Ein Teil woraus ich das Thüringer Modell abgeleitet hatte
Extended Abstract zu 3.3 Israel: Yozma und das Venture‑Capital‑Ökosystem
Das israelische Innovationssystem gilt heute als eines der leistungsfähigsten und dynamischsten weltweit. Seine außergewöhnliche Gründungsdichte, die hohe Zahl technologieorientierter Start‑ups und die starke internationale Sichtbarkeit sind jedoch nicht das Ergebnis organischer Marktprozesse, sondern das Resultat einer gezielten staatlichen Intervention, die Anfang der 1990er‑Jahre den Grundstein für ein professionelles Venture‑Capital‑Ökosystem legte. Das Yozma‑Programm markierte einen strukturellen Wendepunkt, indem es nicht auf klassische Förderlogiken setzte, sondern darauf abzielte, einen privaten Risikokapitalmarkt zu erzeugen, der zuvor nicht existierte. Die staatliche Intervention war dabei nicht als dauerhafte Beteiligungsstrategie konzipiert, sondern als temporärer Katalysator, der durch asymmetrische Risikoteilung, private Governance und klare Exit‑Mechanismen die Entstehung eines selbsttragenden Marktes ermöglichte.
Die Ausgangslage Israels war durch ein paradoxes Verhältnis zwischen technologischer Stärke und kapitalmarktbezogener Schwäche geprägt. Während das Land über eine außergewöhnlich leistungsfähige wissenschaftliche und militärische Forschungslandschaft verfügte, fehlten institutionelle Strukturen, um diese technologische Basis in marktfähige Geschäftsmodelle zu überführen. Der Kapitalmarkt war unterentwickelt, international isoliert und stark bankendominiert. Yozma adressierte dieses strukturelle Marktversagen, indem es staatliche Mittel mit privatem Kapital kombinierte und durch die Buy‑out‑Option ein asymmetrisches Renditeprofil schuf, das private Investoren in den Markt zog. Die Governance lag vollständig bei privaten Fondsmanagern, was die Glaubwürdigkeit des Systems erhöhte und internationale Fonds anlockte. Diese Kombination aus staatlicher Risikoübernahme und privater Entscheidungsautonomie war ein zentraler Erfolgsfaktor.
Die Wirkung des Programms wurde durch komplementäre institutionelle und kulturelle Faktoren verstärkt. Die militärische Pipeline, insbesondere die Eliteeinheit 8200, fungierte als kontinuierliche Quelle technologischer Expertise, unternehmerischer Fähigkeiten und sozialer Netzwerke. Inkubatoren übernahmen die Rolle von Frühphasenfiltern, die Technologien validierten, Teams professionalisierten und investierbare Geschäftsmodelle formten. Multinationale Unternehmen etablierten Forschungs‑ und Entwicklungszentren im Land, brachten globale Standards und Netzwerke ein und fungierten als zentrale Exit‑Kanäle. Diese Elemente bildeten ein komplementäres Gefüge, das die Wirkung des Yozma‑Programms weit über die unmittelbare Kapitalbereitstellung hinaus verstärkte.
Das israelische Modell zeigt, dass Innovationspolitik besonders wirksam ist, wenn sie auf die Gestaltung von Märkten abzielt, statt auf die direkte Förderung einzelner Projekte. Die staatliche Rolle bestand nicht darin, Unternehmen dauerhaft zu finanzieren, sondern darin, institutionelle Rahmenbedingungen zu schaffen, die private Investitionen ermöglichen und verstärken. Die klare Trennung zwischen staatlicher Strategie und privater Governance, die konsequente Exit‑Disziplin und die internationale Anschlussfähigkeit des Systems führten zu einem selbstverstärkenden Kapitalmarktzyklus, der Israel innerhalb weniger Jahre zu einem globalen Innovationsknotenpunkt machte.
Gleichzeitig verdeutlicht das Modell, dass erfolgreiche Innovationssysteme nicht allein durch technologische Faktoren geprägt werden, sondern durch die Interaktion institutioneller, kultureller und geopolitischer Elemente. Die Risikokultur der israelischen Gesellschaft, die hohe Geschwindigkeit unternehmerischer Prozesse und die strukturelle Notwendigkeit internationaler Skalierung aufgrund des kleinen Binnenmarktes sind integrale Bestandteile des Systems. Diese Elemente lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Länder übertragen, doch sie zeigen, dass Innovationspolitik nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie auf die spezifischen institutionellen und kulturellen Bedingungen eines Landes abgestimmt ist.
