolgt heute nicht mehr ausschließlich das Ziel eines möglichst leistungsfähigen Straßennetzes.

Moderne Verkehrspolitik orientiert sich an folgenden Leitprinzipien:

  • Sicherheit,
  • Erreichbarkeit,
  • Nachhaltigkeit,
  • Umweltverträglichkeit,
  • soziale Teilhabe,
  • Barrierefreiheit.

Insbesondere Familien profitieren von einer integrierten Verkehrsplanung, welche unterschiedliche Verkehrsmittel miteinander verknüpft.

Hierzu gehören:

  • Fußverkehr,
  • Radverkehr,
  • öffentlicher Personennahverkehr,
  • motorisierter Individualverkehr,
  • Sharing-Angebote.

Die Qualität des Verkehrssystems entscheidet wesentlich darüber, ob Familien ihren Alltag effizient und sicher organisieren können.


5.3 Verkehrspolitische Rahmenbedingungen in Kassel

Die Stadt Kassel verfolgt bereits verschiedene Strategien zur Modernisierung ihres Verkehrssystems.

Eine zentrale Grundlage bildet das Radverkehrskonzept 2030. Dieses verfolgt ausdrücklich das Ziel, den Radverkehrsanteil zu steigern, die Verkehrssicherheit zu erhöhen und konkrete Maßnahmen zur Förderung des Fahrrads als Verkehrsmittel umzusetzen. [kassel.de], [kassel.de]

Darüber hinaus verweist die Stadt auf mehrere übergeordnete Ziele:

  • bessere Erreichbarkeit,
  • Reduzierung von Lärm,
  • Verringerung von Staus,
  • Förderung nachhaltiger Mobilität,
  • Stärkung des Umweltverbundes. [kassel.de]

Aus familienpolitischer Sicht bilden diese Zielsetzungen eine wichtige Grundlage.


5.4 Der Fußverkehr als unterschätzte Verkehrsart

Die meisten Wege von Kindern beginnen und enden zu Fuß.

Fußverkehr erfüllt daher eine Schlüsselrolle für:

  • Schulwege,
  • Kita-Wege,
  • Freizeitaktivitäten,
  • Einkäufe,
  • soziale Kontakte.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass insbesondere kurze Wege die Selbstständigkeit von Kindern stärken und deren körperliche Entwicklung fördern.

Für eine familienfreundliche Stadt ergeben sich daraus folgende Anforderungen:

  • sichere Gehwege,
  • ausreichende Gehwegbreiten,
  • gute Beleuchtung,
  • barrierefreie Querungen,
  • sichere Kreuzungsbereiche.

Besonders wichtig sind sichere Verbindungen zwischen:

  • Wohngebieten,
  • Schulen,
  • Kitas,
  • Sportanlagen,
  • Spielplätzen.

5.5 Schulwegsicherheit

Die Verkehrssicherheit von Kindern stellt eine zentrale kommunale Aufgabe dar.

Eltern orientieren ihre Wohnortentscheidungen häufig an der Frage, ob ihre Kinder Bildungseinrichtungen sicher erreichen können.

Unsichere Schulwege führen häufig dazu, dass Kinder mit dem Auto gebracht werden.

Dies erzeugt zusätzliche Probleme:

  • höheres Verkehrsaufkommen,
  • Staus vor Schulen,
  • erhöhte Unfallgefahr,
  • geringere Selbstständigkeit von Kindern.

Eine familienfreundliche Mobilitätspolitik sollte deshalb folgende Maßnahmen priorisieren:

Infrastruktur

  • gesicherte Fußgängerüberwege,
  • Mittelinseln,
  • Verkehrsberuhigung,
  • Sichtfeldverbesserungen,
  • sichere Kreuzungen.

Verkehrsrechtliche Maßnahmen

  • Tempo-30-Regelungen,
  • Schulzonen,
  • Halteverbote im unmittelbaren Schulumfeld.

Präventionsmaßnahmen

  • Schulwegtraining,
  • Verkehrserziehung,
  • Mobilitätskampagnen.

5.6 Radverkehr als Familienverkehrsmittel

Das Fahrrad gewinnt zunehmend an Bedeutung.

Insbesondere durch:

  • Pedelecs,
  • Lastenräder,
  • Fahrradanhänger,

entstehen neue Möglichkeiten für Familien.

Das Radverkehrskonzept der Stadt Kassel sieht eine umfassende Förderung des Radverkehrs vor und benennt konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur. Die Stadt verweist dabei ausdrücklich auf mehr Lebensqualität, bessere Erreichbarkeit und die Reduzierung von Verkehrsbelastungen. [kassel.de], [kassel.de]

Für Familien ergeben sich daraus erhebliche Vorteile:

  • geringere Mobilitätskosten,
  • Gesundheitsförderung,
  • Zeitersparnis bei kurzen Wegen,
  • Reduzierung von CO₂-Emissionen.

Besondere Bedeutung besitzen sichere Radwege zu:

  • Schulen,
  • Hochschulen,
  • Freizeiteinrichtungen,
  • Stadtteilzentren.

5.7 Öffentlicher Personennahverkehr

Trotz des Ausbaus des Radverkehrs bleibt der öffentliche Personennahverkehr eine unverzichtbare Säule städtischer Mobilität.

Familien benötigen insbesondere:

  • zuverlässige Taktzeiten,
  • barrierefreie Haltestellen,
  • sichere Umsteigebeziehungen,
  • günstige Tarife,
  • gute Erreichbarkeit von Bildungsstandorten.

Eine familienfreundliche Stadtentwicklung sollte deshalb die Verknüpfung unterschiedlicher Verkehrsmittel fördern.

Hierzu gehören insbesondere:

  • Fahrradabstellanlagen,
  • Bike-and-Ride-Angebote,
  • sichere Zugänge zu Haltestellen.

5.8 Mobilität im demografischen Wandel

Der demografische Wandel führt zu neuen Anforderungen.

Sowohl Kinder als auch ältere Menschen gehören zu den besonders schutzbedürftigen Verkehrsteilnehmern.

Eine generationengerechte Verkehrsplanung muss deshalb folgende Kriterien erfüllen:

  • Barrierefreiheit,
  • Verkehrssicherheit,
  • kurze Wege,
  • gute Orientierung,
  • Aufenthaltsqualität.

Familienfreundliche Mobilität und altersgerechte Mobilität verfolgen dabei weitgehend dieselben Ziele.

Investitionen in sichere Infrastruktur entfalten daher mehrfachen gesellschaftlichen Nutzen.


5.9 Mobilität und Klimaschutz

Der Verkehrssektor spielt eine zentrale Rolle bei der Erreichung kommunaler Klimaschutzziele.

Das von der Stadt entwickelte Radverkehrskonzept ist ausdrücklich Bestandteil der Klimaschutzstrategie und verweist auf Potenziale zur Verringerung von CO₂-Emissionen. [kassel.de], [kassel.de]

Familienfreundliche Mobilität und Klimaschutz stehen dabei nicht im Gegensatz.

Vielmehr entstehen gemeinsame Vorteile durch:

  • kurze Wege,
  • wohnortnahe Versorgung,
  • sichere Radwege,
  • leistungsfähigen ÖPNV,
  • attraktive Fußwege.

Die Verknüpfung dieser Politikfelder gehört zu den wesentlichen Aufgaben kommunaler Zukunftsplanung.


5.10 Stadtteilspezifische Mobilitätsbedarfe

Die Mobilitätsanforderungen unterscheiden sich innerhalb Kassels erheblich.

Harleshausen und Jungfernkopf

  • Verbesserung von Radverbindungen zur Innenstadt
  • sichere Schulwege
  • Optimierung von ÖPNV-Verbindungen

Nord-Holland und Wesertor

  • Verkehrsberuhigung im Wohnumfeld
  • sichere Querungsmöglichkeiten
  • Ausbau von Fußwegen

Waldau und Bettenhausen

  • bessere Anbindung neuer Wohngebiete
  • Verknüpfung mit Radrouten
  • familiengerechte Verkehrsplanung in Entwicklungsflächen

Bad Wilhelmshöhe

  • sichere Radverkehrsachsen
  • barrierefreie Erreichbarkeit von Bildungs- und Freizeiteinrichtungen

Diese Differenzierung verdeutlicht die Notwendigkeit stadtteilspezifischer Lösungen.


5.11 Strategische Ziele für Kassel 2045

Aus wissenschaftlicher Sicht ergeben sich folgende Leitziele:

Ziel 1

Sichere Schulwege für alle Kinder.

Ziel 2

Lückenloses Radwegenetz zwischen den Stadtteilen.

Ziel 3

Barrierefreie Erreichbarkeit öffentlicher Einrichtungen.

Ziel 4

Verkehrsberuhigung sensibler Wohnquartiere.

Ziel 5

Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs.

Ziel 6

Förderung klimafreundlicher Mobilität.

Ziel 7

Verbesserung der Aufenthaltsqualität öffentlicher Räume.

Ziel 8

Integrierte Mobilitätsplanung für alle Generationen.


5.12 Zwischenfazit

Mobilität ist eine wesentliche Voraussetzung familienfreundlicher Stadtentwicklung.

Die Stadt Kassel verfügt bereits über wichtige strategische Grundlagen, insbesondere durch das beschlossene Radverkehrskonzept 2030, das eine Gesamtstrategie zur Förderung des Radverkehrs und konkrete Umsetzungsmaßnahmen vorsieht. [kassel.de], [mobilitaetsplaene.de]

Für die weitere Entwicklung bis 2045 kommt es darauf an, Mobilität konsequent aus der Perspektive von Familien, Kindern, Jugendlichen, älteren Menschen und Menschen mit Einschränkungen zu planen.

Eine sichere, bezahlbare und klimafreundliche Mobilität verbessert nicht nur die Lebensqualität der Bevölkerung, sondern stärkt zugleich die wirtschaftliche und ökologische Zukunftsfähigkeit der Stadt.


Fußnoten

¹ Kassel: Radverkehrskonzept der Stadt Kassel 2030. Die Stadt beschreibt das Konzept als Gesamtstrategie zur Förderung des Radverkehrs und zur Erhöhung des Radverkehrsanteils. [kassel.de], [kassel.de]

² Kassel: Radverkehrskonzept Stadt Kassel 2030 – Ziele und Umsetzungsstrategie, Beschlussgrundlage der Stadtverordnetenversammlung. [mobilitaetsplaene.de], [kassel.de]

³ Bundesministerium für Digitales und Verkehr: Leitlinien zur kommunalen Verkehrs- und Mobilitätsplanung.

⁴ Deutscher Städtetag: Nachhaltige Mobilität in Kommunen.

⁵ Umweltbundesamt: Verkehr und Klimaschutz, verschiedene Veröffentlichungen.


Kapitel 6

Gesundheitsversorgung, Kindergesundheit und soziale Infrastruktur in der Stadt Kassel

6.1 Einleitung

Gesundheit stellt eine zentrale Voraussetzung für individuelle Lebensqualität, gesellschaftliche Teilhabe und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit dar. Für Familien besitzt sie eine besondere Bedeutung, da gesundheitliche Risiken von Kindern häufig langfristige Auswirkungen auf Bildungswege, soziale Integration und berufliche Entwicklung haben.

Moderne familienfreundliche Stadtentwicklung umfasst daher nicht nur Wohnungsbau, Betreuung und Bildung, sondern gleichermaßen die gesundheitlichen Rahmenbedingungen einer Kommune.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) versteht Gesundheit nicht ausschließlich als Abwesenheit von Krankheit, sondern als Zustand körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens. Aus kommunalpolitischer Sicht folgt daraus die Verpflichtung, gesundheitsförderliche Lebensbedingungen aktiv zu gestalten.

Für die Stadt Kassel gewinnt dieser Ansatz zunehmend an Bedeutung, da gesundheitliche Chancen innerhalb des Stadtgebietes nicht gleich verteilt sind. Der kommunalen Gesundheitsberichterstattung zufolge bestehen deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Quartieren und Bevölkerungsgruppen. [kassel.de], [www1.kassel.de]


6.2 Gesundheit als Bestandteil kommunaler Daseinsvorsorge

Gesundheitsförderung gehört heute zu den wichtigsten kommunalen Querschnittsaufgaben.

Die Aufgaben umfassen insbesondere:

  • Gesundheitsprävention,
  • Gesundheitsberichterstattung,
  • Kindergesundheit,
  • Suchtprävention,
  • Bewegungsförderung,
  • Quartiersentwicklung,
  • Gesundheitsbildung.

Das Gesundheitsamt Region Kassel beschreibt die kommunale Gesundheitsberichterstattung ausdrücklich als Instrument zur Beobachtung und Bewertung der lokalen Bedingungen, die Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung haben. Die Ergebnisse dienen als Grundlage für Gesundheitsplanung, Prävention und politische Entscheidungen. [kassel.de]

Damit bildet Gesundheitspolitik nicht lediglich einen Einzelbereich kommunalen Handelns, sondern einen integralen Bestandteil der Stadtentwicklung.


6.3 Gesundheitslage von Kindern und Jugendlichen

Die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen liefert wichtige Hinweise auf zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen.

Das Gesundheitsamt Region Kassel führt jährlich Einschulungsuntersuchungen durch und untersucht dabei bis zu 4.500 Kinder an 82 Grundschulen der Region. Erfasst werden unter anderem:

  • Sprachkompetenz,
  • Sehvermögen,
  • Hörvermögen,
  • Feinmotorik,
  • Grobmotorik,
  • Impfstatus,
  • Übergewicht und Adipositas,
  • Zahngesundheit. [kassel.de]

Die Daten ermöglichen eine kleinräumige Analyse gesundheitlicher Entwicklungen und dienen als wesentliche Grundlage kommunaler Präventionspolitik.


6.4 Ergebnisse des Kindergesundheitsberichts

Der aktuelle Kindergesundheitsbericht Region Kassel 2025 wertet die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen und zahnärztlichen Reihenuntersuchungen der Schuljahre 2018/19 bis 2023/24 aus. [www1.kassel.de], [landkreiskassel.de]

Der Bericht kommt zu mehreren zentralen Erkenntnissen:

Sprachförderung bleibt notwendig

Die Autorinnen und Autoren sehen weiterhin einen Bedarf an gezielter Sprachförderung bereits vor dem Schuleintritt. [landkreiskassel.de], [presse-service.de]

Bewegungsförderung gewinnt an Bedeutung

Der Bericht weist darauf hin, dass weiterhin gezielte Bewegungsförderung erforderlich ist, um gesundheitliche Risiken frühzeitig zu reduzieren. [landkreiskassel.de], [presse-service.de]

Übergewicht bleibt ein relevantes Gesundheitsproblem

Trotz positiver Entwicklungen in einzelnen Bereichen zeigen die Untersuchungen, dass Übergewicht und Adipositas bei Vorschulkindern weiterhin gesundheitspolitische Relevanz besitzen. Gleichzeitig bestehen erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Stadtteilen und Bevölkerungsgruppen. [landkreiskassel.de], [presse-service.de]

Frühprävention zeigt Wirkung

Der Bericht verweist zugleich auf bestehende erfolgreiche Präventionsangebote und betont die Bedeutung früher Förderung für einen erfolgreichen Schulstart. [www1.kassel.de], [landkreiskassel.de]


6.5 Gesundheitsförderung im Quartier

Aktuelle Konzepte der Gesundheitswissenschaft gehen davon aus, dass Gesundheit wesentlich durch die Lebensbedingungen vor Ort beeinflusst wird.

Die Stadt Kassel verfolgt diesen Ansatz unter anderem durch quartiersbezogene Gesundheitsförderung.

Besondere Bedeutung besitzt das Programm InKaOst – Gesunde Quartiere, das gesundheitsförderliche Lebensbedingungen in den östlichen Kasseler Stadtteilen stärken soll. [kassel.de], [www1.kassel.de]

Darüber hinaus unterstützt das Programm KaFöG – Mikroprojekte Gesundheit kleine Gesundheitsprojekte in:

  • Kitas,
  • Schulen,
  • Familienzentren,
  • Jugendclubs,
  • Vereinen,
  • Nachbarschaftsinitiativen. [kassel.de]

Diese Ansätze verdeutlichen die zunehmende Verlagerung von Gesundheitsförderung in die unmittelbaren Lebenswelten der Bevölkerung.


6.6 Präventionsketten und frühe Hilfen

Eine moderne Familienpolitik beginnt bereits vor der Geburt eines Kindes.

Die Stadt Kassel verfolgt hierzu den Ansatz kommunaler Präventionsketten.

Besonders hervorzuheben ist das Angebot Willkommen von Anfang an – Gesunde Kinder in Kassel. Ziel des Programms ist die Förderung eines gesunden Aufwachsens von Kindern, die Unterstützung von Familien sowie die Stärkung elterlicher Kompetenzen. [www1.kassel.de]

Aus wissenschaftlicher Sicht gelten frühe Hilfen als besonders wirksam, da gesundheitliche und soziale Problemlagen häufig bereits in den ersten Lebensjahren beeinflusst werden können.


6.7 Familiennetzwerke und soziale Infrastruktur

Gesundheit wird maßgeblich durch soziale Beziehungen beeinflusst.

Die Stadt Kassel unterstützt seit 2009 Familiennetzwerke in mehreren Stadtteilen, darunter:

  • Rothenditmold,
  • Oberzwehren,
  • Forstfeld,
  • Unterneustadt,
  • Wesertor,
  • Süsterfeld/Helleböhn. [www1.kassel.de]

Diese Netzwerke fördern:

  • Nachbarschaftshilfe,
  • Elternberatung,
  • Informationsvermittlung,
  • soziale Teilhabe,
  • Integration.

Sie stellen damit einen wichtigen Bestandteil präventiver Sozialpolitik dar.


6.8 Familienzentren als Gesundheitsstandorte

Familienzentren übernehmen heute weit mehr Aufgaben als klassische Begegnungsstätten.

Das Regierungspräsidium Kassel beschreibt Familienzentren als wohnortnahe Knotenpunkte für:

Aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht besitzen Familienzentren mehrere Vorteile:

  1. Niederschwelliger Zugang zu Beratungsangeboten.
  2. Frühzeitige Erkennung von Unterstützungsbedarfen.
  3. Stärkung sozialer Netzwerke.
  4. Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit.
  5. Unterstützung von Integration und Teilhabe.

Die flächendeckende Entwicklung solcher Einrichtungen stellt daher einen wichtigen Baustein familienfreundlicher Stadtentwicklung dar.


6.9 Bewegung, Sport und Gesundheit

Regelmäßige Bewegung besitzt erhebliche gesundheitliche Bedeutung.

Die Kasseler Sportentwicklungsplanung hebt hervor, dass Sportstätten, Bewegungsräume und quartiersbezogene Angebote wichtige Grundlagen kommunaler Gesundheitsförderung darstellen. [landesspor...-hessen.de]

Besonders Kinder profitieren von:

  • wohnortnahen Sportanlagen,
  • Bewegungsflächen,
  • Spielplätzen,
  • Vereinsangeboten,
  • Schulsport.

Für die Stadtentwicklung ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Gesundheitsförderung nicht auf medizinische Versorgung zu beschränken, sondern auch öffentliche Bewegungsräume systematisch weiterzuentwickeln.


6.10 Gesundheitliche Chancengleichheit

Ein zentrales Ziel familienfreundlicher Politik besteht in der Verringerung gesundheitlicher Ungleichheiten.

Der Kindergesundheitsbericht weist ausdrücklich darauf hin, dass Chancen auf gesundes Aufwachsen innerhalb Kassels unterschiedlich verteilt sind und von sozialen sowie räumlichen Faktoren beeinflusst werden. [www1.kassel.de]

Kommunale Maßnahmen sollten daher insbesondere folgende Ziele verfolgen:

  • Verbesserung der Gesundheitschancen benachteiligter Kinder,
  • Stärkung früher Prävention,
  • Ausbau quartiersbezogener Gesundheitsangebote,
  • Unterstützung von Familien mit besonderem Förderbedarf,
  • bessere Verzahnung von Gesundheits-, Bildungs- und Sozialpolitik.

6.11 Strategische Gesundheitsziele für Kassel 2045

Aus den vorangegangenen Analysen ergeben sich folgende langfristige Zielsetzungen:

Ziel 1

Ausbau präventiver Gesundheitsangebote für Familien.

Ziel 2

Stärkung gesundheitsförderlicher Quartiere.

Ziel 3

Verbesserung von Sprach-, Bewegungs- und Ernährungsförderung.

Ziel 4

Systematische Bekämpfung gesundheitlicher Ungleichheiten.

Ziel 5

Weiterentwicklung kommunaler Präventionsketten.

Ziel 6

Ausbau wohnortnaher Familienzentren.

Ziel 7

Verbesserung von Bewegungs- und Sportangeboten.

Ziel 8

Stärkere Verknüpfung von Bildungs-, Gesundheits- und Sozialpolitik.


6.12 Zwischenfazit

Gesundheit ist eine wesentliche Voraussetzung für Familienfreundlichkeit und gesellschaftliche Teilhabe.

Die Gesundheitsberichterstattung der Region Kassel zeigt, dass die Stadt bereits über zahlreiche Maßnahmen zur Gesundheitsförderung verfügt. Gleichzeitig bestehen weiterhin Herausforderungen in den Bereichen Sprachförderung, Bewegungsförderung, Prävention und gesundheitliche Chancengleichheit. [kassel.de], [www1.kassel.de], [landkreiskassel.de]

Die langfristige Entwicklung Kassels zu einer der familienfreundlichsten Städte Deutschlands wird deshalb maßgeblich davon abhängen, inwieweit Gesundheitsförderung als integrierter Bestandteil der Stadtentwicklung verstanden und umgesetzt wird.

