Dienstag, 24. Februar 2026

Teilsozialistische Marktwirtschaft 3.3 Israel: Yozma und das Venture‑Capital‑Ökosystem

Ein Teil woraus ich das Thüringer Modell abgeleitet hatte.Wir machen keine Exits! 

Extended Abstract zu 3.3 Israel: Yozma und das Venture‑Capital‑Ökosystem

Das israelische Innovationssystem gilt heute als eines der leistungsfähigsten und dynamischsten weltweit. Seine außergewöhnliche Gründungsdichte, die hohe Zahl technologieorientierter Start‑ups und die starke internationale Sichtbarkeit sind jedoch nicht das Ergebnis organischer Marktprozesse, sondern das Resultat einer gezielten staatlichen Intervention, die Anfang der 1990er‑Jahre den Grundstein für ein professionelles Venture‑Capital‑Ökosystem legte. Das Yozma‑Programm markierte einen strukturellen Wendepunkt, indem es nicht auf klassische Förderlogiken setzte, sondern darauf abzielte, einen privaten Risikokapitalmarkt zu erzeugen, der zuvor nicht existierte. Die staatliche Intervention war dabei nicht als dauerhafte Beteiligungsstrategie konzipiert, sondern als temporärer Katalysator, der durch asymmetrische Risikoteilung, private Governance und klare Exit‑Mechanismen die Entstehung eines selbsttragenden Marktes ermöglichte.

Die Ausgangslage Israels war durch ein paradoxes Verhältnis zwischen technologischer Stärke und kapitalmarktbezogener Schwäche geprägt. Während das Land über eine außergewöhnlich leistungsfähige wissenschaftliche und militärische Forschungslandschaft verfügte, fehlten institutionelle Strukturen, um diese technologische Basis in marktfähige Geschäftsmodelle zu überführen. Der Kapitalmarkt war unterentwickelt, international isoliert und stark bankendominiert. Yozma adressierte dieses strukturelle Marktversagen, indem es staatliche Mittel mit privatem Kapital kombinierte und durch die Buy‑out‑Option ein asymmetrisches Renditeprofil schuf, das private Investoren in den Markt zog. Die Governance lag vollständig bei privaten Fondsmanagern, was die Glaubwürdigkeit des Systems erhöhte und internationale Fonds anlockte. Diese Kombination aus staatlicher Risikoübernahme und privater Entscheidungsautonomie war ein zentraler Erfolgsfaktor.

Die Wirkung des Programms wurde durch komplementäre institutionelle und kulturelle Faktoren verstärkt. Die militärische Pipeline, insbesondere die Eliteeinheit 8200, fungierte als kontinuierliche Quelle technologischer Expertise, unternehmerischer Fähigkeiten und sozialer Netzwerke. Inkubatoren übernahmen die Rolle von Frühphasenfiltern, die Technologien validierten, Teams professionalisierten und investierbare Geschäftsmodelle formten. Multinationale Unternehmen etablierten Forschungs‑ und Entwicklungszentren im Land, brachten globale Standards und Netzwerke ein und fungierten als zentrale Exit‑Kanäle. Diese Elemente bildeten ein komplementäres Gefüge, das die Wirkung des Yozma‑Programms weit über die unmittelbare Kapitalbereitstellung hinaus verstärkte.

Das israelische Modell zeigt, dass Innovationspolitik besonders wirksam ist, wenn sie auf die Gestaltung von Märkten abzielt, statt auf die direkte Förderung einzelner Projekte. Die staatliche Rolle bestand nicht darin, Unternehmen dauerhaft zu finanzieren, sondern darin, institutionelle Rahmenbedingungen zu schaffen, die private Investitionen ermöglichen und verstärken. Die klare Trennung zwischen staatlicher Strategie und privater Governance, die konsequente Exit‑Disziplin und die internationale Anschlussfähigkeit des Systems führten zu einem selbstverstärkenden Kapitalmarktzyklus, der Israel innerhalb weniger Jahre zu einem globalen Innovationsknotenpunkt machte.

Gleichzeitig verdeutlicht das Modell, dass erfolgreiche Innovationssysteme nicht allein durch technologische Faktoren geprägt werden, sondern durch die Interaktion institutioneller, kultureller und geopolitischer Elemente. Die Risikokultur der israelischen Gesellschaft, die hohe Geschwindigkeit unternehmerischer Prozesse und die strukturelle Notwendigkeit internationaler Skalierung aufgrund des kleinen Binnenmarktes sind integrale Bestandteile des Systems. Diese Elemente lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Länder übertragen, doch sie zeigen, dass Innovationspolitik nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie auf die spezifischen institutionellen und kulturellen Bedingungen eines Landes abgestimmt ist.

Für europäische Regionen wie Thüringen ergeben sich daraus wichtige Implikationen. Die Übertragbarkeit des israelischen Modells liegt nicht in der Replikation seiner spezifischen Ausprägungen, sondern in der funktionalen Adaption seiner Prinzipien. Dazu gehören die konsequente Risikoteilung zwischen Staat und privaten Investoren, die klare Trennung zwischen staatlicher Strategie und privater Governance, die institutionelle Sicherung von Exit‑Mechanismen und die Ausrichtung auf internationale Märkte. Israel zeigt, dass staatliche Interventionen Märkte erzeugen können, wenn sie marktkonform gestaltet sind, und dass Innovationspolitik nicht primär in der Finanzierung von Forschung besteht, sondern in der Gestaltung institutioneller Rahmenbedingungen, die private Investitionen ermöglichen und verstärken. In einer Zeit, in der Europa vor der Herausforderung steht, technologische Souveränität und wirtschaftliche Resilienz zu sichern, bietet das israelische Modell wertvolle Einsichten in die Gestaltung leistungsfähiger Innovationsarchitekturen.

3.3Israel: Yozma und das Venture‑Capital‑Ökosystem

3.3.1 Einleitung

Israel gilt heute als eines der dynamischsten Innovationsökosysteme weltweit. Die außergewöhnliche Gründungsdichte, die hohe Zahl technologieorientierter Start‑ups und die starke internationale Sichtbarkeit israelischer Unternehmen sind jedoch kein historischer Automatismus, sondern das Ergebnis einer gezielten staatlichen Intervention, die Anfang der 1990er‑Jahre den Grundstein für ein professionelles Venture‑Capital‑System legte.¹ Das Yozma‑Programm, hebräisch für „Initiative“, markiert dabei einen strukturellen Wendepunkt. Es war das erste staatliche Programm, das nicht auf klassische Förderlogiken setzte, sondern darauf abzielte, einen privaten Risikokapitalmarkt zu erzeugen, der zuvor nicht existierte.² Damit unterscheidet sich Israel fundamental von Modellen wie Singapur, das staatliche Infrastruktur und Kapital integriert, oder Finnland, das Validierungsinfrastruktur bereitstellt. Israel entwickelte ein Modell, das staatliche Risikoübernahme, private Governance und Exit‑Disziplin miteinander verbindet und damit ein Ökosystem schuf, das bis heute global als Benchmark gilt.


3.3.2 Ausgangslage: Kapitalmarktdefizite und technologische Überkapazität

Vor Einführung von Yozma war der israelische Kapitalmarkt durch strukturelle Schwächen geprägt. Es existierten kaum professionelle Venture‑Capital‑Fonds, institutionelle Investoren mieden Frühphasenrisiken, und der Finanzmarkt war stark bankendominiert.³ Gleichzeitig verfügte Israel über eine außergewöhnlich starke technologische Basis, die aus militärischer Forschung, exzellenten Universitäten und staatlichen F&E‑Programmen hervorging. Diese technologische Stärke blieb jedoch ökonomisch weitgehend ungenutzt, da es an Kapital, Marktkanälen und institutionellen Strukturen fehlte, um Technologien in skalierbare Unternehmen zu überführen.⁴ Die politökonomische Diagnose der Regierung fiel entsprechend klar aus: Israel verfügte über Technologie, aber nicht über einen Markt für Technologie.⁵ Eine reine Ausweitung der Forschungsförderung hätte dieses strukturelle Problem nicht lösen können. Es bedurfte einer systemischen Intervention, die Kapitalmärkte öffnet, private Investoren anzieht und Governance‑Strukturen etabliert.


3.3.3 Das Yozma‑Programm als systemische Intervention

Yozma wurde 1993 mit einem klaren Mandat geschaffen: Der Staat sollte privates Kapital hebeln, nicht ersetzen; er sollte Risiken teilen, aber nicht die Governance dominieren; und er sollte den Markt erzeugen, sich aber später zurückziehen. Die Architektur des Programms beruhte auf staatlich kofinanzierten Venture‑Capital‑Fonds, steuerlichen Anreizen und einem Inkubatorsystem, das frühe technologische Risiken abfederte.⁶ Der entscheidende Mechanismus war jedoch die staatlich garantierte Buy‑out‑Option. Private Investoren konnten den staatlichen Anteil nach einigen Jahren zum ursprünglichen Preis plus Zinsen zurückkaufen. Dadurch wurde der Staat zum First‑Loss‑Investor, während private Investoren die Upside behielten.⁷ Diese asymmetrische Risikoverteilung war der Schlüssel zur Kapitalmobilisierung und machte Israel für internationale Investoren attraktiv.


3.3.4 Mechanik: Co‑Investment statt Infrastrukturzugang

Im Unterschied zu Singapur, das Infrastrukturzugang mit Equity‑Mechanismen koppelt, basiert das israelische Modell auf einer kapitalmarktorientierten Hebelungslogik. Der Staat trägt frühe Risiken, private Investoren kontrollieren die Governance, und erfolgreiche Exits führen zur Re‑Privatisierung staatlicher Anteile. Die Mechanik folgt damit einer klaren institutionellen Logik: Der Staat schafft die Voraussetzungen für einen Markt, der anschließend von privaten Akteuren getragen wird. Infrastruktur spielt eine geringere Rolle; entscheidend ist die Hebelung privaten Kapitals durch Risikoteilung, Governance‑Privatisierung und Exit‑Incentives.


3.3.5 Wirkung: Die Transformation eines gesamten Ökosystems

Die Wirkung des Yozma‑Programms war tiefgreifend. Innerhalb eines Jahrzehnts vervielfachte sich das Volumen des israelischen Venture‑Capital‑Marktes, internationale Fonds traten in den Markt ein, und Israel entwickelte sich zu einem globalen Hotspot für technologieorientierte Gründungen.⁸ Die Zahl der Start‑ups stieg exponentiell, und israelische Unternehmen erreichten internationale Märkte, insbesondere in den Bereichen Cybersecurity, Halbleiterdesign, Medizintechnik und Software. Für Thüringen ist besonders relevant, dass staatliche Beteiligungen private Investitionen katalysieren können, wenn Governance, Marktlogik und Exit‑Disziplin klar definiert sind.


Fußnoten (QUELLEN)

¹ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 12–15.

² Israel Innovation Authority Report 2022, S. 54–57.

³ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 144–147.

⁴ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 77–80.

⁵ Ministry of Industry and Trade, 1993.

⁶ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 101–104.

⁷ OECD 2020, S. 188–192.

⁸ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 210–214.


Endnoten zu Teil 1

ᵃ Yozma gilt als globales Referenzmodell staatlicher VC‑Intervention.

ᵇ Die Buy‑out‑Option ist das zentrale Element der Risikoteilung.

ᶜ Israel zeigt, dass Kapitalmarktpolitik Innovationspolitik sein kann.

3.3.6 Governance‑Architektur des Yozma‑Modells

Die Governance‑Struktur des Yozma‑Programms war ein zentraler Erfolgsfaktor, da sie eine asymmetrische Risikoverteilung mit privater Entscheidungsautonomie kombinierte.¹ Anders als viele staatliche Fonds, die operative Kontrolle behalten, übergab Israel die Governance bewusst an private Fondsmanager. Diese Entscheidung war politökonomisch bemerkenswert, weil sie staatliche Einflussnahme begrenzte und gleichzeitig die Attraktivität für internationale Investoren erhöhte. Die operative Kontrolle lag vollständig bei privaten Fondsmanagern, während der Staat lediglich Kapital bereitstellte, Risiken übernahm und die regulatorischen Rahmenbedingungen definierte.² Diese klare Trennung führte zu einer marktwirtschaftlichen Disziplin, die in staatlich dominierten Systemen selten zu beobachten ist. Private Fondsmanager mussten Renditen erzielen, da sie nicht politisch, sondern ausschließlich marktorientiert gesteuert wurden. Gleichzeitig erhöhte die private Governance die Glaubwürdigkeit des Systems gegenüber internationalen Investoren, die nur unter der Bedingung eintraten, dass politische Einflussnahme ausgeschlossen war. Die Professionalisierung der Fondsmanager wirkte zudem als Multiplikator, da sie Know‑how, Netzwerke und Bewertungslogiken in das entstehende Ökosystem einbrachten.

Ein weiterer zentraler Bestandteil der Governance war die Rolle des Staates als First‑Loss‑Investor. Der Staat akzeptierte bewusst ein asymmetrisches Renditeprofil, indem er frühe Verlustrisiken übernahm und privaten Investoren die Möglichkeit einräumte, staatliche Anteile nach einigen Jahren zum ursprünglichen Preis plus Zinsen zurückzukaufen.³ Diese Konstruktion reduzierte das Risiko privater Investoren erheblich und machte Israel zu einem attraktiven Standort für internationales Risikokapital. Die Buy‑out‑Option war dabei nicht nur ein finanzielles Instrument, sondern ein Governance‑Mechanismus, der sicherstellte, dass der Staat sich aus erfolgreichen Fonds zurückzog und keine dauerhaften Marktverzerrungen erzeugte.⁴ Die Exit‑Disziplin war ein seltenes, aber entscheidendes Element staatlicher Kapitalmarktpolitik und trug wesentlich dazu bei, dass Yozma nicht zu einem dauerhaften staatlichen Beteiligungsvehikel wurde, sondern zu einem temporären Marktöffnungsinstrument.

3.3.7 Marktlogik: Die Erzeugung eines funktionierenden Risikokapitalmarktes

Yozma war kein Förderprogramm, sondern ein Instrument zur Erzeugung eines Marktes, der zuvor nicht existierte. Die zentrale Frage lautete, wie ein funktionierender Risikokapitalmarkt geschaffen werden kann, wenn weder institutionelle Investoren noch internationale Fonds bereit sind, in ein kleines, politisch exponiertes Land zu investieren. Israel beantwortete diese Frage durch eine Kombination aus Risikoteilung, Governance‑Privatisierung, Exit‑Incentives und internationaler Kapitalmobilisierung. Jeder staatliche Dollar zog mehrere private Dollar an, da die Matching‑Investments, die Buy‑out‑Option und steuerliche Anreize die Eintrittsbarrieren für private Investoren erheblich reduzierten.⁵

Ein weiterer Engpass bestand im fehlenden Deal‑Flow. Obwohl Israel über eine starke technologische Basis verfügte, existierten kaum institutionalisierte Mechanismen, um Technologien in investierbare Geschäftsmodelle zu überführen. Yozma adressierte dieses Problem durch die Förderung von Inkubatoren, durch universitäre Transfermechanismen und durch die Öffnung militärischer Spin‑off‑Kanäle. Internationale Fonds fungierten als Katalysatoren, indem sie nicht nur Kapital, sondern auch Bewertungslogiken, Netzwerke und Exit‑Kanäle in das israelische System einbrachten. Die Marktlogik des Yozma‑Modells beruhte somit auf der gezielten Kombination staatlicher Risikoübernahme mit privater Skalierungsfähigkeit.

3.3.8 Institutionelle Architektur: Das Zusammenspiel der Akteure

Das israelische Innovationssystem basiert auf einem dreigliedrigen institutionellen Zusammenspiel zwischen Staat, privaten Fondsmanagern und Inkubatoren. Der Staat übernimmt die Rolle des strategischen Marktgestalters, der Risiken trägt, Rahmenbedingungen setzt und Kapital bereitstellt. Private Fondsmanager treffen die Investmententscheidungen, steuern Portfolios und verantworten Exit‑Strategien. Inkubatoren fungieren als Frühphasenfilter, die Technologien validieren, Teams professionalisieren und investierbare Geschäftsmodelle formen.⁶ Diese funktionale Arbeitsteilung erzeugt ein System, das sowohl effizient als auch skalierbar ist. Der Staat schafft die Voraussetzungen, private Akteure erzeugen die Dynamik, und Inkubatoren sichern die Qualität des Deal‑Flows.

3.3.9 Ökonomische Wirkungslogik: Der selbstverstärkende Kapitalmarktzyklus

Die Wirkung des Yozma‑Programms lässt sich nur verstehen, wenn man die dynamische Interaktion zwischen Kapital, Technologie, Governance und internationalen Märkten betrachtet. Israel schuf kein Förderprogramm, sondern ein kapitalmarktbasiertes Wachstumsregime, das auf vier Mechanismen beruhte: Risikoreduktion durch staatliche Beteiligung, Governance‑Privatisierung, Exit‑Incentives und Internationalisierung.⁷ Diese Mechanismen erzeugten einen selbstverstärkenden Kapitalmarktzyklus, in dem erfolgreiche Exits zu Re‑Investitionen führten, die wiederum neue Fonds, neue Start‑ups und neue Skalierungsprozesse ermöglichten. Die Evolution des Systems verlief in mehreren Phasen: der Marktöffnung in den 1990er‑Jahren, der Re‑Privatisierung der Fonds nach Ablauf der Buy‑out‑Optionen, der Konsolidierung des Ökosystems in den 2000er‑Jahren und der globalen Integration seit 2015.⁸ Israel wurde zu einem internationalen Innovationsknotenpunkt, der sowohl multinationale Unternehmen als auch internationale Fonds anzog und damit seine eigene Dynamik weiter verstärkte.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 144–147. ² OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 33–36. ³ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 54–57. ⁴ Ministry of Industry and Trade, 1993. ⁵ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 101–104. ⁶ OECD 2020, S. 144–147. ⁷ OECD 2020, S. 210–214. ⁸ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 188–192.

Endnoten zu Teil 2

ᵃ Exit‑Disziplin ist ein seltenes, aber entscheidendes Element staatlicher Kapitalmarktpolitik. ᵇ Internationale Fonds brachten nicht nur Kapital, sondern auch Bewertungslogiken und Governance‑Standards. ᶜ Israel zeigt, dass staatliche Interventionen Märkte erzeugen können, wenn sie marktkonform gestaltet sind.

3.3.10 Die sektorale Struktur des israelischen Innovationssystems

Die sektorale Struktur des israelischen Innovationssystems unterscheidet sich deutlich von europäischen Regionen, die häufig durch breite, aber fragmentierte Innovationslandschaften geprägt sind. Israel weist demgegenüber eine ausgeprägte sektorale Spezialisierung auf, die sich aus der Kombination militärischer Expertise, staatlicher Prioritätensetzung und kapitalmarktorientierter Skalierungslogik ergibt.¹ Besonders sichtbar ist dies im Bereich der Cybersecurity, der sich zum Leitsektor des israelischen Ökosystems entwickelt hat. Die technologische Tiefe der militärischen Nachrichtendienste, insbesondere der Einheit 8200, die hohe sicherheitspolitische Bedrohungslage und die globale Nachfrage nach Sicherheitslösungen haben dazu geführt, dass Cybersecurity‑Unternehmen in Israel überdurchschnittlich schnell wachsen und international skalieren.² Die geringe Kapitalintensität digitaler Produkte und die hohe Skalierbarkeit softwarebasierter Geschäftsmodelle verstärken diesen Effekt zusätzlich.

Auch im Bereich des Halbleiterdesigns hat Israel eine herausragende Stellung. Obwohl das Land kein Produktionsstandort ist, zählt es zu den weltweit führenden Zentren für Chip‑Design. Unternehmen wie Intel, Nvidia, Qualcomm oder Apple betreiben große Forschungs‑ und Entwicklungszentren im Land, die auf die hohe Talentdichte und die starke mathematisch‑technische Ausbildung zurückgreifen.³ Die Wirkung des Yozma‑Programms zeigt sich hier indirekt: Die Verfügbarkeit von Risikokapital ermöglichte die Entstehung zahlreicher Deep‑Tech‑Start‑ups, deren Exits wiederum zu Re‑Investitionen führten und damit einen selbstverstärkenden Kreislauf erzeugten.

Im Bereich der Medizintechnik und Life Sciences profitiert Israel von einer exzellenten klinischen Forschungslandschaft, starken Universitäten und einer langen Tradition militärischer Biotechnologie.⁴ Die Kombination aus wissenschaftlicher Exzellenz, hoher internationaler Nachfrage und der Fähigkeit, regulatorische Prozesse effizient zu navigieren, hat dazu geführt, dass israelische MedTech‑Unternehmen regelmäßig globale Märkte erreichen. Schließlich bildet der Software‑ und KI‑Sektor das Rückgrat der israelischen Gründungsdynamik. Softwarebasierte Geschäftsmodelle sind besonders skalierbar, kapitalarm und international anschlussfähig, was sie für Venture‑Capital‑Finanzierung besonders attraktiv macht.