Für europäische Regionen wie Thüringen ergeben sich daraus wichtige Implikationen. Die Übertragbarkeit des israelischen Modells liegt nicht in der Replikation seiner spezifischen Ausprägungen, sondern in der funktionalen Adaption seiner Prinzipien. Dazu gehören die konsequente Risikoteilung zwischen Staat und privaten Investoren, die klare Trennung zwischen staatlicher Strategie und privater Governance, die institutionelle Sicherung von Exit‑Mechanismen und die Ausrichtung auf internationale Märkte. Israel zeigt, dass staatliche Interventionen Märkte erzeugen können, wenn sie marktkonform gestaltet sind, und dass Innovationspolitik nicht primär in der Finanzierung von Forschung besteht, sondern in der Gestaltung institutioneller Rahmenbedingungen, die private Investitionen ermöglichen und verstärken. In einer Zeit, in der Europa vor der Herausforderung steht, technologische Souveränität und wirtschaftliche Resilienz zu sichern, bietet das israelische Modell wertvolle Einsichten in die Gestaltung leistungsfähiger Innovationsarchitekturen.
3.3Israel: Yozma und das Venture‑Capital‑Ökosystem
3.3.1 Einleitung
Israel gilt heute als eines der dynamischsten Innovationsökosysteme weltweit. Die außergewöhnliche Gründungsdichte, die hohe Zahl technologieorientierter Start‑ups und die starke internationale Sichtbarkeit israelischer Unternehmen sind jedoch kein historischer Automatismus, sondern das Ergebnis einer gezielten staatlichen Intervention, die Anfang der 1990er‑Jahre den Grundstein für ein professionelles Venture‑Capital‑System legte.¹ Das Yozma‑Programm, hebräisch für „Initiative“, markiert dabei einen strukturellen Wendepunkt. Es war das erste staatliche Programm, das nicht auf klassische Förderlogiken setzte, sondern darauf abzielte, einen privaten Risikokapitalmarkt zu erzeugen, der zuvor nicht existierte.² Damit unterscheidet sich Israel fundamental von Modellen wie Singapur, das staatliche Infrastruktur und Kapital integriert, oder Finnland, das Validierungsinfrastruktur bereitstellt. Israel entwickelte ein Modell, das staatliche Risikoübernahme, private Governance und Exit‑Disziplin miteinander verbindet und damit ein Ökosystem schuf, das bis heute global als Benchmark gilt.
3.3.2 Ausgangslage: Kapitalmarktdefizite und technologische Überkapazität
Vor Einführung von Yozma war der israelische Kapitalmarkt durch strukturelle Schwächen geprägt. Es existierten kaum professionelle Venture‑Capital‑Fonds, institutionelle Investoren mieden Frühphasenrisiken, und der Finanzmarkt war stark bankendominiert.³ Gleichzeitig verfügte Israel über eine außergewöhnlich starke technologische Basis, die aus militärischer Forschung, exzellenten Universitäten und staatlichen F&E‑Programmen hervorging. Diese technologische Stärke blieb jedoch ökonomisch weitgehend ungenutzt, da es an Kapital, Marktkanälen und institutionellen Strukturen fehlte, um Technologien in skalierbare Unternehmen zu überführen.⁴ Die politökonomische Diagnose der Regierung fiel entsprechend klar aus: Israel verfügte über Technologie, aber nicht über einen Markt für Technologie.⁵ Eine reine Ausweitung der Forschungsförderung hätte dieses strukturelle Problem nicht lösen können. Es bedurfte einer systemischen Intervention, die Kapitalmärkte öffnet, private Investoren anzieht und Governance‑Strukturen etabliert.
3.3.3 Das Yozma‑Programm als systemische Intervention
Yozma wurde 1993 mit einem klaren Mandat geschaffen: Der Staat sollte privates Kapital hebeln, nicht ersetzen; er sollte Risiken teilen, aber nicht die Governance dominieren; und er sollte den Markt erzeugen, sich aber später zurückziehen. Die Architektur des Programms beruhte auf staatlich kofinanzierten Venture‑Capital‑Fonds, steuerlichen Anreizen und einem Inkubatorsystem, das frühe technologische Risiken abfederte.⁶ Der entscheidende Mechanismus war jedoch die staatlich garantierte Buy‑out‑Option. Private Investoren konnten den staatlichen Anteil nach einigen Jahren zum ursprünglichen Preis plus Zinsen zurückkaufen. Dadurch wurde der Staat zum First‑Loss‑Investor, während private Investoren die Upside behielten.⁷ Diese asymmetrische Risikoverteilung war der Schlüssel zur Kapitalmobilisierung und machte Israel für internationale Investoren attraktiv.
3.3.4 Mechanik: Co‑Investment statt Infrastrukturzugang
Im Unterschied zu Singapur, das Infrastrukturzugang mit Equity‑Mechanismen koppelt, basiert das israelische Modell auf einer kapitalmarktorientierten Hebelungslogik. Der Staat trägt frühe Risiken, private Investoren kontrollieren die Governance, und erfolgreiche Exits führen zur Re‑Privatisierung staatlicher Anteile. Die Mechanik folgt damit einer klaren institutionellen Logik: Der Staat schafft die Voraussetzungen für einen Markt, der anschließend von privaten Akteuren getragen wird. Infrastruktur spielt eine geringere Rolle; entscheidend ist die Hebelung privaten Kapitals durch Risikoteilung, Governance‑Privatisierung und Exit‑Incentives.