Fußnoten

¹ Gesundheitsberichterstattung der Region Kassel, Gesundheitsamt Region Kassel. Kommunale Gesundheitsberichterstattung und Einschulungsuntersuchungen. [kassel.de]

² Kindergesundheitsbericht Region Kassel 2025, Gesundheitsamt Region Kassel. Auswertung der Schuljahre 2018/19 bis 2023/24. [www1.kassel.de]

³ Kindergesundheitsbericht Region Kassel – Jetzt mit Dashboard, Landkreis Kassel, Pressemitteilung vom 26.06.2025. [landkreiskassel.de], [presse-service.de]

⁴ Prävention und Gesundheitsförderung, Stadt Kassel. Informationen zu InKaOst, KaFöG und kommunaler Gesundheitsförderung. [kassel.de]

⁵ Gesundheit für Kinder und Jugendliche, Stadt Kassel. Informationen zu Frühen Hilfen und dem Programm „Willkommen von Anfang an“. [www1.kassel.de]

⁶ Familienzentren in Hessen, Regierungspräsidium Kassel. Definition, Aufgaben und Fördergrundsätze von Familienzentren. [rp-kassel.hessen.de]

⁷ Sportentwicklungsplanung Kassel, Institut für Kooperative Planung und Sportentwicklung / Stadt Kassel

Kapitel 7

Soziale Gerechtigkeit, Armutsprävention und Teilhabe von Familien in der Stadt Kassel

7.1 Einleitung

Familienfreundliche Stadtentwicklung kann nur erfolgreich sein, wenn sie soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und gesellschaftliche Teilhabe in den Mittelpunkt stellt. Wohnraum, Bildung, Gesundheit und Mobilität entfalten ihre volle Wirkung nur dann, wenn alle Familien unabhängig von Einkommen, Herkunft, Bildungsstand oder sozialer Lage Zugang zu diesen Ressourcen erhalten.

Armut wirkt sich nicht ausschließlich auf die materielle Lebenssituation aus. Sie beeinflusst zugleich Bildungs- und Gesundheitschancen, gesellschaftliche Teilhabe, Wohnbedingungen sowie die Zukunftsperspektiven von Kindern und Jugendlichen. Die Bekämpfung von Familien- und Kinderarmut stellt daher eine der wichtigsten kommunalen Zukunftsaufgaben dar.

Für die Stadt Kassel besitzt diese Fragestellung besondere Relevanz, da verschiedene Sozialindikatoren auf überdurchschnittliche soziale Belastungen hinweisen. [wegweiser-kommune.de], [praeventio...-hessen.de]


7.2 Armut als kommunalpolitische Herausforderung

Die moderne Armutsforschung betrachtet Armut nicht ausschließlich als Einkommensproblem.

Nach aktuellen sozialwissenschaftlichen Ansätzen umfasst Armut insbesondere Einschränkungen in den Bereichen:

  • Bildung,
  • Wohnen,
  • Gesundheit,
  • gesellschaftliche Teilhabe,
  • Mobilität,
  • kulturelle Beteiligung,
  • politische Mitwirkung.

Auch die hessische Sozialberichterstattung betont ausdrücklich, dass Armut nicht allein durch Einkommen beschrieben werden kann, sondern ebenso Benachteiligungen in Bildung, Gesundheit und gesellschaftlicher Teilhabe berücksichtigt werden müssen. [soziales.hessen.de], [soziales.hessen.de]

Für die kommunale Familienpolitik bedeutet dies, dass Armutsbekämpfung stets als Querschnittsaufgabe verstanden werden muss.


7.3 Soziale Lage in Kassel

Der Sozialbericht Kassel der Bertelsmann Stiftung weist für die Stadt Kassel verschiedene soziale Herausforderungen aus.

Für das Jahr 2023 werden unter anderem folgende Indikatoren berichtet:

  • Kinderarmut: 26,6 %
  • Jugendarmut: 23,3 %
  • Altersarmut: 9,2 %
  • SGB-II-Quote: 14,8 %
  • Arbeitslosenquote bezogen auf sozialversicherungspflichtig Beschäftigte: 10,4 % [wegweiser-kommune.de]

Diese Werte verdeutlichen, dass erhebliche Teile der Bevölkerung von finanziellen Einschränkungen betroffen sind.

Besonders bedeutsam ist dabei die Situation von Kindern und Jugendlichen, da Benachteiligungen im frühen Lebensalter häufig langfristige Auswirkungen auf Bildungswege und Erwerbschancen besitzen.


7.4 Kinderarmut in Kassel

Kinderarmut stellt eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen dar.

Nach Angaben des hessischen Präventionsnetzwerks lag der Anteil der nicht erwerbsfähigen SGB-II-Leistungsberechtigten unter 15 Jahren im Jahr 2022 in der Stadt Kassel bei 24,7 je 100 Einwohner unter 15 Jahren. Damit wies Kassel den höchsten Wert unter den hessischen Gebietskörperschaften aus, die in der Auswertung dargestellt wurden. [praeventio...-hessen.de]

Kinderarmut wirkt sich auf zahlreiche Lebensbereiche aus:

  • Bildungserfolg,
  • Gesundheitszustand,
  • Vereinsbeteiligung,
  • Freizeitmöglichkeiten,
  • soziale Netzwerke,
  • gesellschaftliche Integration.

Aus kommunalpolitischer Sicht ergibt sich daraus die Notwendigkeit frühzeitiger und präventiver Unterstützungsangebote.


7.5 Familienfreundlichkeit und soziale Teilhabe

Soziale Teilhabe umfasst die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben mitzuwirken und öffentliche Angebote nutzen zu können.

Für Familien gehören hierzu insbesondere:

  • Bildungsangebote,
  • Sportvereine,
  • Kulturangebote,
  • Ferienprogramme,
  • Nachbarschaftsnetzwerke,
  • Familienberatung,
  • Stadtteilzentren.

Fehlende finanzielle Ressourcen können den Zugang zu diesen Angeboten erheblich erschweren.

Familienfreundliche Stadtentwicklung muss deshalb Rahmenbedingungen schaffen, die gesellschaftliche Teilhabe unabhängig vom Einkommen ermöglichen.


7.6 Bildungs- und Teilhabechancen

Ein bedeutendes Instrument zur Verringerung sozialer Benachteiligungen stellt das Bildungs- und Teilhabepaket dar.

Im Jahresbericht 2024 des Sozialamtes der Stadt Kassel wird die Unterstützung von Bildung und Teilhabe ausdrücklich als Bestandteil kommunaler Sozialpolitik dargestellt. Gleichzeitig verweist das Sozialamt auf den Anspruch, soziale Benachteiligungen abzubauen und Teilhabe zu fördern. [ratsinfo.kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]

Ziel zukünftiger Stadtentwicklung sollte sein, Informationsbarrieren abzubauen und den Zugang zu Unterstützungsleistungen weiter zu vereinfachen.


7.7 Familiennetzwerke als Instrument sozialer Integration

Ein besonders erfolgreicher Ansatz der Stadt Kassel sind die Familiennetzwerke.

Die Stadt unterstützt Familiennetzwerke unter Federführung des Jugendamtes in den Stadtteilen:

Nach Angaben der Stadt vernetzen diese Strukturen Einrichtungen und Akteure vor Ort, darunter:

  • Kindertagesstätten,
  • Schulen,
  • Vereine,
  • Beratungsstellen,
  • soziale Dienste,
  • Kirchen,
  • Jugendhilfeeinrichtungen. [kassel.de]

Die inhaltlichen Schwerpunkte umfassen:

  • Gesundheitsförderung,
  • Sprachförderung,
  • Familienbildung,
  • Erziehungsberatung,
  • soziale Unterstützung,
  • Integration. [kassel.de]

Diese Netzwerke können als Vorbild für weitere Stadtteile dienen.


7.8 Der Sozialraumansatz

Moderne Sozialpolitik orientiert sich zunehmend am sogenannten Sozialraumansatz.

Dabei werden soziale Probleme nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit den Lebensbedingungen eines Quartiers analysiert.

Relevante Faktoren sind insbesondere:

  • Wohnsituation,
  • Bildungsangebote,
  • Gesundheitsversorgung,
  • Verkehrserschließung,
  • Nachbarschaftsstrukturen,
  • Freizeitmöglichkeiten.

Der Ansatz ermöglicht zielgerichtete Maßnahmen in besonders belasteten Stadtteilen.

Gerade in größeren Städten wird der Sozialraumansatz zunehmend als Instrument sozial gerechter Stadtentwicklung eingesetzt.


7.9 Arbeit, Qualifikation und soziale Aufstiegschancen

Langfristige Armutsprävention setzt erfolgreiche Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik voraus.

Der Jahresbericht des Sozialamtes hebt verschiedene Programme hervor, die den Zugang zum Arbeitsmarkt verbessern und Beschäftigung fördern sollen. Dazu gehören Aktivitäten der Kommunalen Arbeitsförderung sowie Maßnahmen zur Qualifizierung und Integration arbeitsloser Menschen. [ratsinfo.kassel.de]

Für Familien sind stabile Erwerbsbiografien von zentraler Bedeutung, da sie die wichtigste Grundlage wirtschaftlicher Unabhängigkeit darstellen.


7.10 Wohnraum und soziale Stabilität

Wohnen besitzt eine Schlüsselfunktion für soziale Teilhabe.

Der Jahresbericht 2024 des Sozialamtes verweist auf Aktivitäten im Bereich bezahlbares Wohnen und Unterstützungsangebote für Mieterinnen und Mieter. Zudem beschreibt das Sozialamt Maßnahmen zur Unterstützung wohnungsloser Menschen und zum Erfrierungsschutz im Winter. [ratsinfo.kassel.de]

Familienfreundliche Politik muss deshalb Wohnungs-, Sozial- und Familienpolitik zusammenführen.

Besondere Bedeutung besitzen:

  • bezahlbare Familienwohnungen,
  • stabile Nachbarschaften,
  • soziale Durchmischung,
  • Vermeidung von Wohnungslosigkeit.

7.11 Teilhabe als demokratische Zukunftsaufgabe

Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht dort, wo Menschen aktiv an ihrem Gemeinwesen teilnehmen können.

Der Sozialatlas des Landkreises Kassel betont ausdrücklich, dass soziale Entwicklung nicht allein von materiellen Ressourcen abhängt, sondern ebenso von Teilhabe, Chancengleichheit, Sicherheit und sozialem Zusammenhalt. [landkreiskassel.de], [vellmar.de]

Aus familienpolitischer Sicht umfasst Teilhabe insbesondere:

  • Mitwirkung am Schulleben,
  • Engagement in Vereinen,
  • Beteiligung an Stadtteilprojekten,
  • kulturelle Aktivitäten,
  • politische Beteiligung.

Eine familienfreundliche Stadt fördert diese Prozesse aktiv.


7.12 Strategische Ziele für Kassel 2045

Auf Grundlage der vorliegenden Analysen ergeben sich folgende Zielsetzungen:

Ziel 1

Systematische Verringerung von Kinderarmut.

Ziel 2

Stärkung der Bildungs- und Teilhabeangebote.

Ziel 3

Ausbau der Familiennetzwerke auf weitere Stadtteile.

Ziel 4

Verbesserung sozialräumlicher Chancengleichheit.

Ziel 5

Förderung von Qualifizierung und Beschäftigung.

Ziel 6

Sicherung bezahlbaren Wohnraums.

Ziel 7

Stärkung gesellschaftlicher Beteiligung.

Ziel 8

Verknüpfung von Sozial-, Bildungs-, Gesundheits- und Familienpolitik.


7.13 Zwischenfazit

Die Analyse zeigt, dass soziale Gerechtigkeit eine unverzichtbare Grundlage familienfreundlicher Stadtentwicklung darstellt.

Mehrere Sozialindikatoren weisen darauf hin, dass Kinderarmut, soziale Benachteiligung und eingeschränkte Teilhabe auch in Kassel zentrale Herausforderungen bleiben. [wegweiser-kommune.de], [praeventio...-hessen.de]

Gleichzeitig verfügt die Stadt bereits über erfolgreiche Instrumente wie Familiennetzwerke, Präventionsangebote und Programme zur sozialen Integration. [kassel.de], [kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]

Die Zukunftsaufgabe besteht darin, diese Ansätze systematisch auszubauen und stärker miteinander zu verknüpfen. Nur wenn alle Familien unabhängig von ihrer sozialen Lage Zugang zu Bildung, Wohnen, Gesundheit und gesellschaftlicher Teilhabe erhalten, kann das Leitbild eines familienfreundlichen Kassels 2045 verwirklicht werden.

Fußnoten

¹ Sozialbericht Kassel, Wegweiser Kommune, Bertelsmann Stiftung. Angaben zu Kinderarmut (26,6 %), Jugendarmut (23,3 %), Altersarmut (9,2 %) und SGB-II-Quote (14,8 %). [wegweiser-kommune.de]

² Präventionsketten Hessen – Kinderarmut. Angaben zum Anteil von Kindern unter 15 Jahren im SGB-II-Bezug in der Stadt Kassel. [praeventio...-hessen.de]

³ Jahresbericht 2024 Sozialamt Stadt Kassel. Informationen zu Teilhabe, Arbeitsmarktintegration, Wohnen und Armutsbekämpfung. [ratsinfo.kassel.de]

⁴ Familiennetzwerk Kassel, Stadt Kassel. Übersicht über bestehende Familiennetzwerke und deren Arbeitsschwerpunkte. [kassel.de], [kassel.de]

⁵ Landessozialberichte Hessen. Grundlagen zur mehrdimensionalen Betrachtung von Armut und sozialer Teilhabe. [soziales.hessen.de], [soziales.hessen.de]

⁶ Sozialatlas 2024 des Landkreises Kassel. Grundlagen zu sozialem Zusammenhalt, Teilhabe und kommunaler Sozialplanung


Kapitel 8 (wissenschaftlich vertiefte Fassung)

Räumliche Familienpolitik und sozialräumliche Entwicklungsstrategien für die Kasseler Stadtteile

8.1 Theoretische Grundlagen der sozialräumlichen Stadtentwicklung

Moderne Stadtentwicklungspolitik geht davon aus, dass soziale Ungleichheiten nicht zufällig über den Stadtraum verteilt sind. Vielmehr entstehen innerhalb von Städten unterschiedliche Sozialräume, die sich hinsichtlich Einkommen, Bildungsniveau, Altersstruktur, Gesundheitslage, Wohnqualität und Teilhabechancen deutlich unterscheiden.

Der sogenannte Sozialraumansatz betrachtet Stadtteile daher nicht lediglich als Verwaltungseinheiten, sondern als eigenständige Lebenswelten. Kommunale Maßnahmen erzielen ihre größte Wirkung dort, wo sie an den tatsächlichen Bedingungen eines Quartiers ansetzen. Dieses Prinzip wird auch durch die aktuelle kommunale Statistik der Stadt Kassel unterstützt, die kleinräumige Auswertungen für sämtliche Stadtteile bereitstellt. Statistik-Atlas Kassel visualisiert Daten zu Bevölkerung, Haushalten, Wohnen, Arbeit, Sozialstruktur und Verkehr auf Stadtteilebene. [kassel.de], [statistika....kassel.de]

Aus wissenschaftlicher Perspektive sind insbesondere folgende Faktoren entscheidend:

  • Bevölkerungsdichte,
  • Altersstruktur,
  • Familienanteil,
  • Wohnraumsituation,
  • Arbeitslosigkeit,
  • SGB-II-Bezug,
  • Erreichbarkeit sozialer Infrastruktur,
  • Grün- und Freiraumversorgung.

Eine familienfreundliche Stadtentwicklung muss diese Faktoren integriert betrachten.


8.2 Räumliche Polarisierung innerhalb Kassels

Die statistischen Daten zeigen erhebliche Unterschiede zwischen den Stadtteilen.

Die größten Stadtteile Kassels im Jahr 2025 sind:

StadtteilEinwohner
Nord-Holland16.994
Vorderer Westen16.188
Wehlheiden14.371
Harleshausen13.922
Oberzwehren12.975
Bad Wilhelmshöhe11.967
Niederzwehren11.568

[statistika....kassel.de]

Diese Zahlen verdeutlichen bereits unterschiedliche Planungserfordernisse.

Ein Stadtteil mit fast 17.000 Einwohnern benötigt andere infrastrukturelle Lösungen als Nordshausen mit rund 2.061 Einwohnern. [statistika....kassel.de]

Hieraus folgt:

Familienpolitik muss künftig stärker quartiersbezogen organisiert werden.

Einheitliche Maßnahmen für die Gesamtstadt reichen langfristig nicht aus.


8.3 Typologie der Kasseler Stadtteile

Auf Basis der kommunalen Statistik lassen sich die Stadtteile in fünf Entwicklungstypen einordnen.

Typ A: Urban verdichtete Transformationsräume

Beispiele:

  • Nord-Holland
  • Wesertor
  • Rothenditmold
  • Teile Bettenhausens

Merkmale:

  • hohe Bevölkerungsdichte,
  • hoher Anteil junger Menschen,
  • überdurchschnittliche soziale Herausforderungen,
  • hoher Infrastrukturbedarf.

Politische Prioritäten:

  • Familienzentren,
  • Sprachförderung,
  • Schulsozialarbeit,
  • Quartiersgesundheit,
  • Wohnungsmodernisierung.

Typ B: Stabile Familienquartiere

Beispiele:

  • Harleshausen
  • Niederzwehren
  • Kirchditmold
  • Jungfernkopf

Merkmale:

  • hoher Familienanteil,
  • lange Wohndauer,
  • stabile Sozialstruktur.

Prioritäten:

  • Kita-Ausbau,
  • Schulwegsicherheit,
  • altersgerechte Quartiersentwicklung,
  • Nahversorgung.

Typ C: Wachstums- und Entwicklungsräume

Beispiele:

  • Waldau
  • Bettenhausen
  • Oberzwehren

Merkmale:

  • Neubaupotenziale,
  • Konversionsflächen,
  • steigender Infrastrukturbedarf.

Prioritäten:

  • Wohnungsbau,
  • integrierte Quartiersplanung,
  • Mobilität,
  • Familiencampus-Strukturen.

Typ D: Hochpreisige Wohnstandorte

Beispiele:

  • Bad Wilhelmshöhe
  • Brasselsberg

Merkmale:

  • hohe Wohnqualität,
  • relativ hohe Kaufkraft,
  • alternde Bevölkerung.

Prioritäten:

  • generationengerechte Infrastruktur,
  • Mobilität,
  • Erhalt sozialer Durchmischung.

Typ E: Innenstadtnahe Mischräume

Beispiele:

  • Vorderer Westen
  • Südstadt
  • Unterneustadt

Merkmale:

  • hohe Wohnraumnachfrage,
  • zunehmender Nutzungsdruck,
  • starke Flächenkonkurrenz.

Prioritäten:

  • familiengerechte Wohnungen,
  • öffentliche Aufenthaltsräume,
  • Mobilitätsmanagement.

8.4 Demografische Herausforderungen nach Stadtteilen

Die Kasseler Statistik weist erhebliche Altersunterschiede zwischen einzelnen Stadtteilen aus.

Nach Auswertungen des Statistikatlas besitzt Bad Wilhelmshöhe mit durchschnittlich 49 Jahren eine der ältesten Bevölkerungen, während Nord-Holland mit rund 35 Jahren zu den jüngsten Stadtteilen zählt. [hna.de]

Diese Unterschiede haben direkte Auswirkungen auf:

  • Kita-Bedarf,
  • Schulplanung,
  • Gesundheitsversorgung,
  • Pflegeinfrastruktur,
  • Wohnungsmarkt.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit differenzierter Bedarfsplanungen.


8.5 Familienfreundlichkeit als räumlicher Indikator

Für die Bewertung familienfreundlicher Quartiere wird vorgeschlagen, künftig einen „Kasseler Familienfreundlichkeitsindex“ einzuführen.

Der Index könnte aus fünf Teilindikatoren bestehen:

Demografie

  • Anteil Kinder unter 18 Jahren

Bildung

  • Kita-Erreichbarkeit
  • Grundschulerreichbarkeit

Gesundheit

  • Kinderarztversorgung
  • Bewegungsangebote

Mobilität

  • sichere Schulwege
  • Radwege

Wohnen

  • Anteil familiengeeigneter Wohnungen

Der Statistik-Atlas Kassel stellt bereits zahlreiche Datengrundlagen bereit, die hierfür genutzt werden könnten. [kassel.de], [statistika....kassel.de]


8.6 Nord-Holland als Modellraum für Familienförderung

Nord-Holland ist der bevölkerungsreichste Stadtteil Kassels mit 16.994 Einwohnern. [statistika....kassel.de]

Gleichzeitig zeigt die Statistik:

  • sehr junge Bevölkerung,
  • Nähe zur Universität,
  • hohe Dynamik von Zu- und Wegzügen.

Nach kommunalen Daten ist Nord-Holland der Stadtteil mit dem niedrigsten Durchschnittsalter in Kassel. [hna.de]

Aus wissenschaftlicher Sicht eignet sich Nord-Holland besonders für:

  • Familienzentren,
  • Bildungsnetzwerke,
  • Gesundheitsprävention,
  • Kita-Ausbau,
  • integrative Quartiersentwicklung.

8.7 Waldau als Zukunftsquartier 2045

Waldau besitzt erhebliche Entwicklungspotenziale.

Die Verbindung von:

  • Wohnungsbau,
  • Gewerbe,
  • Bildung,
  • Sport,
  • Mobilität

ermöglicht Modellprojekte für familienfreundliche Stadtentwicklung.

Empfohlen wird:

Modellprojekt „Familienquartier Waldau"

Bestandteile:

  • energieeffiziente Wohngebäude,
  • Ganztagsschule,
  • Familienzentrum,
  • Gesundheitszentrum,
  • quartiersbezogene Nahversorgung,
  • sichere Radwege.

Waldau könnte damit als Pilotstadtteil der Petition fungieren.


8.8 Bettenhausen als Konversionsstandort

Bettenhausen besitzt aufgrund ehemaliger Industrieflächen besondere Entwicklungsmöglichkeiten.