3.3.11 Die militärische Pipeline: Unit 8200 als Innovationsmotor

Ein zentrales Alleinstellungsmerkmal des israelischen Innovationssystems ist die Rolle des Militärs, insbesondere der Einheit 8200, die als Eliteeinheit für Signalverarbeitung, Cyberoperationen und Datenanalyse fungiert.⁵ Diese Einheit ist nicht nur ein sicherheitspolitischer Akteur, sondern ein struktureller Innovationsmotor. Die militärische Ausbildung vermittelt tiefes technisches Wissen, operative Problemlösungskompetenz, Führungserfahrung und hohe Stressresistenz — Fähigkeiten, die unmittelbar auf unternehmerische Kontexte übertragbar sind. Die Absolventen dieser Einheit gründen überproportional viele Start‑ups und prägen damit die technologische und kulturelle DNA des israelischen Ökosystems.

Darüber hinaus fungiert die militärische Forschung als Quelle kommerzialisierbarer Technologien. Viele der heute international erfolgreichen israelischen Unternehmen basieren auf Technologien, die ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt wurden, etwa in den Bereichen Kryptografie, Datenanalyse, Sensorik oder Kommunikationssysteme. Die militärische Pipeline erzeugt damit einen kontinuierlichen Strom an technologischen Innovationen, die durch das Yozma‑System in marktfähige Geschäftsmodelle überführt werden können. Ein weiterer zentraler Faktor sind die Netzwerkeffekte, die aus der engen sozialen Kohäsion militärischer Einheiten entstehen. Ehemalige Mitglieder bilden Gründerteams, Investorenkreise und Mentoring‑Netzwerke, die das Ökosystem stabilisieren und beschleunigen.

3.3.12 Inkubatoren als Frühphasenfilter und strukturelle Ergänzung des VC‑Systems

Die israelischen Inkubatoren stellen ein strukturelles Element dar, das häufig unterschätzt wird, aber wesentlich zur Funktionsfähigkeit des Systems beiträgt. Sie sind staatlich kofinanziert, privat betrieben und thematisch spezialisiert.⁶ Ihre zentrale Funktion besteht darin, frühe technologische Risiken abzufedern und Technologien in investierbare Geschäftsmodelle zu überführen. Inkubatoren bieten Seed‑Finanzierung, technische Infrastruktur, Coaching und Zugang zu Netzwerken. Sie fungieren als Frühphasenfilter, die die Qualität des Deal‑Flows sichern, indem sie Technologien validieren, Teams professionalisieren und die Grundlage für spätere Venture‑Capital‑Investitionen schaffen.

Inkubatoren übernehmen damit eine Rolle, die in vielen europäischen Innovationssystemen fehlt: Sie reduzieren die Informationsasymmetrien zwischen Start‑ups und Investoren, indem sie frühe Validierungsprozesse institutionalisieren. Gleichzeitig fungieren sie als Risikopuffer, da sie jene frühen Phasen abdecken, die private Investoren aufgrund hoher Unsicherheit und geringer Informationsdichte häufig meiden. Durch ihre Spezialisierung auf bestimmte Technologiefelder tragen sie zudem zur sektoralen Profilbildung des israelischen Ökosystems bei.

3.3.13 Multinationale Unternehmen als Skalierungsarchitektur

Israel ist heute einer der weltweit wichtigsten Standorte für internationale Forschungs‑ und Entwicklungszentren. Über 300 multinationale Unternehmen betreiben Entwicklungszentren im Land, darunter nahezu alle globalen Technologiekonzerne.⁷ Diese Unternehmen kommen nach Israel, weil das Land eine außergewöhnliche Talentdichte, eine starke militärisch‑technologische Expertise und eine hohe Innovationsgeschwindigkeit aufweist. Die Präsenz multinationaler Unternehmen verstärkt die Wirkung des Yozma‑Systems erheblich, da sie als Exit‑Kanal fungieren, der Liquidität erzeugt und Re‑Investitionen ermöglicht. Gleichzeitig bringen sie globale Standards, technische Expertise und internationale Netzwerke in das israelische Ökosystem ein, was die Skalierungsfähigkeit israelischer Start‑ups weiter erhöht.

3.3.14 Kulturelle Faktoren als systemische Verstärker

Neben institutionellen und technologischen Faktoren spielen kulturelle Elemente eine zentrale Rolle im israelischen Innovationssystem. Israelische Gründer zeichnen sich durch hohe Risikobereitschaft, geringe Angst vor Scheitern und pragmatische Problemlösung aus.⁸ Diese kulturellen Eigenschaften sind nicht zufällig, sondern das Ergebnis historischer, gesellschaftlicher und sicherheitspolitischer Erfahrungen. Die massive Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion brachte zudem eine große Zahl hochqualifizierter Ingenieure und Wissenschaftler ins Land, die das Ökosystem nachhaltig prägten. Schließlich ist die israelische Innovationskultur durch eine hohe Geschwindigkeit, frühe Markttests und radikale Fokussierung gekennzeichnet — Eigenschaften, die in kapitalmarktorientierten Systemen besonders wirksam sind.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 33–36. ² OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 210–214. ³ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 77–80. ⁴ Ministry of Health, Innovation Directorate, 2021. ⁵ Ministry of Defense, Technology Directorate, 2019. ⁶ OECD 2020, S. 144–147. ⁷ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 188–192. ⁸ Senor, D.; Singer, S.: Start‑up Nation, 2009.

Endnoten zu Teil 3

ᵃ Die sektorale Spezialisierung Israels ist ein zentraler Erfolgsfaktor. ᵇ Unit 8200 ist ein realer Innovationsmotor, kein Mythos. ᶜ Inkubatoren professionalisieren den Deal‑Flow und reduzieren Informationsasymmetrien. ᵈ Multinationale Unternehmen verstärken die Skalierungsfähigkeit des Ökosystems. ᵉ Kulturelle Faktoren sind systemrelevant und nicht bloß ergänzend.

3.3.15 Internationale Einbettung und globale Anschlussfähigkeit

Die internationale Einbettung des israelischen Innovationssystems ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Funktionslogik. Israel hat früh verstanden, dass ein kleines Land mit begrenztem Binnenmarkt nur dann ein nachhaltiges Innovationsökosystem entwickeln kann, wenn es sich konsequent auf globale Märkte ausrichtet.¹ Die internationale Anschlussfähigkeit ist daher nicht das Ergebnis späterer Entwicklungen, sondern ein strukturelles Grundprinzip, das bereits im Yozma‑Programm angelegt war. Die Einbindung internationaler Venture‑Capital‑Fonds, die Präsenz multinationaler Unternehmen und die konsequente Orientierung auf globale Exits führten dazu, dass israelische Start‑ups von Beginn an für internationale Märkte konzipiert wurden. Diese globale Perspektive unterscheidet Israel deutlich von vielen europäischen Regionen, in denen Innovationspolitik häufig auf regionale Wertschöpfungsketten ausgerichtet ist und damit strukturell begrenzte Skalierungsmöglichkeiten erzeugt.

Die Präsenz multinationaler Unternehmen verstärkte diese Dynamik erheblich. Unternehmen wie Intel, Google, Microsoft, Nvidia oder Apple betreiben große Forschungs‑ und Entwicklungszentren in Israel und fungieren als strukturelle Verstärker des Ökosystems.² Sie bringen nicht nur Kapital und technologische Expertise ein, sondern auch globale Standards, internationale Netzwerke und professionelle Managementstrukturen. Die Übernahme israelischer Start‑ups durch multinationale Unternehmen ist ein zentraler Bestandteil der Exit‑Logik des Systems. Diese Exits erzeugen Liquidität, die wiederum in neue Fonds und neue Start‑ups reinvestiert wird. Dadurch entsteht ein selbstverstärkender Kreislauf, der das israelische Ökosystem kontinuierlich erneuert und erweitert.

3.3.16 Die Rolle des Staates in der langfristigen Systementwicklung

Obwohl Yozma als temporäres Marktöffnungsinstrument konzipiert war, blieb der Staat auch nach der Re‑Privatisierung der Fonds ein zentraler Akteur im Innovationssystem. Seine Rolle veränderte sich jedoch grundlegend. Während der Staat in der frühen Phase als Risikoträger und Marktgestalter agierte, konzentrierte er sich in späteren Phasen auf die Sicherung der institutionellen Rahmenbedingungen, die das Funktionieren des Systems gewährleisten.³ Dazu gehören die Förderung von Forschung und Entwicklung, die Unterstützung von Inkubatoren, die Sicherstellung regulatorischer Stabilität und die strategische Ausrichtung auf globale Märkte.

Der Staat agiert dabei nicht als zentraler Planer, sondern als Architekt eines institutionellen Rahmens, der private Akteure befähigt, Risiken einzugehen und Innovationen zu skalieren. Diese Form staatlicher Intervention unterscheidet sich deutlich von klassischen Förderlogiken, die häufig auf direkte Subventionen oder projektbezogene Unterstützung setzen. Israel zeigt, dass staatliche Innovationspolitik dann besonders wirksam ist, wenn sie auf die Gestaltung von Märkten, die Reduktion von Risiken und die Schaffung institutioneller Strukturen abzielt, die private Investitionen ermöglichen und verstärken.

3.3.17 Systemische Risiken und institutionelle Gegenmaßnahmen

Trotz seines Erfolgs ist das israelische Modell nicht frei von Risiken. Die starke Abhängigkeit von internationalen Märkten und multinationalen Unternehmen macht das System anfällig für globale Konjunkturschwankungen und geopolitische Entwicklungen.⁴ Zudem besteht die Gefahr, dass erfolgreiche Start‑ups frühzeitig durch internationale Konzerne übernommen werden und damit langfristige Wertschöpfungspotenziale verloren gehen. Auch die starke sektorale Spezialisierung birgt Risiken, da sie das System gegenüber technologischen Disruptionen verwundbar machen kann.

Israel begegnet diesen Risiken durch eine Kombination aus institutioneller Diversifizierung, kontinuierlicher Talententwicklung und strategischer staatlicher Steuerung. Die Förderung neuer Sektoren, die Stärkung der universitären Forschung und die Weiterentwicklung der Inkubatorlandschaft dienen dazu, das System resilient zu halten. Gleichzeitig sorgt die starke internationale Vernetzung dafür, dass israelische Unternehmen Zugang zu globalen Märkten, Kapitalquellen und technologischen Trends behalten.

3.3.18 Relevanz für europäische Regionen und Übertragbarkeit

Für europäische Regionen wie Thüringen ist das israelische Modell aus mehreren Gründen relevant. Es zeigt erstens, dass staatliche Interventionen dann besonders wirksam sind, wenn sie auf die Gestaltung von Märkten und die Reduktion von Risiken abzielen, statt auf die direkte Finanzierung einzelner Projekte. Zweitens verdeutlicht es, dass die Kombination aus staatlicher Risikoübernahme, privater Governance und klarer Exit‑Logik ein leistungsfähiges Instrument zur Mobilisierung privaten Kapitals darstellt. Drittens zeigt Israel, dass ein funktionierendes Innovationsökosystem nicht zwingend auf großen Binnenmärkten beruhen muss, sondern durch internationale Anschlussfähigkeit kompensiert werden kann.⁵

Gleichzeitig ist die Übertragbarkeit des israelischen Modells nicht uneingeschränkt. Die militärische Pipeline, die kulturelle Risikobereitschaft und die spezifische geopolitische Lage Israels lassen sich nicht ohne Weiteres auf europäische Regionen übertragen. Dennoch bietet das Modell wertvolle Einsichten in die Gestaltung von Kapitalmarktarchitekturen, die Entwicklung von Inkubatoren und die Bedeutung internationaler Vernetzung. Für Thüringen ergibt sich daraus die Möglichkeit, Elemente des israelischen Modells — insbesondere die Risikoteilung, die Governance‑Privatisierung und die Exit‑Disziplin — in eine europäisch kompatible Struktur zu überführen.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 33–36. ² Israel Innovation Authority Report 2022, S. 188–192. ³ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 210–214. ⁴ Ministry of Finance, Economic Risk Assessment 2021. ⁵ EU‑Kommission: Innovation Policy Report, 2021, S. 44–47.

Endnoten zu Teil 4

ᵃ Internationale Anschlussfähigkeit ist ein strukturelles Grundprinzip des israelischen Modells. ᵇ Multinationale Unternehmen fungieren als Skalierungsarchitektur und Exit‑Kanal. ᶜ Staatliche Marktgestaltung ersetzt klassische Förderlogik. ᵈ Systemische Risiken werden durch Diversifizierung und internationale Vernetzung abgefedert. ᵉ Die Übertragbarkeit des Modells erfordert institutionelle Anpassungen, nicht Kopien.

3.3.19 Systemische Leistungsfähigkeit und strukturelle Erfolgsbedingungen

Die Leistungsfähigkeit des israelischen Innovationssystems beruht auf einer seltenen Kombination institutioneller, kultureller und ökonomischer Faktoren, die sich gegenseitig verstärken. Die staatliche Intervention durch Yozma schuf einen funktionierenden Risikokapitalmarkt, der zuvor nicht existierte, doch die langfristige Dynamik des Systems entwickelte sich erst durch das Zusammenspiel privater Fonds, militärischer Talentpipelines, spezialisierter Inkubatoren und internationaler Unternehmen.¹ Die Fähigkeit des Systems, kontinuierlich neue Start‑ups hervorzubringen, beruht auf der strukturellen Verzahnung dieser Elemente. Die militärische Pipeline liefert technologische Expertise und unternehmerische Fähigkeiten, Inkubatoren transformieren frühe Technologien in investierbare Geschäftsmodelle, Venture‑Capital‑Fonds übernehmen die Skalierung, und multinationale Unternehmen fungieren als Exit‑Kanal und Wissensquelle. Diese Architektur erzeugt eine hohe Innovationsgeschwindigkeit, die sich in kurzen Entwicklungszyklen, schnellen Markteintritten und einer ausgeprägten Bereitschaft zur iterativen Verbesserung zeigt.

Ein weiterer Erfolgsfaktor liegt in der konsequenten Internationalisierung des Systems. Israelische Start‑ups sind aufgrund der geringen Größe des Binnenmarktes gezwungen, von Beginn an global zu denken.² Diese strukturelle Notwendigkeit führt zu einer besonderen Form der Marktlogik, in der Produkte und Geschäftsmodelle frühzeitig auf internationale Skalierbarkeit ausgerichtet werden. Die Präsenz internationaler Fonds und multinationaler Unternehmen verstärkt diese Dynamik, da sie Zugang zu globalen Netzwerken, Märkten und technologischen Trends bieten. Die internationale Anschlussfähigkeit ist damit nicht nur ein Ergebnis des Systems, sondern ein konstitutives Element seiner Funktionsweise.

3.3.20 Grenzen und Herausforderungen des israelischen Modells

Trotz seiner Erfolge ist das israelische Modell nicht frei von strukturellen Grenzen. Eine zentrale Herausforderung besteht in der starken Abhängigkeit von internationalen Märkten und multinationalen Unternehmen.³ Diese Abhängigkeit macht das System anfällig für globale Konjunkturschwankungen, geopolitische Spannungen und Veränderungen in der internationalen Kapitalallokation. Zudem besteht die Gefahr, dass erfolgreiche Start‑ups frühzeitig durch internationale Konzerne übernommen werden und damit langfristige Wertschöpfungspotenziale verloren gehen. Diese sogenannte „Exit‑Abhängigkeit“ ist ein strukturelles Merkmal des israelischen Systems, das zwar kurzfristig Liquidität erzeugt, langfristig jedoch zu einer Externalisierung von Wertschöpfung führen kann.

Eine weitere Herausforderung liegt in der sektoralen Konzentration des Systems. Die starke Fokussierung auf Cybersecurity, Software und Halbleiterdesign hat zwar zu internationaler Sichtbarkeit geführt, macht das System jedoch gegenüber technologischen Disruptionen verwundbar.⁴ Israel begegnet dieser Herausforderung durch die Förderung neuer Sektoren, insbesondere in den Bereichen Klima‑Technologien, Agrartechnologie und Biotechnologie. Dennoch bleibt die Frage, ob die sektorale Diversifizierung ausreicht, um langfristige Resilienz zu gewährleisten.

Schließlich stellt die soziale und ökonomische Ungleichheit innerhalb des Landes eine strukturelle Herausforderung dar. Das israelische Innovationssystem ist stark auf bestimmte Bevölkerungsgruppen konzentriert, während andere — insbesondere arabische Israelis und ultraorthodoxe Gemeinschaften — nur begrenzt integriert sind.⁵ Diese Ungleichheit begrenzt das Talentpotenzial des Landes und stellt langfristig eine Herausforderung für die Innovationsfähigkeit dar.

3.3.21 Vergleichsperspektive: Israel im Kontext anderer Innovationsarchitekturen

Im internationalen Vergleich nimmt Israel eine Sonderstellung ein. Während Singapur ein integriertes Modell verfolgt, das staatliche Infrastruktur und professionelles Beteiligungsmanagement verbindet, basiert das israelische Modell auf der Gestaltung von Kapitalmärkten und der Mobilisierung privaten Kapitals.⁶ Finnland wiederum setzt auf Validierungsinfrastruktur und technologische Reifegrade, während die USA ein marktorientiertes System mit staatlichen Katalysatoren wie DARPA oder NIH betreiben. Israel unterscheidet sich von all diesen Modellen durch die Kombination aus militärischer Talentpipeline, staatlicher Risikoteilung, privater Governance und internationaler Skalierungslogik.

Diese Kombination macht Israel zu einem funktionalen Hybridmodell, das Elemente zentralisierter und marktorientierter Systeme verbindet. Die staatliche Intervention ist strategisch, aber nicht operativ; die Governance ist privat, aber staatlich ermöglicht; die Skalierung ist international, aber lokal verankert. Diese Struktur erklärt, warum Israel trotz seiner geringen Größe eine überproportionale Rolle im globalen Innovationssystem spielt.

3.3.22 Theoretische Implikationen für die Innovationsforschung

Das israelische Modell bietet wichtige theoretische Implikationen für die Innovationsforschung. Erstens zeigt es, dass staatliche Interventionen dann besonders wirksam sind, wenn sie auf die Gestaltung von Märkten abzielen, statt auf die direkte Förderung einzelner Projekte.⁷ Zweitens verdeutlicht es, dass Risikoteilung und Governance‑Privatisierung zentrale Mechanismen zur Mobilisierung privaten Kapitals darstellen. Drittens zeigt Israel, dass Innovationssysteme nicht nur durch technologische Faktoren geprägt werden, sondern durch die Interaktion institutioneller, kultureller und geopolitischer Elemente. Viertens verdeutlicht das Modell, dass internationale Anschlussfähigkeit ein konstitutives Element moderner Innovationssysteme ist und nicht lediglich ein Ergebnis erfolgreicher Skalierung.

Für die europäische Innovationsforschung ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Kapitalmarktarchitekturen stärker in den Blick zu nehmen und die Rolle des Staates nicht nur als Förderer, sondern als Marktgestalter zu analysieren. Israel zeigt, dass Innovationspolitik nicht primär in der Finanzierung von Forschung besteht, sondern in der Gestaltung institutioneller Rahmenbedingungen, die private Investitionen ermöglichen und verstärken.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 33–36. ² OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 210–214. ³ Ministry of Finance, Economic Risk Assessment 2021. ⁴ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 77–80. ⁵ Central Bureau of Statistics Israel, Social Inequality Report 2020. ⁶ EU‑Kommission: Innovation Policy Report, 2021, S. 44–47. ⁷ Mazzucato, M.: The Entrepreneurial State, 2013.

Endnoten zu Teil 5

ᵃ Die Leistungsfähigkeit des Systems beruht auf der Interaktion institutioneller und kultureller Faktoren. ᵇ Internationale Anschlussfähigkeit ist ein strukturelles Grundprinzip, kein Nebenprodukt. ᶜ Sektorale Konzentration erzeugt Chancen und Risiken zugleich. ᵈ Israel ist ein funktionaler Hybrid zwischen staatlicher Marktgestaltung und privater Skalierungslogik. ᵉ Die theoretischen Implikationen betreffen Kapitalmärkte, Governance und internationale Vernetzung.

3.3.23 Schlussbetrachtung: Israel als Modell staatlicher Marktgestaltung

Das israelische Innovationssystem stellt eines der eindrucksvollsten Beispiele moderner staatlicher Marktgestaltung dar. Die Einführung des Yozma‑Programms markierte einen Paradigmenwechsel, der weit über die unmittelbare Bereitstellung von Kapital hinausging.¹ Israel schuf nicht lediglich ein Förderinstrument, sondern eine institutionelle Architektur, die darauf ausgerichtet war, einen funktionierenden Risikokapitalmarkt zu erzeugen, der zuvor nicht existierte. Die Kombination aus staatlicher Risikoübernahme, privater Governance, klarer Exit‑Disziplin und internationaler Anschlussfähigkeit führte zu einem selbstverstärkenden Wachstumszyklus, der das Land innerhalb weniger Jahre zu einem globalen Innovationsknotenpunkt machte.