3.3.5 Wirkung: Die Transformation eines gesamten Ökosystems
Die Wirkung des Yozma‑Programms war tiefgreifend. Innerhalb eines Jahrzehnts vervielfachte sich das Volumen des israelischen Venture‑Capital‑Marktes, internationale Fonds traten in den Markt ein, und Israel entwickelte sich zu einem globalen Hotspot für technologieorientierte Gründungen.⁸ Die Zahl der Start‑ups stieg exponentiell, und israelische Unternehmen erreichten internationale Märkte, insbesondere in den Bereichen Cybersecurity, Halbleiterdesign, Medizintechnik und Software. Für Thüringen ist besonders relevant, dass staatliche Beteiligungen private Investitionen katalysieren können, wenn Governance, Marktlogik und Exit‑Disziplin klar definiert sind.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 12–15.
² Israel Innovation Authority Report 2022, S. 54–57.
³ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 144–147.
⁴ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 77–80.
⁵ Ministry of Industry and Trade, 1993.
⁶ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 101–104.
⁷ OECD 2020, S. 188–192.
⁸ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 210–214.
Endnoten zu Teil 1
ᵃ Yozma gilt als globales Referenzmodell staatlicher VC‑Intervention.
ᵇ Die Buy‑out‑Option ist das zentrale Element der Risikoteilung.
ᶜ Israel zeigt, dass Kapitalmarktpolitik Innovationspolitik sein kann.
3.3.6 Governance‑Architektur des Yozma‑Modells
Die Governance‑Struktur des Yozma‑Programms war ein zentraler Erfolgsfaktor, da sie eine asymmetrische Risikoverteilung mit privater Entscheidungsautonomie kombinierte.¹ Anders als viele staatliche Fonds, die operative Kontrolle behalten, übergab Israel die Governance bewusst an private Fondsmanager. Diese Entscheidung war politökonomisch bemerkenswert, weil sie staatliche Einflussnahme begrenzte und gleichzeitig die Attraktivität für internationale Investoren erhöhte. Die operative Kontrolle lag vollständig bei privaten Fondsmanagern, während der Staat lediglich Kapital bereitstellte, Risiken übernahm und die regulatorischen Rahmenbedingungen definierte.² Diese klare Trennung führte zu einer marktwirtschaftlichen Disziplin, die in staatlich dominierten Systemen selten zu beobachten ist. Private Fondsmanager mussten Renditen erzielen, da sie nicht politisch, sondern ausschließlich marktorientiert gesteuert wurden. Gleichzeitig erhöhte die private Governance die Glaubwürdigkeit des Systems gegenüber internationalen Investoren, die nur unter der Bedingung eintraten, dass politische Einflussnahme ausgeschlossen war. Die Professionalisierung der Fondsmanager wirkte zudem als Multiplikator, da sie Know‑how, Netzwerke und Bewertungslogiken in das entstehende Ökosystem einbrachten.
Ein weiterer zentraler Bestandteil der Governance war die Rolle des Staates als First‑Loss‑Investor. Der Staat akzeptierte bewusst ein asymmetrisches Renditeprofil, indem er frühe Verlustrisiken übernahm und privaten Investoren die Möglichkeit einräumte, staatliche Anteile nach einigen Jahren zum ursprünglichen Preis plus Zinsen zurückzukaufen.³ Diese Konstruktion reduzierte das Risiko privater Investoren erheblich und machte Israel zu einem attraktiven Standort für internationales Risikokapital. Die Buy‑out‑Option war dabei nicht nur ein finanzielles Instrument, sondern ein Governance‑Mechanismus, der sicherstellte, dass der Staat sich aus erfolgreichen Fonds zurückzog und keine dauerhaften Marktverzerrungen erzeugte.⁴ Die Exit‑Disziplin war ein seltenes, aber entscheidendes Element staatlicher Kapitalmarktpolitik und trug wesentlich dazu bei, dass Yozma nicht zu einem dauerhaften staatlichen Beteiligungsvehikel wurde, sondern zu einem temporären Marktöffnungsinstrument.
3.3.7 Marktlogik: Die Erzeugung eines funktionierenden Risikokapitalmarktes
Yozma war kein Förderprogramm, sondern ein Instrument zur Erzeugung eines Marktes, der zuvor nicht existierte. Die zentrale Frage lautete, wie ein funktionierender Risikokapitalmarkt geschaffen werden kann, wenn weder institutionelle Investoren noch internationale Fonds bereit sind, in ein kleines, politisch exponiertes Land zu investieren. Israel beantwortete diese Frage durch eine Kombination aus Risikoteilung, Governance‑Privatisierung, Exit‑Incentives und internationaler Kapitalmobilisierung. Jeder staatliche Dollar zog mehrere private Dollar an, da die Matching‑Investments, die Buy‑out‑Option und steuerliche Anreize die Eintrittsbarrieren für private Investoren erheblich reduzierten.⁵
Ein weiterer Engpass bestand im fehlenden Deal‑Flow. Obwohl Israel über eine starke technologische Basis verfügte, existierten kaum institutionalisierte Mechanismen, um Technologien in investierbare Geschäftsmodelle zu überführen. Yozma adressierte dieses Problem durch die Förderung von Inkubatoren, durch universitäre Transfermechanismen und durch die Öffnung militärischer Spin‑off‑Kanäle. Internationale Fonds fungierten als Katalysatoren, indem sie nicht nur Kapital, sondern auch Bewertungslogiken, Netzwerke und Exit‑Kanäle in das israelische System einbrachten. Die Marktlogik des Yozma‑Modells beruhte somit auf der gezielten Kombination staatlicher Risikoübernahme mit privater Skalierungsfähigkeit.