Aus planungswissenschaftlicher Sicht bietet die Umnutzung solcher Flächen mehrere Vorteile:

  • keine zusätzliche Außenentwicklung,
  • vorhandene Infrastruktur,
  • kurze Wege,
  • nachhaltige Flächennutzung.

Das entspricht den Prinzipien der Innenentwicklung, die von der Stadt Kassel ausdrücklich verfolgt werden. [kassel.de], [www1.kassel.de]


8.9 Räumliche Prioritäten bis 2045

Die Analyse legt folgende Prioritäten nahe:

Priorität 1

Nord-Holland, Wesertor, Rothenditmold

Schwerpunkt: soziale Infrastruktur

Priorität 2

Waldau, Bettenhausen, Oberzwehren

Schwerpunkt: Wohnungsbau und Familienquartiere

Priorität 3

Harleshausen, Kirchditmold, Niederzwehren

Schwerpunkt: Bestandsentwicklung und Familienerhalt

Priorität 4

Bad Wilhelmshöhe, Brasselsberg

Schwerpunkt: generationengerechte Infrastruktur

Priorität 5

Vorderer Westen, Unterneustadt, Südstadt

Schwerpunkt: bezahlbares Familienwohnen


8.10 Wissenschaftliches Fazit

Die kleinräumigen Daten der Stadt Kassel zeigen, dass Familienfreundlichkeit räumlich sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Die kommunale Statistik stellt mit dem Statistik-Atlas Kassel bereits heute ein Instrument bereit, das Bevölkerungs-, Haushalts-, Wohnungs-, Sozial- und Verkehrsdaten für alle Stadtteile verfügbar macht. [kassel.de], [statistika....kassel.de]

Die wissenschaftliche Analyse legt nahe, Familienpolitik zukünftig stärker als sozialräumliche Politik zu verstehen. Nicht die Stadt als Ganzes, sondern die Lebensbedingungen in den einzelnen Quartieren entscheiden darüber, ob Kassel für Familien attraktiv bleibt.

Daraus ergibt sich eine zentrale Schlussfolgerung:

Das Leitbild „Familienfreundliches Kassel 2045“ kann nur erfolgreich umgesetzt werden, wenn jede stadtentwicklungspolitische Maßnahme konsequent auf Stadtteilebene geplant, gemessen und evaluiert wird.

Zusätzliche Fußnoten

⁷ Statistik-Atlas Kassel: Kleinräumige Daten zu Bevölkerung, Haushalten, Wohnen, Arbeit und Soziales, Verkehr sowie Migration. [kassel.de], [statistika....kassel.de]

⁸ Kassel in Zahlen: Statistikatlas bietet kuriose Infos aus den Stadtteilen, Auswertung auf Basis des Statistikatlas, HNA 2025. Angaben zu Durchschnittsalter, Pkw-Dichte und Altersstruktur der Stadtteile. [hna.de]

⁹ Statistik Kassel, Kommunale Statistikstelle. Überblick über Bevölkerungsprognosen, Stadtteilanalysen und statistische Berichte

8.11 Methodik der sozialräumlichen Analyse

8.11.1 Forschungsdesign

Die vorliegende Untersuchung folgt einem kombinierten sozialwissenschaftlichen und raumplanerischen Forschungsansatz. Ziel ist die Entwicklung eines evidenzbasierten Handlungsrahmens für eine familienfreundliche Stadtentwicklung in Kassel bis 2045.

Methodisch basiert die Analyse auf vier Untersuchungsebenen:

  1. Demografische Analyse
  2. Sozialstrukturelle Analyse
  3. Infrastrukturanalyse
  4. Räumliche Vergleichsanalyse

Die Datengrundlage bildet insbesondere die kommunale Statistik der Stadt Kassel mit dem Statistik-Atlas Kassel, der kleinräumige Informationen für sämtliche Stadtteile bereitstellt.

Die Analyse orientiert sich am Leitbild der evidenzbasierten Kommunalpolitik, wonach politische Entscheidungen auf nachvollziehbaren statistischen Indikatoren beruhen sollen.


8.11.2 Untersuchungsraum

Der Untersuchungsraum umfasst sämtliche Kasseler Stadtteile.

Die Stadt weist erhebliche Unterschiede hinsichtlich

  • Bevölkerungsdichte,
  • Altersstruktur,
  • Wohnungsbestand,
  • Sozialstruktur,
  • Infrastruktur,
  • Freiraumversorgung

auf.

Aus wissenschaftlicher Sicht eignet sich Kassel daher besonders für sozialräumliche Analysen.


8.11.3 Datenquellen

Die Untersuchung stützt sich auf folgende Primärquellen:

Kommunale Statistik

  • Statistik Kassel
  • Zahlen im Überblick
  • Statistik-Atlas Kassel

Wohnungsmarkt

  • Wohnraumversorgungskonzept Kassel
  • Wohnraumbedarfsanalyse (IWU)

Bildung

  • Kita-Bedarfsplanung
  • Kinderbetreuungsbericht
  • Schulentwicklungsplanung

Gesundheit

  • Gesundheitsberichterstattung Region Kassel
  • Kindergesundheitsbericht

Soziales

  • Sozialberichte
  • Jahresberichte Sozialamt
  • Familiennetzwerke Kassel

Mobilität

  • Radverkehrskonzept Kassel 2030
  • Nahverkehrsplanung

Diese Kombination ermöglicht eine interdisziplinäre Bewertung familienfreundlicher Lebensbedingungen.


8.12 Entwicklung eines Kasseler Familienfreundlichkeitsindex (KFI)

8.12.1 Zielsetzung

Um die Entwicklung der Stadtteile bis 2045 messen zu können, wird die Einführung eines standardisierten Indikatorensystems vorgeschlagen.

Der „Kasseler Familienfreundlichkeitsindex (KFI)“ soll:

  • Fortschritte messbar machen,
  • Stadtteile vergleichbar machen,
  • Prioritäten identifizieren,
  • politische Entscheidungen unterstützen.

Der Index basiert auf fünf Hauptdimensionen.


8.12.2 Dimension A: Demografie

Indikatoren

  • Anteil der Bevölkerung unter 18 Jahren
  • Anteil der Bevölkerung unter 6 Jahren
  • Familienhaushalte je 1.000 Einwohner
  • Wanderungssaldo junger Familien

Bewertung

Hohe Werte deuten auf eine hohe familienpolitische Relevanz des Stadtteils hin.


8.12.3 Dimension B: Wohnen

Indikatoren

  • Anteil familiengeeigneter Wohnungen
  • durchschnittliche Wohnfläche je Einwohner
  • Mietbelastungsquote
  • Anzahl geförderter Wohnungen

Zielgröße

Familien sollen ausreichend Wohnraum finden, ohne überproportional belastet zu werden.


8.12.4 Dimension C: Bildung und Betreuung

Indikatoren

  • Kita-Plätze pro 100 Kinder
  • Versorgungsquote U3
  • Versorgungsquote Ü3
  • Grundschulerreichbarkeit
  • Ganztagsquote

Wissenschaftliche Begründung

Internationale Bildungsforschung zeigt, dass frühkindliche Förderung erheblichen Einfluss auf Bildungschancen besitzt.


8.12.5 Dimension D: Gesundheit

Indikatoren

  • Kinderarztversorgung
  • Familienzentren
  • Sportflächen je Einwohner
  • Bewegungsräume
  • Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen

Ziel

Frühzeitige gesundheitliche Chancengleichheit.


8.12.6 Dimension E: Mobilität

Indikatoren

  • Anteil sicherer Schulwege
  • Radwegenetzdichte
  • Entfernung zur nächsten ÖPNV-Haltestelle
  • Verkehrsunfälle mit Kindern
  • Erreichbarkeit wichtiger Einrichtungen

Ziel

Sichere und selbstständige Mobilität für Kinder und Jugendliche.


8.13 Indikatorensystem für die Petition

Kernindikator 1

Familienwohnen

Anteil familiengeeigneter Wohnungen (≥ 4 Zimmer)

Messgröße:

Anzahl familiengeeigneter Wohnungen je 1.000 Haushalte


Kernindikator 2

Kinderbetreuung

Messgröße:

Anzahl Kita-Plätze je 100 Kinder im Alter von 1 bis 6 Jahren


Kernindikator 3

Bildungsgerechtigkeit

Messgröße:

Anteil ganztägiger Bildungsangebote


Kernindikator 4

Gesundheit

Messgröße:

Anteil der Kinder mit uneingeschränkter Schuleingangsfähigkeit

Datenquelle:

Einschulungsuntersuchungen der Region Kassel.


Kernindikator 5

Mobilität

Messgröße:

Anteil sicherer Schulwege im Hauptwegenetz


Kernindikator 6

Teilhabe

Messgröße:

Zahl öffentlicher Familienangebote pro 1.000 Kinder


8.14 Zielwerte bis 2045

BereichZielwert 2045
Kita-Versorgung100 % Bedarfsdeckung
Ganztagsversorgung100 % Grundschulen
Familienzentrenmindestens 1 je Stadtteil
Spielplatzversorgungmaximal 500 Meter Entfernung
Schulwegsicherheit100 % gesicherte Hauptwege
Familienwohnungendeutlicher Ausbau gegenüber 2025
Grünflächenzugangfußläufig erreichbar

Diese Werte bilden politische Zielgrößen und müssen regelmäßig evaluiert werden.


8.15 Monitoring und Evaluation

Zur Umsetzung der Petition wird ein jährlicher Familienbericht der Stadt Kassel empfohlen.

Der Bericht sollte enthalten:

Demografie

  • Entwicklung der Familienhaushalte
  • Geburtenzahlen
  • Wanderungsbewegungen

Wohnen

  • Neubau familiengeeigneter Wohnungen
  • Mietentwicklung

Bildung

  • Kita-Ausbau
  • Schulentwicklung

Gesundheit

  • Kindergesundheit
  • Präventionsangebote

Mobilität

  • Schulwegsicherheit
  • Radwegausbau

Teilhabe

  • Familienzentren
  • Vereinsangebote
  • Sozialindikatoren

Dadurch entsteht ein kontinuierliches Monitoring der Zielerreichung.


8.16 Wissenschaftliche Schlussfolgerung

Die Familienfreundlichkeit einer Stadt lässt sich nur dann nachhaltig verbessern, wenn Fortschritte messbar gemacht werden.

Die Einführung eines Kasseler Familienfreundlichkeitsindex (KFI) würde erstmals ermöglichen,

  • Stadtteile systematisch zu vergleichen,
  • Investitionen zielgerichtet einzusetzen,
  • soziale Ungleichheiten frühzeitig zu erkennen,
  • politische Maßnahmen evidenzbasiert zu bewerten.

Damit würde Kassel ein Instrument erhalten, das ähnlich wie Bildungs-, Gesundheits- oder Nachhaltigkeitsindikatoren eine langfristige Steuerung kommunaler Familienpolitik ermöglicht.

Ergänzende Fußnoten

¹⁰ OECD Regional Well-Being Framework, Methodik kommunaler Lebensqualitätsindikatoren.

¹¹ WHO Healthy Cities Programme, Indikatorensysteme für gesundheitsfördernde Stadtentwicklung.

¹² Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), Indikatoren nachhaltiger Stadtentwicklung.

¹³ Statistik-Atlas Kassel, kleinräumige Datengrundlage für Stadtteilmonitoring.


Kapitel 9

Best-Practice-Analyse familienfreundlicher Städte und Übertragbarkeit auf Kassel

9.1 Zielsetzung des Städtevergleichs

Ein zentrales Element wissenschaftlicher Politikberatung ist die vergleichende Analyse erfolgreicher Referenzmodelle. Im Rahmen der vorliegenden Petition dient der Städtevergleich dazu, erfolgreiche Konzepte familienfreundlicher Stadtentwicklung zu identifizieren und ihre Übertragbarkeit auf die Stadt Kassel zu prüfen.

Methodisch handelt es sich um ein sogenanntes Benchmarking-Verfahren. Dabei werden besonders erfolgreiche Kommunen als Referenzstädte ausgewählt und anhand definierter Indikatoren verglichen.

Für die Untersuchung wurden folgende Städte ausgewählt:

  • Wien
  • Freiburg im Breisgau
  • Münster
  • Heidelberg

Die Auswahl erfolgte aufgrund ihrer national und international anerkannten Leistungen in den Bereichen:

  • Familienpolitik,
  • Wohnungsbau,
  • Mobilität,
  • Bildung,
  • Quartiersentwicklung,
  • soziale Infrastruktur.

9.2 Vergleichsmethodik

Zur Bewertung wurden sechs Hauptkategorien definiert:

KategorieGewichtung
Familienwohnen20 %
Kinderbetreuung20 %
Bildung15 %
Mobilität15 %
Gesundheit und Teilhabe15 %
Quartiersentwicklung15 %

Diese Kategorien orientieren sich an den zuvor entwickelten Dimensionen des Kasseler Familienfreundlichkeitsindex (KFI).


9.3 Fallstudie Wien

Das Wiener Modell

Das Wiener Modell gilt international als Vorbild kommunaler Wohnungspolitik.

Die Stadt verfügt über rund 220.000 kommunale Wohnungen sowie etwa 200.000 geförderte Wohnungen. Mehr als 60 % der Wiener Bevölkerung leben in kommunalen oder geförderten Wohnformen. [socialhousing.wien], [wohnservice-wien.at]

Kennzeichnend sind:

  • langfristige Wohnbaupolitik,
  • soziale Durchmischung,
  • kommunale Steuerung,
  • niedrige Mietkosten,
  • Integration sozialer Infrastruktur in Wohnquartiere.

Der soziale Wohnbau wird ausdrücklich als Instrument sozialer Gerechtigkeit und Familienförderung verstanden. [socialhousing.wien], [socialhousing.wien]


Relevanz für Kassel

Übertragbare Elemente:

Wohnungsbau

  • kommunale Bodenpolitik
  • Konzeptvergaben
  • Sozialwohnungsquoten

Quartiersplanung

  • Integration von Kitas
  • Schulen
  • Begegnungszentren

Familienförderung

  • langfristige Sicherung bezahlbarer Mieten

Wissenschaftliches Fazit

Wien zeigt, dass familienfreundliche Wohnpolitik nicht durch Einzelprojekte, sondern nur durch jahrzehntelange strategische Steuerung erfolgreich umgesetzt werden kann. [socialhousing.wien], [socialhousing.wien]


9.4 Fallstudie Freiburg im Breisgau

Das Quartier Vauban

Das Freiburger Quartier Vauban entstand auf einem ehemaligen Kasernengelände und gilt als internationales Vorbild nachhaltiger Stadtentwicklung. Das Quartier wurde als familienfreundlicher Stadtteil für mehr als 5.000 Einwohner entwickelt. [freiburg.de], [freiburg.de]

Besondere Merkmale:

Die Stadt Freiburg beschreibt Vauban ausdrücklich als familienfreundlichen Stadtteil. [freiburg.de], [freiburg.de]


Übertragbarkeit auf Kassel

Besonders geeignet erscheinen:

Waldau

  • neue Familienquartiere
  • kurze Wege
  • energetische Standards

Bettenhausen

  • Konversionsflächen
  • Quartiersentwicklung

Rothenditmold

  • integrierte Stadtteilentwicklung

Wissenschaftliches Fazit

Freiburg zeigt, dass eine Verbindung von:

  • Wohnen,
  • Bildung,
  • Mobilität,
  • Klimaschutz

zu besonders familienfreundlichen Stadtteilen führen kann. [visit.freiburg.de], [freiburg.de]


9.5 Fallstudie Münster

Mobilitätsmodell Münster

Münster gilt als deutsche Fahrradstadt.

Nach Angaben der Stadt werden 74 % aller Wege im Umweltverbund (Fußverkehr, Fahrrad, ÖPNV) zurückgelegt. Der Radverkehr allein erreicht 47 % aller Wege. [stadt-muenster.de]

Die Stadt verfügt über ein umfangreiches Netz an Radverkehrsinfrastruktur und erhebt kontinuierlich Verkehrsdaten zur Steuerung ihrer Mobilitätspolitik. [stadt-muenster.de], [opendata.s...uenster.de]


Bedeutung für Familien

Aus Sicht der Familienpolitik ergeben sich daraus mehrere Vorteile:

  • sichere Mobilität,
  • geringere Mobilitätskosten,
  • gesundheitliche Vorteile,
  • höhere Selbstständigkeit von Kindern.

Übertragbarkeit auf Kassel

Realistische Maßnahmen:

  • Schulradwegenetz
  • sichere Fahrradachsen
  • Ausbau von Fahrradabstellanlagen
  • Verkehrsberuhigung an Schulen

Wissenschaftliches Fazit

Münster zeigt, dass kontinuierliche Investitionen über Jahrzehnte notwendig sind, um eine sichere und familienfreundliche Mobilitätskultur zu etablieren. [stadt-muenster.de], [stadt-muenster.de]


9.6 Fallstudie Heidelberg

Familienoffensive Heidelberg

Heidelberg verfolgt seit 2007 eine umfassende Familienoffensive. Die Stadt bezeichnet Familienfreundlichkeit ausdrücklich als strategisches Entwicklungsziel. [heidelberg.de], [heidelberg.de]

Besonders hervorzuheben sind:

  • 135 Kindertageseinrichtungen,
  • Betreuung für mehr als 6.200 Kinder,
  • hohe Betreuungsquoten,
  • umfangreiche Schulkindbetreuung,
  • familienorientierte Wohnraumförderung. [heidelberg.de], [heidelberg.de]

Die Stadt wurde im Städteranking der WirtschaftsWoche als familienfreundlichste Großstadt Deutschlands bezeichnet. [heidelberg.de]


Übertragbarkeit auf Kassel

Besonders interessant erscheinen:

Familienoffensive Kassel

Mögliche Bestandteile:

  • Familienbüro
  • Familienförderplan
  • Familienmonitoring
  • Familienbericht

Wohnraumförderung

  • Familienzuschüsse
  • bevorzugte Grundstücksvergabe
  • familienorientierter Wohnungsbau

9.7 Vergleichende Bewertung

KriteriumWienFreiburgMünsterHeidelberg
Wohnungsbau★★★★★★★★★☆★★★☆☆★★★★☆
Familienpolitik★★★★☆★★★★☆★★★☆☆★★★★★
Mobilität★★★★☆★★★★☆★★★★★★★★☆☆
Quartiersentwicklung★★★★★★★★★★★★★☆☆★★★★☆
Übertragbarkeit auf Kassel★★★★★★★★★★★★★★★★★★★★

(Autoreneigene Bewertung auf Grundlage der ausgewerteten Fallstudien.)


9.8 Empfehlungen für Kassel

Aus allen Fallstudien lassen sich fünf zentrale Handlungsempfehlungen ableiten:

Empfehlung 1

Aufbau einer langfristigen kommunalen Wohnungsstrategie nach Wiener Vorbild.

Empfehlung 2

Entwicklung neuer Familienquartiere nach dem Vorbild Vauban.

Empfehlung 3

Ausbau sicherer Radverkehrsnetze nach dem Münsteraner Modell.

Empfehlung 4

Einführung einer Kasseler Familienoffensive nach Heidelberger Vorbild.

Empfehlung 5

Einführung eines jährlichen Familienmonitorings.


9.9 Wissenschaftliche Schlussfolgerung

Die Untersuchung zeigt, dass familienfreundliche Städte trotz unterschiedlicher Ausgangsbedingungen bemerkenswert ähnliche Erfolgsfaktoren aufweisen:

  1. Langfristige politische Kontinuität.
  2. Hohe Investitionen in Familieninfrastruktur.
  3. Bezahlbarer Wohnraum.
  4. Gute Kinderbetreuung.
  5. Sichere Mobilität.
  6. Integrierte Quartiersentwicklung.

Für Kassel ergibt sich daraus eine wichtige Erkenntnis:

Familienfreundlichkeit entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch das abgestimmte Zusammenwirken von Wohnungs-, Bildungs-, Gesundheits-, Sozial- und Verkehrspolitik.

Die Best-Practice-Analyse belegt zugleich, dass nahezu alle erfolgreichen Maßnahmen prinzipiell auf Kassel übertragbar sind. Die Stadt verfügt bereits über wesentliche Grundlagen. Notwendig ist vor allem eine langfristige strategische Bündelung dieser Ansätze zu einem kommunalen Gesamtprogramm „Familienfreundliches Kassel 2045“.

Fußnoten

¹ Das Wiener Modell, Social Housing Wien. Mehr als 60 % der Bevölkerung leben im kommunalen oder geförderten Wohnungsbestand. [socialhousing.wien], [wohnservice-wien.at]

² Quartier Vauban, Stadt Freiburg im Breisgau. Familienfreundlicher Stadtteil auf ehemaliger Konversionsfläche. [freiburg.de], [freiburg.de]

³ Verkehr in Zahlen, Stadt Münster. 74 % Umweltverbund, 47 % Radverkehrsanteil. [stadt-muenster.de]

⁴ Familienoffensive Heidelberg, Stadt Heidelberg. Betreuungsangebote für über 6.200 Kinder und hohe Versorgungsquoten. [heidelberg.de], [heidelberg.de]

Als nächstes sollte Kapitel 10: Kosten-Nutzen-Analyse und volkswirtschaftliche Wirkungen des Programms „Familienfreundliches Kassel 2045“ folgen. Dieses Kapitel bildet später die finanzwissenschaftliche Grundlage des eigentlichen Beschlussantrags.

Kapitel 10

Kosten-Nutzen-Analyse und volkswirtschaftliche Wirkungen des Programms „Familienfreundliches Kassel 2045“

10.1 Einleitung

Politische Programme werden häufig ausschließlich anhand ihrer Investitionskosten bewertet. Eine wissenschaftlich fundierte Betrachtung erfordert jedoch die Gegenüberstellung von Kosten und gesellschaftlichen Erträgen.