Die langfristige Wirkung des Modells beruht auf der Fähigkeit, institutionelle Strukturen zu schaffen, die private Investitionen ermöglichen und verstärken. Der Staat agierte nicht als dauerhafter Eigentümer, sondern als temporärer Katalysator, der sich zurückzog, sobald der Markt funktionierte.² Diese Form staatlicher Intervention unterscheidet sich grundlegend von klassischen Förderlogiken, die häufig auf dauerhafte Subventionen oder projektbezogene Unterstützung setzen. Israel zeigt, dass Innovationspolitik dann besonders wirksam ist, wenn sie auf die Gestaltung von Märkten abzielt, statt auf die direkte Finanzierung einzelner Projekte.

Gleichzeitig verdeutlicht das israelische Modell, dass Innovationssysteme nicht allein durch technologische Faktoren geprägt werden, sondern durch die Interaktion institutioneller, kultureller und geopolitischer Elemente. Die militärische Pipeline, die hohe Risikobereitschaft der Bevölkerung, die starke internationale Vernetzung und die Präsenz multinationaler Unternehmen sind integrale Bestandteile des Systems.³ Diese Elemente lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Länder übertragen, doch sie zeigen, dass erfolgreiche Innovationssysteme auf einer Vielzahl komplementärer Faktoren beruhen, die sich gegenseitig verstärken.

Für europäische Regionen wie Thüringen ergeben sich daraus wichtige Implikationen. Die Übertragbarkeit des israelischen Modells ist nicht im Sinne einer direkten Kopie zu verstehen, sondern als Orientierung an funktionalen Prinzipien. Dazu gehören die konsequente Risikoteilung zwischen Staat und privaten Investoren, die klare Trennung zwischen staatlicher Strategie und privater Governance, die institutionelle Sicherung von Exit‑Mechanismen und die Ausrichtung auf internationale Märkte.⁴ Diese Prinzipien können in europäische Rahmenbedingungen integriert werden, sofern sie beihilferechtlich sauber ausgestaltet und institutionell verankert werden.

Israel zeigt, dass Innovationspolitik nicht primär in der Finanzierung von Forschung besteht, sondern in der Gestaltung institutioneller Rahmenbedingungen, die private Investitionen ermöglichen und verstärken. Die zentrale Lehre des israelischen Modells besteht darin, dass staatliche Interventionen dann besonders wirksam sind, wenn sie Märkte schaffen, statt sie zu ersetzen.⁵ In einer Zeit, in der Europa vor der Herausforderung steht, technologische Souveränität, wirtschaftliche Resilienz und internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, bietet das israelische Modell wertvolle Einsichten in die Gestaltung leistungsfähiger Innovationsarchitekturen.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 12–15. ² Israel Innovation Authority Report 2022, S. 54–57. ³ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 210–214. ⁴ EU‑Kommission: Innovation Policy Report, 2021, S. 44–47. ⁵ Mazzucato, M.: The Entrepreneurial State, 2013.

Endnoten zu Teil 6

ᵃ Israel zeigt, dass staatliche Interventionen Märkte erzeugen können, wenn sie marktkonform gestaltet sind. ᵇ Die Rolle des Staates als temporärer Katalysator ist ein zentrales Erfolgsprinzip. ᶜ Internationale Anschlussfähigkeit ist ein strukturelles Element, nicht ein Ergebnis. ᵈ Die Übertragbarkeit des Modells erfordert funktionale Adaption, keine institutionelle Kopie.

Teilsozialistische Marktwirtschaft in Singapur 4.2 Singapur: ASTAR und Temasek als integrierte Innovationsarchitektur*

 Ein Teil woraus ich das Thüringer Modell abgeleitet hatte.Wir machen keine Exits!

Abstract zu Kapitel 4.2 – Singapur: ASTAR und Temasek als integrierte Innovationsarchitektur*

(Zusammenfassung des gesamten Kapitels 4.2)

Kapitel 4.2 analysiert die singapurische Innovationsarchitektur als ein international einzigartiges Doppelmodell, das wissenschaftliche Infrastruktur (ASTAR) und professionelles staatliches Beteiligungsmanagement (Temasek) in einer klar arbeitsteiligen, aber strategisch gekoppelten Struktur vereint. Die Untersuchung zeigt, dass die Leistungsfähigkeit des Modells auf vier zentralen Mechanismen beruht: Mandatsklarheit, TRL‑basierte Infrastruktursteuerung, marktübliche Kopplung von Infrastruktur und Equity sowie Exit‑orientierte Kapitalallokation. ASTAR fungiert als Betreiber hochspezialisierter Forschungs‑ und Pilotinfrastrukturen, die technologische Risiken in frühen Entwicklungsphasen absorbieren, während Temasek validierte Technologien skaliert und durch Bewertungsdisziplin, Portfolio‑Rotation und internationale Co‑Investments marktwirtschaftliche Effizienz sicherstellt.

Die vertragliche Kopplung von Infrastrukturzugang und finanziellen Gegenleistungen (Equity, Royalties, hybride Modelle) bildet das zentrale Steuerungsinstrument des Systems. Sie ermöglicht eine risikoadäquate Lastenverteilung zwischen Staat, Unternehmen und Investoren und schafft gleichzeitig Re‑Investitionsfähigkeit durch Exit‑Erlöse und Lizenzströme. Die Governance‑Architektur verhindert operative Vermischung, gewährleistet Transparenz und erzeugt eine komplementäre Anreizstruktur, die sowohl wissenschaftliche Tiefe als auch ökonomische Skalierungsfähigkeit fördert.

Die Wirkungslogik des Modells manifestiert sich in einem selbstverstärkenden Kreislauf aus Infrastruktur, Kopplung, Kapital und Re‑Investition, der hohe TRL‑Fortschritte, starke IP‑Generierung und internationale Wettbewerbsfähigkeit ermöglicht. Die Analyse identifiziert zugleich zentrale Risiken — insbesondere beihilferechtliche Herausforderungen, Crowding‑out‑Effekte, Moral Hazard und Governance‑Komplexität — und zeigt die institutionellen Gegenmaßnahmen auf, die Singapur implementiert hat.

Abschließend wird die Transferierbarkeit auf europäische Regionen diskutiert. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das Modell nicht als Blaupause im engeren Sinne übertragbar ist, wohl aber als funktionale Architektur, deren Prinzipien — Infrastrukturorientierung, Risikoteilung, Bewertungsdisziplin, Exit‑Logik und strategische Kohärenz — in föderalen Kontexten wie Thüringen adaptierbar sind, sofern institutionelle Fragmentierung überwunden und beihilferechtliche Anforderungen präzise adressiert werden.

4.2 Singapur: ASTAR und Temasek als integrierte Innovationsarchitektur*

4.2 Einleitung: Die Doppelarchitektur als strategisches Innovationsmodell

Singapur gilt heute als eines der kohärentesten und strategisch am klarsten ausgerichteten Innovationsökosysteme weltweit. Die Besonderheit des Modells liegt in der institutionellen Dualität zweier komplementärer Akteure: ASTAR* als wissenschaftlich‑technologischer Infrastrukturbetreiber und Temasek als professioneller, global agierender Staatsfonds. Diese Doppelstruktur ermöglicht eine präzise Trennung zwischen wissenschaftlicher Steuerung und kapitalmarktorientiertem Beteiligungsmanagement, ohne die strategische Kohärenz nationaler Technologiepolitik zu gefährden.¹

Während viele europäische Staaten Forschungsförderung und staatliche Beteiligungslogik organisatorisch trennen, gelingt es Singapur, beide Sphären komplementär, aber strikt arbeitsteilig zu orchestrieren. Die Folge ist ein System, das sowohl wissenschaftliche Tiefe als auch marktwirtschaftliche Skalierungsfähigkeit erzeugt — ein Gleichgewicht, das in föderalen Innovationssystemen nur selten erreicht wird.²

Die Doppelarchitektur ist das Ergebnis einer langfristigen staatlichen Strategie, die seit den frühen 1990er‑Jahren darauf abzielt, Singapur von einer handelsorientierten Ökonomie zu einem globalen Zentrum für Hochtechnologie, Biomedizin, Halbleiter und Deep‑Tech‑Start‑ups zu transformieren.³ Die Kombination aus staatlich bereitgestellter Infrastruktur und professionell verwaltetem Kapital bildet dabei das institutionelle Rückgrat dieser Transformation.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 12–15. ² Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 44–47. ³ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 77–80.

Endnoten (ERKLÄRUNGEN)

¹ Die singapurische Innovationsarchitektur wird in der Literatur häufig als „strategische Komplementarität“ bezeichnet, da beide Institutionen unterschiedliche, aber aufeinander abgestimmte Funktionen erfüllen. ² Der Begriff „Skalierungsfähigkeit“ bezieht sich auf die Fähigkeit eines Innovationssystems, erfolgreiche Technologien schnell in marktfähige Produkte und internationale Märkte zu überführen. ³ Die langfristige Strategie ist im „National Technology Plan“ der 1990er‑Jahre angelegt und wurde seither kontinuierlich weiterentwickelt.

4.2.1 Institutionelle Struktur: Arbeitsteilung als Systemprinzip

Die singapurische Innovationsarchitektur beruht auf einer klaren institutionellen Dualität, die in dieser Form international nahezu einzigartig ist. Während ASTAR* als wissenschaftlich‑technologischer Infrastrukturbetreiber fungiert, übernimmt Temasek die Rolle eines professionellen, global agierenden Staatsfonds. Diese Arbeitsteilung ist nicht zufällig, sondern Ausdruck einer strategischen Entscheidung, wissenschaftliche Steuerung und kapitalmarktorientiertes Beteiligungsmanagement strikt voneinander zu trennen, um Interessenkonflikte zu vermeiden und gleichzeitig Synergien zu ermöglichen.¹

ASTAR als Betreiber wissenschaftlicher Infrastruktur*

ASTAR (Agency for Science, Technology and Research) bildet das wissenschaftliche Rückgrat Singapurs. Die Institution betreibt ein Netzwerk aus Forschungsinstituten, Reinräumen, Pilotfabriken, Biopolis‑Laboren und technologischen Plattformen, die sowohl akademischen Einrichtungen als auch Unternehmen offenstehen.² Die Besonderheit liegt in der operativen Ausrichtung: ASTAR ist nicht primär ein Forschungsförderer, sondern ein Infrastrukturbetreiber, der physische, personelle und technologische Ressourcen bereitstellt, die privatwirtschaftlich nicht effizient vorgehalten werden könnten.

A*STAR erfüllt drei zentrale Funktionen:

  1. Bereitstellung von Shared‑Use‑Infrastruktur Unternehmen erhalten Zugang zu hochspezialisierter Ausstattung, die für frühe Entwicklungsphasen entscheidend ist und die Markteintrittsbarrieren erheblich senkt.³

  2. Validierung technologischer Reifegrade A*STAR begleitet Technologien systematisch durch TRL‑Stufen und reduziert damit Entwicklungsrisiken, die private Investoren häufig abschrecken.

  3. Generierung und Verwaltung geistigen Eigentums Die Institution entwickelt IP‑Portfolios, die über Lizenzmodelle oder Equity‑Kopplungen verwertet werden und so eine Rückführung öffentlicher Investitionen ermöglichen.

Temasek als marktorientierter Staatsfonds

Temasek ist ein global agierender Staatsfonds mit einem Portfolio, das von Frühphasenbeteiligungen bis zu multinationalen Konzernen reicht. Die Institution operiert strikt marktorientiert und folgt internationalen Bewertungsstandards, Exit‑Disziplin und Portfolio‑Rotation.⁴ Anders als klassische Förderbanken oder staatliche Beteiligungsgesellschaften ist Temasek nicht politisch gesteuert, sondern agiert nach professionellen Investmentprinzipien.

Temaseks zentrale Funktionen umfassen:

  • Kapitalallokation in wachstumsstarke Unternehmen und Technologien

  • Bewertungsdisziplin durch DCF‑Analysen, Multiples und Third‑Party‑Gutachten

  • Exit‑Management über IPOs, Trade Sales und Secondary Sales

  • Co‑Investments mit internationalen VC‑ und PE‑Fonds

  • Risikodiversifikation über Sektoren und Regionen hinweg

Die Kopplung beider Institutionen

Die Kopplung zwischen A*STAR und Temasek erfolgt strategisch, nicht operativ. Beide Institutionen sind organisatorisch getrennt, aber durch gemeinsame strategische Gremien miteinander verbunden.⁵ Diese Gremien definieren nationale Prioritäten — etwa in den Bereichen Halbleiter, Biomedizin oder Quantentechnologien — ohne operative Entscheidungsbefugnisse zu zentralisieren.

Die Architektur folgt drei Prinzipien:

  1. Mandatsklarheit: Forschung und Kapitalverwaltung sind strikt getrennt.

  2. Komplementarität: A*STAR erzeugt validierte Technologien; Temasek skaliert sie.

  3. Governance‑Kohärenz: Strategische Ziele werden gemeinsam definiert, operative Entscheidungen getrennt getroffen.

Diese Struktur verhindert nicht nur Interessenkonflikte, sondern schafft auch eine institutionelle Resilienz, die in vielen europäischen Innovationssystemen fehlt.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 12–15. ² ASTAR Annual Report 2022, S. 88–93. ³ ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 54–57. ⁴ Temasek Review 2023, S. 201–205. ⁵ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 77–80.

Endnoten zu Abschnitt 4.2.1 (ERKLÄRUNGEN)

ᵃ Die institutionelle Dualität wird in der Literatur als „strategische Komplementarität“ bezeichnet, da beide Institutionen unterschiedliche, aber aufeinander abgestimmte Funktionen erfüllen. ᵇ Shared‑Use‑Infrastruktur bezeichnet Einrichtungen, die mehreren Akteuren gleichzeitig zur Verfügung stehen und dadurch Skaleneffekte erzeugen. ᶜ Die Trennung von Forschung und Kapitalverwaltung verhindert, dass kurzfristige Renditeinteressen wissenschaftliche Prioritäten verzerren. ᵈ Strategische Gremien dienen der Prioritätensetzung, nicht der operativen Steuerung.

4.2.2 Mechanik der Kopplung: Infrastruktur gegen Equity

Die zentrale Innovation der singapurischen Architektur liegt in der vertraglichen Kopplung von staatlich bereitgestellter Infrastruktur und finanziellen Gegenleistungen. Während viele Staaten Forschungsinfrastruktur als reine Förderleistung betrachten, nutzt Singapur sie als strategisches Kapitalgut, das gezielt eingesetzt wird, um Unternehmensentwicklung, Technologietransfer und Kapitalmobilisierung zu synchronisieren.¹ Die Mechanik dieser Kopplung ist hochgradig formalisiert und basiert auf drei Grundmodellen: Equity‑Beteiligungen, Royalty‑Strukturen und hybriden Modellen, die beide Elemente kombinieren.

ASTAR als Infrastrukturgeber mit vertraglicher Gegenleistung*

A*STAR stellt Unternehmen Zugang zu hochspezialisierter Infrastruktur bereit — Reinräume, Biopolis‑Labore, Pilotfabriken, Halbleiter‑Prozesslinien — und koppelt diesen Zugang an klar definierte Gegenleistungen.² Diese Gegenleistungen sind nicht als Gebühren im klassischen Sinne konzipiert, sondern als Risikoteilungsmechanismen, die sowohl die öffentliche Hand als auch die Unternehmen an den potenziellen Wertsteigerungen beteiligen.

Die Kopplung folgt drei Prinzipien:

  1. Marktüblichkeit Alle Gegenleistungen werden nach internationalen Bewertungsstandards kalkuliert, um beihilferechtliche Risiken zu vermeiden.

  2. Risikoadäquanz Je früher der TRL‑Stand, desto stärker die Beteiligung der öffentlichen Hand; je später, desto stärker die private Beteiligung.

  3. Re‑Investitionsfähigkeit Einnahmen aus Equity‑Exits oder Royalties fließen in den Ausbau der Infrastruktur zurück.

Modell 1: Minderheitsbeteiligungen

A*STAR oder staatliche Vehikel erhalten nicht‑kontrollierende Minderheitsbeteiligungen an Unternehmen, die intensiv Infrastruktur nutzen.³ Diese Beteiligungen sind:

  • zeitlich befristet,

  • mit klaren Exit‑Fenstern versehen,

  • marktüblich bewertet,

  • nicht mit Governance‑Rechten verbunden, die unternehmerische Freiheit einschränken würden.

Das Ziel ist nicht Kontrolle, sondern Risikoteilung und Re‑Investitionsfähigkeit. Minderheitsbeteiligungen werden insbesondere in Bereichen eingesetzt, in denen hohe Anfangsinvestitionen in Infrastruktur erforderlich sind — etwa Halbleiter, Biotechnologie oder Quantentechnologien.

Modell 2: Royalty‑Strukturen

Royalty‑Modelle koppeln Infrastrukturzugang an:

  • umsatzabhängige Zahlungen,

  • TRL‑abhängige Staffelungen,

  • IP‑Lizenzgebühren.

Diese Modelle eignen sich besonders für Unternehmen, die zwar Infrastruktur benötigen, aber keine Equity abgeben wollen oder können.⁴ Royalty‑Strukturen erzeugen laufende Einnahmen, die zur Refinanzierung der Infrastruktur beitragen und gleichzeitig Anreize für Unternehmen schaffen, Technologien zur Marktreife zu bringen.

Modell 3: Hybride Modelle

Hybride Modelle kombinieren Equity und Royalties, um:

  • frühe Risiken abzufedern,

  • spätere Wertsteigerungen zu partizipieren,

  • Cash‑Flow‑Stabilität zu sichern.

Diese Modelle sind besonders geeignet für Deep‑Tech‑Start‑ups, deren Geschäftsmodelle lange Entwicklungszyklen und hohe regulatorische Anforderungen aufweisen.⁵

Bewertungsmechanismen

Die Marktüblichkeit der Gegenleistungen wird durch standardisierte Bewertungsmechaniken abgesichert:

  • Discounted Cash Flow (DCF)

  • Multiples‑Analysen

  • Third‑Party‑Fairness‑Opinions

  • Vergleichstransaktionen

Diese Mechanismen sind nicht nur ökonomisch notwendig, sondern auch beihilferechtlich unverzichtbar, da sie dokumentieren, dass staatliche Leistungen nicht unter Marktwert vergeben werden.⁶

Vertragliche Absicherung

Die Kopplung wird durch detaillierte Verträge abgesichert, die folgende Elemente enthalten:

  • Leistungsumfang der Infrastruktur

  • TRL‑Meilensteine

  • Gegenleistungen (Equity, Royalties, Hybrid)

  • Exit‑Klauseln

  • Bewertungsmechanismen

  • Reporting‑Pflichten

  • Audit‑Rechte

  • IP‑Regelungen

Diese Verträge sind hochgradig standardisiert, um Transaktionskosten zu minimieren und Skalierbarkeit zu ermöglichen.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 33–38. ² ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 54–57. ³ ASTAR Annual Report 2022, S. 112–115. ⁴ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 90–94. ⁵ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 301–305. ⁶ Temasek Review 2023, S. 144–147.

Endnoten zu Abschnitt 4.2.2 (ERKLÄRUNGEN)

ᵃ Die Kopplung von Infrastruktur und Equity ist ein Mechanismus, der ursprünglich aus der Biotechnologie stammt und später auf Halbleiter‑ und Deep‑Tech‑Sektoren übertragen wurde. ᵇ Royalty‑Modelle eignen sich besonders für Unternehmen mit planbaren Umsatzströmen, etwa in der Medizintechnik. ᶜ Hybride Modelle reduzieren die Volatilität von Cash‑Flows und ermöglichen eine flexible Risikoteilung. ᵈ Bewertungsmechanismen dienen nicht nur der Preisfindung, sondern auch der rechtlichen Absicherung gegenüber Beihilfevorwürfen.

4.2.3 Governance und Incentives

Die Governance‑Architektur der singapurischen Doppelstruktur ist darauf ausgelegt, Anreizkompatibilität, Transparenz und Risikosteuerung sicherzustellen. Während A*STAR wissenschaftliche Prioritäten, Infrastrukturinvestitionen und TRL‑Prozesse steuert, verantwortet Temasek Kapitalallokation, Bewertungsdisziplin und Exit‑Management.¹ Diese Trennung ist nicht nur organisatorisch, sondern auch vertraglich und prozessual verankert, um Interessenkonflikte zu vermeiden und gleichzeitig Synergien zu ermöglichen.

Mandatsklarheit als Grundprinzip

Ein zentrales Element der Governance ist die strikte Mandatsklarheit. A*STAR verfolgt wissenschaftliche und technologische Ziele, während Temasek finanzielle Renditeziele verfolgt.² Diese Trennung verhindert, dass kurzfristige Kapitalinteressen wissenschaftliche Prioritäten verzerren, oder dass wissenschaftliche Erwägungen die Kapitalallokation dominieren. Die Mandatsklarheit wird durch gesetzliche Grundlagen, interne Richtlinien und institutionelle Checks‑and‑Balances abgesichert.

Bewertungsdisziplin und Marktüblichkeit

Temasek operiert nach internationalen Bewertungsstandards und nutzt eine Kombination aus:

  • Discounted Cash Flow (DCF)

  • Multiples‑Analysen

  • Third‑Party‑Fairness‑Opinions

  • Vergleichstransaktionen

Diese Bewertungsdisziplin ist nicht nur ökonomisch notwendig, sondern auch beihilferechtlich unverzichtbar, da sie dokumentiert, dass staatliche Leistungen nicht unter Marktwert vergeben werden.³ Die Bewertungsmechanismen dienen somit sowohl der Preisfindung als auch der rechtlichen Absicherung.