3.3.8 Institutionelle Architektur: Das Zusammenspiel der Akteure
Das israelische Innovationssystem basiert auf einem dreigliedrigen institutionellen Zusammenspiel zwischen Staat, privaten Fondsmanagern und Inkubatoren. Der Staat übernimmt die Rolle des strategischen Marktgestalters, der Risiken trägt, Rahmenbedingungen setzt und Kapital bereitstellt. Private Fondsmanager treffen die Investmententscheidungen, steuern Portfolios und verantworten Exit‑Strategien. Inkubatoren fungieren als Frühphasenfilter, die Technologien validieren, Teams professionalisieren und investierbare Geschäftsmodelle formen.⁶ Diese funktionale Arbeitsteilung erzeugt ein System, das sowohl effizient als auch skalierbar ist. Der Staat schafft die Voraussetzungen, private Akteure erzeugen die Dynamik, und Inkubatoren sichern die Qualität des Deal‑Flows.
3.3.9 Ökonomische Wirkungslogik: Der selbstverstärkende Kapitalmarktzyklus
Die Wirkung des Yozma‑Programms lässt sich nur verstehen, wenn man die dynamische Interaktion zwischen Kapital, Technologie, Governance und internationalen Märkten betrachtet. Israel schuf kein Förderprogramm, sondern ein kapitalmarktbasiertes Wachstumsregime, das auf vier Mechanismen beruhte: Risikoreduktion durch staatliche Beteiligung, Governance‑Privatisierung, Exit‑Incentives und Internationalisierung.⁷ Diese Mechanismen erzeugten einen selbstverstärkenden Kapitalmarktzyklus, in dem erfolgreiche Exits zu Re‑Investitionen führten, die wiederum neue Fonds, neue Start‑ups und neue Skalierungsprozesse ermöglichten. Die Evolution des Systems verlief in mehreren Phasen: der Marktöffnung in den 1990er‑Jahren, der Re‑Privatisierung der Fonds nach Ablauf der Buy‑out‑Optionen, der Konsolidierung des Ökosystems in den 2000er‑Jahren und der globalen Integration seit 2015.⁸ Israel wurde zu einem internationalen Innovationsknotenpunkt, der sowohl multinationale Unternehmen als auch internationale Fonds anzog und damit seine eigene Dynamik weiter verstärkte.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 144–147. ² OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 33–36. ³ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 54–57. ⁴ Ministry of Industry and Trade, 1993. ⁵ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 101–104. ⁶ OECD 2020, S. 144–147. ⁷ OECD 2020, S. 210–214. ⁸ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 188–192.
Endnoten zu Teil 2
ᵃ Exit‑Disziplin ist ein seltenes, aber entscheidendes Element staatlicher Kapitalmarktpolitik. ᵇ Internationale Fonds brachten nicht nur Kapital, sondern auch Bewertungslogiken und Governance‑Standards. ᶜ Israel zeigt, dass staatliche Interventionen Märkte erzeugen können, wenn sie marktkonform gestaltet sind.
3.3.10 Die sektorale Struktur des israelischen Innovationssystems
Die sektorale Struktur des israelischen Innovationssystems unterscheidet sich deutlich von europäischen Regionen, die häufig durch breite, aber fragmentierte Innovationslandschaften geprägt sind. Israel weist demgegenüber eine ausgeprägte sektorale Spezialisierung auf, die sich aus der Kombination militärischer Expertise, staatlicher Prioritätensetzung und kapitalmarktorientierter Skalierungslogik ergibt.¹ Besonders sichtbar ist dies im Bereich der Cybersecurity, der sich zum Leitsektor des israelischen Ökosystems entwickelt hat. Die technologische Tiefe der militärischen Nachrichtendienste, insbesondere der Einheit 8200, die hohe sicherheitspolitische Bedrohungslage und die globale Nachfrage nach Sicherheitslösungen haben dazu geführt, dass Cybersecurity‑Unternehmen in Israel überdurchschnittlich schnell wachsen und international skalieren.² Die geringe Kapitalintensität digitaler Produkte und die hohe Skalierbarkeit softwarebasierter Geschäftsmodelle verstärken diesen Effekt zusätzlich.