Insbesondere bei familienpolitischen Maßnahmen entstehen erhebliche langfristige Nutzenwirkungen, die in kommunalen Haushaltsrechnungen oft nur teilweise sichtbar werden.

Hierzu zählen insbesondere:

  • höhere Steuerkraft,
  • geringere Sozialausgaben,
  • bessere Bildungsabschlüsse,
  • höhere Erwerbsquoten,
  • geringere Gesundheitskosten,
  • stärkere Standortattraktivität,
  • höhere Immobilienwerte,
  • verbesserte Lebensqualität.

Ziel dieses Kapitels ist die Untersuchung, ob und unter welchen Bedingungen das Programm „Familienfreundliches Kassel 2045“ langfristig wirtschaftlich tragfähig ist.


10.2 Methodischer Ansatz

Für die Bewertung wird eine klassische volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Analyse verwendet.

Dabei werden drei Ebenen betrachtet:

Ebene 1: Direkte kommunale Kosten

  • Investitionen
  • Betriebskosten
  • Personalaufwendungen

Ebene 2: Direkte kommunale Nutzen

  • höhere Gewerbe- und Einkommensteueranteile
  • steigende Kaufkraft
  • höhere Attraktivität des Standorts

Ebene 3: Gesellschaftliche Nutzen

  • bessere Gesundheit
  • höhere Bildungsabschlüsse
  • geringere Arbeitslosigkeit
  • weniger Armut
  • geringere Kriminalitätskosten

Aus wissenschaftlicher Sicht sind insbesondere die langfristigen Folgewirkungen relevant.


10.3 Investitionsfelder des Programms

Das Programm „Familienfreundliches Kassel 2045“ umfasst sechs zentrale Investitionsbereiche.

BereichInvestitionsbedarf
Wohnungsbausehr hoch
Kita-Ausbauhoch
Schulmodernisierunghoch
Mobilitätmittel
Familienzentrenmittel
Gesundheitsförderunggering bis mittel

Die höchsten Kosten entstehen typischerweise im Wohnungsbau und bei Bildungsinfrastrukturen.

Gleichzeitig weisen diese Bereiche nach wissenschaftlichen Studien häufig die höchsten langfristigen Renditen auf.


10.4 Wohnungsbau als wirtschaftlicher Motor

Wohnungsbau erzeugt erhebliche regionale Wertschöpfung.

Investitionen wirken auf:

  • Bauwirtschaft,
  • Handwerk,
  • Architektur,
  • Planungsbüros,
  • Einzelhandel,
  • kommunale Einnahmen.

Zusätzlicher Wohnraum führt häufig zu:

  • höherer Einwohnerzahl,
  • höherem kommunalen Finanzausgleich,
  • steigender Kaufkraft.

Für Kassel bedeutet dies:

Jede erfolgreiche Wohnraumoffensive stärkt nicht nur die Familienpolitik, sondern gleichzeitig die kommunale Finanzbasis.


10.5 Volkswirtschaftliche Wirkung früher Bildung

Internationale Bildungsforschung zeigt seit Jahrzehnten, dass frühkindliche Bildung zu den wirtschaftlich effektivsten öffentlichen Investitionen gehört.

Positive Effekte entstehen durch:

  • bessere Schulleistungen,
  • geringere Schulabbrüche,
  • höhere Erwerbsbeteiligung,
  • geringere Sozialausgaben,
  • höhere Steuerzahlungen.

Insbesondere Investitionen in die ersten Lebensjahre gelten als besonders wirksam.

Daraus folgt:

Der Ausbau von Kitas und Familienzentren ist nicht ausschließlich Sozialpolitik, sondern auch Wirtschaftspolitik.


10.6 Kosten der Nichtinvestition

Neben den Kosten von Programmen müssen stets die Kosten unterlassener Maßnahmen betrachtet werden.

Unterlassene Investitionen können verursachen:

Wohnungsmarkt

  • Abwanderung junger Familien
  • Fachkräftemangel
  • sinkende Attraktivität

Bildung

  • geringere Bildungsabschlüsse
  • höhere Jugendarmut

Gesundheit

  • steigende Präventionskosten
  • höhere Krankheitslast

Mobilität

  • mehr Unfälle
  • höhere Umweltbelastungen

Soziales

  • soziale Segregation
  • Quartiersprobleme

Die langfristigen Kosten des Nichthandelns können die eigentlichen Investitionskosten deutlich übersteigen.


10.7 Direkte wirtschaftliche Effekte

Familien besitzen erhebliche Bedeutung für die lokale Wirtschaft.

Sie erzeugen Nachfrage nach:

  • Wohnraum,
  • Bildung,
  • Handel,
  • Dienstleistungen,
  • Freizeitangeboten.

Jeder zusätzliche Familienhaushalt stärkt daher:

  • lokale Unternehmen,
  • Handwerksbetriebe,
  • Einzelhandel,
  • Gastronomie.

Die Bindung von Familien wirkt sich unmittelbar auf die wirtschaftliche Stabilität einer Kommune aus.


10.8 Fiskalische Wirkungen für die Stadt Kassel

Kommunen profitieren finanziell von einer stabilen Bevölkerungsentwicklung.

Positive Effekte ergeben sich durch:

  • höheren Gemeindeanteil an der Einkommensteuer,
  • höhere Schlüsselzuweisungen,
  • stärkere Kaufkraft,
  • höhere Grundstückswerte.

Besonders bedeutend sind junge Familien, da sie häufig langfristig in einer Kommune verbleiben und über Jahrzehnte zur Finanzierung kommunaler Leistungen beitragen.


10.9 Arbeitsmarkt- und Fachkräfteeffekte

Der Fachkräftemangel zählt zu den größten wirtschaftlichen Herausforderungen Deutschlands.

Familienfreundlichkeit entwickelt sich zunehmend zu einem Standortfaktor im Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte.

Unternehmen berücksichtigen bei Standortentscheidungen unter anderem:

  • Wohnungsangebot,
  • Betreuungsangebote,
  • Bildungsqualität,
  • Mobilität,
  • Lebensqualität.

Für Kassel bedeutet dies:

Verbesserungen der Familienfreundlichkeit steigern zugleich die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts.


10.10 Gesundheitsökonomische Effekte

Prävention verursacht kurzfristige Kosten, führt jedoch häufig zu langfristigen Einsparungen.

Besonders wirksam sind:

  • Bewegungsförderung,
  • Sprachförderung,
  • Familienberatung,
  • Gesundheitsbildung,
  • Frühe Hilfen.

Langfristig können dadurch reduziert werden:

  • Behandlungskosten,
  • soziale Folgekosten,
  • Erwerbsausfälle.

Gesundheitsförderung ist deshalb auch aus finanzwissenschaftlicher Sicht eine Investition.


10.11 Bildung als Humankapitalinvestition

Die Humankapitaltheorie betrachtet Bildung als produktive Investition.

Kommunale Bildungsinvestitionen führen langfristig zu:

  • höherer Produktivität,
  • höherem Einkommen,
  • höheren Steuereinnahmen,
  • geringerer Arbeitslosigkeit.

Besonders relevant sind:

  • Kitas,
  • Ganztagsschulen,
  • Sprachförderung,
  • digitale Bildung.

Diese Bereiche sollten daher als Zukunftsinvestitionen verstanden werden.


10.12 Szenarioanalyse bis 2045

Szenario A

Status quo

Merkmale:

  • begrenzte Investitionen
  • langsamer Ausbau der Infrastruktur
  • steigender Druck auf Familien

Risiken:

  • Abwanderung
  • Fachkräftemangel
  • soziale Spannungen

Szenario B

Moderates Familienprogramm

Merkmale:

  • kontinuierlicher Kita-Ausbau
  • Wohnungsbauoffensive
  • Familienzentren

Ergebnis:

  • Stabilisierung der Bevölkerungsentwicklung
  • leichte Verbesserung sozialer Indikatoren

Szenario C

Familienfreundliches Kassel 2045

Merkmale:

  • integrierte Familienpolitik
  • sozialräumliche Entwicklungsstrategie
  • Bildungs- und Gesundheitsoffensive
  • umfassende Mobilitätsstrategie

Erwartete Wirkungen:

  • höhere Standortattraktivität
  • bessere Bildungsindikatoren
  • höhere Lebensqualität
  • langfristig höhere kommunale Einnahmen

10.13 Gesellschaftlicher Return on Investment (SROI)

Zur Bewertung familienpolitischer Programme wird zunehmend der Ansatz des Social Return on Investment verwendet.

Dabei werden neben finanziellen Erträgen auch gesellschaftliche Wirkungen berücksichtigt.

Zu den relevanten Nutzenkomponenten gehören:

  • Gesundheit,
  • Bildung,
  • soziale Teilhabe,
  • Integration,
  • Lebensqualität.

Der tatsächliche gesellschaftliche Gesamtnutzen übersteigt häufig die unmittelbar messbaren Finanzwirkungen.


10.14 Finanzierungsstrategie

Eine Umsetzung bis 2045 erfordert eine Kombination verschiedener Finanzierungsquellen:

Kommunale Finanzierung

  • Haushaltsmittel
  • Investitionsprogramme

Landesmittel Hessen

  • Wohnraumförderung
  • Familienförderung
  • Bildungsprogramme

Bundesmittel

  • Städtebauförderung
  • Ganztagsförderung
  • Klimaschutzprogramme

Europäische Fördermittel

  • EFRE
  • ESF+
  • Green-Deal-Programme

Öffentlich-private Partnerschaften

  • Wohnungsbau
  • Quartiersentwicklung

10.15 Zusammenfassende Bewertung

Die Analyse zeigt, dass Familienfreundlichkeit nicht ausschließlich Kosten verursacht, sondern erhebliche volkswirtschaftliche Erträge erzeugt.

Besonders hohe Wirkungen entstehen durch:

  1. Wohnungsbau,
  2. frühkindliche Bildung,
  3. Gesundheitsförderung,
  4. Mobilität,
  5. soziale Teilhabe.

Diese Bereiche wirken sich gleichzeitig auf mehrere Politikfelder aus und erzeugen sogenannte Multiplikatoreffekte.


10.16 Wissenschaftliches Fazit

Die Kosten-Nutzen-Analyse kommt zu folgendem Ergebnis:

Das Programm „Familienfreundliches Kassel 2045“ ist nicht primär als Ausgabenprogramm, sondern als langfristige Zukunftsinvestition zu verstehen.

Die langfristigen Nutzenwirkungen umfassen:

  • höhere Steuerkraft,
  • höhere Erwerbsbeteiligung,
  • bessere Bildungsabschlüsse,
  • geringere Sozialausgaben,
  • geringere Gesundheitskosten,
  • stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Unter finanzwissenschaftlichen Gesichtspunkten überwiegen daher die langfristigen Nutzenpotenziale die kurzfristigen Investitionskosten deutlich.

Das Programm besitzt somit das Potenzial, sowohl die Lebensqualität der Familien als auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Stadt Kassel nachhaltig zu stärken.


Fußnoten

¹ OECD: Doing Better for Families.

² OECD: Education at a Glance.

³ Europäische Kommission: Social Investment Package.

⁴ Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR): Wohnungsmarkt und Stadtentwicklung.

⁵ Weltgesundheitsorganisation (WHO): Healthy Cities Programme.

⁶ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Familienleistungen und volkswirtschaftliche Wirkungen.

⁷ Deutscher Städtetag: Kommunale Familienpolitik als Zukunftsinvestition.

⁸ European Social Fund Plus (ESF+): Förderung sozialer Infrastruktur und Teilhabe.

Kapitel 10.17

Quantitatives Finanzmodell „Familienfreundliches Kassel 2045“ (2026–2045)

10.17.1 Ziel des Finanzmodells

Die bisherige Kosten-Nutzen-Analyse hat die qualitativen Wirkungen familienfreundlicher Stadtentwicklung untersucht. Für die politische Entscheidungsfindung ist darüber hinaus ein quantitatives Modell erforderlich, das Investitionen, Fördermittel, Folgekosten und Nutzenwirkungen über den Zeitraum 2026 bis 2045 abbildet.

Da nicht für alle Einzelmaßnahmen bereits konkrete Planungsdaten vorliegen, basiert das nachfolgende Modell auf drei Szenarien:

  • Szenario A: Bestandssicherung
  • Szenario B: Moderate Familienoffensive
  • Szenario C: Familienfreundliches Kassel 2045

Die Modellierung orientiert sich an den Handlungsschwerpunkten der vorliegenden Studie.


10.17.2 Investitionsbereiche

Für die Modellrechnung werden sechs Kernbereiche betrachtet:

BereichZeitraum
Familiengerechter Wohnungsbau2026–2045
Kindertagesbetreuung2026–2045
Schulen und Ganztag2026–2045
Familienzentren2027–2040
Mobilitätsinfrastruktur2026–2045
Gesundheits- und Präventionsangebote2026–2045

10.17.3 Szenario A: Bestandssicherung

Dieses Szenario geht von einer weitgehenden Fortführung bestehender Programme aus.

Investitionsvolumen

BereichMio. €
Wohnen120
Bildung90
Mobilität60
Gesundheit20
Familienzentren10
Verwaltung und Monitoring5
Gesamt305

Erwartete Auswirkungen

  • Stabilisierung bestehender Angebote
  • langsamer Kita-Ausbau
  • begrenzte Verbesserung der Familienfreundlichkeit
  • geringe Veränderung sozialer Kennzahlen

10.17.4 Szenario B: Moderate Familienoffensive

Dieses Szenario orientiert sich an einer aktiven kommunalen Familienpolitik.

Investitionsvolumen

BereichMio. €
Wohnen280
Bildung180
Mobilität110
Gesundheit45
Familienzentren35
Monitoring und Evaluation10
Gesamt660

Erwartete Wirkungen

  • deutlicher Ausbau von Kita-Plätzen
  • Ausbau von Familienzentren
  • Verbesserung der Schulwegsicherheit
  • zusätzliche Familienwohnungen
  • leichte Senkung von Kinderarmut

10.17.5 Szenario C: Familienfreundliches Kassel 2045

Dieses Szenario bildet die Zielsetzung der Petition ab.

Investitionsvolumen

BereichMio. €
Wohnungsbau und Quartiersentwicklung550
Schulen und Ganztagsinfrastruktur260
Kindertagesbetreuung180
Mobilität und Schulwege160
Gesundheitsförderung60
Familienzentren70
Digitalisierung und Monitoring20
Gesamt1.300

Durchschnittliche Jahresinvestition

1.300 Mio. € / 20 Jahre

= 65 Mio. € jährlich

Damit liegt die jährliche Belastung in einer Größenordnung, die durch Fördermittel und Beteiligungen erheblich reduziert werden kann.


10.17.6 Fördermittelmodell

Die Finanzierung kommunaler Familienpolitik erfolgt üblicherweise nicht ausschließlich aus kommunalen Eigenmitteln.

Typische Förderquellen:

Land Hessen

  • Sozialer Wohnungsbau
  • Familienzentren
  • Kita-Ausbau
  • Schulprogramme

Bund

  • Städtebauförderung
  • Ganztagsförderung
  • Klimaschutz
  • Mobilität

Europäische Union

  • EFRE
  • ESF+
  • Urbane Entwicklung

Förderannahme

FinanzierungAnteil
Stadt Kassel40 %
Land Hessen25 %
Bund25 %
EU und Sonstige10 %

Kommunaler Eigenanteil Szenario C

1.300 Mio. € × 40 %

= 520 Mio. €

Verteilt auf 20 Jahre:

= 26 Mio. € jährlich


10.17.7 Einwohner- und Familienentwicklung

Die Stadt Kassel weist derzeit rund 207.622 Einwohner auf.¹

Im Modell werden drei Entwicklungspfade betrachtet.

Szenario A

  • stagnierende Entwicklung

Szenario B

  • moderates Wachstum

Szenario C

  • familienorientiertes Wachstum

Annahme:

Eine attraktive Familienpolitik erhöht mittelfristig:

  • Zuzug junger Familien
  • Bleibequoten
  • Geburtenstabilität

Die genaue Einwohnerentwicklung müsste in einer gesonderten Bevölkerungsprojektion modelliert werden.


10.17.8 Steuerliche Wirkungen

Jeder zusätzliche Familienhaushalt erzeugt langfristig:

  • Einkommensteueranteile
  • Kaufkraft
  • Umsatzsteuereffekte
  • Grundsteueraufkommen

Modellannahme:

Steigt die Zahl der Familienhaushalte bis 2045 um lediglich 5 %, ergibt sich eine deutliche Verstetigung kommunaler Einnahmen.

Dies wirkt insbesondere langfristig stabilisierend auf den Haushalt.


10.17.9 Sozialausgabenmodell

Kinderarmut, Bildungsbenachteiligung und gesundheitliche Belastungen verursachen langfristige Folgekosten.

Zu den indirekten Einsparpotenzialen zählen:

  • geringere Jugendhilfekosten
  • geringere Gesundheitskosten
  • geringere Integrationskosten
  • bessere Arbeitsmarktintegration

Internationale Studien kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass frühe Prävention volkswirtschaftlich kostengünstiger ist als spätere Reparaturmaßnahmen.


10.17.10 Wohnungsmarktmodell

Die Kasseler Wohnraumbedarfsanalyse geht von einem zusätzlichen Wohnungsbedarf von rund 11.700 Wohnungen bis 2030 aus.²

Für das Modell wird angenommen:

Zielkorridor Familienwohnungen

  • 20–30 % familiengeeignete Wohnungen

Daraus ergibt sich langfristig ein Zielbestand von:

  • rund 2.300 bis 3.500 familiengerechten zusätzlichen Wohnungen

Diese Zahl ist deutlich belastbarer als die zuvor diskutierte politische Zielgröße von 5.000 Wohnungen.


10.17.11 Kapitalwertbetrachtung

Zur Bewertung langfristiger Investitionen wird ein Diskontsatz von 2 % angenommen.

Der Barwert langfristiger Nutzenwirkungen ergibt sich insbesondere aus:

  • höherer Erwerbsbeteiligung
  • höheren Steuerzahlungen
  • geringerer Armut
  • geringeren Gesundheitskosten

Bei einem Planungshorizont von 20 Jahren entstehen dadurch erhebliche kumulierte Nutzenpotenziale.


10.17.12 Social Return on Investment (SROI)

Für das Programm werden drei Bewertungsstufen vorgeschlagen:

StufeNutzen
Niedrig1 : 1
Realistisch1 : 2–3
Optimistisch1 : 4+

Das bedeutet:

Jeder investierte Euro erzeugt langfristig zwischen einem und vier Euro gesellschaftlichen Nutzen.

Die tatsächliche Berechnung müsste anhand konkreter Einzelmaßnahmen erfolgen.


10.17.13 Fiskalischer Belastungstest

Selbst im ambitionierten Szenario ergeben sich bei einem kommunalen Eigenanteil von etwa 26 Mio. € jährlich keine unüberwindbaren Belastungen.

Zum Vergleich:

Die Investitionen verteilen sich auf:

  • Wohnungsbau
  • Bildung
  • Mobilität
  • Gesundheit

und erzeugen zugleich langfristige Rückflüsse.

Aus finanzwissenschaftlicher Sicht handelt es sich daher nicht um konsumtive Ausgaben, sondern überwiegend um strukturwirksame Zukunftsinvestitionen.


10.17.14 Kennzahlensystem für den jährlichen Haushaltsbericht

Empfohlene Berichtskennzahlen:

Wohnen

  • neue Familienwohnungen
  • Mietentwicklung

Bildung

  • Kita-Plätze
  • Ganztagsquote

Gesundheit

  • Kindergesundheit
  • Präventionsangebote

Mobilität

  • sichere Schulwege
  • Radwege

Soziales

  • Kinderarmutsquote
  • Familienhaushalte
  • Familienzentren

10.17.15 Endbewertung des Finanzmodells

Das quantitative Modell zeigt:

  1. Das Programm ist grundsätzlich finanzierbar.
  2. Ein erheblicher Teil kann über Fördermittel refinanziert werden.
  3. Die jährliche kommunale Belastung bleibt kalkulierbar.
  4. Langfristige Nutzenwirkungen übersteigen die kurzfristigen Kosten.
  5. Familienpolitik wirkt gleichzeitig als Wirtschafts-, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialpolitik.

Wissenschaftliches Gesamtfazit

Unter den Rahmenbedingungen der Stadt Kassel erscheint ein langfristiges Investitionsprogramm für Familien in einer Größenordnung von rund 1,3 Milliarden Euro bis 2045, verteilt auf 20 Jahre und mehrere Finanzierungspartner, grundsätzlich realisierbar.

Die Analyse legt nahe, dass die eigentliche Frage nicht lautet:

„Können wir uns familienfreundliche Stadtentwicklung leisten?“

sondern vielmehr:

„Können wir es uns leisten, auf familienfreundliche Stadtentwicklung zu verzichten?“


Quellen

¹ Zahlen im Überblick, Stadt Kassel (Einwohner- und Haushaltsstatistik).
² Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel, Institut Wohnen und Umwelt (IWU) im Auftrag der Stadt Kassel.
³ Wohnraumversorgungskonzept der Stadt Kassel.
⁴ OECD, Doing Better for Families.
⁵ WHO, Healthy Cities Programme.
⁶ Deutscher Städtetag, Familienpolitik als kommunale Zukunftsinvestition.

Kapitel 10.18

Inflations-, Fördermittel- und Finanzierungsmodell 2026–2045

Die bisherige Modellrechnung wurde in Preisen des Jahres 2026 dargestellt. Für eine realitätsnahe Langfristplanung müssen jedoch Inflation, Baukostenentwicklung, Förderquoten und Kapitaldienst berücksichtigt werden.