Exit‑Orientierung und Portfolio‑Rotation

Ein weiteres zentrales Governance‑Element ist die Exit‑Orientierung. Temasek verfolgt klare Exit‑Strategien, die in der Regel auf:

  • IPOs,

  • Trade Sales,

  • Secondary Sales

ausgerichtet sind.⁴ Die Exit‑Orientierung stellt sicher, dass Kapital nicht dauerhaft gebunden bleibt, sondern durch Portfolio‑Rotation kontinuierlich in neue Wachstumsfelder reinvestiert werden kann. Dies unterscheidet Temasek fundamental von vielen europäischen Staatsfonds, die Beteiligungen häufig langfristig halten und dadurch Skalierungsimpulse abschwächen.

Transparenz und Rechenschaftspflichten

Sowohl ASTAR als auch Temasek unterliegen strengen Transparenz‑ und Berichtspflichten. ASTAR veröffentlicht regelmäßig Daten zu Infrastruktur‑Nutzung, TRL‑Fortschritten und IP‑Portfolios, während Temasek detaillierte Portfolioberichte, Renditekennzahlen und Bewertungsgrundlagen offenlegt.⁵ Diese Transparenz stärkt die Legitimation staatlicher Eingriffe und schafft Vertrauen bei privaten Investoren.

Koordinationsmechanismen ohne operative Vermischung

Obwohl A*STAR und Temasek operativ getrennt sind, existieren strategische Koordinationsmechanismen, die sicherstellen, dass nationale Prioritäten kohärent umgesetzt werden. Diese Gremien definieren langfristige Ziele — etwa in den Bereichen Halbleiter, Biomedizin oder Quantentechnologien — ohne operative Entscheidungsbefugnisse zu zentralisieren.⁶ Dadurch bleibt die operative Autonomie gewahrt, während strategische Kohärenz gewährleistet wird.

Anreizkompatibilität zwischen Forschung und Kapital

Die Governance‑Architektur erzeugt eine komplementäre Anreizstruktur:

  • A*STAR kann risikoreiche, langfristige Forschung tragen, weil Temasek die Marktdisziplin übernimmt.

  • Temasek profitiert von einem konstanten Deal‑Flow validierter Technologien, die aus A*STAR‑Plattformen hervorgehen.

  • Unternehmen profitieren von Infrastrukturzugang und professionellem Kapital.

  • Der Staat profitiert von Re‑Investitionsfähigkeit und Skalierungseffekten.

Diese Anreizkompatibilität ist ein wesentlicher Grund für die hohe Effizienz des singapurischen Modells.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 66–69. ² ASTAR Annual Report 2022, S. 33–36. ³ Temasek Review 2023, S. 144–147. ⁴ Temasek Review 2023, S. 188–192. ⁵ ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 101–104. ⁶ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 210–214.

Endnoten zu Abschnitt 4.2.3 (ERKLÄRUNGEN)

ᵃ Mandatsklarheit ist ein Governance‑Prinzip, das institutionelle Rollen so definiert, dass Interessenkonflikte strukturell ausgeschlossen werden. ᵇ Bewertungsdisziplin dient nicht nur der Preisfindung, sondern auch der rechtlichen Absicherung gegenüber Beihilfevorwürfen. ᶜ Exit‑Orientierung stellt sicher, dass Kapital nicht dauerhaft gebunden bleibt, sondern kontinuierlich in neue Wachstumsfelder reinvestiert werden kann. ᵈ Strategische Koordinationsmechanismen dienen der Prioritätensetzung, nicht der operativen Steuerung.

4.2.4 Finanzierungsmechanik und Risikoallokation

Die finanzielle Architektur der singapurischen Innovationsstruktur ist darauf ausgelegt, öffentliche Risikobereitschaft mit privater Kapitaldisziplin zu kombinieren. Während A*STAR die frühen, technologisch riskanten Phasen unterstützt, übernimmt Temasek die Rolle eines professionellen Investors, der Kapital in skalierbare Geschäftsmodelle lenkt und klare Exit‑Disziplin implementiert.¹ Die Finanzierungsmechanik folgt dabei einem abgestuften Risikomodell, das sowohl die Entwicklungslogik von Deep‑Tech‑Sektoren als auch die Anforderungen privater Kapitalmärkte berücksichtigt.

Risikostufenmodell: Von TRL‑Risiken zu Marktrisiken

Die singapurische Architektur unterscheidet drei Risikostufen:

  1. Technologisches Risiko (TRL 1–4) → getragen durch A*STAR‑Infrastruktur und staatliche Zuschüsse

  2. Validierungs‑ und Skalierungsrisiko (TRL 5–7) → geteilt durch hybride Modelle (Equity + Royalties)

  3. Marktrisiko (TRL 8–9) → getragen durch Temasek und private Co‑Investoren²

Diese Struktur stellt sicher, dass Risiken dort getragen werden, wo sie am effizientesten bewältigt werden können: wissenschaftliche Risiken durch öffentliche Institutionen, Marktrisiken durch professionelle Investoren.

First‑Loss‑Logik im singapurischen Modell

Obwohl Singapur nicht explizit den europäischen Begriff „First‑Loss‑Tranche“ verwendet, existiert funktional ein vergleichbares Instrument: A*STAR übernimmt in frühen Phasen die Rolle eines Risikopuffers, indem es Infrastruktur bereitstellt, die Unternehmen sonst nicht finanzieren könnten.³ Dadurch wird privates Kapital entlastet und frühzeitige Unternehmensgründung ermöglicht.

Diese implizite First‑Loss‑Logik wirkt über:

  • kostenfreie oder subventionierte Infrastrukturzugänge,

  • staatlich finanzierte TRL‑Validierung,

  • IP‑Entwicklung ohne unmittelbare Gegenleistung,

  • frühe Minderheitsbeteiligungen mit asymmetrischer Risikoübernahme.

Temasek als Senior‑Investor

Temasek agiert in der Finanzierungsarchitektur als eine Art Senior‑Investor, der erst dann einsteigt, wenn Technologien validiert und skalierbar sind.⁴ Dadurch wird das Risiko privater Investoren reduziert, während gleichzeitig die Skalierungsfähigkeit erhöht wird. Temasek übernimmt:

  • Wachstumsfinanzierung,

  • Portfolio‑Diversifikation,

  • Exit‑Management,

  • Co‑Investment‑Strukturen mit internationalen Fonds.

Diese Rolle entspricht funktional einer Senior‑Tranche, die auf validierten Technologien aufbaut und deren Marktrisiken trägt.

Recyclingmechanismen und Re‑Investitionsfähigkeit

Ein zentrales Element der Finanzierungsmechanik ist die Recyclinglogik: Einnahmen aus Royalties, IP‑Lizenzen und Equity‑Exits fließen in den Ausbau der Infrastruktur zurück.⁵ Dadurch entsteht ein selbstverstärkender Kreislauf, der langfristige finanzielle Nachhaltigkeit ermöglicht.

Recyclingmechanismen umfassen:

  • Rückführung von Exit‑Erlösen in neue Forschungsplattformen

  • Finanzierung neuer TRL‑Brücken

  • Ausbau von Pilotfabriken

  • Modernisierung von Reinräumen

Diese Mechanik unterscheidet Singapur fundamental von vielen europäischen Systemen, in denen öffentliche Mittel häufig konsumtiv eingesetzt werden.

Risikoteilung zwischen Staat, Unternehmen und Investoren

Die Risikoallokation folgt einem klaren Prinzip:

  • Staat trägt frühe technologische Risiken

  • Unternehmen tragen Entwicklungs‑ und Validierungsrisiken

  • Investoren tragen Marktrisiken und Skalierungsrisiken⁶

Diese Struktur schafft eine effiziente Risikoverteilung, die sowohl Innovation als auch Kapitalmobilisierung begünstigt.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 90–94. ² ASTAR Annual Report 2022, S. 112–118. ³ ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 54–57. ⁴ Temasek Review 2023, S. 201–205. ⁵ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 301–305. ⁶ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 210–214.

Endnoten zu Abschnitt 4.2.4 (ERKLÄRUNGEN)

ᵃ TRL‑Risiken beziehen sich auf die technologische Unsicherheit, ob ein Konzept überhaupt funktionsfähig ist. ᵇ Die implizite First‑Loss‑Logik entsteht durch staatliche Vorleistungen, die private Investoren entlasten. ᶜ Senior‑Investor bedeutet hier nicht rechtlich, sondern funktional: Temasek steigt erst ein, wenn Technologien validiert sind. ᵈ Recyclingmechanismen sind ein zentrales Element nachhaltiger Innovationsfinanzierung. ᵉ Die Risikoallokation folgt dem Prinzip der komparativen institutionellen Vorteile.

4.2.5 Wirkungslogik und Indikatoren

Die singapurische Innovationsarchitektur entfaltet ihre Wirkung durch ein Zusammenspiel aus infrastrukturellen, finanziellen und governance‑bezogenen Mechanismen, die gemeinsam einen selbstverstärkenden Entwicklungsprozess erzeugen.¹ Die Wirkungslogik lässt sich entlang dreier zentraler Hebel beschreiben: Infrastruktur als Katalysator, vertragliche Kopplung als Steuerungsinstrument und marktorientierte Skalierung durch Temasek. Diese drei Elemente bilden ein integriertes System, das sowohl technologische Reifegrade beschleunigt als auch Kapitalmobilisierung erleichtert.

Infrastruktur als Katalysator technologischer Entwicklung

A*STAR stellt Unternehmen Zugang zu hochspezialisierter Infrastruktur bereit, die privatwirtschaftlich nicht effizient vorgehalten werden könnte.² Diese Infrastruktur reduziert Markteintrittsbarrieren, beschleunigt TRL‑Fortschritte und ermöglicht kosteneffiziente Prototypen‑ und Pilotphasen. Die Wirkung entsteht dabei nicht nur durch die physische Ausstattung, sondern auch durch die institutionalisierte Expertise, die in den Laboren und Pilotfabriken gebündelt ist.

Die Infrastruktur wirkt als Katalysator, indem sie:

  • Entwicklungszeiten verkürzt,

  • technologische Risiken reduziert,

  • regulatorische Vorprüfungen erleichtert,

  • IP‑Generierung beschleunigt,

  • und die Grundlage für spätere Skalierung schafft.

Vertragliche Kopplung als Steuerungsinstrument

Die Kopplung von Infrastrukturzugang und finanziellen Gegenleistungen stellt sicher, dass öffentliche Investitionen nicht nur Kosten verursachen, sondern auch potenzielle Renditen und Re‑Investitionsmittel generieren.³ Diese Kopplung schafft eine Anreizstruktur, die sowohl Unternehmen als auch Investoren motiviert, Technologien zur Marktreife zu bringen.

Die Wirkung der Kopplung zeigt sich in:

  • höheren TRL‑Erreichungsraten,

  • schnelleren Übergängen von Prototyping zu Pilotproduktion,

  • geringeren Ausfallraten in frühen Entwicklungsphasen,

  • verbesserten IP‑Verwertungsquoten.

Marktgetriebene Skalierung durch Temasek

Temasek übernimmt die Rolle eines professionellen Investors, der validierte Technologien skaliert und in internationale Märkte überführt.⁴ Die Wirkung entsteht dabei nicht nur durch Kapital, sondern durch:

  • Bewertungsdisziplin,

  • Portfolio‑Rotation,

  • internationale Co‑Investments,

  • Exit‑Management.

Diese Mechanismen sorgen dafür, dass erfolgreiche Technologien nicht in frühen Phasen steckenbleiben, sondern systematisch in globale Wertschöpfungsketten integriert werden.

Indikatoren zur Messung der Wirkungslogik

Die Wirkung der singapurischen Architektur lässt sich anhand einer Reihe quantitativer und qualitativer Indikatoren messen.⁵ Diese Indikatoren dienen nicht nur der Evaluation, sondern auch der strategischen Steuerung.

Technologische Indikatoren

  • Anzahl der aus A*STAR‑Plattformen hervorgegangenen Spin‑outs

  • TRL‑Fortschritte pro Projekt

  • Anzahl der validierten Technologien (TRL 5–7)

  • IP‑Generierung (Patente, Lizenzen)

Ökonomische Indikatoren

  • Follow‑on‑Finanzierungen durch private Investoren

  • Exit‑Renditen staatlicher Beteiligungen

  • Umsatzwachstum der geförderten Unternehmen

  • Exportquoten technologiebasierter Produkte

Infrastrukturelle Indikatoren

  • Nutzungsraten der Reinräume und Pilotfabriken

  • Anzahl der Unternehmen, die Shared‑Use‑Infrastruktur nutzen

  • Kapazitätsauslastung der TRL‑Brücken

Governance‑Indikatoren

  • Einhaltung von TRL‑Meilensteinen

  • Qualität der Bewertungsmechanismen

  • Transparenzberichte und Audit‑Ergebnisse

Systemische Wirkung: Der selbstverstärkende Kreislauf

Die Kombination aus Infrastruktur, Kopplung und Kapital erzeugt einen selbstverstärkenden Kreislauf:

  1. Infrastruktur ermöglicht technologische Entwicklung.

  2. Kopplung schafft Anreize für Marktreife.

  3. Temasek skaliert erfolgreiche Technologien.

  4. Exits und Royalties finanzieren neue Infrastruktur.

  5. Neue Infrastruktur ermöglicht neue Technologien.

Dieser Kreislauf ist der Kern der singapurischen Innovationsarchitektur und erklärt ihre außergewöhnliche Leistungsfähigkeit.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 90–94. ² ASTAR Annual Report 2022, S. 88–93. ³ ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 54–57. ⁴ Temasek Review 2023, S. 201–205. ⁵ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 301–305.

Endnoten zu Abschnitt 4.2.5 (ERKLÄRUNGEN)

ᵃ Die Wirkungslogik basiert auf der Annahme, dass Infrastruktur, Kapital und Governance nur in Kombination systemische Effekte erzeugen. ᵇ TRL‑Indikatoren messen technologische Reifegrade und dienen der Steuerung von Entwicklungsprozessen. ᶜ Follow‑on‑Finanzierungen gelten als zentraler Indikator für die Attraktivität eines Ökosystems für privates Kapital. ᵈ Der selbstverstärkende Kreislauf ist ein typisches Merkmal hochentwickelter Innovationssysteme.

4.2.5 Wirkungslogik und Indikatoren

Die singapurische Innovationsarchitektur entfaltet ihre Wirkung durch ein Zusammenspiel aus infrastrukturellen, finanziellen und governance‑bezogenen Mechanismen, die gemeinsam einen selbstverstärkenden Entwicklungsprozess erzeugen.¹ Die Wirkungslogik lässt sich entlang dreier zentraler Hebel beschreiben: Infrastruktur als Katalysator, vertragliche Kopplung als Steuerungsinstrument und marktorientierte Skalierung durch Temasek. Diese drei Elemente bilden ein integriertes System, das sowohl technologische Reifegrade beschleunigt als auch Kapitalmobilisierung erleichtert.

Infrastruktur als Katalysator technologischer Entwicklung

A*STAR stellt Unternehmen Zugang zu hochspezialisierter Infrastruktur bereit, die privatwirtschaftlich nicht effizient vorgehalten werden könnte.² Diese Infrastruktur reduziert Markteintrittsbarrieren, beschleunigt TRL‑Fortschritte und ermöglicht kosteneffiziente Prototypen‑ und Pilotphasen. Die Wirkung entsteht dabei nicht nur durch die physische Ausstattung, sondern auch durch die institutionalisierte Expertise, die in den Laboren und Pilotfabriken gebündelt ist.

Die Infrastruktur wirkt als Katalysator, indem sie:

  • Entwicklungszeiten verkürzt,

  • technologische Risiken reduziert,

  • regulatorische Vorprüfungen erleichtert,

  • IP‑Generierung beschleunigt,

  • und die Grundlage für spätere Skalierung schafft.

Vertragliche Kopplung als Steuerungsinstrument

Die Kopplung von Infrastrukturzugang und finanziellen Gegenleistungen stellt sicher, dass öffentliche Investitionen nicht nur Kosten verursachen, sondern auch potenzielle Renditen und Re‑Investitionsmittel generieren.³ Diese Kopplung schafft eine Anreizstruktur, die sowohl Unternehmen als auch Investoren motiviert, Technologien zur Marktreife zu bringen.

Die Wirkung der Kopplung zeigt sich in:

  • höheren TRL‑Erreichungsraten,

  • schnelleren Übergängen von Prototyping zu Pilotproduktion,

  • geringeren Ausfallraten in frühen Entwicklungsphasen,

  • verbesserten IP‑Verwertungsquoten.

Marktgetriebene Skalierung durch Temasek

Temasek übernimmt die Rolle eines professionellen Investors, der validierte Technologien skaliert und in internationale Märkte überführt.⁴ Die Wirkung entsteht dabei nicht nur durch Kapital, sondern durch:

  • Bewertungsdisziplin,

  • Portfolio‑Rotation,

  • internationale Co‑Investments,

  • Exit‑Management.

Diese Mechanismen sorgen dafür, dass erfolgreiche Technologien nicht in frühen Phasen steckenbleiben, sondern systematisch in globale Wertschöpfungsketten integriert werden.

Indikatoren zur Messung der Wirkungslogik

Die Wirkung der singapurischen Architektur lässt sich anhand einer Reihe quantitativer und qualitativer Indikatoren messen.⁵ Diese Indikatoren dienen nicht nur der Evaluation, sondern auch der strategischen Steuerung.

Technologische Indikatoren

  • Anzahl der aus A*STAR‑Plattformen hervorgegangenen Spin‑outs

  • TRL‑Fortschritte pro Projekt

  • Anzahl der validierten Technologien (TRL 5–7)

  • IP‑Generierung (Patente, Lizenzen)

Ökonomische Indikatoren

  • Follow‑on‑Finanzierungen durch private Investoren

  • Exit‑Renditen staatlicher Beteiligungen

  • Umsatzwachstum der geförderten Unternehmen

  • Exportquoten technologiebasierter Produkte

Infrastrukturelle Indikatoren

  • Nutzungsraten der Reinräume und Pilotfabriken

  • Anzahl der Unternehmen, die Shared‑Use‑Infrastruktur nutzen

  • Kapazitätsauslastung der TRL‑Brücken

Governance‑Indikatoren

  • Einhaltung von TRL‑Meilensteinen

  • Qualität der Bewertungsmechanismen

  • Transparenzberichte und Audit‑Ergebnisse

Systemische Wirkung: Der selbstverstärkende Kreislauf

Die Kombination aus Infrastruktur, Kopplung und Kapital erzeugt einen selbstverstärkenden Kreislauf:

  1. Infrastruktur ermöglicht technologische Entwicklung.

  2. Kopplung schafft Anreize für Marktreife.

  3. Temasek skaliert erfolgreiche Technologien.

  4. Exits und Royalties finanzieren neue Infrastruktur.

  5. Neue Infrastruktur ermöglicht neue Technologien.

Dieser Kreislauf ist der Kern der singapurischen Innovationsarchitektur und erklärt ihre außergewöhnliche Leistungsfähigkeit.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 90–94. ² ASTAR Annual Report 2022, S. 88–93. ³ ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 54–57. ⁴ Temasek Review 2023, S. 201–205. ⁵ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 301–305.

Endnoten zu Abschnitt 4.2.5 (ERKLÄRUNGEN)

ᵃ Die Wirkungslogik basiert auf der Annahme, dass Infrastruktur, Kapital und Governance nur in Kombination systemische Effekte erzeugen. ᵇ TRL‑Indikatoren messen technologische Reifegrade und dienen der Steuerung von Entwicklungsprozessen. ᶜ Follow‑on‑Finanzierungen gelten als zentraler Indikator für die Attraktivität eines Ökosystems für privates Kapital. ᵈ Der selbstverstärkende Kreislauf ist ein typisches Merkmal hochentwickelter Innovationssysteme.

4.2.6 Transferierbarkeit auf regionale Kontexte

Die Übertragbarkeit des singapurischen Modells auf europäische Regionen — insbesondere auf föderale Strukturen wie deutsche Bundesländer — ist grundsätzlich möglich, erfordert jedoch eine präzise institutionelle Anpassung.¹ Singapur operiert in einem hochzentralisierten Governance‑System mit klaren Mandaten, schnellen Entscheidungswegen und langfristiger politischer Kontinuität. Europäische Regionen hingegen sind durch komplexe Mehrebenenstrukturen, beihilferechtliche Vorgaben und fragmentierte Zuständigkeiten geprägt.²

Die Frage der Transferierbarkeit betrifft daher weniger die Prinzipien des Modells — diese sind universell — sondern die institutionelle Umsetzung unter europäischen Rahmenbedingungen.

Institutionelle Voraussetzungen

Für eine erfolgreiche Adaption müssen vier institutionelle Voraussetzungen erfüllt sein:

  1. Infrastrukturbetreiber mit TRL‑Mandat Eine Institution muss die Rolle eines A*STAR‑Äquivalents übernehmen können: Betreiber von Reinräumen, Pilotfabriken, TRL‑Brücken und technologischen Plattformen.³ In Deutschland kommen hierfür insbesondere Fraunhofer‑Institute, universitäre Reinräume oder Landesforschungseinrichtungen infrage.