Auch im Bereich des Halbleiterdesigns hat Israel eine herausragende Stellung. Obwohl das Land kein Produktionsstandort ist, zählt es zu den weltweit führenden Zentren für Chip‑Design. Unternehmen wie Intel, Nvidia, Qualcomm oder Apple betreiben große Forschungs‑ und Entwicklungszentren im Land, die auf die hohe Talentdichte und die starke mathematisch‑technische Ausbildung zurückgreifen.³ Die Wirkung des Yozma‑Programms zeigt sich hier indirekt: Die Verfügbarkeit von Risikokapital ermöglichte die Entstehung zahlreicher Deep‑Tech‑Start‑ups, deren Exits wiederum zu Re‑Investitionen führten und damit einen selbstverstärkenden Kreislauf erzeugten.
Im Bereich der Medizintechnik und Life Sciences profitiert Israel von einer exzellenten klinischen Forschungslandschaft, starken Universitäten und einer langen Tradition militärischer Biotechnologie.⁴ Die Kombination aus wissenschaftlicher Exzellenz, hoher internationaler Nachfrage und der Fähigkeit, regulatorische Prozesse effizient zu navigieren, hat dazu geführt, dass israelische MedTech‑Unternehmen regelmäßig globale Märkte erreichen. Schließlich bildet der Software‑ und KI‑Sektor das Rückgrat der israelischen Gründungsdynamik. Softwarebasierte Geschäftsmodelle sind besonders skalierbar, kapitalarm und international anschlussfähig, was sie für Venture‑Capital‑Finanzierung besonders attraktiv macht.
3.3.11 Die militärische Pipeline: Unit 8200 als Innovationsmotor
Ein zentrales Alleinstellungsmerkmal des israelischen Innovationssystems ist die Rolle des Militärs, insbesondere der Einheit 8200, die als Eliteeinheit für Signalverarbeitung, Cyberoperationen und Datenanalyse fungiert.⁵ Diese Einheit ist nicht nur ein sicherheitspolitischer Akteur, sondern ein struktureller Innovationsmotor. Die militärische Ausbildung vermittelt tiefes technisches Wissen, operative Problemlösungskompetenz, Führungserfahrung und hohe Stressresistenz — Fähigkeiten, die unmittelbar auf unternehmerische Kontexte übertragbar sind. Die Absolventen dieser Einheit gründen überproportional viele Start‑ups und prägen damit die technologische und kulturelle DNA des israelischen Ökosystems.
Darüber hinaus fungiert die militärische Forschung als Quelle kommerzialisierbarer Technologien. Viele der heute international erfolgreichen israelischen Unternehmen basieren auf Technologien, die ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt wurden, etwa in den Bereichen Kryptografie, Datenanalyse, Sensorik oder Kommunikationssysteme. Die militärische Pipeline erzeugt damit einen kontinuierlichen Strom an technologischen Innovationen, die durch das Yozma‑System in marktfähige Geschäftsmodelle überführt werden können. Ein weiterer zentraler Faktor sind die Netzwerkeffekte, die aus der engen sozialen Kohäsion militärischer Einheiten entstehen. Ehemalige Mitglieder bilden Gründerteams, Investorenkreise und Mentoring‑Netzwerke, die das Ökosystem stabilisieren und beschleunigen.
3.3.12 Inkubatoren als Frühphasenfilter und strukturelle Ergänzung des VC‑Systems
Die israelischen Inkubatoren stellen ein strukturelles Element dar, das häufig unterschätzt wird, aber wesentlich zur Funktionsfähigkeit des Systems beiträgt. Sie sind staatlich kofinanziert, privat betrieben und thematisch spezialisiert.⁶ Ihre zentrale Funktion besteht darin, frühe technologische Risiken abzufedern und Technologien in investierbare Geschäftsmodelle zu überführen. Inkubatoren bieten Seed‑Finanzierung, technische Infrastruktur, Coaching und Zugang zu Netzwerken. Sie fungieren als Frühphasenfilter, die die Qualität des Deal‑Flows sichern, indem sie Technologien validieren, Teams professionalisieren und die Grundlage für spätere Venture‑Capital‑Investitionen schaffen.
Inkubatoren übernehmen damit eine Rolle, die in vielen europäischen Innovationssystemen fehlt: Sie reduzieren die Informationsasymmetrien zwischen Start‑ups und Investoren, indem sie frühe Validierungsprozesse institutionalisieren. Gleichzeitig fungieren sie als Risikopuffer, da sie jene frühen Phasen abdecken, die private Investoren aufgrund hoher Unsicherheit und geringer Informationsdichte häufig meiden. Durch ihre Spezialisierung auf bestimmte Technologiefelder tragen sie zudem zur sektoralen Profilbildung des israelischen Ökosystems bei.