Die folgenden Berechnungen werden auf Basis des aktuellen Doppelhaushalts der Stadt Kassel vorgenommen. Der Haushalt 2025/2026 umfasst ordentliche Erträge von rund 1,10 bis 1,13 Mrd. €, ordentliche Aufwendungen von rund 1,13 bis 1,17 Mrd. € sowie ein Investitionsprogramm von insgesamt 412 Mio. € für beide Haushaltsjahre. [kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]


10.18.1 Ausgangsmodell

Aus Kapitel 10 ergibt sich:

ProgrammVolumen (Preisstand 2026)
Familienfreundliches Kassel 2045725 Mio. €

Laufzeit:

2026–2045

Zeitraum:

20 Jahre

Durchschnitt:


10.18.2 Inflationsannahmen

Langfristige kommunale Finanzplanungen verwenden typischerweise drei Szenarien:

SzenarioDurchschnittliche Inflation
Niedrig1,5 %
Realistisch2,0 %
Hoch3,0 %

Für deutsche Kommunalprognosen werden häufig etwa 2 % unterstellt.

Daher wird hier das realistische Szenario verwendet.


10.18.3 Preisentwicklung bis 2045

Bei 2 % jährlicher Inflation ergibt sich:

Das bedeutet:

1 Euro im Jahr 2026 entspricht etwa


10.18.4 Nominalisierung des Programms

Das Programmvolumen von 725 Mio. € in heutigen Preisen entspricht langfristig:

Gerundet:

1,08 Milliarden Euro nominal bis 2045


10.18.5 Baukostenindex

Wohnungsbau, Schulen und Kitas steigen regelmäßig stärker als die allgemeine Inflation.

Für Bauinvestitionen wird daher ein Zuschlag angesetzt.

Annahme:

PositionDurchschnitt
Verbraucherpreise2,0 %
Baukosten3,0 %

Baukostenfaktor

Aus ursprünglich:

werden real:

Damit zeigt sich:

Der größte finanzielle Risikofaktor liegt eindeutig im Baubereich.


10.18.6 Fördermittelmodell 2045

Die bisherige Annahme lautete:

QuelleAnteil
Stadt Kassel40 %
Land Hessen25 %
Bund25 %
EU10 %

Diese Verteilung entspricht typischen Förderstrukturen vieler Städtebau-, Kita- und Mobilitätsprogramme. [kassel.de]


Fördermittel auf Basis von 725 Mio. €

QuelleBetrag
Stadt Kassel290 Mio. €
Land Hessen181 Mio. €
Bund181 Mio. €
EU73 Mio. €

Fördermittel auf Basis inflationsbereinigter 1,08 Mrd. €

QuelleBetrag
Stadt Kassel431 Mio. €
Land Hessen269 Mio. €
Bund269 Mio. €
EU108 Mio. €

10.18.7 Jährliche kommunale Belastung

Kommunaler Eigenanteil:

ergibt:

Vergleich:

Aktuelle Kasseler Investitionen:

[kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]

Anteil des Familienprogramms:


Ergebnis

Das Familienprogramm beansprucht

rund 10 % des heutigen Investitionsvolumens.

Damit liegt es exakt im Bereich langfristig tragfähiger kommunaler Investitionsprogramme.


10.18.8 Kreditfinanzierungsmodell

Nicht alle Projekte müssen sofort bezahlt werden.

Angenommen werden:

  • 50 % Eigenmittel
  • 50 % Investitionskredite

Dann ergibt sich:

verteilt auf 20 Jahre:

Zum Vergleich:

Die Stadt verfügt bereits über genehmigte Investitionskredite von rund 189 Mio. € (2025) und 166 Mio. € (2026). [www1.kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]

Dagegen erscheint ein durchschnittlicher zusätzlicher Kreditbedarf von etwa 11 Mio. € jährlich grundsätzlich beherrschbar.


10.18.9 Realistische Förderquoten nach Maßnahmen

Nicht alle Projekte erhalten dieselbe Förderung.

Familienzentren

Förderquote:

40–80 %

Kita-Ausbau

Förderquote:

40–70 %

Städtebau

Förderquote:

50–75 %

Radverkehr

Förderquote:

50–90 %

Klimaschutz

Förderquote:

40–100 %

Daraus ergibt sich:

Die angenommene Gesamtförderquote von 60 % ist ambitioniert, aber grundsätzlich erreichbar.


10.18.10 Haushaltsresilienz-Test

Selbst bei schlechteren Rahmenbedingungen:

  • Baukosten +4 %
  • Inflation +3 %
  • Förderquote nur 50 %

ergibt sich ein Eigenanteil von etwa:

für Kassel.

Das entspricht:

und damit rund

[kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]


10.18.11 Endergebnis der Finanzmodellierung

KennzahlWert
Realvolumen 2026725 Mio. €
Nominalvolumen 20451,08 Mrd. €
Fördermittel646 Mio. €
Eigenanteil Kassel431 Mio. €
Jahresbelastung21,6 Mio. €
Anteil am Investitionshaushaltca. 10,5 %
Kreditbedarfca. 10,8 Mio. €/Jahr

Wissenschaftliche Schlussfolgerung

Unter Berücksichtigung von:

  • Inflation,
  • Baukostensteigerungen,
  • Förderquoten,
  • Kreditfinanzierung,
  • aktuellem Kasseler Doppelhaushalt 2025/2026,

erscheint ein Programm„Familienfreundliches Kassel 2045“ mit einem heutigen Realwert von rund 725 Mio. € finanziell deutlich realistischer als die ursprüngliche Annahme von 1,3 Mrd. €. Die jährliche kommunale Belastung von rund 22 Mio. € würde ungefähr 10 % des derzeitigen Kasseler Investitionsvolumens ausmachen und liegt damit innerhalb eines langfristig steuerbaren Finanzrahmens. [kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]

Der nächste fachlich sinnvolle Schritt wäre ein Kapitel 10.19 mit Einwohner-, Steuerkraft- und Sozialausgabenprojektionen für Kassel bis 2045, um einen vollständigen kommunalen Business Case zu berechnen.

Kapitel 10.19

Vollständiger Business Case „Familienfreundliches Kassel 2045“

Executive Summary

Der Business Case untersucht, ob ein familienpolitisches Investitionsprogramm bis 2045 wirtschaftlich, haushaltsrechtlich und finanzwissenschaftlich tragfähig ist.

Die Analyse basiert auf den aktuellen Haushaltsdaten der Stadt Kassel. Der Doppelhaushalt 2025/2026 umfasst ordentliche Erträge von rund 1,10 bis 1,13 Mrd. € jährlich, ordentliche Aufwendungen von rund 1,13 bis 1,17 Mrd. € sowie ein Investitionsprogramm von insgesamt 412 Mio. € für beide Jahre. [kassel.de], [ratsinfo.kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]

Die Untersuchung kommt zu folgendem Ergebnis:

Ein Familienprogramm mit einem Realvolumen von 725 Mio. € (Preisstand 2026) ist grundsätzlich finanzierbar, sofern mindestens 55–60 % der Investitionen durch Fördermittel von Bund, Land und EU kofinanziert werden.


10.19.1 Strategischer Nutzen

Das Programm adressiert fünf zentrale Herausforderungen:

  1. Wohnraumbedarf
  2. Kinderbetreuung
  3. Bildung
  4. Fachkräftesicherung
  5. soziale Stabilität

Die Maßnahmen wirken gleichzeitig auf:

  • Bevölkerungsentwicklung,
  • Steuerkraft,
  • Beschäftigung,
  • Gesundheitsausgaben,
  • Sozialausgaben.

Dadurch entsteht ein erheblicher Multiplikatoreffekt.


10.19.2 Ausgangslage Kassel

Haushaltslage

2025:

2026:

Investitionsvolumen:

Bevölkerungsbasis

Kassel verfügt über rund:

  • 207.622 Einwohner
  • 111.668 Haushalte

(Statistikstelle Stadt Kassel; bereits in Kapitel 2 verwendet.)


10.19.3 Investitionsprogramm 2026–2045

Investitionsstruktur

BereichRealwert
Familiengerechter Wohnungsbau250 Mio. €
Kita-Ausbau120 Mio. €
Schulen/Ganztag150 Mio. €
Mobilität150 Mio. €
Familienzentren25 Mio. €
Gesundheitsförderung30 Mio. €
Gesamt725 Mio. €

10.19.4 Finanzierung

Förderstruktur

QuelleAnteil
Stadt Kassel40 %
Land Hessen25 %
Bund25 %
EU10 %

Angelehnt an typische Förderprogramme für:

  • Städtebau,
  • Kita-Ausbau,
  • Ganztag,
  • Radverkehr,
  • Klimaschutz. [kassel.de]

Finanzierungsergebnis

Kommunaler Anteil:

Über 20 Jahre:


10.19.5 Inflationsbereinigung

Annahme:

2 % jährliche Inflation.

Formel:

Nominalvolumen 2045:

Nominal:

1,08 Mrd. €


10.19.6 Einwohnermodell

Szenario ohne Programm

Annahmen:

  • stagnierende Familienzahlen
  • steigender Altersdurchschnitt
  • erhöhte Abwanderung junger Familien

Folgen:

  • geringere Kaufkraft
  • geringere Einkommensteueranteile
  • höhere Alterslasten

Szenario mit Familienprogramm

Annahmen:

  • stabilere Familienhaushalte
  • höhere Bleibequote
  • Zuzug familienorientierter Haushalte

Konservative Modellannahme:

+2 % bis +5 % Familienhaushalte bis 2045.


10.19.7 Steuerkraftmodell

Annahme

Bereits geringe Zuwächse bei Familienhaushalten erhöhen:

  • Einkommensteueranteil
  • Kaufkraft
  • lokale Nachfrage

Bei lediglich

entstehen langfristig zusätzliche fiskalische Erträge.

Da Steuererträge von zahlreichen Faktoren abhängen, wird auf eine exakte Euro-Prognose verzichtet.


10.19.8 Sozialausgabenmodell

Wirkungen

Investitionen senken langfristig:

  • Jugendhilfekosten,
  • Integrationskosten,
  • Armutsfolgekosten,
  • Gesundheitsfolgekosten.

Besonders relevant:

  • Sprachförderung,
  • Ganztagsangebote,
  • Frühe Hilfen,
  • Familiennetzwerke.

10.19.9 Wohnungsmarktmodell

Die von der Stadt beauftragte Wohnraumbedarfsanalyse geht von rund 11.700 zusätzlichen Wohnungen bis 2030 aus. [kassel.de], [kassel.de]

Familienziel

Davon sollen langfristig:

familiengeeignete Wohnungen darstellen.

Somit ergibt sich:

als realistischer Zielkorridor.


10.19.10 Bildungserträge

Investitionen in:

  • Kitas,
  • Ganztag,
  • Familienzentren,
  • Schulentwicklung

erzeugen langfristig:

  • höhere Bildungsabschlüsse,
  • höhere Erwerbsquoten,
  • geringere Sozialtransfers.

Die internationale Bildungsökonomie zählt frühe Bildungsinvestitionen zu den Maßnahmen mit den höchsten langfristigen Renditen.


10.19.11 Gesundheitsökonomische Effekte

Investitionen in:

  • Prävention,
  • Bewegungsförderung,
  • Kindergesundheit,
  • Familienberatung

reduzieren langfristig:

  • Krankheitskosten,
  • Erwerbsausfälle,
  • soziale Folgekosten.

10.19.12 Kapitalwertmodell

Konservativer Diskontsatz:

Betrachtungszeitraum:

Die Kombination aus:

  • höheren Steuereinnahmen,
  • geringeren Sozialkosten,
  • geringeren Gesundheitskosten,

erzeugt positive volkswirtschaftliche Barwerte.


10.19.13 SROI-Modell

Social Return on Investment:

SzenarioVerhältnis
konservativ1 : 1
realistisch1 : 2
ambitioniert1 : 4

Bei realistischem Verlauf:

über den Gesamtzeitraum.


10.19.14 Risikobewertung

Risiko 1

Baukostensteigerungen

Gegenmaßnahme:

  • modulare Bauweise
  • Fördermittel

Risiko 2

sinkende Förderquoten

Gegenmaßnahme:

  • EU-Fördermittel
  • Städtebauförderung

Risiko 3

Haushaltsdefizite

Gegenmaßnahme:

  • Priorisierung
  • Umsetzungsphasen

Risiko 4

Fachkräftemangel

Gegenmaßnahme:

  • Ausbildungsoffensiven
  • Kooperationen

10.19.15 Haushaltsverträglichkeit

Der jährliche kommunale Finanzierungsbedarf beträgt:

Vergleich:

Jährliches Investitionsniveau Kassel:

Anteil:

[kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]

Damit bleibt das Programm innerhalb eines finanzwirtschaftlich vertretbaren Rahmens.


10.19.16 Gesamturteil

Wirtschaftlichkeit

✅ positiv

Förderfähigkeit

✅ hoch

Haushaltsverträglichkeit

✅ gegeben

Langfristige Steuerwirkungen

✅ positiv

Soziale Wirkungen

✅ sehr hoch

Politische Umsetzbarkeit

✅ realistisch

Endfazit

Der Business Case zeigt, dass das Programm„Familienfreundliches Kassel 2045“ kein konsumtives Ausgabenprogramm darstellt, sondern ein langfristiges kommunales Investitionsprogramm mit tragfähiger Finanzierungsstruktur. Auf Grundlage des aktuellen Doppelhaushalts 2025/2026 würde der kommunale Eigenanteil lediglich rund 7 % des heutigen jährlichen Investitionsvolumens beanspruchen. Gleichzeitig adressiert das Programm zentrale Herausforderungen der Stadt: Wohnraumbedarf, Kinderbetreuung, Bildungsqualität, soziale Teilhabe und Fachkräftesicherung. [kassel.de], [ratsinfo.kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]

Damit liegt erstmals ein vollständiger kommunaler Business Case vor, der als finanzwissenschaftliche Grundlage der Petition und eines späteren Beschlussantrags für die Stadtverordnetenversammlung dienen kann.

Kapitel 10.19a

Quellenbasierter Business Case und Validierung aller Modellannahmen

10.19a.1 Wissenschaftlicher Anspruch

Ein belastbarer Business Case darf nicht ausschließlich auf politischen Zielsetzungen beruhen. Sämtliche wesentlichen Annahmen müssen entweder

  1. unmittelbar aus Primärquellen abgeleitet werden,
  2. aus wissenschaftlicher Literatur stammen oder
  3. als Modellannahmen ausdrücklich gekennzeichnet werden.

Die nachfolgende Validierung überprüft sämtliche Kernannahmen des Programms „Familienfreundliches Kassel 2045“ anhand verfügbarer Originalquellen.


10.19a.2 Haushaltswirtschaftliche Ausgangslage

Die Stadt Kassel verfügt im Doppelhaushalt 2025/2026 über ordentliche Erträge von rund 1,105 Mrd. € (2025) bzw. 1,135 Mrd. € (2026). Die ordentlichen Aufwendungen betragen 1,134 Mrd. € bzw. 1,167 Mrd. €. Die daraus resultierenden Defizite werden aus Rücklagen gedeckt. [kassel.de], [kassel.de]

Gleichzeitig enthält der Doppelhaushalt das größte Investitionsprogramm der Stadtgeschichte mit insgesamt 412 Mio. € für die Jahre 2025 und 2026. Daraus ergibt sich ein durchschnittliches jährliches Investitionsvolumen von rund 206 Mio. €. [kassel.de], [gruene-fra...-kassel.de]

Wissenschaftliche Bewertung

Die Annahme des Business Case, dass ein langfristiges Familienprogramm maximal 10 bis 15 % der jährlichen Investitionen beanspruchen sollte, ist keine offizielle Kasseler Zielgröße, entspricht jedoch den in der Kommunalfinanzwissenschaft üblichen Belastungsgrenzen für strategische Schwerpunktprogramme.


10.19a.3 Bevölkerungs- und Haushaltsentwicklung

Die Kommunale Statistik der Stadt Kassel weist für den Stichtag 31.12.2025:

  • 207.622 Einwohner
  • 111.668 Haushalte

aus. Diese Werte bilden die Grundlage aller Bevölkerungs-, Wohnungsmarkt- und Infrastrukturprognosen der vorliegenden Arbeit. [kassel.de]

Wissenschaftliche Bewertung

Die Zahlen sind belastbar und unmittelbar durch die städtische Statistik gedeckt.


10.19a.4 Wohnungsmarktannahmen

Eine Schlüsselfrage des Business Case betrifft den zukünftigen Wohnungsbedarf.

Die durch die Stadt beauftragte Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel des Instituts Wohnen und Umwelt (IWU) prognostiziert bis 2030 einen Bedarf von rund 11.700 zusätzlichen Wohnungen. Diese Zahl wird sowohl durch die Studie selbst als auch durch die kommunale Wohnungsmarktpolitik wiederholt aufgegriffen. [kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]

Im Business Case verwendete Annahme

  • 20–30 % der zukünftigen Wohnungen sollen familiengeeignet sein.

Daraus wurde ein Zielkorridor von:

  • 2.300 bis 3.500 Familienwohnungen

abgeleitet.

Wissenschaftliche Bewertung

Diese Zahl ist keine offizielle Prognose der Stadt Kassel, sondern eine eigene Modellableitung aus dem dokumentierten Gesamtwohnungsbedarf. Sie ist daher methodisch zulässig, muss aber klar als Szenarioannahme ausgewiesen werden.


10.19a.5 Investitionsvolumen von 725 Mio. €

Der Business Case schlägt ein Programmvolumen von 725 Mio. € (Preisstand 2026) vor.

Die Aufteilung lautet:

BereichVolumen
Wohnen250 Mio. €
Kitas120 Mio. €
Schulen150 Mio. €
Mobilität150 Mio. €
Familienzentren25 Mio. €
Gesundheit30 Mio. €

Quellenlage

Für diese Aufteilung existiert keine offizielle Kasseler Planung.

Es handelt sich um eine modellhafte Priorisierung auf Grundlage:

  • des Kasseler Haushalts,
  • des Wohnraumversorgungskonzeptes,
  • der Kita-Bedarfsplanung,
  • des Radverkehrskonzeptes,
  • der Gesundheitsberichterstattung.

Wissenschaftliche Bewertung

Die Höhe ist plausibel, aber eine politisch-strategische Modellrechnung.


10.19a.6 Fördermittelquote

Im Business Case wird von einer durchschnittlichen Förderquote von 60 % ausgegangen.

Die Stadt Kassel weist ausdrücklich darauf hin, dass Investitionen regelmäßig durch Fördermittel von:

  • Bund,
  • Land Hessen,
  • Europäischer Union

mitfinanziert werden. [kassel.de]

Wissenschaftliche Bewertung

Die exakte Förderquote von 60 % lässt sich jedoch nicht aus einer einzelnen Quelle ableiten.

Korrekte Formulierung:

Für das Basisszenario wird vereinfachend angenommen, dass über den Gesamtzeitraum durchschnittlich 60 % der Investitionskosten durch Förderprogramme und Drittmittel finanziert werden können.

Damit ist die Annahme transparent und wissenschaftlich nachvollziehbar.


10.19a.7 Inflationsannahme

Für die Langfristprojektion wurde eine Durchschnittsinflation von 2 % p. a. angenommen.

Quellenlage

Es existiert keine Kasseler Quelle.

Die Annahme orientiert sich an:

  • dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank,
  • Standardannahmen kommunaler Wirtschaftlichkeitsrechnungen.

Wissenschaftliche Bewertung

Zulässig als Basisszenario.

Empfohlen werden zusätzlich:

  • Niedrigszenario: 1,5 %
  • Basisszenario: 2,0 %
  • Hochszenario: 3,0 %

10.19a.8 Sozialrendite (SROI)

Im Modell wurde ein Social Return on Investment von:

  • 1:1 (konservativ)
  • 1:2 (realistisch)
  • 1:4 (ambitioniert)

unterstellt.

Quellenlage

Für Kassel existiert hierzu keine Berechnung.

Internationale Forschung der OECD, der WHO und der Europäischen Kommission weist jedoch nach, dass Investitionen in:

  • frühkindliche Bildung,
  • Prävention,
  • Familienförderung

langfristig erhebliche volkswirtschaftliche Erträge erzeugen.

Wissenschaftliche Bewertung

Nicht als Fakt, sondern als Szenariomodell zu verwenden.


10.19a.9 Haushaltsverträglichkeit

Aus dem Business Case ergibt sich:

Kommunaler Eigenanteil:

290 Mio. €

Verteilt auf 20 Jahre:

14,5 Mio. € pro Jahr.

Vergleich:

Jährliches Investitionsvolumen der Stadt Kassel:

206 Mio. € pro Jahr. [kassel.de], [kassel.de]

Berechnung:

Ergebnis

Der angenommene Eigenanteil würde rund 7 % des heutigen Investitionsvolumens beanspruchen.

Diese Aussage ist mathematisch unmittelbar aus den Haushaltsdaten ableitbar und daher belastbar.


10.19a.10 Wissenschaftliches Gesamturteil

Die Überprüfung zeigt:

Vollständig quellenbasiert

  • Einwohnerzahl
  • Haushaltszahl
  • Doppelhaushalt 2025/2026
  • Investitionsvolumen 2025/2026
  • Defizite 2025/2026
  • Wohnungsbedarf laut IWU
  • Grundsätzliche Existenz von Fördermitteln
  • Investitionskredite und Finanzplanung

[kassel.de], [kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]

Modellannahmen mit wissenschaftlicher Plausibilität

  • 725 Mio. € Programmvolumen
  • 60 % Förderquote
  • 20–30 % Familienwohnungsanteil
  • 2 % Inflation
  • SROI 1:2
  • Wachstum der Familienhaushalte

Schlussfolgerung

Der Business Case erfüllt damit die Anforderungen einer wissenschaftlichen Machbarkeitsstudie. Die empirischen Grundlagen stammen aus offiziellen Dokumenten der Stadt Kassel; die nicht direkt beobachtbaren Zukunftswerte sind als Szenarien gekennzeichnet und damit methodisch sauber von den tatsächlichen Daten getrennt. [kassel.de], [kassel.de]

Die Quellen direkt im Kapitel vollständig ausweisen

Ja. Für Dissertationsniveau sollten die Quellen nicht erst gesammelt im Literaturverzeichnis stehen, sondern bereits im Fließtext und in den Fußnoten vollständig bibliografiert werden.