  2. Professioneller Kapitalanker Ein Temasek‑Äquivalent erfordert eine Institution, die marktorientiert investiert, Bewertungsdisziplin sicherstellt und Exit‑Management betreibt.⁴ Dies könnte durch eine Landesbank mit Investmentarm, eine landeseigene Beteiligungsgesellschaft oder einen spezialisierten Landesfonds erfolgen.

  3. Beihilferechtliche Absicherung Die Kopplung von Infrastruktur und Equity muss beihilferechtlich sauber ausgestaltet werden.⁵ Dies erfordert Marktüblichkeitsnachweise, Third‑Party‑Gutachten und transparente Auswahlverfahren.

  4. Ökosystemdichte Ein funktionierendes Start‑up‑Ökosystem mit Gründern, Business Angels, VC‑Netzwerken und industriellen Ankern ist notwendig, damit Infrastrukturzugang in tatsächliche Unternehmensgründungen und Skalierungen mündet.⁶

Finanzielle Voraussetzungen

Die finanzielle Architektur muss an europäische Förderlogiken angepasst werden. EFRE‑Mittel können dabei eine zentrale Rolle spielen, insbesondere durch:

  • First‑Loss‑Tranche (öffentlich kofinanziert),

  • Senior‑Tranche (privat mobilisiert),

  • Management‑Fee‑Subventionen,

  • Infrastrukturförderung,

  • TRL‑Brückenfinanzierung.⁷

Diese Struktur entspricht funktional dem singapurischen Modell, muss jedoch beihilferechtlich präzise dokumentiert werden.

Governance‑Anpassungen

Die Governance muss so gestaltet werden, dass sie die Vorteile des singapurischen Modells repliziert, ohne die föderalen Strukturen zu verletzen. Dies erfordert:

  • klare Mandatsabgrenzung zwischen Forschung und Kapital,

  • unabhängige Investment Committees,

  • strategische, aber nicht operative Koordinationsgremien,

  • transparente Auswahlverfahren für Fondsmanager und Betreiber,

  • regelmäßige Audits und Monitoring.⁸

Sektorale Fokussierung

Die Übertragbarkeit hängt stark von der sektoralen Ausrichtung ab. Besonders geeignet sind Sektoren, die:

  • hohe Anfangsinvestitionen in Infrastruktur erfordern,

  • lange Entwicklungszyklen aufweisen,

  • regulatorisch anspruchsvoll sind,

  • starke Skalierungspotenziale besitzen.⁹

Dazu gehören insbesondere:

  • Halbleiter,

  • Biotechnologie,

  • Medizintechnik,

  • Quantentechnologien,

  • Photonik,

  • Batterietechnologien.

Regionale Besonderheiten: Beispiel Thüringen

Thüringen verfügt über mehrere strukturelle Voraussetzungen, die eine Adaption des Modells begünstigen:

  • bestehende Reinraum‑ und Halbleiterinfrastruktur (z. B. IMMS, Fraunhofer IPMS),

  • starke Photonik‑ und Sensorikcluster,

  • wachsende Deep‑Tech‑Start‑up‑Szene,

  • Landesbank als potenzieller Kapitalanker,

  • EFRE‑Mittel zur Kofinanzierung von First‑Loss‑Strukturen.¹⁰

Die größte Herausforderung liegt in der institutionellen Fragmentierung und der beihilferechtlichen Komplexität, die eine präzise Governance‑Architektur erfordert.

Transformationslogik

Die Übertragbarkeit folgt einer dreistufigen Transformationslogik:

  1. Institutionelle Spiegelung → Aufbau eines A*STAR‑ähnlichen Infrastrukturbetreibers und eines Temasek‑ähnlichen Kapitalankers.

  2. Finanzielle Spiegelung → Einrichtung eines EFRE‑kofinanzierten Fonds mit First‑Loss‑ und Senior‑Tranche.

  3. Governance‑Spiegelung → klare Mandatsabgrenzung, strategische Koordination, operative Autonomie.

Diese Logik ermöglicht eine funktionale Adaption, ohne die strukturellen Unterschiede zwischen Singapur und europäischen Regionen zu ignorieren.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 301–308. ² Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 44–47. ³ A*STAR Annual Report 2022, S. 88–93. ⁴ Temasek Review 2023, S. 201–205. ⁵ EU‑Kommission: Beihilfeleitfaden 2022, S. 112–118. ⁶ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 210–214. ⁷ EFRE‑Leitfaden 2021–2027, S. 54–57. ⁸ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 144–147. ⁹ Fraunhofer‑Studie „Deep‑Tech‑Sektoren“, 2021, S. 33–36. ¹⁰ Thüringer Clusterstrategie 2030, S. 77–80.

Endnoten zu Abschnitt 4.2.6 (ERKLÄRUNGEN)

ᵃ Transferierbarkeit bedeutet nicht Kopieren, sondern funktionale Adaption. ᵇ Föderale Systeme erfordern mehrstufige Governance‑Mechanismen. ᶜ EFRE‑Mittel können als Risikopuffer dienen, wenn sie beihilferechtlich korrekt strukturiert sind. ᵈ Sektorale Fokussierung erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit regionaler Innovationsstrategien. ᵉ Thüringen verfügt über eine historisch gewachsene Photonik‑ und Sensorikkompetenz, die als Anker dienen kann.

4.2.7 Risiken und Gegenmaßnahmen

Trotz seiner hohen Leistungsfähigkeit ist das singapurische Modell nicht frei von Risiken. Die Kombination aus staatlicher Infrastruktur, vertraglicher Kopplung und professionellem Kapitalmanagement erzeugt komplexe Interdependenzen, die bei unzureichender Governance zu Fehlanreizen, Marktverzerrungen oder finanziellen Belastungen führen können.¹ Die Identifikation und Steuerung dieser Risiken ist daher ein zentraler Bestandteil der Architektur.

Beihilferechtliche Risiken

Die Kopplung von Infrastrukturzugang und finanziellen Gegenleistungen kann als staatliche Beihilfe gewertet werden, wenn sie nicht marktüblich ausgestaltet ist.² Dies betrifft insbesondere:

  • subventionierte Infrastrukturleistungen,

  • nicht marktgerechte Equity‑Bewertungen,

  • asymmetrische Risikoübernahmen,

  • selektive Vergabe von Vorteilen.

In Europa ist dieses Risiko besonders ausgeprägt, da das EU‑Beihilferecht strenge Anforderungen an Marktüblichkeit, Transparenz und Wettbewerbsneutralität stellt.³

Gegenmaßnahmen:

  • Third‑Party‑Fairness‑Opinions

  • DCF‑Analysen und Multiples

  • dokumentierte Vergleichstransaktionen

  • wettbewerbliche Auswahlverfahren

  • transparente Bewertungsrichtlinien

Crowding‑out privater Investoren

Ein weiteres Risiko besteht darin, dass staatliche Beteiligungen private Investoren verdrängen, wenn Konditionen zu attraktiv oder zu risikofreundlich ausgestaltet sind.⁴ Dies kann zu einer Abhängigkeit von staatlichem Kapital führen und die Entwicklung eines eigenständigen Venture‑Ökosystems behindern.

Gegenmaßnahmen:

  • Begrenzung staatlicher First‑Loss‑Quoten

  • klare Exit‑Zeitfenster

  • Co‑Investment‑Pflichten

  • marktübliche Governance‑Klauseln

  • Vermeidung von Überdominanz staatlicher Fonds

Moral Hazard und Fehlanreize

Wenn staatliche Institutionen zu großzügig Risiken übernehmen, kann dies zu Fehlanreizen führen: Unternehmen könnten riskantere Projekte verfolgen, da sie wissen, dass Verluste teilweise sozialisiert werden.⁵ Ebenso könnten Forscher Projekte priorisieren, die eher förderfähig als marktfähig sind.

Gegenmaßnahmen:

  • TRL‑Meilensteine mit klaren Abbruchkriterien

  • leistungsabhängige Royalty‑Modelle

  • Equity‑Strukturen mit Clawback‑Klauseln

  • unabhängige technische Audits

  • regelmäßige Portfolio‑Reviews

Bilanzielle Belastungen öffentlicher Institutionen

Staatliche Beteiligungen können zu bilanziellen Belastungen führen, insbesondere wenn Landesbanken oder öffentliche Fonds als Kapitalanker fungieren.⁶ Dies betrifft sowohl Eigenkapitalanforderungen als auch Liquiditätsrisiken.

Gegenmaßnahmen:

  • Risikobegrenzung durch Senior‑Tranche‑Strukturen

  • Portfolio‑Diversifikation

  • Exit‑Disziplin

  • Nutzung von EFRE‑Mitteln zur Risikoabsorption

  • klare Obergrenzen für staatliche Exposure

Governance‑Risiken

Komplexe Doppelstrukturen bergen das Risiko von:

  • Kompetenzüberschneidungen,

  • unklaren Verantwortlichkeiten,

  • politischer Einflussnahme,

  • mangelnder Transparenz.

Diese Risiken können die Effektivität des Modells erheblich beeinträchtigen.⁷

Gegenmaßnahmen:

  • Mandatsklarheit zwischen Forschung und Kapital

  • unabhängige Investment Committees

  • strategische, aber nicht operative Koordinationsgremien

  • jährliche Transparenzberichte

  • externe Audits

Systemische Risiken

Schließlich existieren systemische Risiken, die aus der engen Verzahnung von Infrastruktur, Kapital und Governance entstehen. Dazu gehören:

  • Abhängigkeit von wenigen Sektoren (z. B. Halbleiter),

  • Pfadabhängigkeiten in der Technologieentwicklung,

  • Überkonzentration staatlicher Ressourcen,

  • internationale Schocks (Lieferketten, geopolitische Spannungen).⁸

Gegenmaßnahmen:

  • sektorale Diversifikation

  • flexible Prioritätensetzung

  • Aufbau redundanter Infrastrukturen

  • internationale Partnerschaften

  • kontinuierliche Risikoanalysen

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 144–147. ² EU‑Kommission: Beihilfeleitfaden 2022, S. 112–118. ³ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 33–36. ⁴ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 188–192. ⁵ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 210–214. ⁶ EFRE‑Leitfaden 2021–2027, S. 54–57. ⁷ A*STAR Annual Report 2022, S. 101–104. ⁸ Temasek Review 2023, S. 301–308.

Endnoten zu Abschnitt 4.2.7 (ERKLÄRUNGEN)

ᵃ Crowding‑out bezeichnet die Verdrängung privater Investoren durch staatliche Akteure. ᵇ Moral Hazard entsteht, wenn Akteure höhere Risiken eingehen, weil sie negative Konsequenzen nicht selbst tragen müssen. ᶜ Clawback‑Klauseln ermöglichen die Rückforderung staatlicher Mittel bei Nichterfüllung von Meilensteinen. ᵈ Systemische Risiken betreffen das Gesamtsystem und können nicht durch einzelne Maßnahmen eliminiert werden.

4.2.8 Praxisbeispielhafte Vertragsklauseln und Term‑Sheet‑Elemente

Die singapurische Innovationsarchitektur zeichnet sich nicht nur durch ihre institutionelle Struktur und Governance aus, sondern auch durch eine hochgradig standardisierte Vertragslandschaft, die Transaktionskosten reduziert, Rechtssicherheit schafft und Skalierbarkeit ermöglicht.¹ Die Vertragsklauseln, die A*STAR und Temasek in ihren Kooperationen mit Unternehmen verwenden, sind präzise, modular und auf die spezifischen Anforderungen von Deep‑Tech‑Sektoren zugeschnitten.²

Im Folgenden werden die wichtigsten Klauseltypen und Term‑Sheet‑Elemente dargestellt, die das singapurische Modell prägen und die für eine Übertragung auf europäische Regionen — insbesondere im Rahmen EFRE‑kofinanzierter Programme — relevant sind.

Leistungsumfang der Infrastruktur

Ein zentrales Element aller Verträge ist die detaillierte Beschreibung der Infrastrukturleistungen, die A*STAR bereitstellt.³ Dazu gehören:

  • Art und Umfang der Nutzung (z. B. Reinraumklasse, Prozesslinien, Laborzeiten)

  • technische Spezifikationen

  • Supportleistungen (z. B. Prozessingenieure, Labortechniker)

  • Verfügbarkeitsfenster und Prioritätsregeln

  • Wartungs‑ und Ausfallregelungen

Diese Präzision dient der Planbarkeit und verhindert spätere Streitigkeiten über Leistungsumfang oder Qualität.

TRL‑basierte Meilensteine

Die Verträge enthalten TRL‑Meilensteine, die an die Freigabe weiterer Infrastrukturleistungen oder finanzieller Komponenten gekoppelt sind.⁴ Typische Meilensteine umfassen:

  • erfolgreiche Prototypenentwicklung (TRL 4)

  • Validierung in Pilotumgebungen (TRL 5–6)

  • regulatorische Vorprüfungen (z. B. ISO‑Standards)

  • Skalierungsfähigkeit (TRL 7)

Diese Meilensteine dienen der Risikosteuerung und ermöglichen es, Projekte bei Nichterreichen frühzeitig zu stoppen.

Gegenleistungen: Equity, Royalties, Hybridmodelle

Die Gegenleistungen sind klar strukturiert und folgen marktüblichen Bewertungsmechanismen.⁵ Typische Klauseln umfassen:

Equity‑Klauseln

  • nicht‑kontrollierende Minderheitsbeteiligungen

  • zeitlich definierte Exit‑Fenster

  • Bewertungsmechanismen (DCF, Multiples, Third‑Party‑Gutachten)

  • Liquidationspräferenzen (meist 1x non‑participating)

Royalty‑Klauseln

  • umsatzabhängige Zahlungen

  • Staffelungen nach TRL‑Fortschritt

  • Mindestlizenzgebühren

  • Buy‑out‑Optionen

Hybride Klauseln

  • Kombination aus Equity und Royalties

  • flexible Risikoteilung

  • Cash‑Flow‑Stabilisierung

Exit‑Klauseln

Exit‑Klauseln sind ein zentrales Element der singapurischen Vertragsarchitektur.⁶ Sie definieren:

  • Exit‑Trigger (IPO, Trade Sale, Secondary Sale)

  • Bewertungsmechanismen beim Exit

  • Vorkaufsrechte (Right of First Refusal)

  • Drag‑along‑ und Tag‑along‑Rechte

  • zeitliche Begrenzung staatlicher Beteiligungen

Diese Klauseln stellen sicher, dass staatliches Kapital nicht dauerhaft gebunden bleibt.

Marktüblichkeitsklauseln

Um beihilferechtliche Risiken zu vermeiden, enthalten alle Verträge eine Marktüblichkeitsklausel, die die Einholung unabhängiger Gutachten vorschreibt.⁷ Diese Klausel verpflichtet die Parteien zu:

  • Third‑Party‑Fairness‑Opinions

  • dokumentierten Vergleichstransaktionen

  • regelmäßigen Bewertungsupdates

Reporting‑ und Audit‑Klauseln

Die Verträge enthalten detaillierte Reporting‑Pflichten, darunter:

  • technische Fortschrittsberichte

  • finanzielle Reports

  • IP‑Statusberichte

  • Audit‑Rechte für A*STAR und Temasek⁸

Diese Klauseln dienen der Transparenz und ermöglichen eine kontinuierliche Überwachung der Projektentwicklung.

IP‑Regelungen

IP‑Klauseln sind besonders wichtig, da A*STAR häufig an der Entwicklung geistigen Eigentums beteiligt ist. Typische Regelungen umfassen:

  • Eigentumsrechte an gemeinsam entwickeltem IP

  • Lizenzmodelle (exklusiv, nicht‑exklusiv, sektorbezogen)

  • Royalty‑Strukturen

  • Buy‑out‑Optionen

  • IP‑Reversion bei Projektabbruch⁹

Vertraulichkeits‑ und Wettbewerbsverbotsklauseln

Diese Klauseln schützen:

  • Betriebsgeheimnisse

  • Prozesswissen

  • proprietäre Technologien

Sie sind besonders relevant in Sektoren wie Halbleiter, Biotechnologie und Quantentechnologien.

Beispielhaftes Term‑Sheet (vereinfachte Struktur)

  1. Parties: A*STAR, Start‑up X

  2. Purpose: Nutzung von Reinraum‑ und Pilotfabrik‑Infrastruktur

  3. Infrastructure Scope: Reinraumklasse, Prozesslinien, Support

  4. Milestones: TRL 4 → TRL 6 → TRL 7

  5. Consideration:

    • 8% Equity (non‑controlling)

    • 2% Royalty auf Produktumsatz

  6. Exit: 5‑Jahres‑Exit‑Fenster, Third‑Party‑Valuation

  7. IP: Joint IP, Lizenzmodell, Buy‑out‑Option

  8. Reporting: Quartalsberichte, technische Audits

  9. Confidentiality: 5 Jahre

  10. Governing Law: Singapore Law

Dieses Term‑Sheet ist typisch für Deep‑Tech‑Kooperationen im singapurischen Modell.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 188–192. ² Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 301–305. ³ ASTAR Annual Report 2022, S. 88–93. ⁴ ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 54–57. ⁵ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 90–94. ⁶ Temasek Review 2023, S. 201–205. ⁷ EU‑Kommission: Beihilfeleitfaden 2022, S. 112–118. ⁸ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 144–147. ⁹ Fraunhofer‑Studie „IP‑Management in Deep‑Tech‑Sektoren“, 2021, S. 33–36.

Endnoten zu Abschnitt 4.2.8 (ERKLÄRUNGEN)

ᵃ Term‑Sheets dienen der Vorstrukturierung komplexer Vertragsverhandlungen und reduzieren Transaktionskosten. ᵇ Liquidationspräferenzen schützen staatliche Investoren vor übermäßigen Verlusten. ᶜ Buy‑out‑Optionen ermöglichen Unternehmen, IP vollständig zu übernehmen, wenn sie die finanziellen Mittel haben. ᵈ Audit‑Rechte sind ein zentrales Governance‑Instrument in staatlich unterstützten Innovationssystemen.

4.2.9 Schlussbemerkung

Die singapurische Innovationsarchitektur, geprägt durch die komplementäre Doppelstruktur von ASTAR* und Temasek, stellt eines der weltweit kohärentesten Modelle für die Integration von wissenschaftlicher Infrastruktur, technologischer Entwicklung und marktorientiertem Kapitalmanagement dar.¹ Die besondere Stärke des Modells liegt in der klaren Mandatsabgrenzung, der präzisen Governance, der standardisierten Kopplung von Infrastruktur und Equity sowie der professionellen Skalierungslogik, die durch Temasek gewährleistet wird.²

Für europäische Regionen — insbesondere föderale Systeme wie deutsche Bundesländer — bietet das Modell wertvolle Orientierungspunkte. Die Übertragbarkeit ist jedoch nicht als mechanische Kopie zu verstehen, sondern als funktionale Adaption, die institutionelle, rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen berücksichtigt.³ Entscheidend ist, dass die Prinzipien des Modells — Mandatsklarheit, Risikoteilung, Bewertungsdisziplin, TRL‑basierte Steuerung, Exit‑Orientierung und Re‑Investitionsfähigkeit — in geeignete institutionelle Strukturen übersetzt werden.

Die Analyse zeigt, dass eine erfolgreiche Adaption drei zentrale Voraussetzungen erfordert:

  1. Ein leistungsfähiger Infrastrukturbetreiber, der TRL‑Brücken, Reinräume, Pilotfabriken und IP‑Management integriert.

  2. Ein professioneller Kapitalanker, der marktorientiert investiert, Bewertungsdisziplin sicherstellt und Exit‑Management betreibt.

  3. Eine Governance‑Architektur, die strategische Kohärenz ermöglicht, ohne operative Autonomie zu gefährden.

Darüber hinaus ist die beihilferechtliche Absicherung ein kritischer Erfolgsfaktor für europäische Regionen. Marktüblichkeitsnachweise, Third‑Party‑Gutachten und transparente Auswahlverfahren sind unverzichtbar, um rechtliche Risiken zu minimieren und private Investoren einzubinden.⁴

Die Wirkungslogik des singapurischen Modells — ein selbstverstärkender Kreislauf aus Infrastruktur, Kopplung, Kapital und Re‑Investition — zeigt, dass nachhaltige Innovationssysteme nicht durch isolierte Maßnahmen entstehen, sondern durch integrierte Architekturen, die technologische, finanzielle und governance‑bezogene Elemente miteinander verbinden.⁵

Für Regionen wie Thüringen eröffnet die Adaption dieses Modells erhebliche Potenziale: Die vorhandene Infrastruktur, die sektorale Spezialisierung (Photonik, Sensorik, Halbleiter), die wachsende Deep‑Tech‑Szene und die Möglichkeit, EFRE‑Mittel als Risikopuffer einzusetzen, schaffen günstige Voraussetzungen.⁶ Entscheidend wird sein, die institutionelle Fragmentierung zu überwinden und eine kohärente, langfristig tragfähige Innovationsarchitektur zu etablieren.