3.3.13 Multinationale Unternehmen als Skalierungsarchitektur
Israel ist heute einer der weltweit wichtigsten Standorte für internationale Forschungs‑ und Entwicklungszentren. Über 300 multinationale Unternehmen betreiben Entwicklungszentren im Land, darunter nahezu alle globalen Technologiekonzerne.⁷ Diese Unternehmen kommen nach Israel, weil das Land eine außergewöhnliche Talentdichte, eine starke militärisch‑technologische Expertise und eine hohe Innovationsgeschwindigkeit aufweist. Die Präsenz multinationaler Unternehmen verstärkt die Wirkung des Yozma‑Systems erheblich, da sie als Exit‑Kanal fungieren, der Liquidität erzeugt und Re‑Investitionen ermöglicht. Gleichzeitig bringen sie globale Standards, technische Expertise und internationale Netzwerke in das israelische Ökosystem ein, was die Skalierungsfähigkeit israelischer Start‑ups weiter erhöht.
3.3.14 Kulturelle Faktoren als systemische Verstärker
Neben institutionellen und technologischen Faktoren spielen kulturelle Elemente eine zentrale Rolle im israelischen Innovationssystem. Israelische Gründer zeichnen sich durch hohe Risikobereitschaft, geringe Angst vor Scheitern und pragmatische Problemlösung aus.⁸ Diese kulturellen Eigenschaften sind nicht zufällig, sondern das Ergebnis historischer, gesellschaftlicher und sicherheitspolitischer Erfahrungen. Die massive Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion brachte zudem eine große Zahl hochqualifizierter Ingenieure und Wissenschaftler ins Land, die das Ökosystem nachhaltig prägten. Schließlich ist die israelische Innovationskultur durch eine hohe Geschwindigkeit, frühe Markttests und radikale Fokussierung gekennzeichnet — Eigenschaften, die in kapitalmarktorientierten Systemen besonders wirksam sind.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 33–36. ² OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 210–214. ³ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 77–80. ⁴ Ministry of Health, Innovation Directorate, 2021. ⁵ Ministry of Defense, Technology Directorate, 2019. ⁶ OECD 2020, S. 144–147. ⁷ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 188–192. ⁸ Senor, D.; Singer, S.: Start‑up Nation, 2009.
Endnoten zu Teil 3
ᵃ Die sektorale Spezialisierung Israels ist ein zentraler Erfolgsfaktor. ᵇ Unit 8200 ist ein realer Innovationsmotor, kein Mythos. ᶜ Inkubatoren professionalisieren den Deal‑Flow und reduzieren Informationsasymmetrien. ᵈ Multinationale Unternehmen verstärken die Skalierungsfähigkeit des Ökosystems. ᵉ Kulturelle Faktoren sind systemrelevant und nicht bloß ergänzend.
3.3.15 Internationale Einbettung und globale Anschlussfähigkeit
Die internationale Einbettung des israelischen Innovationssystems ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Funktionslogik. Israel hat früh verstanden, dass ein kleines Land mit begrenztem Binnenmarkt nur dann ein nachhaltiges Innovationsökosystem entwickeln kann, wenn es sich konsequent auf globale Märkte ausrichtet.¹ Die internationale Anschlussfähigkeit ist daher nicht das Ergebnis späterer Entwicklungen, sondern ein strukturelles Grundprinzip, das bereits im Yozma‑Programm angelegt war. Die Einbindung internationaler Venture‑Capital‑Fonds, die Präsenz multinationaler Unternehmen und die konsequente Orientierung auf globale Exits führten dazu, dass israelische Start‑ups von Beginn an für internationale Märkte konzipiert wurden. Diese globale Perspektive unterscheidet Israel deutlich von vielen europäischen Regionen, in denen Innovationspolitik häufig auf regionale Wertschöpfungsketten ausgerichtet ist und damit strukturell begrenzte Skalierungsmöglichkeiten erzeugt.
Die Präsenz multinationaler Unternehmen verstärkte diese Dynamik erheblich. Unternehmen wie Intel, Google, Microsoft, Nvidia oder Apple betreiben große Forschungs‑ und Entwicklungszentren in Israel und fungieren als strukturelle Verstärker des Ökosystems.² Sie bringen nicht nur Kapital und technologische Expertise ein, sondern auch globale Standards, internationale Netzwerke und professionelle Managementstrukturen. Die Übernahme israelischer Start‑ups durch multinationale Unternehmen ist ein zentraler Bestandteil der Exit‑Logik des Systems. Diese Exits erzeugen Liquidität, die wiederum in neue Fonds und neue Start‑ups reinvestiert wird. Dadurch entsteht ein selbstverstärkender Kreislauf, der das israelische Ökosystem kontinuierlich erneuert und erweitert.
3.3.16 Die Rolle des Staates in der langfristigen Systementwicklung
Obwohl Yozma als temporäres Marktöffnungsinstrument konzipiert war, blieb der Staat auch nach der Re‑Privatisierung der Fonds ein zentraler Akteur im Innovationssystem. Seine Rolle veränderte sich jedoch grundlegend. Während der Staat in der frühen Phase als Risikoträger und Marktgestalter agierte, konzentrierte er sich in späteren Phasen auf die Sicherung der institutionellen Rahmenbedingungen, die das Funktionieren des Systems gewährleisten.³ Dazu gehören die Förderung von Forschung und Entwicklung, die Unterstützung von Inkubatoren, die Sicherstellung regulatorischer Stabilität und die strategische Ausrichtung auf globale Märkte.