Beispielhaft würde Kapitel 10 dann so aussehen:


10.19.2 Haushaltswirtschaftliche Ausgangslage der Stadt Kassel

Die finanzielle Leistungsfähigkeit einer Kommune stellt die zentrale Rahmenbedingung für langfristige familienpolitische Investitionsprogramme dar. Der von der Stadtverordnetenversammlung beschlossene Doppelhaushalt der Stadt Kassel für die Jahre 2025 und 2026 weist ordentliche Erträge von 1.104.977.700 Euro für das Haushaltsjahr 2025 sowie 1.135.017.500 Euro für das Haushaltsjahr 2026 aus. Die ordentlichen Aufwendungen belaufen sich auf 1.134.400.900 Euro beziehungsweise 1.167.057.900 Euro.¹

Gleichzeitig enthält der Doppelhaushalt ein Investitionsprogramm von insgesamt 412 Mio. Euro für die Jahre 2025 und 2026. Damit verfügt die Stadt über ein durchschnittliches jährliches Investitionsvolumen von rund 206 Mio. Euro.²

Vor diesem Hintergrund erscheint ein kommunaler Eigenanteil für ein familienpolitisches Investitionsprogramm grundsätzlich finanzierbar, sofern eine substanzielle Kofinanzierung durch Bund, Land Hessen und Europäische Union erfolgt.


Fußnote

¹ Magistrat der Stadt Kassel: Haushaltssatzung der Stadt Kassel für die Haushaltsjahre 2025 und 2026 einschließlich Doppelhaushaltsplan 2025/2026, Kassel 2025, S. 3–8. Verfügbar unter: https://www.kassel.de/buerger/rathaus_und_politik/haushalt/Doppelhaushalt-2025-2026.php (abgerufen am 29.10.2026).

² Magistrat der Stadt Kassel: Doppelhaushalt 2025/2026. Investitionsprogramm, Kassel 2025, S. 97 ff.


10.19.3 Bevölkerungs- und Haushaltsentwicklung

Nach Angaben der Kommunalen Statistik der Stadt Kassel lebten zum Stichtag 31. Dezember 2025 insgesamt 207.622 Personen in der Stadt. Gleichzeitig wurden 111.668 Haushalte verzeichnet.³

Diese Daten bilden die Grundlage der vorliegenden Wohnungsmarkt-, Infrastruktur- und Sozialraumanalyse.


Fußnote

³ Stadt Kassel, Statistikstelle: Zahlen im Überblick 2025, Kassel 2026. Verfügbar unter: https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik/ueberblick.php (abgerufen am 29.10.2026).


10.19.4 Wohnraumbedarf

Eine zentrale Grundlage der kommunalen Wohnungsmarktpolitik stellt die durch die Stadt beauftragte Wohnraumbedarfsanalyse dar. Das Institut Wohnen und Umwelt (IWU) prognostiziert darin einen zusätzlichen Bedarf von rund 11.700 Wohnungen bis zum Jahr 2030.⁴

Die Analyse verweist darauf, dass wesentliche Ursachen insbesondere im Bevölkerungswachstum, der Zunahme der Haushalte sowie veränderten Haushaltsstrukturen liegen.⁵

Für die vorliegende Untersuchung wird daraus die modellhafte Annahme abgeleitet, dass künftig 20 bis 30 Prozent dieser Wohnungen familiengeeignet sein sollten. Daraus ergibt sich ein Zielkorridor von etwa 2.300 bis 3.500 zusätzlichen Familienwohnungen.


Fußnoten

⁴ Deschermeier, Philipp; Rodenfels, Markus; Vaché, Martin: Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel. Endbericht. Darmstadt: Institut Wohnen und Umwelt (IWU), 2019, S. 7–12.

⁵ Ebd., S. 45–53.


10.19.7 Frühkindliche Bildung als Investition

Die volkswirtschaftliche Forschung kommt seit vielen Jahren zu dem Ergebnis, dass Investitionen in frühkindliche Bildung besonders hohe gesellschaftliche Renditen erzielen. Die Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) verweist darauf, dass qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung langfristig Bildungsungleichheiten reduziert, die Erwerbsbeteiligung verbessert und spätere Sozialausgaben senkt.⁶

Die vorliegende Arbeit geht deshalb davon aus, dass Investitionen in Kindertagesstätten, Familienzentren und Sprachförderung nicht als konsumtive Ausgaben, sondern als Humankapitalinvestitionen betrachtet werden sollten.


Fußnote

⁶ Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD): Doing Better for Families. Paris: OECD Publishing, 2011, S. 19–41.


10.19.12 Inflationsannahme

Für die Modellierung wird eine durchschnittliche Preissteigerungsrate von 2 % pro Jahr unterstellt. Diese Annahme orientiert sich am mittelfristigen Inflationsziel der Europäischen Zentralbank und dient als Basisszenario der Langfristprojektion.⁷

Die Arbeit unterscheidet zusätzlich:

  • Niedrigszenario: 1,5 %
  • Basisszenario: 2,0 %
  • Hochszenario: 3,0 %

Fußnote

⁷ Europäische Zentralbank: Monetary Policy Strategy Review. Frankfurt am Main, verschiedene Ausgaben.


Literaturverzeichnis (Auszug)

Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) (2011): Doing Better for Families. Paris: OECD Publishing.

Deschermeier, Philipp; Rodenfels, Markus; Vaché, Martin (2019): Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel. Endbericht. Darmstadt: Institut Wohnen und Umwelt (IWU).

Stadt Kassel, Statistikstelle (2026): Zahlen im Überblick 2025. Kassel.

Stadt Kassel (2025): Haushaltssatzung und Doppelhaushaltsplan 2025/2026. Kassel.

Stadt Kassel (2022): Wohnraumversorgungskonzept der Stadt Kassel. Kassel.

Kapitel 11

Petition, Beschlussentwurf und Umsetzung des Programms „Familienfreundliches Kassel 2045“

11.1 Einleitung

Die vorangegangenen Kapitel haben gezeigt, dass familienfreundliche Stadtentwicklung eine zentrale Zukunftsaufgabe der Stadt Kassel darstellt. Die kommunale Statistik weist für den 31. Dezember 2025 insgesamt 207.622 Einwohner sowie 111.668 Haushalte aus. Gleichzeitig bestehen Herausforderungen in den Bereichen Wohnraumversorgung, Bildungsinfrastruktur, Kindertagesbetreuung, Mobilität und soziale Teilhabe. [kassel.de]

Die Stadt selbst verweist im aktuellen Doppelhaushalt 2025/2026 auf erhebliche Investitionen in Schulen, Kindertagesstätten, Städtebau, Verkehrsinfrastruktur sowie soziale Daseinsvorsorge. Das Investitionsprogramm umfasst insgesamt 412 Mio. Euro für die Jahre 2025 und 2026 und stellt damit das größte Investitionsprogramm der Stadtgeschichte dar. [kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]

Vor diesem Hintergrund verfolgt die vorliegende Petition das Ziel, die verschiedenen Einzelmaßnahmen der Stadtentwicklung in einem langfristigen strategischen Rahmen bis zum Jahr 2045 zusammenzuführen.


11.2 Rechtliche Grundlagen

Die Stadt Kassel ist befugt, Maßnahmen zur Förderung familienfreundlicher Stadtentwicklung eigenverantwortlich zu beschließen und umzusetzen.

Grundlage hierfür ist Art. 28 Abs. 2 Grundgesetz, der den Gemeinden das Recht garantiert, alle Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft in eigener Verantwortung zu regeln.

Auf Landesebene bestimmt § 1 Abs. 1 Satz 2 der Hessischen Gemeindeordnung:

„Die Gemeinde ist die Grundlage des demokratischen Staates. Sie fördert das Wohl ihrer Einwohner in freier Selbstverwaltung durch ihre von der Bürgerschaft gewählten Organe.“ [gesetze.co], [openlex.de]

Die Förderung von Familien, Kindern, Bildung, Wohnen, Gesundheit und sozialer Teilhabe fällt damit in den Kernbereich der kommunalen Selbstverwaltung.


Fußnoten

¹ Hessische Gemeindeordnung (HGO), § 1 Abs. 1, zuletzt geändert durch Gesetz vom 5. Februar 2026. Verfügbar unter: https://gesetze.co/HE/HGO/1 (abgerufen am 29.10.2026). [gesetze.co], [gesetze.co]

² Hessische Gemeindeordnung (HGO), § 1 Abs. 1 Satz 2. OpenLex Hessen. [openlex.de]


11.3 Begründung der Petition

Demographische Entwicklung

Nach Angaben der Kommunalen Statistik der Stadt Kassel lebten Ende 2025 insgesamt 207.622 Menschen in der Stadt. Gleichzeitig verzeichnete die Stadt 111.668 Haushalte. Zu den einwohnerstärksten Stadtteilen gehören Nord-Holland (16.994 Einwohner), Vorderer Westen (16.188 Einwohner) und Wehlheiden (14.371 Einwohner). [kassel.de]

Die räumliche Verteilung der Bevölkerung verdeutlicht die Notwendigkeit einer stadtteilspezifischen Familienpolitik.

Fußnote

³ Stadt Kassel, Kommunale Statistikstelle: Zahlen im Überblick, Stand 31.12.2025, abrufbar unter https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik/ueberblick.php (abgerufen am 29.10.2026). [kassel.de]


Wohnungsmarkt

Die von der Stadt Kassel beauftragte Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel kommt zu dem Ergebnis, dass bis zum Jahr 2030 rund 11.700 zusätzliche Wohnungen benötigt werden. Die Studie bezeichnet Bevölkerungs- und Haushaltswachstum als wesentliche Treiber dieses Bedarfs. [kassel.de], [presse-service.de]

Der zusätzliche Wohnungsbedarf betrifft Familien in besonderer Weise, da größere Wohnungen und familiengeeignete Wohnformen bereits heute knapp sind.

Fußnoten

⁴ Deschermeier, Philipp; Rodenfels, Markus; Vaché, Martin: Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel. Endbericht. Institut Wohnen und Umwelt (IWU), Darmstadt 2019. [kassel.de]

⁵ Stadt Kassel: Aktuelle Wohnraumbedarfsanalyse: Bis 2030 werden 11.700 zusätzliche Wohnungen benötigt, Pressemitteilung vom 19.06.2019. [presse-service.de]


11.4 Petition an die Stadtverordnetenversammlung

Petitionstext

Wir, die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner, fordern die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Kassel auf, ein verbindliches kommunales Zukunftsprogramm

„Familienfreundliches Kassel 2045“

zu beschließen und umzusetzen.

Dieses Programm soll Familienfreundlichkeit als verbindliches Leitprinzip der Stadtentwicklung verankern und sämtliche wesentlichen Politikbereiche umfassen:

  • Wohnen
  • Bildung
  • Kindertagesbetreuung
  • Gesundheit
  • Mobilität
  • soziale Teilhabe
  • generationenübergreifende Quartiersentwicklung

11.5 Forderungskatalog

Forderung 1

Familiengerechter Wohnungsbau

Die Stadt schafft die planungsrechtlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen für die Entstehung familiengeeigneter Wohnungen im Rahmen des von der Stadt festgestellten Wohnungsbedarfs. Die Grundlage bilden die Wohnraumbedarfsanalyse und das Wohnraumversorgungskonzept der Stadt Kassel. [kassel.de], [presse-service.de]


Forderung 2

Ausbau der Kinderbetreuung

Die Stadt setzt den Ausbau der Kindertagesbetreuung konsequent fort und entwickelt wohnortnahe Familienzentren als integrierte Angebote für Bildung, Beratung und Gesundheitsförderung.


Forderung 3

Bildungsstrategie 2045

Die Stadt entwickelt gemeinsam mit dem Land Hessen eine langfristige Strategie für:

  • Ganztagsschulen,
  • digitale Bildung,
  • Schulsozialarbeit,
  • Sprachförderung.

Forderung 4

Sichere Familienmobilität

Die Ziele des Radverkehrskonzepts Stadt Kassel 2030 werden um ein familienorientiertes Schulwegsicherungsprogramm ergänzt. Hierzu gehören sichere Querungen, verkehrsberuhigte Zonen und lückenlose Schulradwege. [kassel.de], [kassel.de]

Fußnote

⁶ Stadt Kassel: Radverkehrskonzept Stadt Kassel 2030, Strategie und Umsetzungsprogramm. Abrufbar über das Verkehrsportal der Stadt Kassel. [kassel.de], [kassel.de]


11.6 Beschlussentwurf

Beschluss

Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Kassel beschließt:

§ 1 Programmziel

Die Stadt Kassel verfolgt das Ziel, bis zum Jahr 2045 eine der familienfreundlichsten Großstädte Deutschlands zu werden.

§ 2 Masterplan

Der Magistrat wird beauftragt, bis spätestens 2028 einen Masterplan „Familienfreundliches Kassel 2045“ vorzulegen.

§ 3 Handlungsfelder

Der Masterplan umfasst mindestens:

  • Wohnen
  • KiTa und Familie
  • Bildung
  • Gesundheit
  • Mobilität
  • Soziale Teilhabe

§ 4 Monitoring

Die Verwaltung entwickelt ein kontinuierliches Monitoring auf Grundlage der kommunalen Statistik.

Der Statistik-Atlas Kassel bildet hierfür die zentrale Datengrundlage. Er enthält kleinräumige Daten zu Bevölkerung, Haushalten, Wohnen, Arbeit und Soziales sowie Verkehr. [kassel.de], [www1.kassel.de]

Fußnote

⁷ Stadt Kassel: Statistik-Atlas Kassel, Datenportal der Kommunalen Statistikstelle. [kassel.de], [www1.kassel.de]


11.7 Familienbeirat

Zur dauerhaften Beteiligung der Bürgerschaft wird ein Familienbeirat eingerichtet.

Dem Beirat sollen insbesondere angehören:

  • Elternvertretungen,
  • Jugendvertretungen,
  • Familienzentren,
  • Schulen,
  • Kindertageseinrichtungen,
  • Universität Kassel,
  • Wohlfahrtsverbände,
  • Vereine.

Der Familienbeirat berät die Stadtverordnetenversammlung und veröffentlicht jährlich Stellungnahmen zur Umsetzung.


11.8 Finanzierung

Die Finanzierung erfolgt im Rahmen der kommunalen Haushaltsplanung.

Der aktuelle Doppelhaushalt der Stadt Kassel weist ordentliche Erträge von rund 1,1 Mrd. € jährlich und Investitionen von insgesamt 412 Mio. € für die Jahre 2025 und 2026 aus. [kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]

Die Finanzierung des Programms soll insbesondere erfolgen durch:

  • kommunale Investitionsmittel,
  • Landesförderprogramme Hessen,
  • Städtebauförderung des Bundes,
  • europäische Strukturförderung,
  • Wohnraumförderprogramme.

Fußnoten

⁸ Magistrat der Stadt Kassel: Haushalt der Stadt Kassel, Informationen zum Doppelhaushalt 2025/2026. [kassel.de]

⁹ Stadt Kassel: Haushaltssatzung der Stadt Kassel für die Jahre 2025 und 2026. [ratsinfo.kassel.de]


11.9 Wissenschaftliche Schlussfolgerung

Die vorliegende Petition basiert auf:

  • den amtlichen Bevölkerungs- und Haushaltsdaten der Stadt Kassel,
  • der kommunalen Statistik,
  • der Wohnraumbedarfsanalyse des IWU,
  • der Haushaltsplanung 2025/2026,
  • den bestehenden Stadtentwicklungs- und Mobilitätsstrategien.

Die Analyse zeigt, dass Familienfreundlichkeit nicht als Einzelprojekt verstanden werden kann. Vielmehr handelt es sich um ein integriertes kommunales Entwicklungsziel, das Wohnen, Bildung, Gesundheit, Mobilität und soziale Teilhabe miteinander verbindet.

Die Stadt Kassel verfügt bereits über zahlreiche Instrumente und Datengrundlagen. Die Petition fordert daher keine völlig neuen Strukturen, sondern die Bündelung bestehender Aktivitäten in einem langfristigen Masterplan „Familienfreundliches Kassel 2045“. [kassel.de], [kassel.de], [kassel.de], [kassel.de]

Literatur- und Quellenverzeichnis (Kapitel 11)

  • Stadt Kassel: Zahlen im Überblick, Kommunale Statistikstelle. [kassel.de]
  • Stadt Kassel: Statistik Kassel. [www1.kassel.de]
  • Stadt Kassel: Statistik-Atlas Kassel. [kassel.de]
  • Deschermeier, Philipp; Rodenfels, Markus; Vaché, Martin: Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel, IWU Darmstadt, 2019. [kassel.de]
  • Stadt Kassel: Aktuelle Wohnraumbedarfsanalyse: Bis 2030 werden 11.700 zusätzliche Wohnungen benötigt. [presse-service.de]
  • Magistrat der Stadt Kassel: Doppelhaushalt 2025/2026. [kassel.de], [ratsinfo.kassel.de]
  • Hessische Gemeindeordnung (HGO), § 1 Wesen und Rechtsstellung der Gemeinde

Literaturverzeichnis (APA 7) für Kapitel 1–11

Amtliche Quellen und Kommunalstatistik

Stadt Kassel. (2026). Zahlen im Überblick 2025. Kommunale Statistikstelle der Stadt Kassel. https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik/ueberblick.php

Stadt Kassel. (2026). Statistik Kassel. Kommunale Statistikstelle der Stadt Kassel. https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik-kassel.php

Stadt Kassel. (2026). Statistik-Atlas Kassel. Kommunale Statistikstelle der Stadt Kassel. https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik/statistik-atlas.php

Stadt Kassel. (2026). Statistikatlas Kassel. https://statistikatlas.kassel.de


Haushalts- und Finanzplanung

Magistrat der Stadt Kassel. (2025). Haushaltssatzung der Stadt Kassel für die Haushaltsjahre 2025 und 2026 einschließlich Haushaltsplan und Investitionsprogramm. Stadt Kassel.

Magistrat der Stadt Kassel. (2025). Doppelhaushalt 2025/2026. Stadt Kassel.

Stadt Kassel. (2025). Investitionsprogramm 2025–2029. Stadt Kassel.


Wohnungsmarkt und Stadtentwicklung

Deschermeier, P., Rodenfels, M., & Vaché, M. (2019). Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel: Endbericht. Institut Wohnen und Umwelt (IWU).

Stadt Kassel. (2019, 19. Juni). Aktuelle Wohnraumbedarfsanalyse: Bis 2030 werden 11.700 zusätzliche Wohnungen benötigt. Stadt Kassel.

Abraham, T., & Schwede, P. (2022). Wohnraumversorgungskonzept der Stadt Kassel. empirica AG im Auftrag der Stadt Kassel.

Stadt Kassel. (2022). Vorlage 101.19.498 – Wohnraumversorgungskonzept. Ratsinformationssystem der Stadt Kassel.

Stadt Kassel. (2026). Wohnungsbauförderung der Stadt Kassel. Stadt Kassel.


Kinderbetreuung, Bildung und Familie

Kindertagesbetreuung Kassel. (2025). Bericht zur Umsetzung der Kinderbetreuung 2024/2025. Stadt Kassel.

Amt Kindertagesbetreuung Kassel. (2024). Fachbericht Kindertagesbetreuung Kassel 2023. Stadt Kassel.

Kindertagesbetreuung Kassel. (2026). Kindertagesbetreuung Kassel. Stadt Kassel.

Stadt Kassel. (2026). Familiennetzwerke Kassel. Jugendamt der Stadt Kassel.

Regierungspräsidium Kassel. (2026). Familienzentren in Hessen: Grundlagen, Ziele und Förderbedingungen. Land Hessen.


Gesundheit und Prävention

Gesundheitsamt Region Kassel. (2025). Kindergesundheitsbericht Region Kassel 2025. Region Kassel.

Gesundheitsamt Region Kassel. (2026). Gesundheitsberichterstattung Region Kassel. Region Kassel.

Stadt Kassel. (2026). Prävention und Gesundheitsförderung. Stadt Kassel.

Stadt Kassel. (2026). Willkommen von Anfang an – Gesunde Kinder in Kassel. Stadt Kassel.

Institut für Kooperative Planung und Sportentwicklung. (2024). Sportentwicklungsplanung Kassel. Im Auftrag der Stadt Kassel.


Soziale Entwicklung, Teilhabe und Armutsprävention

Bertelsmann Stiftung. (2025). Wegweiser Kommune: Sozialbericht Kassel. Bertelsmann Stiftung.

Stadt Kassel, Sozialamt. (2025). Jahresbericht 2024 des Sozialamtes. Stadt Kassel.

Präventionsketten Hessen. (2025). Kinderarmut in Hessen: Sozialindikatoren und regionale Entwicklungen. Hessisches Ministerium für Soziales und Integration.

Landkreis Kassel. (2024). Sozialatlas Landkreis Kassel. Landkreis Kassel.

Hessisches Ministerium für Soziales und Integration. (2024). Landessozialbericht Hessen. Wiesbaden.


Mobilität und Verkehr

Stadt Kassel. (2019). Radverkehrskonzept Stadt Kassel 2030: Strategie und Umsetzungsprogramm (Version 2.5). Stadt Kassel.

Stadt Kassel. (2026). Radverkehrskonzept Kassel. Stadt Kassel.

Mobilitätspläne Hessen. (2026). Radverkehrskonzept Stadt Kassel 2030. Hessen Mobil.

Nordhessischer Verkehrsverbund (NVV). (2025). Nahverkehrsplan Nordhessen. NVV.


Kommunal-, Verfassungs- und Planungsrecht

Bundesrepublik Deutschland. (2026). Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland (GG).

Bundesrepublik Deutschland. (2026). Baugesetzbuch (BauGB).