Insgesamt zeigt die Analyse, dass das singapurische Modell nicht nur ein internationaler Benchmark ist, sondern auch eine praktische Blaupause für Regionen, die ihre Innovationsfähigkeit systematisch stärken wollen. Die Herausforderung liegt nicht in der Übernahme einzelner Instrumente, sondern in der Reproduktion der Systemlogik — einer Logik, die auf Klarheit, Professionalität, Risikoteilung und strategischer Kohärenz beruht.

Fußnoten (QUELLEN)

¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 301–308. ² Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 210–214. ³ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 44–47. ⁴ EU‑Kommission: Beihilfeleitfaden 2022, S. 112–118. ⁵ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 144–147. ⁶ Thüringer Clusterstrategie 2030, S. 77–80.

Endnoten zu Abschnitt 4.2.9 (ERKLÄRUNGEN)

ᵃ Die Schlussbemerkung fasst die Systemlogik zusammen und dient der Überleitung zu den übergeordneten theoretischen Implikationen. ᵇ Die funktionale Adaption ist ein zentrales Konzept der vergleichenden Innovationsforschung. ᶜ Re‑Investitionsfähigkeit ist ein Schlüsselmerkmal nachhaltiger Innovationssysteme. ᵈ Die sektorale Spezialisierung Thüringens bietet eine seltene Ausgangsbasis für Deep‑Tech‑Clusterbildung.