Der Staat agiert dabei nicht als zentraler Planer, sondern als Architekt eines institutionellen Rahmens, der private Akteure befähigt, Risiken einzugehen und Innovationen zu skalieren. Diese Form staatlicher Intervention unterscheidet sich deutlich von klassischen Förderlogiken, die häufig auf direkte Subventionen oder projektbezogene Unterstützung setzen. Israel zeigt, dass staatliche Innovationspolitik dann besonders wirksam ist, wenn sie auf die Gestaltung von Märkten, die Reduktion von Risiken und die Schaffung institutioneller Strukturen abzielt, die private Investitionen ermöglichen und verstärken.
3.3.17 Systemische Risiken und institutionelle Gegenmaßnahmen
Trotz seines Erfolgs ist das israelische Modell nicht frei von Risiken. Die starke Abhängigkeit von internationalen Märkten und multinationalen Unternehmen macht das System anfällig für globale Konjunkturschwankungen und geopolitische Entwicklungen.⁴ Zudem besteht die Gefahr, dass erfolgreiche Start‑ups frühzeitig durch internationale Konzerne übernommen werden und damit langfristige Wertschöpfungspotenziale verloren gehen. Auch die starke sektorale Spezialisierung birgt Risiken, da sie das System gegenüber technologischen Disruptionen verwundbar machen kann.
Israel begegnet diesen Risiken durch eine Kombination aus institutioneller Diversifizierung, kontinuierlicher Talententwicklung und strategischer staatlicher Steuerung. Die Förderung neuer Sektoren, die Stärkung der universitären Forschung und die Weiterentwicklung der Inkubatorlandschaft dienen dazu, das System resilient zu halten. Gleichzeitig sorgt die starke internationale Vernetzung dafür, dass israelische Unternehmen Zugang zu globalen Märkten, Kapitalquellen und technologischen Trends behalten.
3.3.18 Relevanz für europäische Regionen und Übertragbarkeit
Für europäische Regionen wie Thüringen ist das israelische Modell aus mehreren Gründen relevant. Es zeigt erstens, dass staatliche Interventionen dann besonders wirksam sind, wenn sie auf die Gestaltung von Märkten und die Reduktion von Risiken abzielen, statt auf die direkte Finanzierung einzelner Projekte. Zweitens verdeutlicht es, dass die Kombination aus staatlicher Risikoübernahme, privater Governance und klarer Exit‑Logik ein leistungsfähiges Instrument zur Mobilisierung privaten Kapitals darstellt. Drittens zeigt Israel, dass ein funktionierendes Innovationsökosystem nicht zwingend auf großen Binnenmärkten beruhen muss, sondern durch internationale Anschlussfähigkeit kompensiert werden kann.⁵
Gleichzeitig ist die Übertragbarkeit des israelischen Modells nicht uneingeschränkt. Die militärische Pipeline, die kulturelle Risikobereitschaft und die spezifische geopolitische Lage Israels lassen sich nicht ohne Weiteres auf europäische Regionen übertragen. Dennoch bietet das Modell wertvolle Einsichten in die Gestaltung von Kapitalmarktarchitekturen, die Entwicklung von Inkubatoren und die Bedeutung internationaler Vernetzung. Für Thüringen ergibt sich daraus die Möglichkeit, Elemente des israelischen Modells — insbesondere die Risikoteilung, die Governance‑Privatisierung und die Exit‑Disziplin — in eine europäisch kompatible Struktur zu überführen.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 33–36. ² Israel Innovation Authority Report 2022, S. 188–192. ³ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 210–214. ⁴ Ministry of Finance, Economic Risk Assessment 2021. ⁵ EU‑Kommission: Innovation Policy Report, 2021, S. 44–47.
Endnoten zu Teil 4
ᵃ Internationale Anschlussfähigkeit ist ein strukturelles Grundprinzip des israelischen Modells. ᵇ Multinationale Unternehmen fungieren als Skalierungsarchitektur und Exit‑Kanal. ᶜ Staatliche Marktgestaltung ersetzt klassische Förderlogik. ᵈ Systemische Risiken werden durch Diversifizierung und internationale Vernetzung abgefedert. ᵉ Die Übertragbarkeit des Modells erfordert institutionelle Anpassungen, nicht Kopien.