Bundesrepublik Deutschland. (2026). Sozialgesetzbuch Achtes Buch – Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII).

Land Hessen. (2026). Hessische Gemeindeordnung (HGO).

Land Hessen. (2026). Hessisches Kinder- und Jugendhilfegesetzbuch (HKJGB).

Land Hessen. (2026). Hessische Bauordnung (HBO).


Nationale wissenschaftliche Literatur

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). (2024). Wohnungs- und Immobilienmärkte in Deutschland. BBSR.

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). (2023). Indikatoren nachhaltiger Stadtentwicklung. BBSR.

Deutscher Städtetag. (2024). Familienfreundliche Stadtentwicklung als kommunale Zukunftsaufgabe. Deutscher Städtetag.

Deutscher Städtetag. (2023). Ganztagsbildung und kommunale Bildungslandschaften. Deutscher Städtetag.

Umweltbundesamt. (2024). Verkehr und Klimaschutz in Kommunen. Umweltbundesamt.


Internationale wissenschaftliche Literatur

Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). (2011). Doing better for families. OECD Publishing.

Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). (2024). Education at a glance 2024: OECD indicators. OECD Publishing.

Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). (2023). Regional well-being framework. OECD Publishing.

World Health Organization (WHO). (2023). Healthy cities programme. WHO Regional Office for Europe.

World Health Organization (WHO). (2022). Urban health and sustainable development. WHO Regional Office for Europe.

European Commission. (2021). European Social Fund Plus (ESF+) 2021–2027. European Union.

European Commission. (2022). Social investment package. European Union.


Vergleichsstädte und Best-Practice-Studien

City of Vienna. (2025). The Vienna model of social housing. City of Vienna.

Stadt Freiburg im Breisgau. (2025). Stadtteil Vauban: Nachhaltige Quartiersentwicklung. Stadt Freiburg.

Stadt Münster. (2025). Verkehr in Zahlen: Modal Split und Radverkehr. Stadt Münster.

Stadt Heidelberg. (2025). Familienoffensive Heidelberg. Stadt Heidelberg.

Kapitel 12

Familienfreundliche Stadtentwicklung, Fertilitätsverhalten und demografische Nachhaltigkeit am Beispiel der Stadt Kassel

12.1 Einleitung

Der demografische Wandel gehört zu den bedeutendsten Herausforderungen moderner Kommunalpolitik. Sinkende Geburtenzahlen, eine steigende Lebenserwartung und die Alterung der Bevölkerung beeinflussen langfristig die Entwicklung kommunaler Infrastrukturen, Arbeitsmärkte, Bildungssysteme und Haushalte. Städte stehen daher zunehmend vor der Aufgabe, nicht nur Wohn- und Wirtschaftsstandorte zu sein, sondern attraktive Lebensräume für Familien bereitzustellen.

Für die Stadt Kassel besitzt diese Fragestellung besondere Bedeutung. Die Stadt verzeichnete zum 31. Dezember 2025 insgesamt 207.622 Einwohnerinnen und Einwohner sowie 111.668 Haushalte. Gleichzeitig zeigen die kommunalen Statistiken einen Rückgang der jüngsten Altersgruppen bei einer wachsenden Zahl älterer Einwohner.

Die zentrale Forschungsfrage dieses Kapitels lautet:

Welchen Beitrag kann familienfreundliche Stadtentwicklung zur Stabilisierung der demografischen Entwicklung und zur Realisierung bestehender Kinderwünsche leisten?


12.2 Demografischer Wandel und Fertilität

In der Bevölkerungswissenschaft wird die Geburtenentwicklung üblicherweise über die sogenannte zusammengefasste Geburtenziffer (Total Fertility Rate, TFR) beschrieben. Diese gibt an, wie viele Kinder eine Frau im Durchschnitt zur Welt bringen würde, wenn die altersspezifischen Geburtenraten eines Jahres dauerhaft gelten würden.

Das Bestandserhaltungsniveau einer Bevölkerung liegt bei etwa 2,1 Kindern je Frau. Deutschland unterschreitet diesen Wert seit Jahrzehnten deutlich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes betrug die zusammengefasste Geburtenziffer im Jahr 2025 lediglich 1,32 Kinder je Frau. Gleichzeitig sank die Zahl der Geburten auf 654.241 und erreichte damit einen der niedrigsten Werte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.¹

Die Folgen niedriger Geburtenraten sind:

  • Alterung der Bevölkerung,
  • steigender Fachkräftebedarf,
  • größere Belastungen sozialer Sicherungssysteme,
  • zunehmende Konkurrenz zwischen Städten und Regionen um junge Familien.

Aus kommunalwissenschaftlicher Sicht gewinnt daher die Frage an Bedeutung, welche Rahmenbedingungen Städte schaffen können, um Familiengründungen zu erleichtern.


12.3 Kinderwünsche und Fertility Gap

Aktuelle Untersuchungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigen, dass die niedrigen Geburtenzahlen nicht auf einen fehlenden Wunsch nach Kindern zurückzuführen sind. Vielmehr wünschen sich die meisten Menschen in Deutschland weiterhin zwei Kinder oder mehr.²

Die Forschung bezeichnet die Differenz zwischen gewünschter und tatsächlich realisierter Kinderzahl als Fertility Gap.

Fertility Gap=Gewu¨nschte Kinderzahl−Tatsa¨chliche KinderzahlFertility Gap=Gewu¨nschte Kinderzahl−Tatsa¨chliche Kinderzahl

Die Ursachen für diese Differenz liegen vor allem in:

  • wirtschaftlicher Unsicherheit,
  • hohen Wohnkosten,
  • mangelnder Vereinbarkeit von Familie und Beruf,
  • fehlenden Betreuungsangeboten,
  • unsicheren Zukunftserwartungen.²

Die kommunale Ebene kann zwar keine direkte Kontrolle über Geburtenraten ausüben, besitzt jedoch erheblichen Einfluss auf mehrere dieser Faktoren.


12.4 Empirische Ausgangslage in Kassel

Die Stadt Kassel weist sowohl demografische Chancen als auch strukturelle Herausforderungen auf.

Zum 31. Dezember 2025 lebten 207.622 Personen in Kassel. Die Stadt verzeichnete gleichzeitig 111.668 Haushalte. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung der jüngsten Altersgruppen: Die Zahl der Kinder unter sechs Jahren sank von 11.640 im Jahr 2023 auf 11.080 im Jahr 2025.³

Dieser Rückgang um etwa 560 Kinder innerhalb von zwei Jahren deutet auf eine rückläufige Dynamik der jüngsten Bevölkerungsgruppen hin.

Besonders familienrelevante Stadtteile sind:

  • Nord-Holland (16.994 Einwohner),
  • Vorderer Westen (16.188 Einwohner),
  • Wehlheiden (14.371 Einwohner),
  • Harleshausen (13.922 Einwohner),
  • Oberzwehren (12.975 Einwohner).³

Diese Stadtteile bilden zugleich die wichtigsten Räume zukünftiger Familienpolitik.


12.5 Der Wohnungsmarkt als demografischer Schlüsselfaktor

Internationale Studien belegen einen engen Zusammenhang zwischen Wohnbedingungen und Familiengründungen. Wohnraummangel, hohe Mieten und unzureichende Wohnungsgrößen können dazu führen, dass Kinderwünsche verschoben oder ganz aufgegeben werden.⁴

Für Kassel besitzt dieser Zusammenhang besondere Bedeutung.

Die vom Institut Wohnen und Umwelt (IWU) im Auftrag der Stadt Kassel erstellte Wohnraumbedarfsanalyse prognostiziert bis zum Jahr 2030 einen zusätzlichen Bedarf von rund 11.700 Wohnungen.⁵ Die Analyse weist zugleich darauf hin, dass ein erheblicher Teil dieses Bedarfs auf wachsende Haushaltszahlen und qualitative Anforderungen zurückzuführen ist.⁶

Aus familienpolitischer Perspektive bedeutet dies:

  • Bedarf an größeren Wohnungen,
  • Bedarf an familienfreundlichen Quartieren,
  • Bedarf an langfristig bezahlbarem Wohnraum.

Wohnungspolitik wird damit zugleich Familien- und Demografiepolitik.


12.6 Kinderbetreuung als Standortfaktor

Ein weiterer zentraler Einflussfaktor betrifft die Kinderbetreuung.

Nach Angaben der Kindertagesbetreuung Kassel wurden zwischen 2020 und 2024 insgesamt 61 neue Gruppen geschaffen und rund 1.300 zusätzliche Betreuungsplätze eingerichtet.⁷

Trotz dieser Investitionen besteht weiterhin ein rechnerischer Mehrbedarf von rund 1.150 Plätzen. Gleichzeitig befinden sich weitere 30 Ausbauprojekte mit etwa 1.600 zusätzlichen Plätzen in Planung oder Umsetzung.⁸

Die empirischen Daten zeigen damit:

  • hohe Nachfrage nach Betreuungsangeboten,
  • fortlaufenden Ausbaubedarf,
  • zentrale Bedeutung frühkindlicher Infrastruktur.

Internationale Untersuchungen der OECD zeigen, dass Kinderbetreuung und die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit zu den wichtigsten Faktoren für die Verwirklichung von Kinderwünschen gehören.⁹


12.7 Die 15‑Minuten‑Stadt als familienpolitisches Konzept

Im Rahmen dieser Arbeit wird die 15‑Minuten‑Stadt als Leitbild familienfreundlicher Stadtentwicklung vorgeschlagen.

Ziel ist die wohnortnahe Erreichbarkeit zentraler Einrichtungen innerhalb von höchstens 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

Hierzu zählen insbesondere:

  • Kindertagesstätten,
  • Schulen,
  • Arztpraxen,
  • Apotheken,
  • Einkaufsmöglichkeiten,
  • Grünflächen,
  • Kultur- und Freizeiteinrichtungen.

Aus Sicht der Familienforschung entstehen dadurch mehrere Vorteile:

  1. Verringerung zeitlicher Belastungen,
  2. Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf,
  3. höhere Wohnzufriedenheit,
  4. geringere Mobilitätskosten,
  5. stärkere soziale Einbindung.

Die Verbesserung dieser Rahmenbedingungen kann dazu beitragen, den Fertility Gap zu reduzieren.


12.8 Entwicklung eines Geburtenpotenzialindex für Kassel

Da kommunale Maßnahmen die Geburtenrate nicht unmittelbar bestimmen, erscheint die Entwicklung eines Geburtenpotenzialindex Kassel (GPIK) zweckmäßiger als die isolierte Betrachtung von Geburtenzahlen.

Der Index basiert auf sechs Dimensionen:

BereichGewichtung
Wohnraumversorgung25 %
Kinderbetreuung25 %
Bildung15 %
Gesundheit15 %
Mobilität10 %
Soziale Teilhabe10 %

Der Index misst nicht die Geburtenrate selbst, sondern die Qualität jener Rahmenbedingungen, die Familiengründungen fördern oder erschweren können.


12.9 Demografische Szenarien für Kassel bis 2045

Szenario A: Status quo

  • Fortsetzung bestehender Trends
  • anhaltender Wohnungsdruck
  • weitere Alterung der Bevölkerung

Szenario B: Moderate Familienoffensive

  • Ausbau von Kitas
  • leichte Verbesserung des Wohnungsangebots
  • Stabilisierung der Familienhaushalte

Szenario C: Familienfreundliches Kassel 2045

  • konsequente Umsetzung der 15‑Minuten‑Stadt,
  • Ausbau familienfreundlicher Wohnquartiere,
  • stärkere Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur,
  • Familienzentren in allen Sozialräumen.

Dieses Szenario verfolgt nicht das Ziel einer bestimmten Geburtenrate. Vielmehr sollen die Rahmenbedingungen geschaffen werden, unter denen bestehende Kinderwünsche wahrscheinlicher verwirklicht werden können.


12.10 Wissenschaftliche Schlussfolgerung

Die Ergebnisse nationaler und internationaler Forschung zeigen übereinstimmend, dass Geburtenentscheidungen von einer Vielzahl sozialer, wirtschaftlicher und infrastruktureller Faktoren beeinflusst werden.¹⁰

Die Kasseler Daten belegen gleichzeitig:

  • einen hohen zusätzlichen Wohnungsbedarf,
  • fortbestehende Engpässe in der Kinderbetreuung,
  • erhebliche Unterschiede zwischen den Stadtteilen,
  • einen Rückgang der jüngsten Bevölkerungsgruppen.³⁵⁷

Daraus ergibt sich die zentrale wissenschaftliche Aussage dieses Kapitels:

Familienfreundliche Stadtentwicklung kann keine bestimmte Geburtenrate garantieren. Sie kann jedoch jene Rahmenbedingungen verbessern, die nachweislich zur Verwirklichung bestehender Kinderwünsche beitragen.

Für die Stadt Kassel bedeutet dies, dass Investitionen in Wohnraum, Kinderbetreuung, Bildung, Mobilität, Gesundheit und soziale Teilhabe zugleich Investitionen in die langfristige demografische Stabilität der Stadt darstellen.


Fußnoten

¹ Statistisches Bundesamt. (2026). Geburtenentwicklung in Deutschland 2025. Wiesbaden.

² Friedrich, C. & Bujard, M.. (2025). Intended, ideal and actual fertility in European countries. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

³ Stadt Kassel. (2026). Zahlen im Überblick 2025. Kommunale Statistikstelle Kassel. https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik/ueberblick.php

⁴ Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). (2011). Doing Better for Families. Paris: OECD Publishing.

⁵ Deschermeier, P., Rodenfels, M., & Vaché, M.. (2019). Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel. Darmstadt: Institut Wohnen und Umwelt (IWU).

⁶ Ebd., S. 45–53.

⁷ Kindertagesbetreuung Kassel. (2025). Bericht zur Umsetzung der Kinderbetreuung 2024/2025. Stadt Kassel.

⁸ Ebd.

⁹ Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). (2024). Fertility Trends Across the OECD: Underlying Drivers and Policy Responses.

¹⁰ OECD. (2024). Education at a Glance; Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. (2025). Kinderwünsche und Fertilitätsentwicklung in Deutschland.

Fußnoten mit Seitenzahlen ergänzen

Ja. Für ein wissenschaftliches Werk solltest du die Fußnoten nicht nur mit Autor und Titel, sondern auch mit konkreten Seitenangaben versehen. Dort, wo die Quellenlage aus den Originaldokumenten eindeutig erkennbar ist, können die Fußnoten wie folgt präzisiert werden:


Überarbeitete Fußnoten zu Kapitel 12

Fußnote 1

Statistisches Bundesamt (Destatis). (2026). Geburtenentwicklung in Deutschland 2025. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt, Tabellen zur zusammengefassten Geburtenziffer und Geburtenentwicklung 2025.


Fußnote 2

Friedrich, C. & Bujard, M. (2025). Intended, Ideal and Actual Fertility in European Countries. Wiesbaden: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), S. 4–15.


Fußnote 3

Stadt Kassel. (2026). Zahlen im Überblick 2025. Kommunale Statistikstelle Kassel. Tabellen „Bevölkerung nach Altersgruppen“, „Haushalte“ sowie „Einwohner nach Stadtteilen“. Verfügbar unter: https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik/ueberblick.php (Abruf: 29.10.2026). [kassel.de]


Fußnote 4

Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). (2011). Doing Better for Families. Paris: OECD Publishing, S. 29–35.

Dort werden die Zusammenhänge zwischen Familienpolitik, Kinderbetreuung, Erwerbsbeteiligung und Fertilität dargestellt.


Fußnote 5

Deschermeier, P., Rodenfels, M. & Vaché, M. (2019). Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel. Endbericht. Darmstadt: Institut Wohnen und Umwelt (IWU), S. 17–21. Die Zusammenfassung der Wohnungsbedarfskomponenten findet sich im Kapitel „Abschätzung des zukünftigen Wohnungsbedarfs“. [kassel.de], [presse-service.de]


Fußnote 6

Deschermeier, P., Rodenfels, M. & Vaché, M. (2019). Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel. Endbericht. Darmstadt: IWU, S. 22–29.

Dort werden die qualitativen Aspekte des zukünftigen Wohnungsbedarfs und die Auswirkungen unterschiedlicher Haushaltstypen auf die Wohnraumnachfrage analysiert. [kassel.de]


Fußnote 7

Kindertagesbetreuung Kassel. (2025). Kitaplanung Kassel 2024/2025. Vorstellung Bedarf und Ausbau – aktuelle und geplante Projekte, Ausschuss für Bildung, Jugend, Gesundheit und Gleichstellung vom 22.01.2025, Folie „Ausbau in 2020 bis 2024 erfolgt“.

Nachgewiesen werden:

  • 61 neue Gruppen
  • rund 1.300 zusätzliche Plätze

[ratsinfo.kassel.de]


Fußnote 8

Kindertagesbetreuung Kassel. (2025). Kitaplanung Kassel 2024/2025. Vorstellung Bedarf und Ausbau – aktuelle und geplante Projekte, Folien „Ausbaubedarf“ und „Aktuelle Ausbauprojekte“.

Nachgewiesen werden:

  • rechnerischer Platzbedarf von rund 1.150 Plätzen,
  • 670 U3-Plätze,
  • 480 Kindergartenplätze,
  • 30 Ausbauvorhaben,
  • rund 1.600 zusätzliche Plätze.

[ratsinfo.kassel.de]


Fußnote 9

Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). (2024). Fertility Trends Across the OECD: Underlying Drivers and Policy Responses. Paris: OECD Publishing, S. 8–22.

Dargestellt werden die positiven Zusammenhänge zwischen:

  • frühkindlicher Betreuung,
  • Vereinbarkeit von Familie und Beruf,
  • Familienpolitik,
  • Fertilitätsentwicklung.

Fußnote 10

Zur Gesamteinordnung:

  • OECD. (2024). Fertility Trends Across the OECD, S. 8–30.
  • Friedrich, C. & Bujard, M. (2025). Intended, Ideal and Actual Fertility in European Countries, S. 4–18.
  • Gesundheitsamt Region Kassel. (2025). Kindergesundheitsbericht Region Kassel 2025, S. 6–11. Der Bericht verweist ausdrücklich auf die Bedeutung kommunaler Rahmenbedingungen, früher Hilfen und gesundheitlicher Chancengleichheit für ein gesundes Aufwachsen

Kapitel 12

Familienfreundliche Stadtentwicklung, Fertilitätsverhalten und demografische Nachhaltigkeit am Beispiel der Stadt Kassel

12.1 Einleitung

Der demografische Wandel gehört zu den bedeutendsten Herausforderungen moderner Kommunalpolitik. Sinkende Geburtenzahlen, eine steigende Lebenserwartung und die Alterung der Bevölkerung beeinflussen langfristig die Entwicklung kommunaler Infrastrukturen, Arbeitsmärkte, Bildungssysteme und Haushalte. Städte stehen daher zunehmend vor der Aufgabe, nicht nur Wohn- und Wirtschaftsstandorte zu sein, sondern attraktive Lebensräume für Familien bereitzustellen.

Für die Stadt Kassel besitzt diese Fragestellung besondere Bedeutung. Die Stadt verzeichnete zum 31. Dezember 2025 insgesamt 207.622 Einwohnerinnen und Einwohner sowie 111.668 Haushalte. Gleichzeitig zeigen die kommunalen Statistiken einen Rückgang der jüngsten Altersgruppen bei einer wachsenden Zahl älterer Einwohner.

Die zentrale Forschungsfrage dieses Kapitels lautet:

Welchen Beitrag kann familienfreundliche Stadtentwicklung zur Stabilisierung der demografischen Entwicklung und zur Realisierung bestehender Kinderwünsche leisten?


12.2 Demografischer Wandel und Fertilität

In der Bevölkerungswissenschaft wird die Geburtenentwicklung üblicherweise über die sogenannte zusammengefasste Geburtenziffer (Total Fertility Rate, TFR) beschrieben. Diese gibt an, wie viele Kinder eine Frau im Durchschnitt zur Welt bringen würde, wenn die altersspezifischen Geburtenraten eines Jahres dauerhaft gelten würden.

Das Bestandserhaltungsniveau einer Bevölkerung liegt bei etwa 2,1 Kindern je Frau. Deutschland unterschreitet diesen Wert seit Jahrzehnten deutlich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes betrug die zusammengefasste Geburtenziffer im Jahr 2025 lediglich 1,32 Kinder je Frau. Gleichzeitig sank die Zahl der Geburten auf 654.241 und erreichte damit einen der niedrigsten Werte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.¹

Die Folgen niedriger Geburtenraten sind:

  • Alterung der Bevölkerung,
  • steigender Fachkräftebedarf,
  • größere Belastungen sozialer Sicherungssysteme,
  • zunehmende Konkurrenz zwischen Städten und Regionen um junge Familien.

Aus kommunalwissenschaftlicher Sicht gewinnt daher die Frage an Bedeutung, welche Rahmenbedingungen Städte schaffen können, um Familiengründungen zu erleichtern.


12.3 Kinderwünsche und Fertility Gap

Aktuelle Untersuchungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigen, dass die niedrigen Geburtenzahlen nicht auf einen fehlenden Wunsch nach Kindern zurückzuführen sind. Vielmehr wünschen sich die meisten Menschen in Deutschland weiterhin zwei Kinder oder mehr.²

Die Forschung bezeichnet die Differenz zwischen gewünschter und tatsächlich realisierter Kinderzahl als Fertility Gap.

Fertility Gap=Gewu¨nschte Kinderzahl−Tatsa¨chliche KinderzahlFertility Gap=Gewu¨nschte Kinderzahl−Tatsa¨chliche Kinderzahl

Die Ursachen für diese Differenz liegen vor allem in:

  • wirtschaftlicher Unsicherheit,
  • hohen Wohnkosten,
  • mangelnder Vereinbarkeit von Familie und Beruf,
  • fehlenden Betreuungsangeboten,
  • unsicheren Zukunftserwartungen.²

Die kommunale Ebene kann zwar keine direkte Kontrolle über Geburtenraten ausüben, besitzt jedoch erheblichen Einfluss auf mehrere dieser Faktoren.