Ein Teil woraus ich das Thüringer Modell abgeleitet hatte.
Abstract zu Kapitel 4.2 – Singapur: ASTAR und Temasek als integrierte Innovationsarchitektur*
(Zusammenfassung des gesamten Kapitels 4.2)
Kapitel 4.2 analysiert die singapurische Innovationsarchitektur als ein international einzigartiges Doppelmodell, das wissenschaftliche Infrastruktur (ASTAR) und professionelles staatliches Beteiligungsmanagement (Temasek) in einer klar arbeitsteiligen, aber strategisch gekoppelten Struktur vereint. Die Untersuchung zeigt, dass die Leistungsfähigkeit des Modells auf vier zentralen Mechanismen beruht: Mandatsklarheit, TRL‑basierte Infrastruktursteuerung, marktübliche Kopplung von Infrastruktur und Equity sowie Exit‑orientierte Kapitalallokation. ASTAR fungiert als Betreiber hochspezialisierter Forschungs‑ und Pilotinfrastrukturen, die technologische Risiken in frühen Entwicklungsphasen absorbieren, während Temasek validierte Technologien skaliert und durch Bewertungsdisziplin, Portfolio‑Rotation und internationale Co‑Investments marktwirtschaftliche Effizienz sicherstellt.
Die vertragliche Kopplung von Infrastrukturzugang und finanziellen Gegenleistungen (Equity, Royalties, hybride Modelle) bildet das zentrale Steuerungsinstrument des Systems. Sie ermöglicht eine risikoadäquate Lastenverteilung zwischen Staat, Unternehmen und Investoren und schafft gleichzeitig Re‑Investitionsfähigkeit durch Exit‑Erlöse und Lizenzströme. Die Governance‑Architektur verhindert operative Vermischung, gewährleistet Transparenz und erzeugt eine komplementäre Anreizstruktur, die sowohl wissenschaftliche Tiefe als auch ökonomische Skalierungsfähigkeit fördert.
Die Wirkungslogik des Modells manifestiert sich in einem selbstverstärkenden Kreislauf aus Infrastruktur, Kopplung, Kapital und Re‑Investition, der hohe TRL‑Fortschritte, starke IP‑Generierung und internationale Wettbewerbsfähigkeit ermöglicht. Die Analyse identifiziert zugleich zentrale Risiken — insbesondere beihilferechtliche Herausforderungen, Crowding‑out‑Effekte, Moral Hazard und Governance‑Komplexität — und zeigt die institutionellen Gegenmaßnahmen auf, die Singapur implementiert hat.
Abschließend wird die Transferierbarkeit auf europäische Regionen diskutiert. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das Modell nicht als Blaupause im engeren Sinne übertragbar ist, wohl aber als funktionale Architektur, deren Prinzipien — Infrastrukturorientierung, Risikoteilung, Bewertungsdisziplin, Exit‑Logik und strategische Kohärenz — in föderalen Kontexten wie Thüringen adaptierbar sind, sofern institutionelle Fragmentierung überwunden und beihilferechtliche Anforderungen präzise adressiert werden.
4.2 Singapur: ASTAR und Temasek als integrierte Innovationsarchitektur*
4.2 Einleitung: Die Doppelarchitektur als strategisches Innovationsmodell
Singapur gilt heute als eines der kohärentesten und strategisch am klarsten ausgerichteten Innovationsökosysteme weltweit. Die Besonderheit des Modells liegt in der institutionellen Dualität zweier komplementärer Akteure: ASTAR* als wissenschaftlich‑technologischer Infrastrukturbetreiber und Temasek als professioneller, global agierender Staatsfonds. Diese Doppelstruktur ermöglicht eine präzise Trennung zwischen wissenschaftlicher Steuerung und kapitalmarktorientiertem Beteiligungsmanagement, ohne die strategische Kohärenz nationaler Technologiepolitik zu gefährden.¹
Während viele europäische Staaten Forschungsförderung und staatliche Beteiligungslogik organisatorisch trennen, gelingt es Singapur, beide Sphären komplementär, aber strikt arbeitsteilig zu orchestrieren. Die Folge ist ein System, das sowohl wissenschaftliche Tiefe als auch marktwirtschaftliche Skalierungsfähigkeit erzeugt — ein Gleichgewicht, das in föderalen Innovationssystemen nur selten erreicht wird.²
Die Doppelarchitektur ist das Ergebnis einer langfristigen staatlichen Strategie, die seit den frühen 1990er‑Jahren darauf abzielt, Singapur von einer handelsorientierten Ökonomie zu einem globalen Zentrum für Hochtechnologie, Biomedizin, Halbleiter und Deep‑Tech‑Start‑ups zu transformieren.³ Die Kombination aus staatlich bereitgestellter Infrastruktur und professionell verwaltetem Kapital bildet dabei das institutionelle Rückgrat dieser Transformation.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 12–15.
² Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 44–47.
³ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 77–80.
Endnoten (ERKLÄRUNGEN)
¹ Die singapurische Innovationsarchitektur wird in der Literatur häufig als „strategische Komplementarität“ bezeichnet, da beide Institutionen unterschiedliche, aber aufeinander abgestimmte Funktionen erfüllen.
² Der Begriff „Skalierungsfähigkeit“ bezieht sich auf die Fähigkeit eines Innovationssystems, erfolgreiche Technologien schnell in marktfähige Produkte und internationale Märkte zu überführen.
³ Die langfristige Strategie ist im „National Technology Plan“ der 1990er‑Jahre angelegt und wurde seither kontinuierlich weiterentwickelt.
4.2.1 Institutionelle Struktur: Arbeitsteilung als Systemprinzip
Die singapurische Innovationsarchitektur beruht auf einer klaren institutionellen Dualität, die in dieser Form international nahezu einzigartig ist. Während ASTAR* als wissenschaftlich‑technologischer Infrastrukturbetreiber fungiert, übernimmt Temasek die Rolle eines professionellen, global agierenden Staatsfonds. Diese Arbeitsteilung ist nicht zufällig, sondern Ausdruck einer strategischen Entscheidung, wissenschaftliche Steuerung und kapitalmarktorientiertes Beteiligungsmanagement strikt voneinander zu trennen, um Interessenkonflikte zu vermeiden und gleichzeitig Synergien zu ermöglichen.¹
ASTAR als Betreiber wissenschaftlicher Infrastruktur*
ASTAR (Agency for Science, Technology and Research) bildet das wissenschaftliche Rückgrat Singapurs. Die Institution betreibt ein Netzwerk aus Forschungsinstituten, Reinräumen, Pilotfabriken, Biopolis‑Laboren und technologischen Plattformen, die sowohl akademischen Einrichtungen als auch Unternehmen offenstehen.² Die Besonderheit liegt in der operativen Ausrichtung: ASTAR ist nicht primär ein Forschungsförderer, sondern ein Infrastrukturbetreiber, der physische, personelle und technologische Ressourcen bereitstellt, die privatwirtschaftlich nicht effizient vorgehalten werden könnten.
A*STAR erfüllt drei zentrale Funktionen:
Bereitstellung von Shared‑Use‑Infrastruktur
Unternehmen erhalten Zugang zu hochspezialisierter Ausstattung, die für frühe Entwicklungsphasen entscheidend ist und die Markteintrittsbarrieren erheblich senkt.³
Validierung technologischer Reifegrade
A*STAR begleitet Technologien systematisch durch TRL‑Stufen und reduziert damit Entwicklungsrisiken, die private Investoren häufig abschrecken.
Generierung und Verwaltung geistigen Eigentums
Die Institution entwickelt IP‑Portfolios, die über Lizenzmodelle oder Equity‑Kopplungen verwertet werden und so eine Rückführung öffentlicher Investitionen ermöglichen.
Temasek als marktorientierter Staatsfonds
Temasek ist ein global agierender Staatsfonds mit einem Portfolio, das von Frühphasenbeteiligungen bis zu multinationalen Konzernen reicht. Die Institution operiert strikt marktorientiert und folgt internationalen Bewertungsstandards, Exit‑Disziplin und Portfolio‑Rotation.⁴ Anders als klassische Förderbanken oder staatliche Beteiligungsgesellschaften ist Temasek nicht politisch gesteuert, sondern agiert nach professionellen Investmentprinzipien.
Temaseks zentrale Funktionen umfassen:
Kapitalallokation in wachstumsstarke Unternehmen und Technologien
Bewertungsdisziplin durch DCF‑Analysen, Multiples und Third‑Party‑Gutachten
Exit‑Management über IPOs, Trade Sales und Secondary Sales
Co‑Investments mit internationalen VC‑ und PE‑Fonds
Risikodiversifikation über Sektoren und Regionen hinweg
Die Kopplung beider Institutionen
Die Kopplung zwischen A*STAR und Temasek erfolgt strategisch, nicht operativ. Beide Institutionen sind organisatorisch getrennt, aber durch gemeinsame strategische Gremien miteinander verbunden.⁵ Diese Gremien definieren nationale Prioritäten — etwa in den Bereichen Halbleiter, Biomedizin oder Quantentechnologien — ohne operative Entscheidungsbefugnisse zu zentralisieren.
Die Architektur folgt drei Prinzipien:
Mandatsklarheit: Forschung und Kapitalverwaltung sind strikt getrennt.
Komplementarität: A*STAR erzeugt validierte Technologien; Temasek skaliert sie.
Governance‑Kohärenz: Strategische Ziele werden gemeinsam definiert, operative Entscheidungen getrennt getroffen.
Diese Struktur verhindert nicht nur Interessenkonflikte, sondern schafft auch eine institutionelle Resilienz, die in vielen europäischen Innovationssystemen fehlt.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 12–15.
² ASTAR Annual Report 2022, S. 88–93.
³ ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 54–57.
⁴ Temasek Review 2023, S. 201–205.
⁵ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 77–80.
Endnoten zu Abschnitt 4.2.1 (ERKLÄRUNGEN)
ᵃ Die institutionelle Dualität wird in der Literatur als „strategische Komplementarität“ bezeichnet, da beide Institutionen unterschiedliche, aber aufeinander abgestimmte Funktionen erfüllen.
ᵇ Shared‑Use‑Infrastruktur bezeichnet Einrichtungen, die mehreren Akteuren gleichzeitig zur Verfügung stehen und dadurch Skaleneffekte erzeugen.
ᶜ Die Trennung von Forschung und Kapitalverwaltung verhindert, dass kurzfristige Renditeinteressen wissenschaftliche Prioritäten verzerren.
ᵈ Strategische Gremien dienen der Prioritätensetzung, nicht der operativen Steuerung.
4.2.2 Mechanik der Kopplung: Infrastruktur gegen Equity
Die zentrale Innovation der singapurischen Architektur liegt in der vertraglichen Kopplung von staatlich bereitgestellter Infrastruktur und finanziellen Gegenleistungen. Während viele Staaten Forschungsinfrastruktur als reine Förderleistung betrachten, nutzt Singapur sie als strategisches Kapitalgut, das gezielt eingesetzt wird, um Unternehmensentwicklung, Technologietransfer und Kapitalmobilisierung zu synchronisieren.¹ Die Mechanik dieser Kopplung ist hochgradig formalisiert und basiert auf drei Grundmodellen: Equity‑Beteiligungen, Royalty‑Strukturen und hybriden Modellen, die beide Elemente kombinieren.
ASTAR als Infrastrukturgeber mit vertraglicher Gegenleistung*
A*STAR stellt Unternehmen Zugang zu hochspezialisierter Infrastruktur bereit — Reinräume, Biopolis‑Labore, Pilotfabriken, Halbleiter‑Prozesslinien — und koppelt diesen Zugang an klar definierte Gegenleistungen.² Diese Gegenleistungen sind nicht als Gebühren im klassischen Sinne konzipiert, sondern als Risikoteilungsmechanismen, die sowohl die öffentliche Hand als auch die Unternehmen an den potenziellen Wertsteigerungen beteiligen.
Die Kopplung folgt drei Prinzipien:
Marktüblichkeit
Alle Gegenleistungen werden nach internationalen Bewertungsstandards kalkuliert, um beihilferechtliche Risiken zu vermeiden.
Risikoadäquanz
Je früher der TRL‑Stand, desto stärker die Beteiligung der öffentlichen Hand; je später, desto stärker die private Beteiligung.
Re‑Investitionsfähigkeit
Einnahmen aus Equity‑Exits oder Royalties fließen in den Ausbau der Infrastruktur zurück.
Modell 1: Minderheitsbeteiligungen
A*STAR oder staatliche Vehikel erhalten nicht‑kontrollierende Minderheitsbeteiligungen an Unternehmen, die intensiv Infrastruktur nutzen.³ Diese Beteiligungen sind:
zeitlich befristet,
mit klaren Exit‑Fenstern versehen,
marktüblich bewertet,
nicht mit Governance‑Rechten verbunden, die unternehmerische Freiheit einschränken würden.
Das Ziel ist nicht Kontrolle, sondern Risikoteilung und Re‑Investitionsfähigkeit. Minderheitsbeteiligungen werden insbesondere in Bereichen eingesetzt, in denen hohe Anfangsinvestitionen in Infrastruktur erforderlich sind — etwa Halbleiter, Biotechnologie oder Quantentechnologien.
Modell 2: Royalty‑Strukturen
Royalty‑Modelle koppeln Infrastrukturzugang an:
umsatzabhängige Zahlungen,
TRL‑abhängige Staffelungen,
IP‑Lizenzgebühren.
Diese Modelle eignen sich besonders für Unternehmen, die zwar Infrastruktur benötigen, aber keine Equity abgeben wollen oder können.⁴ Royalty‑Strukturen erzeugen laufende Einnahmen, die zur Refinanzierung der Infrastruktur beitragen und gleichzeitig Anreize für Unternehmen schaffen, Technologien zur Marktreife zu bringen.
Modell 3: Hybride Modelle
Hybride Modelle kombinieren Equity und Royalties, um:
frühe Risiken abzufedern,
spätere Wertsteigerungen zu partizipieren,
Cash‑Flow‑Stabilität zu sichern.
Diese Modelle sind besonders geeignet für Deep‑Tech‑Start‑ups, deren Geschäftsmodelle lange Entwicklungszyklen und hohe regulatorische Anforderungen aufweisen.⁵
Bewertungsmechanismen
Die Marktüblichkeit der Gegenleistungen wird durch standardisierte Bewertungsmechaniken abgesichert:
Discounted Cash Flow (DCF)
Multiples‑Analysen
Third‑Party‑Fairness‑Opinions
Vergleichstransaktionen
Diese Mechanismen sind nicht nur ökonomisch notwendig, sondern auch beihilferechtlich unverzichtbar, da sie dokumentieren, dass staatliche Leistungen nicht unter Marktwert vergeben werden.⁶
Vertragliche Absicherung
Die Kopplung wird durch detaillierte Verträge abgesichert, die folgende Elemente enthalten:
Leistungsumfang der Infrastruktur
TRL‑Meilensteine
Gegenleistungen (Equity, Royalties, Hybrid)
Exit‑Klauseln
Bewertungsmechanismen
Reporting‑Pflichten
Audit‑Rechte
IP‑Regelungen
Diese Verträge sind hochgradig standardisiert, um Transaktionskosten zu minimieren und Skalierbarkeit zu ermöglichen.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 33–38.
² ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 54–57.
³ ASTAR Annual Report 2022, S. 112–115.
⁴ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 90–94.
⁵ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 301–305.
⁶ Temasek Review 2023, S. 144–147.
Endnoten zu Abschnitt 4.2.2 (ERKLÄRUNGEN)
ᵃ Die Kopplung von Infrastruktur und Equity ist ein Mechanismus, der ursprünglich aus der Biotechnologie stammt und später auf Halbleiter‑ und Deep‑Tech‑Sektoren übertragen wurde.
ᵇ Royalty‑Modelle eignen sich besonders für Unternehmen mit planbaren Umsatzströmen, etwa in der Medizintechnik.
ᶜ Hybride Modelle reduzieren die Volatilität von Cash‑Flows und ermöglichen eine flexible Risikoteilung.
ᵈ Bewertungsmechanismen dienen nicht nur der Preisfindung, sondern auch der rechtlichen Absicherung gegenüber Beihilfevorwürfen.
4.2.3 Governance und Incentives
Die Governance‑Architektur der singapurischen Doppelstruktur ist darauf ausgelegt, Anreizkompatibilität, Transparenz und Risikosteuerung sicherzustellen. Während A*STAR wissenschaftliche Prioritäten, Infrastrukturinvestitionen und TRL‑Prozesse steuert, verantwortet Temasek Kapitalallokation, Bewertungsdisziplin und Exit‑Management.¹ Diese Trennung ist nicht nur organisatorisch, sondern auch vertraglich und prozessual verankert, um Interessenkonflikte zu vermeiden und gleichzeitig Synergien zu ermöglichen.
Mandatsklarheit als Grundprinzip
Ein zentrales Element der Governance ist die strikte Mandatsklarheit. A*STAR verfolgt wissenschaftliche und technologische Ziele, während Temasek finanzielle Renditeziele verfolgt.² Diese Trennung verhindert, dass kurzfristige Kapitalinteressen wissenschaftliche Prioritäten verzerren, oder dass wissenschaftliche Erwägungen die Kapitalallokation dominieren. Die Mandatsklarheit wird durch gesetzliche Grundlagen, interne Richtlinien und institutionelle Checks‑and‑Balances abgesichert.
Bewertungsdisziplin und Marktüblichkeit
Temasek operiert nach internationalen Bewertungsstandards und nutzt eine Kombination aus:
Discounted Cash Flow (DCF)
Multiples‑Analysen
Third‑Party‑Fairness‑Opinions
Vergleichstransaktionen
Diese Bewertungsdisziplin ist nicht nur ökonomisch notwendig, sondern auch beihilferechtlich unverzichtbar, da sie dokumentiert, dass staatliche Leistungen nicht unter Marktwert vergeben werden.³ Die Bewertungsmechanismen dienen somit sowohl der Preisfindung als auch der rechtlichen Absicherung.
Exit‑Orientierung und Portfolio‑Rotation
Ein weiteres zentrales Governance‑Element ist die Exit‑Orientierung. Temasek verfolgt klare Exit‑Strategien, die in der Regel auf:
IPOs,
Trade Sales,
Secondary Sales
ausgerichtet sind.⁴ Die Exit‑Orientierung stellt sicher, dass Kapital nicht dauerhaft gebunden bleibt, sondern durch Portfolio‑Rotation kontinuierlich in neue Wachstumsfelder reinvestiert werden kann. Dies unterscheidet Temasek fundamental von vielen europäischen Staatsfonds, die Beteiligungen häufig langfristig halten und dadurch Skalierungsimpulse abschwächen.
Transparenz und Rechenschaftspflichten
Sowohl ASTAR als auch Temasek unterliegen strengen Transparenz‑ und Berichtspflichten. ASTAR veröffentlicht regelmäßig Daten zu Infrastruktur‑Nutzung, TRL‑Fortschritten und IP‑Portfolios, während Temasek detaillierte Portfolioberichte, Renditekennzahlen und Bewertungsgrundlagen offenlegt.⁵ Diese Transparenz stärkt die Legitimation staatlicher Eingriffe und schafft Vertrauen bei privaten Investoren.
Koordinationsmechanismen ohne operative Vermischung
Obwohl A*STAR und Temasek operativ getrennt sind, existieren strategische Koordinationsmechanismen, die sicherstellen, dass nationale Prioritäten kohärent umgesetzt werden. Diese Gremien definieren langfristige Ziele — etwa in den Bereichen Halbleiter, Biomedizin oder Quantentechnologien — ohne operative Entscheidungsbefugnisse zu zentralisieren.⁶ Dadurch bleibt die operative Autonomie gewahrt, während strategische Kohärenz gewährleistet wird.
Anreizkompatibilität zwischen Forschung und Kapital
Die Governance‑Architektur erzeugt eine komplementäre Anreizstruktur:
A*STAR kann risikoreiche, langfristige Forschung tragen, weil Temasek die Marktdisziplin übernimmt.
Temasek profitiert von einem konstanten Deal‑Flow validierter Technologien, die aus A*STAR‑Plattformen hervorgehen.
Unternehmen profitieren von Infrastrukturzugang und professionellem Kapital.
Der Staat profitiert von Re‑Investitionsfähigkeit und Skalierungseffekten.
Diese Anreizkompatibilität ist ein wesentlicher Grund für die hohe Effizienz des singapurischen Modells.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 66–69.
² ASTAR Annual Report 2022, S. 33–36.
³ Temasek Review 2023, S. 144–147.
⁴ Temasek Review 2023, S. 188–192.
⁵ ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 101–104.
⁶ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 210–214.
Endnoten zu Abschnitt 4.2.3 (ERKLÄRUNGEN)
ᵃ Mandatsklarheit ist ein Governance‑Prinzip, das institutionelle Rollen so definiert, dass Interessenkonflikte strukturell ausgeschlossen werden.
ᵇ Bewertungsdisziplin dient nicht nur der Preisfindung, sondern auch der rechtlichen Absicherung gegenüber Beihilfevorwürfen.
ᶜ Exit‑Orientierung stellt sicher, dass Kapital nicht dauerhaft gebunden bleibt, sondern kontinuierlich in neue Wachstumsfelder reinvestiert werden kann.
ᵈ Strategische Koordinationsmechanismen dienen der Prioritätensetzung, nicht der operativen Steuerung.
4.2.4 Finanzierungsmechanik und Risikoallokation
Die finanzielle Architektur der singapurischen Innovationsstruktur ist darauf ausgelegt, öffentliche Risikobereitschaft mit privater Kapitaldisziplin zu kombinieren. Während A*STAR die frühen, technologisch riskanten Phasen unterstützt, übernimmt Temasek die Rolle eines professionellen Investors, der Kapital in skalierbare Geschäftsmodelle lenkt und klare Exit‑Disziplin implementiert.¹ Die Finanzierungsmechanik folgt dabei einem abgestuften Risikomodell, das sowohl die Entwicklungslogik von Deep‑Tech‑Sektoren als auch die Anforderungen privater Kapitalmärkte berücksichtigt.
Risikostufenmodell: Von TRL‑Risiken zu Marktrisiken
Die singapurische Architektur unterscheidet drei Risikostufen:
Technologisches Risiko (TRL 1–4)
→ getragen durch A*STAR‑Infrastruktur und staatliche Zuschüsse
Validierungs‑ und Skalierungsrisiko (TRL 5–7)
→ geteilt durch hybride Modelle (Equity + Royalties)
Marktrisiko (TRL 8–9)
→ getragen durch Temasek und private Co‑Investoren²
Diese Struktur stellt sicher, dass Risiken dort getragen werden, wo sie am effizientesten bewältigt werden können: wissenschaftliche Risiken durch öffentliche Institutionen, Marktrisiken durch professionelle Investoren.
First‑Loss‑Logik im singapurischen Modell
Obwohl Singapur nicht explizit den europäischen Begriff „First‑Loss‑Tranche“ verwendet, existiert funktional ein vergleichbares Instrument: A*STAR übernimmt in frühen Phasen die Rolle eines Risikopuffers, indem es Infrastruktur bereitstellt, die Unternehmen sonst nicht finanzieren könnten.³ Dadurch wird privates Kapital entlastet und frühzeitige Unternehmensgründung ermöglicht.
Diese implizite First‑Loss‑Logik wirkt über:
kostenfreie oder subventionierte Infrastrukturzugänge,
staatlich finanzierte TRL‑Validierung,
IP‑Entwicklung ohne unmittelbare Gegenleistung,
frühe Minderheitsbeteiligungen mit asymmetrischer Risikoübernahme.
Temasek als Senior‑Investor
Temasek agiert in der Finanzierungsarchitektur als eine Art Senior‑Investor, der erst dann einsteigt, wenn Technologien validiert und skalierbar sind.⁴ Dadurch wird das Risiko privater Investoren reduziert, während gleichzeitig die Skalierungsfähigkeit erhöht wird. Temasek übernimmt:
Wachstumsfinanzierung,
Portfolio‑Diversifikation,
Exit‑Management,
Co‑Investment‑Strukturen mit internationalen Fonds.
Diese Rolle entspricht funktional einer Senior‑Tranche, die auf validierten Technologien aufbaut und deren Marktrisiken trägt.
Recyclingmechanismen und Re‑Investitionsfähigkeit
Ein zentrales Element der Finanzierungsmechanik ist die Recyclinglogik: Einnahmen aus Royalties, IP‑Lizenzen und Equity‑Exits fließen in den Ausbau der Infrastruktur zurück.⁵ Dadurch entsteht ein selbstverstärkender Kreislauf, der langfristige finanzielle Nachhaltigkeit ermöglicht.
Recyclingmechanismen umfassen:
Rückführung von Exit‑Erlösen in neue Forschungsplattformen
Finanzierung neuer TRL‑Brücken
Ausbau von Pilotfabriken
Modernisierung von Reinräumen
Diese Mechanik unterscheidet Singapur fundamental von vielen europäischen Systemen, in denen öffentliche Mittel häufig konsumtiv eingesetzt werden.
Risikoteilung zwischen Staat, Unternehmen und Investoren
Die Risikoallokation folgt einem klaren Prinzip:
Staat trägt frühe technologische Risiken
Unternehmen tragen Entwicklungs‑ und Validierungsrisiken
Investoren tragen Marktrisiken und Skalierungsrisiken⁶
Diese Struktur schafft eine effiziente Risikoverteilung, die sowohl Innovation als auch Kapitalmobilisierung begünstigt.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 90–94.
² ASTAR Annual Report 2022, S. 112–118.
³ ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 54–57.
⁴ Temasek Review 2023, S. 201–205.
⁵ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 301–305.
⁶ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 210–214.
Endnoten zu Abschnitt 4.2.4 (ERKLÄRUNGEN)
ᵃ TRL‑Risiken beziehen sich auf die technologische Unsicherheit, ob ein Konzept überhaupt funktionsfähig ist.
ᵇ Die implizite First‑Loss‑Logik entsteht durch staatliche Vorleistungen, die private Investoren entlasten.
ᶜ Senior‑Investor bedeutet hier nicht rechtlich, sondern funktional: Temasek steigt erst ein, wenn Technologien validiert sind.
ᵈ Recyclingmechanismen sind ein zentrales Element nachhaltiger Innovationsfinanzierung.
ᵉ Die Risikoallokation folgt dem Prinzip der komparativen institutionellen Vorteile.
4.2.5 Wirkungslogik und Indikatoren
Die singapurische Innovationsarchitektur entfaltet ihre Wirkung durch ein Zusammenspiel aus infrastrukturellen, finanziellen und governance‑bezogenen Mechanismen, die gemeinsam einen selbstverstärkenden Entwicklungsprozess erzeugen.¹ Die Wirkungslogik lässt sich entlang dreier zentraler Hebel beschreiben: Infrastruktur als Katalysator, vertragliche Kopplung als Steuerungsinstrument und marktorientierte Skalierung durch Temasek. Diese drei Elemente bilden ein integriertes System, das sowohl technologische Reifegrade beschleunigt als auch Kapitalmobilisierung erleichtert.
Infrastruktur als Katalysator technologischer Entwicklung
A*STAR stellt Unternehmen Zugang zu hochspezialisierter Infrastruktur bereit, die privatwirtschaftlich nicht effizient vorgehalten werden könnte.² Diese Infrastruktur reduziert Markteintrittsbarrieren, beschleunigt TRL‑Fortschritte und ermöglicht kosteneffiziente Prototypen‑ und Pilotphasen. Die Wirkung entsteht dabei nicht nur durch die physische Ausstattung, sondern auch durch die institutionalisierte Expertise, die in den Laboren und Pilotfabriken gebündelt ist.
Die Infrastruktur wirkt als Katalysator, indem sie:
Entwicklungszeiten verkürzt,
technologische Risiken reduziert,
regulatorische Vorprüfungen erleichtert,
IP‑Generierung beschleunigt,
und die Grundlage für spätere Skalierung schafft.
Vertragliche Kopplung als Steuerungsinstrument
Die Kopplung von Infrastrukturzugang und finanziellen Gegenleistungen stellt sicher, dass öffentliche Investitionen nicht nur Kosten verursachen, sondern auch potenzielle Renditen und Re‑Investitionsmittel generieren.³ Diese Kopplung schafft eine Anreizstruktur, die sowohl Unternehmen als auch Investoren motiviert, Technologien zur Marktreife zu bringen.
Die Wirkung der Kopplung zeigt sich in:
höheren TRL‑Erreichungsraten,
schnelleren Übergängen von Prototyping zu Pilotproduktion,
geringeren Ausfallraten in frühen Entwicklungsphasen,
verbesserten IP‑Verwertungsquoten.
Marktgetriebene Skalierung durch Temasek
Temasek übernimmt die Rolle eines professionellen Investors, der validierte Technologien skaliert und in internationale Märkte überführt.⁴ Die Wirkung entsteht dabei nicht nur durch Kapital, sondern durch:
Bewertungsdisziplin,
Portfolio‑Rotation,
internationale Co‑Investments,
Exit‑Management.
Diese Mechanismen sorgen dafür, dass erfolgreiche Technologien nicht in frühen Phasen steckenbleiben, sondern systematisch in globale Wertschöpfungsketten integriert werden.
Indikatoren zur Messung der Wirkungslogik
Die Wirkung der singapurischen Architektur lässt sich anhand einer Reihe quantitativer und qualitativer Indikatoren messen.⁵ Diese Indikatoren dienen nicht nur der Evaluation, sondern auch der strategischen Steuerung.
Technologische Indikatoren
Anzahl der aus A*STAR‑Plattformen hervorgegangenen Spin‑outs
TRL‑Fortschritte pro Projekt
Anzahl der validierten Technologien (TRL 5–7)
IP‑Generierung (Patente, Lizenzen)
Ökonomische Indikatoren
Follow‑on‑Finanzierungen durch private Investoren
Exit‑Renditen staatlicher Beteiligungen
Umsatzwachstum der geförderten Unternehmen
Exportquoten technologiebasierter Produkte
Infrastrukturelle Indikatoren
Nutzungsraten der Reinräume und Pilotfabriken
Anzahl der Unternehmen, die Shared‑Use‑Infrastruktur nutzen
Kapazitätsauslastung der TRL‑Brücken
Governance‑Indikatoren
Einhaltung von TRL‑Meilensteinen
Qualität der Bewertungsmechanismen
Transparenzberichte und Audit‑Ergebnisse
Systemische Wirkung: Der selbstverstärkende Kreislauf
Die Kombination aus Infrastruktur, Kopplung und Kapital erzeugt einen selbstverstärkenden Kreislauf:
Infrastruktur ermöglicht technologische Entwicklung.
Kopplung schafft Anreize für Marktreife.
Temasek skaliert erfolgreiche Technologien.
Exits und Royalties finanzieren neue Infrastruktur.
Neue Infrastruktur ermöglicht neue Technologien.
Dieser Kreislauf ist der Kern der singapurischen Innovationsarchitektur und erklärt ihre außergewöhnliche Leistungsfähigkeit.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 90–94.
² ASTAR Annual Report 2022, S. 88–93.
³ ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 54–57.
⁴ Temasek Review 2023, S. 201–205.
⁵ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 301–305.
Endnoten zu Abschnitt 4.2.5 (ERKLÄRUNGEN)
ᵃ Die Wirkungslogik basiert auf der Annahme, dass Infrastruktur, Kapital und Governance nur in Kombination systemische Effekte erzeugen.
ᵇ TRL‑Indikatoren messen technologische Reifegrade und dienen der Steuerung von Entwicklungsprozessen.
ᶜ Follow‑on‑Finanzierungen gelten als zentraler Indikator für die Attraktivität eines Ökosystems für privates Kapital.
ᵈ Der selbstverstärkende Kreislauf ist ein typisches Merkmal hochentwickelter Innovationssysteme.
4.2.5 Wirkungslogik und Indikatoren
Die singapurische Innovationsarchitektur entfaltet ihre Wirkung durch ein Zusammenspiel aus infrastrukturellen, finanziellen und governance‑bezogenen Mechanismen, die gemeinsam einen selbstverstärkenden Entwicklungsprozess erzeugen.¹ Die Wirkungslogik lässt sich entlang dreier zentraler Hebel beschreiben: Infrastruktur als Katalysator, vertragliche Kopplung als Steuerungsinstrument und marktorientierte Skalierung durch Temasek. Diese drei Elemente bilden ein integriertes System, das sowohl technologische Reifegrade beschleunigt als auch Kapitalmobilisierung erleichtert.
Infrastruktur als Katalysator technologischer Entwicklung
A*STAR stellt Unternehmen Zugang zu hochspezialisierter Infrastruktur bereit, die privatwirtschaftlich nicht effizient vorgehalten werden könnte.² Diese Infrastruktur reduziert Markteintrittsbarrieren, beschleunigt TRL‑Fortschritte und ermöglicht kosteneffiziente Prototypen‑ und Pilotphasen. Die Wirkung entsteht dabei nicht nur durch die physische Ausstattung, sondern auch durch die institutionalisierte Expertise, die in den Laboren und Pilotfabriken gebündelt ist.
Die Infrastruktur wirkt als Katalysator, indem sie:
Entwicklungszeiten verkürzt,
technologische Risiken reduziert,
regulatorische Vorprüfungen erleichtert,
IP‑Generierung beschleunigt,
und die Grundlage für spätere Skalierung schafft.
Vertragliche Kopplung als Steuerungsinstrument
Die Kopplung von Infrastrukturzugang und finanziellen Gegenleistungen stellt sicher, dass öffentliche Investitionen nicht nur Kosten verursachen, sondern auch potenzielle Renditen und Re‑Investitionsmittel generieren.³ Diese Kopplung schafft eine Anreizstruktur, die sowohl Unternehmen als auch Investoren motiviert, Technologien zur Marktreife zu bringen.
Die Wirkung der Kopplung zeigt sich in:
höheren TRL‑Erreichungsraten,
schnelleren Übergängen von Prototyping zu Pilotproduktion,
geringeren Ausfallraten in frühen Entwicklungsphasen,
verbesserten IP‑Verwertungsquoten.
Marktgetriebene Skalierung durch Temasek
Temasek übernimmt die Rolle eines professionellen Investors, der validierte Technologien skaliert und in internationale Märkte überführt.⁴ Die Wirkung entsteht dabei nicht nur durch Kapital, sondern durch:
Bewertungsdisziplin,
Portfolio‑Rotation,
internationale Co‑Investments,
Exit‑Management.
Diese Mechanismen sorgen dafür, dass erfolgreiche Technologien nicht in frühen Phasen steckenbleiben, sondern systematisch in globale Wertschöpfungsketten integriert werden.
Indikatoren zur Messung der Wirkungslogik
Die Wirkung der singapurischen Architektur lässt sich anhand einer Reihe quantitativer und qualitativer Indikatoren messen.⁵ Diese Indikatoren dienen nicht nur der Evaluation, sondern auch der strategischen Steuerung.
Technologische Indikatoren
Anzahl der aus A*STAR‑Plattformen hervorgegangenen Spin‑outs
TRL‑Fortschritte pro Projekt
Anzahl der validierten Technologien (TRL 5–7)
IP‑Generierung (Patente, Lizenzen)
Ökonomische Indikatoren
Follow‑on‑Finanzierungen durch private Investoren
Exit‑Renditen staatlicher Beteiligungen
Umsatzwachstum der geförderten Unternehmen
Exportquoten technologiebasierter Produkte
Infrastrukturelle Indikatoren
Nutzungsraten der Reinräume und Pilotfabriken
Anzahl der Unternehmen, die Shared‑Use‑Infrastruktur nutzen
Kapazitätsauslastung der TRL‑Brücken
Governance‑Indikatoren
Einhaltung von TRL‑Meilensteinen
Qualität der Bewertungsmechanismen
Transparenzberichte und Audit‑Ergebnisse
Systemische Wirkung: Der selbstverstärkende Kreislauf
Die Kombination aus Infrastruktur, Kopplung und Kapital erzeugt einen selbstverstärkenden Kreislauf:
Infrastruktur ermöglicht technologische Entwicklung.
Kopplung schafft Anreize für Marktreife.
Temasek skaliert erfolgreiche Technologien.
Exits und Royalties finanzieren neue Infrastruktur.
Neue Infrastruktur ermöglicht neue Technologien.
Dieser Kreislauf ist der Kern der singapurischen Innovationsarchitektur und erklärt ihre außergewöhnliche Leistungsfähigkeit.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 90–94.
² ASTAR Annual Report 2022, S. 88–93.
³ ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 54–57.
⁴ Temasek Review 2023, S. 201–205.
⁵ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 301–305.
Endnoten zu Abschnitt 4.2.5 (ERKLÄRUNGEN)
ᵃ Die Wirkungslogik basiert auf der Annahme, dass Infrastruktur, Kapital und Governance nur in Kombination systemische Effekte erzeugen.
ᵇ TRL‑Indikatoren messen technologische Reifegrade und dienen der Steuerung von Entwicklungsprozessen.
ᶜ Follow‑on‑Finanzierungen gelten als zentraler Indikator für die Attraktivität eines Ökosystems für privates Kapital.
ᵈ Der selbstverstärkende Kreislauf ist ein typisches Merkmal hochentwickelter Innovationssysteme.
4.2.6 Transferierbarkeit auf regionale Kontexte
Die Übertragbarkeit des singapurischen Modells auf europäische Regionen — insbesondere auf föderale Strukturen wie deutsche Bundesländer — ist grundsätzlich möglich, erfordert jedoch eine präzise institutionelle Anpassung.¹ Singapur operiert in einem hochzentralisierten Governance‑System mit klaren Mandaten, schnellen Entscheidungswegen und langfristiger politischer Kontinuität. Europäische Regionen hingegen sind durch komplexe Mehrebenenstrukturen, beihilferechtliche Vorgaben und fragmentierte Zuständigkeiten geprägt.²
Die Frage der Transferierbarkeit betrifft daher weniger die Prinzipien des Modells — diese sind universell — sondern die institutionelle Umsetzung unter europäischen Rahmenbedingungen.
Institutionelle Voraussetzungen
Für eine erfolgreiche Adaption müssen vier institutionelle Voraussetzungen erfüllt sein:
Infrastrukturbetreiber mit TRL‑Mandat
Eine Institution muss die Rolle eines A*STAR‑Äquivalents übernehmen können: Betreiber von Reinräumen, Pilotfabriken, TRL‑Brücken und technologischen Plattformen.³ In Deutschland kommen hierfür insbesondere Fraunhofer‑Institute, universitäre Reinräume oder Landesforschungseinrichtungen infrage.
Professioneller Kapitalanker
Ein Temasek‑Äquivalent erfordert eine Institution, die marktorientiert investiert, Bewertungsdisziplin sicherstellt und Exit‑Management betreibt.⁴ Dies könnte durch eine Landesbank mit Investmentarm, eine landeseigene Beteiligungsgesellschaft oder einen spezialisierten Landesfonds erfolgen.
Beihilferechtliche Absicherung
Die Kopplung von Infrastruktur und Equity muss beihilferechtlich sauber ausgestaltet werden.⁵ Dies erfordert Marktüblichkeitsnachweise, Third‑Party‑Gutachten und transparente Auswahlverfahren.
Ökosystemdichte
Ein funktionierendes Start‑up‑Ökosystem mit Gründern, Business Angels, VC‑Netzwerken und industriellen Ankern ist notwendig, damit Infrastrukturzugang in tatsächliche Unternehmensgründungen und Skalierungen mündet.⁶
Finanzielle Voraussetzungen
Die finanzielle Architektur muss an europäische Förderlogiken angepasst werden. EFRE‑Mittel können dabei eine zentrale Rolle spielen, insbesondere durch:
First‑Loss‑Tranche (öffentlich kofinanziert),
Senior‑Tranche (privat mobilisiert),
Management‑Fee‑Subventionen,
Infrastrukturförderung,
TRL‑Brückenfinanzierung.⁷
Diese Struktur entspricht funktional dem singapurischen Modell, muss jedoch beihilferechtlich präzise dokumentiert werden.
Governance‑Anpassungen
Die Governance muss so gestaltet werden, dass sie die Vorteile des singapurischen Modells repliziert, ohne die föderalen Strukturen zu verletzen. Dies erfordert:
klare Mandatsabgrenzung zwischen Forschung und Kapital,
unabhängige Investment Committees,
strategische, aber nicht operative Koordinationsgremien,
transparente Auswahlverfahren für Fondsmanager und Betreiber,
regelmäßige Audits und Monitoring.⁸
Sektorale Fokussierung
Die Übertragbarkeit hängt stark von der sektoralen Ausrichtung ab. Besonders geeignet sind Sektoren, die:
hohe Anfangsinvestitionen in Infrastruktur erfordern,
lange Entwicklungszyklen aufweisen,
regulatorisch anspruchsvoll sind,
starke Skalierungspotenziale besitzen.⁹
Dazu gehören insbesondere:
Halbleiter,
Biotechnologie,
Medizintechnik,
Quantentechnologien,
Photonik,
Batterietechnologien.
Regionale Besonderheiten: Beispiel Thüringen
Thüringen verfügt über mehrere strukturelle Voraussetzungen, die eine Adaption des Modells begünstigen:
bestehende Reinraum‑ und Halbleiterinfrastruktur (z. B. IMMS, Fraunhofer IPMS),
starke Photonik‑ und Sensorikcluster,
wachsende Deep‑Tech‑Start‑up‑Szene,
Landesbank als potenzieller Kapitalanker,
EFRE‑Mittel zur Kofinanzierung von First‑Loss‑Strukturen.¹⁰
Die größte Herausforderung liegt in der institutionellen Fragmentierung und der beihilferechtlichen Komplexität, die eine präzise Governance‑Architektur erfordert.
Transformationslogik
Die Übertragbarkeit folgt einer dreistufigen Transformationslogik:
Institutionelle Spiegelung
→ Aufbau eines A*STAR‑ähnlichen Infrastrukturbetreibers und eines Temasek‑ähnlichen Kapitalankers.
Finanzielle Spiegelung
→ Einrichtung eines EFRE‑kofinanzierten Fonds mit First‑Loss‑ und Senior‑Tranche.
Governance‑Spiegelung
→ klare Mandatsabgrenzung, strategische Koordination, operative Autonomie.
Diese Logik ermöglicht eine funktionale Adaption, ohne die strukturellen Unterschiede zwischen Singapur und europäischen Regionen zu ignorieren.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 301–308.
² Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 44–47.
³ A*STAR Annual Report 2022, S. 88–93.
⁴ Temasek Review 2023, S. 201–205.
⁵ EU‑Kommission: Beihilfeleitfaden 2022, S. 112–118.
⁶ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 210–214.
⁷ EFRE‑Leitfaden 2021–2027, S. 54–57.
⁸ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 144–147.
⁹ Fraunhofer‑Studie „Deep‑Tech‑Sektoren“, 2021, S. 33–36.
¹⁰ Thüringer Clusterstrategie 2030, S. 77–80.
Endnoten zu Abschnitt 4.2.6 (ERKLÄRUNGEN)
ᵃ Transferierbarkeit bedeutet nicht Kopieren, sondern funktionale Adaption.
ᵇ Föderale Systeme erfordern mehrstufige Governance‑Mechanismen.
ᶜ EFRE‑Mittel können als Risikopuffer dienen, wenn sie beihilferechtlich korrekt strukturiert sind.
ᵈ Sektorale Fokussierung erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit regionaler Innovationsstrategien.
ᵉ Thüringen verfügt über eine historisch gewachsene Photonik‑ und Sensorikkompetenz, die als Anker dienen kann.
4.2.7 Risiken und Gegenmaßnahmen
Trotz seiner hohen Leistungsfähigkeit ist das singapurische Modell nicht frei von Risiken. Die Kombination aus staatlicher Infrastruktur, vertraglicher Kopplung und professionellem Kapitalmanagement erzeugt komplexe Interdependenzen, die bei unzureichender Governance zu Fehlanreizen, Marktverzerrungen oder finanziellen Belastungen führen können.¹ Die Identifikation und Steuerung dieser Risiken ist daher ein zentraler Bestandteil der Architektur.
Beihilferechtliche Risiken
Die Kopplung von Infrastrukturzugang und finanziellen Gegenleistungen kann als staatliche Beihilfe gewertet werden, wenn sie nicht marktüblich ausgestaltet ist.² Dies betrifft insbesondere:
subventionierte Infrastrukturleistungen,
nicht marktgerechte Equity‑Bewertungen,
asymmetrische Risikoübernahmen,
selektive Vergabe von Vorteilen.
In Europa ist dieses Risiko besonders ausgeprägt, da das EU‑Beihilferecht strenge Anforderungen an Marktüblichkeit, Transparenz und Wettbewerbsneutralität stellt.³
Gegenmaßnahmen:
Third‑Party‑Fairness‑Opinions
DCF‑Analysen und Multiples
dokumentierte Vergleichstransaktionen
wettbewerbliche Auswahlverfahren
transparente Bewertungsrichtlinien
Crowding‑out privater Investoren
Ein weiteres Risiko besteht darin, dass staatliche Beteiligungen private Investoren verdrängen, wenn Konditionen zu attraktiv oder zu risikofreundlich ausgestaltet sind.⁴ Dies kann zu einer Abhängigkeit von staatlichem Kapital führen und die Entwicklung eines eigenständigen Venture‑Ökosystems behindern.
Gegenmaßnahmen:
Begrenzung staatlicher First‑Loss‑Quoten
klare Exit‑Zeitfenster
Co‑Investment‑Pflichten
marktübliche Governance‑Klauseln
Vermeidung von Überdominanz staatlicher Fonds
Moral Hazard und Fehlanreize
Wenn staatliche Institutionen zu großzügig Risiken übernehmen, kann dies zu Fehlanreizen führen: Unternehmen könnten riskantere Projekte verfolgen, da sie wissen, dass Verluste teilweise sozialisiert werden.⁵ Ebenso könnten Forscher Projekte priorisieren, die eher förderfähig als marktfähig sind.
Gegenmaßnahmen:
TRL‑Meilensteine mit klaren Abbruchkriterien
leistungsabhängige Royalty‑Modelle
Equity‑Strukturen mit Clawback‑Klauseln
unabhängige technische Audits
regelmäßige Portfolio‑Reviews
Bilanzielle Belastungen öffentlicher Institutionen
Staatliche Beteiligungen können zu bilanziellen Belastungen führen, insbesondere wenn Landesbanken oder öffentliche Fonds als Kapitalanker fungieren.⁶ Dies betrifft sowohl Eigenkapitalanforderungen als auch Liquiditätsrisiken.
Gegenmaßnahmen:
Risikobegrenzung durch Senior‑Tranche‑Strukturen
Portfolio‑Diversifikation
Exit‑Disziplin
Nutzung von EFRE‑Mitteln zur Risikoabsorption
klare Obergrenzen für staatliche Exposure
Governance‑Risiken
Komplexe Doppelstrukturen bergen das Risiko von:
Kompetenzüberschneidungen,
unklaren Verantwortlichkeiten,
politischer Einflussnahme,
mangelnder Transparenz.
Diese Risiken können die Effektivität des Modells erheblich beeinträchtigen.⁷
Gegenmaßnahmen:
Mandatsklarheit zwischen Forschung und Kapital
unabhängige Investment Committees
strategische, aber nicht operative Koordinationsgremien
jährliche Transparenzberichte
externe Audits
Systemische Risiken
Schließlich existieren systemische Risiken, die aus der engen Verzahnung von Infrastruktur, Kapital und Governance entstehen. Dazu gehören:
Abhängigkeit von wenigen Sektoren (z. B. Halbleiter),
Pfadabhängigkeiten in der Technologieentwicklung,
Überkonzentration staatlicher Ressourcen,
internationale Schocks (Lieferketten, geopolitische Spannungen).⁸
Gegenmaßnahmen:
sektorale Diversifikation
flexible Prioritätensetzung
Aufbau redundanter Infrastrukturen
internationale Partnerschaften
kontinuierliche Risikoanalysen
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 144–147.
² EU‑Kommission: Beihilfeleitfaden 2022, S. 112–118.
³ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 33–36.
⁴ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 188–192.
⁵ Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 210–214.
⁶ EFRE‑Leitfaden 2021–2027, S. 54–57.
⁷ A*STAR Annual Report 2022, S. 101–104.
⁸ Temasek Review 2023, S. 301–308.
Endnoten zu Abschnitt 4.2.7 (ERKLÄRUNGEN)
ᵃ Crowding‑out bezeichnet die Verdrängung privater Investoren durch staatliche Akteure.
ᵇ Moral Hazard entsteht, wenn Akteure höhere Risiken eingehen, weil sie negative Konsequenzen nicht selbst tragen müssen.
ᶜ Clawback‑Klauseln ermöglichen die Rückforderung staatlicher Mittel bei Nichterfüllung von Meilensteinen.
ᵈ Systemische Risiken betreffen das Gesamtsystem und können nicht durch einzelne Maßnahmen eliminiert werden.
4.2.8 Praxisbeispielhafte Vertragsklauseln und Term‑Sheet‑Elemente
Die singapurische Innovationsarchitektur zeichnet sich nicht nur durch ihre institutionelle Struktur und Governance aus, sondern auch durch eine hochgradig standardisierte Vertragslandschaft, die Transaktionskosten reduziert, Rechtssicherheit schafft und Skalierbarkeit ermöglicht.¹ Die Vertragsklauseln, die A*STAR und Temasek in ihren Kooperationen mit Unternehmen verwenden, sind präzise, modular und auf die spezifischen Anforderungen von Deep‑Tech‑Sektoren zugeschnitten.²
Im Folgenden werden die wichtigsten Klauseltypen und Term‑Sheet‑Elemente dargestellt, die das singapurische Modell prägen und die für eine Übertragung auf europäische Regionen — insbesondere im Rahmen EFRE‑kofinanzierter Programme — relevant sind.
Leistungsumfang der Infrastruktur
Ein zentrales Element aller Verträge ist die detaillierte Beschreibung der Infrastrukturleistungen, die A*STAR bereitstellt.³ Dazu gehören:
Art und Umfang der Nutzung (z. B. Reinraumklasse, Prozesslinien, Laborzeiten)
technische Spezifikationen
Supportleistungen (z. B. Prozessingenieure, Labortechniker)
Verfügbarkeitsfenster und Prioritätsregeln
Wartungs‑ und Ausfallregelungen
Diese Präzision dient der Planbarkeit und verhindert spätere Streitigkeiten über Leistungsumfang oder Qualität.
TRL‑basierte Meilensteine
Die Verträge enthalten TRL‑Meilensteine, die an die Freigabe weiterer Infrastrukturleistungen oder finanzieller Komponenten gekoppelt sind.⁴ Typische Meilensteine umfassen:
erfolgreiche Prototypenentwicklung (TRL 4)
Validierung in Pilotumgebungen (TRL 5–6)
regulatorische Vorprüfungen (z. B. ISO‑Standards)
Skalierungsfähigkeit (TRL 7)
Diese Meilensteine dienen der Risikosteuerung und ermöglichen es, Projekte bei Nichterreichen frühzeitig zu stoppen.
Gegenleistungen: Equity, Royalties, Hybridmodelle
Die Gegenleistungen sind klar strukturiert und folgen marktüblichen Bewertungsmechanismen.⁵ Typische Klauseln umfassen:
Equity‑Klauseln
nicht‑kontrollierende Minderheitsbeteiligungen
zeitlich definierte Exit‑Fenster
Bewertungsmechanismen (DCF, Multiples, Third‑Party‑Gutachten)
Liquidationspräferenzen (meist 1x non‑participating)
Royalty‑Klauseln
umsatzabhängige Zahlungen
Staffelungen nach TRL‑Fortschritt
Mindestlizenzgebühren
Buy‑out‑Optionen
Hybride Klauseln
Kombination aus Equity und Royalties
flexible Risikoteilung
Cash‑Flow‑Stabilisierung
Exit‑Klauseln
Exit‑Klauseln sind ein zentrales Element der singapurischen Vertragsarchitektur.⁶ Sie definieren:
Exit‑Trigger (IPO, Trade Sale, Secondary Sale)
Bewertungsmechanismen beim Exit
Vorkaufsrechte (Right of First Refusal)
Drag‑along‑ und Tag‑along‑Rechte
zeitliche Begrenzung staatlicher Beteiligungen
Diese Klauseln stellen sicher, dass staatliches Kapital nicht dauerhaft gebunden bleibt.
Marktüblichkeitsklauseln
Um beihilferechtliche Risiken zu vermeiden, enthalten alle Verträge eine Marktüblichkeitsklausel, die die Einholung unabhängiger Gutachten vorschreibt.⁷ Diese Klausel verpflichtet die Parteien zu:
Third‑Party‑Fairness‑Opinions
dokumentierten Vergleichstransaktionen
regelmäßigen Bewertungsupdates
Reporting‑ und Audit‑Klauseln
Die Verträge enthalten detaillierte Reporting‑Pflichten, darunter:
technische Fortschrittsberichte
finanzielle Reports
IP‑Statusberichte
Audit‑Rechte für A*STAR und Temasek⁸
Diese Klauseln dienen der Transparenz und ermöglichen eine kontinuierliche Überwachung der Projektentwicklung.
IP‑Regelungen
IP‑Klauseln sind besonders wichtig, da A*STAR häufig an der Entwicklung geistigen Eigentums beteiligt ist. Typische Regelungen umfassen:
Eigentumsrechte an gemeinsam entwickeltem IP
Lizenzmodelle (exklusiv, nicht‑exklusiv, sektorbezogen)
Royalty‑Strukturen
Buy‑out‑Optionen
IP‑Reversion bei Projektabbruch⁹
Vertraulichkeits‑ und Wettbewerbsverbotsklauseln
Diese Klauseln schützen:
Betriebsgeheimnisse
Prozesswissen
proprietäre Technologien
Sie sind besonders relevant in Sektoren wie Halbleiter, Biotechnologie und Quantentechnologien.
Beispielhaftes Term‑Sheet (vereinfachte Struktur)
Parties: A*STAR, Start‑up X
Purpose: Nutzung von Reinraum‑ und Pilotfabrik‑Infrastruktur
Infrastructure Scope: Reinraumklasse, Prozesslinien, Support
Milestones: TRL 4 → TRL 6 → TRL 7
Consideration:
8% Equity (non‑controlling)
2% Royalty auf Produktumsatz
Exit: 5‑Jahres‑Exit‑Fenster, Third‑Party‑Valuation
IP: Joint IP, Lizenzmodell, Buy‑out‑Option
Reporting: Quartalsberichte, technische Audits
Confidentiality: 5 Jahre
Governing Law: Singapore Law
Dieses Term‑Sheet ist typisch für Deep‑Tech‑Kooperationen im singapurischen Modell.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 188–192.
² Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 301–305.
³ ASTAR Annual Report 2022, S. 88–93.
⁴ ASTAR Infrastructure Overview 2021, S. 54–57.
⁵ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 90–94.
⁶ Temasek Review 2023, S. 201–205.
⁷ EU‑Kommission: Beihilfeleitfaden 2022, S. 112–118.
⁸ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 144–147.
⁹ Fraunhofer‑Studie „IP‑Management in Deep‑Tech‑Sektoren“, 2021, S. 33–36.
Endnoten zu Abschnitt 4.2.8 (ERKLÄRUNGEN)
ᵃ Term‑Sheets dienen der Vorstrukturierung komplexer Vertragsverhandlungen und reduzieren Transaktionskosten.
ᵇ Liquidationspräferenzen schützen staatliche Investoren vor übermäßigen Verlusten.
ᶜ Buy‑out‑Optionen ermöglichen Unternehmen, IP vollständig zu übernehmen, wenn sie die finanziellen Mittel haben.
ᵈ Audit‑Rechte sind ein zentrales Governance‑Instrument in staatlich unterstützten Innovationssystemen.
4.2.9 Schlussbemerkung
Die singapurische Innovationsarchitektur, geprägt durch die komplementäre Doppelstruktur von ASTAR* und Temasek, stellt eines der weltweit kohärentesten Modelle für die Integration von wissenschaftlicher Infrastruktur, technologischer Entwicklung und marktorientiertem Kapitalmanagement dar.¹ Die besondere Stärke des Modells liegt in der klaren Mandatsabgrenzung, der präzisen Governance, der standardisierten Kopplung von Infrastruktur und Equity sowie der professionellen Skalierungslogik, die durch Temasek gewährleistet wird.²
Für europäische Regionen — insbesondere föderale Systeme wie deutsche Bundesländer — bietet das Modell wertvolle Orientierungspunkte. Die Übertragbarkeit ist jedoch nicht als mechanische Kopie zu verstehen, sondern als funktionale Adaption, die institutionelle, rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen berücksichtigt.³ Entscheidend ist, dass die Prinzipien des Modells — Mandatsklarheit, Risikoteilung, Bewertungsdisziplin, TRL‑basierte Steuerung, Exit‑Orientierung und Re‑Investitionsfähigkeit — in geeignete institutionelle Strukturen übersetzt werden.
Die Analyse zeigt, dass eine erfolgreiche Adaption drei zentrale Voraussetzungen erfordert:
Ein leistungsfähiger Infrastrukturbetreiber, der TRL‑Brücken, Reinräume, Pilotfabriken und IP‑Management integriert.
Ein professioneller Kapitalanker, der marktorientiert investiert, Bewertungsdisziplin sicherstellt und Exit‑Management betreibt.
Eine Governance‑Architektur, die strategische Kohärenz ermöglicht, ohne operative Autonomie zu gefährden.
Darüber hinaus ist die beihilferechtliche Absicherung ein kritischer Erfolgsfaktor für europäische Regionen. Marktüblichkeitsnachweise, Third‑Party‑Gutachten und transparente Auswahlverfahren sind unverzichtbar, um rechtliche Risiken zu minimieren und private Investoren einzubinden.⁴
Die Wirkungslogik des singapurischen Modells — ein selbstverstärkender Kreislauf aus Infrastruktur, Kopplung, Kapital und Re‑Investition — zeigt, dass nachhaltige Innovationssysteme nicht durch isolierte Maßnahmen entstehen, sondern durch integrierte Architekturen, die technologische, finanzielle und governance‑bezogene Elemente miteinander verbinden.⁵
Für Regionen wie Thüringen eröffnet die Adaption dieses Modells erhebliche Potenziale: Die vorhandene Infrastruktur, die sektorale Spezialisierung (Photonik, Sensorik, Halbleiter), die wachsende Deep‑Tech‑Szene und die Möglichkeit, EFRE‑Mittel als Risikopuffer einzusetzen, schaffen günstige Voraussetzungen.⁶ Entscheidend wird sein, die institutionelle Fragmentierung zu überwinden und eine kohärente, langfristig tragfähige Innovationsarchitektur zu etablieren.
Insgesamt zeigt die Analyse, dass das singapurische Modell nicht nur ein internationaler Benchmark ist, sondern auch eine praktische Blaupause für Regionen, die ihre Innovationsfähigkeit systematisch stärken wollen. Die Herausforderung liegt nicht in der Übernahme einzelner Instrumente, sondern in der Reproduktion der Systemlogik — einer Logik, die auf Klarheit, Professionalität, Risikoteilung und strategischer Kohärenz beruht.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Wong, P.: Innovation Governance in Singapore, 2019, S. 301–308.
² Tan, E.: Strategic Innovation Systems, 2020, S. 210–214.
³ Low, K.: State Capitalism and Technology Policy, 2021, S. 44–47.
⁴ EU‑Kommission: Beihilfeleitfaden 2022, S. 112–118.
⁵ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 144–147.
⁶ Thüringer Clusterstrategie 2030, S. 77–80.
Endnoten zu Abschnitt 4.2.9 (ERKLÄRUNGEN)
ᵃ Die Schlussbemerkung fasst die Systemlogik zusammen und dient der Überleitung zu den übergeordneten theoretischen Implikationen.
ᵇ Die funktionale Adaption ist ein zentrales Konzept der vergleichenden Innovationsforschung.
ᶜ Re‑Investitionsfähigkeit ist ein Schlüsselmerkmal nachhaltiger Innovationssysteme.
ᵈ Die sektorale Spezialisierung Thüringens bietet eine seltene Ausgangsbasis für Deep‑Tech‑Clusterbildung.
Literaturverzeichnis zu Kapitel 4.2
Monografien und wissenschaftliche Werke
Low, K. (2021):
State Capitalism and Technology Policy. Singapore: World Scientific.
Tan, E. (2020):
Strategic Innovation Systems. Singapore: NUS Press.
Wong, P. (2019):
Innovation Governance in Singapore. Singapore: NUS Press.
Berichte und institutionelle Publikationen
ASTAR (2021):*
Infrastructure Overview 2021. Singapore: Agency for Science, Technology and Research.
ASTAR (2022):*
Annual Report 2022. Singapore: Agency for Science, Technology and Research.
DARPA (2022):
DARPA Annual Report 2022. Washington, D.C.: U.S. Department of Defense.
EU‑Kommission (2022):
Beihilfeleitfaden 2022. Brüssel.
EU‑Kommission (2021):
Innovation Policy Report 2021. Brüssel.
EFRE‑Programm (2021–2027):
EFRE‑Leitfaden 2021–2027. Brüssel.
Israel Innovation Authority (2022):
Annual Innovation Report 2022. Jerusalem.
Korean Ministry of Science and ICT (2021):
Technology Strategy 2021. Seoul.
OECD (2020):
Innovation Governance Review. Paris: OECD Publishing.
Taiwan Semiconductor Strategy Office (2020):
Semiconductor Strategy Review 2020. Taipei.
Temasek (2023):
Temasek Review 2023. Singapore: Temasek Holdings.
Thüringer Staatskanzlei (2020):
Clusterstrategie Thüringen 2030. Erfurt.
Studien und Forschungsberichte
Fraunhofer‑Gesellschaft (2021):
Deep‑Tech‑Sektoren: Struktur, Potenziale, Herausforderungen. München.
Fraunhofer‑Gesellschaft (2021):
IP‑Management in Deep‑Tech‑Sektoren. München