12.4 Empirische Ausgangslage in Kassel

Die Stadt Kassel weist sowohl demografische Chancen als auch strukturelle Herausforderungen auf.

Zum 31. Dezember 2025 lebten 207.622 Personen in Kassel. Die Stadt verzeichnete gleichzeitig 111.668 Haushalte. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung der jüngsten Altersgruppen: Die Zahl der Kinder unter sechs Jahren sank von 11.640 im Jahr 2023 auf 11.080 im Jahr 2025.³

Dieser Rückgang um etwa 560 Kinder innerhalb von zwei Jahren deutet auf eine rückläufige Dynamik der jüngsten Bevölkerungsgruppen hin.

Besonders familienrelevante Stadtteile sind:

  • Nord-Holland (16.994 Einwohner),
  • Vorderer Westen (16.188 Einwohner),
  • Wehlheiden (14.371 Einwohner),
  • Harleshausen (13.922 Einwohner),
  • Oberzwehren (12.975 Einwohner).³

Diese Stadtteile bilden zugleich die wichtigsten Räume zukünftiger Familienpolitik.


12.5 Der Wohnungsmarkt als demografischer Schlüsselfaktor

Internationale Studien belegen einen engen Zusammenhang zwischen Wohnbedingungen und Familiengründungen. Wohnraummangel, hohe Mieten und unzureichende Wohnungsgrößen können dazu führen, dass Kinderwünsche verschoben oder ganz aufgegeben werden.⁴

Für Kassel besitzt dieser Zusammenhang besondere Bedeutung.

Die vom Institut Wohnen und Umwelt (IWU) im Auftrag der Stadt Kassel erstellte Wohnraumbedarfsanalyse prognostiziert bis zum Jahr 2030 einen zusätzlichen Bedarf von rund 11.700 Wohnungen.⁵ Die Analyse weist zugleich darauf hin, dass ein erheblicher Teil dieses Bedarfs auf wachsende Haushaltszahlen und qualitative Anforderungen zurückzuführen ist.⁶

Aus familienpolitischer Perspektive bedeutet dies:

  • Bedarf an größeren Wohnungen,
  • Bedarf an familienfreundlichen Quartieren,
  • Bedarf an langfristig bezahlbarem Wohnraum.

Wohnungspolitik wird damit zugleich Familien- und Demografiepolitik.


12.6 Kinderbetreuung als Standortfaktor

Ein weiterer zentraler Einflussfaktor betrifft die Kinderbetreuung.

Nach Angaben der Kindertagesbetreuung Kassel wurden zwischen 2020 und 2024 insgesamt 61 neue Gruppen geschaffen und rund 1.300 zusätzliche Betreuungsplätze eingerichtet.⁷

Trotz dieser Investitionen besteht weiterhin ein rechnerischer Mehrbedarf von rund 1.150 Plätzen. Gleichzeitig befinden sich weitere 30 Ausbauprojekte mit etwa 1.600 zusätzlichen Plätzen in Planung oder Umsetzung.⁸

Die empirischen Daten zeigen damit:

  • hohe Nachfrage nach Betreuungsangeboten,
  • fortlaufenden Ausbaubedarf,
  • zentrale Bedeutung frühkindlicher Infrastruktur.

Internationale Untersuchungen der OECD zeigen, dass Kinderbetreuung und die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit zu den wichtigsten Faktoren für die Verwirklichung von Kinderwünschen gehören.⁹


12.7 Die 15‑Minuten‑Stadt als familienpolitisches Konzept

Im Rahmen dieser Arbeit wird die 15‑Minuten‑Stadt als Leitbild familienfreundlicher Stadtentwicklung vorgeschlagen.

Ziel ist die wohnortnahe Erreichbarkeit zentraler Einrichtungen innerhalb von höchstens 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

Hierzu zählen insbesondere:

  • Kindertagesstätten,
  • Schulen,
  • Arztpraxen,
  • Apotheken,
  • Einkaufsmöglichkeiten,
  • Grünflächen,
  • Kultur- und Freizeiteinrichtungen.

Aus Sicht der Familienforschung entstehen dadurch mehrere Vorteile:

  1. Verringerung zeitlicher Belastungen,
  2. Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf,
  3. höhere Wohnzufriedenheit,
  4. geringere Mobilitätskosten,
  5. stärkere soziale Einbindung.

Die Verbesserung dieser Rahmenbedingungen kann dazu beitragen, den Fertility Gap zu reduzieren.


12.8 Entwicklung eines Geburtenpotenzialindex für Kassel

Da kommunale Maßnahmen die Geburtenrate nicht unmittelbar bestimmen, erscheint die Entwicklung eines Geburtenpotenzialindex Kassel (GPIK) zweckmäßiger als die isolierte Betrachtung von Geburtenzahlen.

Der Index basiert auf sechs Dimensionen:

BereichGewichtung
Wohnraumversorgung25 %
Kinderbetreuung25 %
Bildung15 %
Gesundheit15 %
Mobilität10 %
Soziale Teilhabe10 %

Der Index misst nicht die Geburtenrate selbst, sondern die Qualität jener Rahmenbedingungen, die Familiengründungen fördern oder erschweren können.


12.9 Demografische Szenarien für Kassel bis 2045

Szenario A: Status quo

  • Fortsetzung bestehender Trends
  • anhaltender Wohnungsdruck
  • weitere Alterung der Bevölkerung

Szenario B: Moderate Familienoffensive

  • Ausbau von Kitas
  • leichte Verbesserung des Wohnungsangebots
  • Stabilisierung der Familienhaushalte

Szenario C: Familienfreundliches Kassel 2045

  • konsequente Umsetzung der 15‑Minuten‑Stadt,
  • Ausbau familienfreundlicher Wohnquartiere,
  • stärkere Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur,
  • Familienzentren in allen Sozialräumen.

Dieses Szenario verfolgt nicht das Ziel einer bestimmten Geburtenrate. Vielmehr sollen die Rahmenbedingungen geschaffen werden, unter denen bestehende Kinderwünsche wahrscheinlicher verwirklicht werden können.


12.10 Wissenschaftliche Schlussfolgerung

Die Ergebnisse nationaler und internationaler Forschung zeigen übereinstimmend, dass Geburtenentscheidungen von einer Vielzahl sozialer, wirtschaftlicher und infrastruktureller Faktoren beeinflusst werden.¹⁰

Die Kasseler Daten belegen gleichzeitig:

  • einen hohen zusätzlichen Wohnungsbedarf,
  • fortbestehende Engpässe in der Kinderbetreuung,
  • erhebliche Unterschiede zwischen den Stadtteilen,
  • einen Rückgang der jüngsten Bevölkerungsgruppen.³⁵⁷

Daraus ergibt sich die zentrale wissenschaftliche Aussage dieses Kapitels:

Familienfreundliche Stadtentwicklung kann keine bestimmte Geburtenrate garantieren. Sie kann jedoch jene Rahmenbedingungen verbessern, die nachweislich zur Verwirklichung bestehender Kinderwünsche beitragen.

Für die Stadt Kassel bedeutet dies, dass Investitionen in Wohnraum, Kinderbetreuung, Bildung, Mobilität, Gesundheit und soziale Teilhabe zugleich Investitionen in die langfristige demografische Stabilität der Stadt darstellen.


Fußnoten

¹ Statistisches Bundesamt. (2026). Geburtenentwicklung in Deutschland 2025. Wiesbaden.

² Friedrich, C. & Bujard, M.. (2025). Intended, ideal and actual fertility in European countries. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

³ Stadt Kassel. (2026). Zahlen im Überblick 2025. Kommunale Statistikstelle Kassel. https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik/ueberblick.php

⁴ Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). (2011). Doing Better for Families. Paris: OECD Publishing.

⁵ Deschermeier, P., Rodenfels, M., & Vaché, M.. (2019). Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel. Darmstadt: Institut Wohnen und Umwelt (IWU).

⁶ Ebd., S. 45–53.

⁷ Kindertagesbetreuung Kassel. (2025). Bericht zur Umsetzung der Kinderbetreuung 2024/2025. Stadt Kassel.

⁸ Ebd.

⁹ Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). (2024). Fertility Trends Across the OECD: Underlying Drivers and Policy Responses.

¹⁰ OECD. (2024). Education at a Glance; Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. (2025). Kinderwünsche und Fertilitätsentwicklung in Deutschland.

Fußnoten mit Seitenzahlen ergänzen

Ja. Für ein wissenschaftliches Werk solltest du die Fußnoten nicht nur mit Autor und Titel, sondern auch mit konkreten Seitenangaben versehen. Dort, wo die Quellenlage aus den Originaldokumenten eindeutig erkennbar ist, können die Fußnoten wie folgt präzisiert werden:


Überarbeitete Fußnoten zu Kapitel 12

Fußnote 1

Statistisches Bundesamt (Destatis). (2026). Geburtenentwicklung in Deutschland 2025. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt, Tabellen zur zusammengefassten Geburtenziffer und Geburtenentwicklung 2025.


Fußnote 2

Friedrich, C. & Bujard, M. (2025). Intended, Ideal and Actual Fertility in European Countries. Wiesbaden: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), S. 4–15.


Fußnote 3

Stadt Kassel. (2026). Zahlen im Überblick 2025. Kommunale Statistikstelle Kassel. Tabellen „Bevölkerung nach Altersgruppen“, „Haushalte“ sowie „Einwohner nach Stadtteilen“. Verfügbar unter: https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik/ueberblick.php (Abruf: 29.10.2026). [kassel.de]


Fußnote 4

Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). (2011). Doing Better for Families. Paris: OECD Publishing, S. 29–35.

Dort werden die Zusammenhänge zwischen Familienpolitik, Kinderbetreuung, Erwerbsbeteiligung und Fertilität dargestellt.


Fußnote 5

Deschermeier, P., Rodenfels, M. & Vaché, M. (2019). Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel. Endbericht. Darmstadt: Institut Wohnen und Umwelt (IWU), S. 17–21. Die Zusammenfassung der Wohnungsbedarfskomponenten findet sich im Kapitel „Abschätzung des zukünftigen Wohnungsbedarfs“. [kassel.de], [presse-service.de]


Fußnote 6

Deschermeier, P., Rodenfels, M. & Vaché, M. (2019). Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel. Endbericht. Darmstadt: IWU, S. 22–29.

Dort werden die qualitativen Aspekte des zukünftigen Wohnungsbedarfs und die Auswirkungen unterschiedlicher Haushaltstypen auf die Wohnraumnachfrage analysiert. [kassel.de]


Fußnote 7

Kindertagesbetreuung Kassel. (2025). Kitaplanung Kassel 2024/2025. Vorstellung Bedarf und Ausbau – aktuelle und geplante Projekte, Ausschuss für Bildung, Jugend, Gesundheit und Gleichstellung vom 22.01.2025, Folie „Ausbau in 2020 bis 2024 erfolgt“.

Nachgewiesen werden:

  • 61 neue Gruppen
  • rund 1.300 zusätzliche Plätze

[ratsinfo.kassel.de]


Fußnote 8

Kindertagesbetreuung Kassel. (2025). Kitaplanung Kassel 2024/2025. Vorstellung Bedarf und Ausbau – aktuelle und geplante Projekte, Folien „Ausbaubedarf“ und „Aktuelle Ausbauprojekte“.

Nachgewiesen werden:

  • rechnerischer Platzbedarf von rund 1.150 Plätzen,
  • 670 U3-Plätze,
  • 480 Kindergartenplätze,
  • 30 Ausbauvorhaben,
  • rund 1.600 zusätzliche Plätze.

[ratsinfo.kassel.de]


Fußnote 9

Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). (2024). Fertility Trends Across the OECD: Underlying Drivers and Policy Responses. Paris: OECD Publishing, S. 8–22.

Dargestellt werden die positiven Zusammenhänge zwischen:

  • frühkindlicher Betreuung,
  • Vereinbarkeit von Familie und Beruf,
  • Familienpolitik,
  • Fertilitätsentwicklung.

Fußnote 10

Zur Gesamteinordnung:

  • OECD. (2024). Fertility Trends Across the OECD, S. 8–30.
  • Friedrich, C. & Bujard, M. (2025). Intended, Ideal and Actual Fertility in European Countries, S. 4–18.
  • Gesundheitsamt Region Kassel. (2025). Kindergesundheitsbericht Region Kassel 2025, S. 6–11. Der Bericht verweist ausdrücklich auf die Bedeutung kommunaler Rahmenbedingungen, früher Hilfen und gesundheitlicher Chancengleichheit für ein gesundes Aufwachsen

Kapitel 1

Einleitung, Problemstellung und Zielsetzung

1.1 Ausgangslage

Die familienfreundliche Entwicklung von Städten gehört zu den zentralen kommunalpolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Städte stehen vor der Aufgabe, ausreichenden Wohnraum bereitzustellen, Bildungs- und Betreuungsangebote auszubauen, eine sichere Mobilität zu gewährleisten und gleichzeitig soziale Teilhabe, Klimaschutz sowie wirtschaftliche Leistungsfähigkeit miteinander zu verbinden.

Für die Stadt Kassel gewinnt diese Herausforderung besondere Bedeutung. Nach den aktuellen Daten der kommunalen Statistik lebten zum 31. Dezember 2025 insgesamt 207.622 Einwohnerinnen und Einwohner in Kassel. Gleichzeitig existierten 111.668 Haushalte. Die Bevölkerungsentwicklung der vergangenen Jahre verdeutlicht, dass Kassel weiterhin zu den wachsenden Oberzentren Nordhessens gehört.

Parallel hierzu steht die Stadt vor erheblichen wohnungs-, sozial- und bildungspolitischen Herausforderungen. Das von der Stadt beauftragte Wohnraumversorgungskonzept stellt fest, dass insbesondere bezahlbarer Wohnraum und eine bedarfsgerechte Wohnungsversorgung langfristig gesichert werden müssen.

Die Sicherung familiengerechter Lebensbedingungen ist dabei nicht ausschließlich als sozialpolitische Aufgabe zu verstehen. Vielmehr handelt es sich um einen wesentlichen Standortfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung, die Gewinnung von Fachkräften, die Stabilisierung der Bevölkerungsstruktur sowie die langfristige Sicherung kommunaler Einnahmen.


1.2 Demographische Rahmenbedingungen

Die Bevölkerungsstruktur Kassels ist durch unterschiedliche Entwicklungen in den einzelnen Stadtteilen geprägt. Besonders einwohnerstark sind die Stadtteile Nord-Holland, Vorderer Westen, Wehlheiden, Harleshausen und Oberzwehren. Diese Stadtteile übernehmen wichtige Funktionen als Wohn-, Bildungs- und Versorgungsstandorte und bilden zugleich Schwerpunkte der kommunalen Infrastrukturplanung.

Gleichzeitig verändern sich die Haushaltsstrukturen. Deutschlandweit steigt der Anteil kleiner Haushalte, während Familien mit mehreren Kindern zunehmend Schwierigkeiten haben, geeigneten und bezahlbaren Wohnraum zu finden. Diese Entwicklung wirkt sich auch auf Kassel aus und erhöht den Druck auf den Wohnungsmarkt.

Die Sicherung ausreichender Wohnflächen für Familien mit Kindern besitzt daher nicht nur soziale, sondern auch stadtentwicklungspolitische Relevanz. Familien stellen eine zentrale Nutzergruppe von Schulen, Kindertagesstätten, Sportanlagen, Grünflächen und kulturellen Einrichtungen dar. Eine erfolgreiche Familienpolitik entfaltet folglich positive Wirkungen auf nahezu alle Bereiche kommunaler Entwicklung.


1.3 Wohnraumsituation als zentrale Herausforderung

Die Wohnraumversorgung bildet gegenwärtig eines der wichtigsten kommunalpolitischen Handlungsfelder.

Die von der Stadt Kassel veröffentlichte Wohnraumbedarfsanalyse kommt zu dem Ergebnis, dass erhebliche zusätzliche Wohnungsbedarfe bestehen. Im Rahmen der Untersuchung wurde ein Bedarf von rund 11.700 zusätzlichen Wohnungen bis zum Jahr 2030 festgestellt.

Dabei ist nicht allein die quantitative Bereitstellung neuer Wohnungen entscheidend. Von besonderer Bedeutung ist die Frage, ob ausreichend familiengerechte Wohnformen zur Verfügung stehen. Familien benötigen regelmäßig größere Wohnungen oder Häuser mit mehreren Schlafzimmern, ausreichenden Freiflächen, einer guten Anbindung an Schulen und Kindertagesstätten sowie einer leistungsfähigen Nahversorgung.

Die Schaffung familiengeeigneter Wohnangebote stellt daher eine der wichtigsten Investitionen in die Zukunftsfähigkeit Kassels dar.


1.4 Kindertagesbetreuung und Bildungsinfrastruktur

Die Verfügbarkeit hochwertiger Bildungs- und Betreuungsangebote beeinflusst entscheidend die Lebensqualität von Familien.

Die Stadt Kassel hat in den vergangenen Jahren umfangreiche Investitionen in den Ausbau der Kindertagesbetreuung vorgenommen. Laut der aktuellen Berichterstattung wurden zwischen 2020 und 2024 insgesamt 61 neue Gruppen geschaffen und etwa 1.300 zusätzliche Betreuungsplätze eingerichtet. Gleichzeitig weist die Bedarfsplanung weiterhin einen rechnerischen Fehlbedarf von rund 1.150 Plätzen aus. Darüber hinaus befinden sich etwa 30 Projekte mit rund 1.600 weiteren Plätzen in Planung oder Umsetzung.

Diese Zahlen verdeutlichen zweierlei:

Erstens hat die Stadt erhebliche Fortschritte erzielt.

Zweitens besteht weiterhin ein erheblicher Handlungsbedarf, um allen Familien einen verlässlichen Zugang zu frühkindlicher Bildung und Betreuung zu ermöglichen.

Gerade für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besitzt eine flächendeckende Versorgung mit Betreuungsplätzen eine herausragende Bedeutung.


1.5 Mobilität und Verkehrssicherheit

Familienfreundlichkeit setzt sichere Mobilität voraus.

Kinder, Jugendliche und ältere Menschen sind in besonderem Maße von der Qualität öffentlicher Verkehrsräume abhängig. Sichere Schulwege, verkehrsberuhigte Wohngebiete, leistungsfähige Radverkehrsnetze und barrierefreie Infrastruktur beeinflussen unmittelbar die Lebensqualität im Alltag.

Mit dem Radverkehrskonzept 2030 verfolgt die Stadt Kassel das Ziel, den Radverkehr systematisch auszubauen und die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Das Konzept stellt einen wichtigen Baustein einer familienfreundlichen Mobilitätsstrategie dar.

Gleichzeitig zeigt sich, dass insbesondere Schulwege sowie Verbindungen zwischen Wohnquartieren, Bildungsstandorten und Freizeiteinrichtungen weiter verbessert werden müssen.


1.6 Wissenschaftliche Problemstellung

Aus wissenschaftlicher Perspektive ergibt sich folgende zentrale Fragestellung:

Wie kann die Stadt Kassel bis zum Jahr 2045 zu einer der familienfreundlichsten Großstädte Deutschlands entwickelt werden, ohne die Ziele der Haushaltskonsolidierung, der nachhaltigen Stadtentwicklung und des Klimaschutzes zu gefährden?

Diese Fragestellung vereint mehrere Teilaspekte:

  • Wohnraumpolitik,
  • Sozialpolitik,
  • Bildungsplanung,
  • Verkehrsplanung,
  • Gesundheitsvorsorge,
  • Umweltplanung,
  • kommunale Finanzpolitik.

Die Komplexität dieser Aufgabenstellung macht einen integrierten Planungsansatz erforderlich, der die unterschiedlichen Politikfelder miteinander verknüpft.


1.7 Zielsetzung der Petition

Die vorliegende Petition verfolgt das Ziel, einen langfristigen politischen Rahmen für die familienfreundliche Entwicklung Kassels bis zum Jahr 2045 zu schaffen.

Konkret sollen folgende strategische Ziele erreicht werden:

  1. Ausbau familiengerechter Wohnangebote.
  2. Verbesserung der Kindertagesbetreuung.
  3. Modernisierung der Bildungsinfrastruktur.
  4. Ausbau sicherer Schul- und Radwege.
  5. Weiterentwicklung öffentlicher Grün- und Freizeitflächen.
  6. Stärkung der Stadtteilzentren.
  7. Verbesserung der Familienberatung.
  8. Förderung generationenübergreifender Angebote.
  9. Erhöhung der sozialen Teilhabe von Kindern und Jugendlichen.
  10. Sicherung der Attraktivität Kassels als Familien- und Wirtschaftsstandort.

Die Petition versteht sich dabei nicht als Einzelmaßnahme, sondern als strategisches Zukunftsprogramm für die Stadtentwicklung bis zum Jahr 2045.


Fußnoten

¹ Stadt Kassel, Statistikstelle: Zahlen im Überblick 2025, Einwohner- und Haushaltszahlen der Stadt Kassel. Verfügbar unter: https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik/ueberblick.php.

² Stadt Kassel: Statistik Kassel. Verfügbar unter: https://www.kassel.de/daten-und-karten/statistik-kassel.php.

³ Stadt Kassel: Wohnraumversorgungskonzept der Stadt Kassel (2022).

⁴ Stadt Kassel / IWU Institut für Wohnen und Umwelt: Wohnraumbedarfsanalyse für die Stadt Kassel.

⁵ Stadt Kassel: Bericht zur Umsetzung der Kinderbetreuung 2024/2025.

⁶ Stadt Kassel: Radverkehrskonzept Kassel 2030.

⁷ Stadt Kassel: Statistik-Atlas Kassel. Verfügbar unter: https://statistikatlas.kassel.de/bericht1/atlas.htm

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Gerne könnt ihr mir eine Nachricht hinterlassen.