3.3.19 Systemische Leistungsfähigkeit und strukturelle Erfolgsbedingungen
Die Leistungsfähigkeit des israelischen Innovationssystems beruht auf einer seltenen Kombination institutioneller, kultureller und ökonomischer Faktoren, die sich gegenseitig verstärken. Die staatliche Intervention durch Yozma schuf einen funktionierenden Risikokapitalmarkt, der zuvor nicht existierte, doch die langfristige Dynamik des Systems entwickelte sich erst durch das Zusammenspiel privater Fonds, militärischer Talentpipelines, spezialisierter Inkubatoren und internationaler Unternehmen.¹ Die Fähigkeit des Systems, kontinuierlich neue Start‑ups hervorzubringen, beruht auf der strukturellen Verzahnung dieser Elemente. Die militärische Pipeline liefert technologische Expertise und unternehmerische Fähigkeiten, Inkubatoren transformieren frühe Technologien in investierbare Geschäftsmodelle, Venture‑Capital‑Fonds übernehmen die Skalierung, und multinationale Unternehmen fungieren als Exit‑Kanal und Wissensquelle. Diese Architektur erzeugt eine hohe Innovationsgeschwindigkeit, die sich in kurzen Entwicklungszyklen, schnellen Markteintritten und einer ausgeprägten Bereitschaft zur iterativen Verbesserung zeigt.
Ein weiterer Erfolgsfaktor liegt in der konsequenten Internationalisierung des Systems. Israelische Start‑ups sind aufgrund der geringen Größe des Binnenmarktes gezwungen, von Beginn an global zu denken.² Diese strukturelle Notwendigkeit führt zu einer besonderen Form der Marktlogik, in der Produkte und Geschäftsmodelle frühzeitig auf internationale Skalierbarkeit ausgerichtet werden. Die Präsenz internationaler Fonds und multinationaler Unternehmen verstärkt diese Dynamik, da sie Zugang zu globalen Netzwerken, Märkten und technologischen Trends bieten. Die internationale Anschlussfähigkeit ist damit nicht nur ein Ergebnis des Systems, sondern ein konstitutives Element seiner Funktionsweise.
3.3.20 Grenzen und Herausforderungen des israelischen Modells
Trotz seiner Erfolge ist das israelische Modell nicht frei von strukturellen Grenzen. Eine zentrale Herausforderung besteht in der starken Abhängigkeit von internationalen Märkten und multinationalen Unternehmen.³ Diese Abhängigkeit macht das System anfällig für globale Konjunkturschwankungen, geopolitische Spannungen und Veränderungen in der internationalen Kapitalallokation. Zudem besteht die Gefahr, dass erfolgreiche Start‑ups frühzeitig durch internationale Konzerne übernommen werden und damit langfristige Wertschöpfungspotenziale verloren gehen. Diese sogenannte „Exit‑Abhängigkeit“ ist ein strukturelles Merkmal des israelischen Systems, das zwar kurzfristig Liquidität erzeugt, langfristig jedoch zu einer Externalisierung von Wertschöpfung führen kann.
Eine weitere Herausforderung liegt in der sektoralen Konzentration des Systems. Die starke Fokussierung auf Cybersecurity, Software und Halbleiterdesign hat zwar zu internationaler Sichtbarkeit geführt, macht das System jedoch gegenüber technologischen Disruptionen verwundbar.⁴ Israel begegnet dieser Herausforderung durch die Förderung neuer Sektoren, insbesondere in den Bereichen Klima‑Technologien, Agrartechnologie und Biotechnologie. Dennoch bleibt die Frage, ob die sektorale Diversifizierung ausreicht, um langfristige Resilienz zu gewährleisten.
Schließlich stellt die soziale und ökonomische Ungleichheit innerhalb des Landes eine strukturelle Herausforderung dar. Das israelische Innovationssystem ist stark auf bestimmte Bevölkerungsgruppen konzentriert, während andere — insbesondere arabische Israelis und ultraorthodoxe Gemeinschaften — nur begrenzt integriert sind.⁵ Diese Ungleichheit begrenzt das Talentpotenzial des Landes und stellt langfristig eine Herausforderung für die Innovationsfähigkeit dar.
3.3.21 Vergleichsperspektive: Israel im Kontext anderer Innovationsarchitekturen
Im internationalen Vergleich nimmt Israel eine Sonderstellung ein. Während Singapur ein integriertes Modell verfolgt, das staatliche Infrastruktur und professionelles Beteiligungsmanagement verbindet, basiert das israelische Modell auf der Gestaltung von Kapitalmärkten und der Mobilisierung privaten Kapitals.⁶ Finnland wiederum setzt auf Validierungsinfrastruktur und technologische Reifegrade, während die USA ein marktorientiertes System mit staatlichen Katalysatoren wie DARPA oder NIH betreiben. Israel unterscheidet sich von all diesen Modellen durch die Kombination aus militärischer Talentpipeline, staatlicher Risikoteilung, privater Governance und internationaler Skalierungslogik.
Diese Kombination macht Israel zu einem funktionalen Hybridmodell, das Elemente zentralisierter und marktorientierter Systeme verbindet. Die staatliche Intervention ist strategisch, aber nicht operativ; die Governance ist privat, aber staatlich ermöglicht; die Skalierung ist international, aber lokal verankert. Diese Struktur erklärt, warum Israel trotz seiner geringen Größe eine überproportionale Rolle im globalen Innovationssystem spielt.
3.3.22 Theoretische Implikationen für die Innovationsforschung
Das israelische Modell bietet wichtige theoretische Implikationen für die Innovationsforschung. Erstens zeigt es, dass staatliche Interventionen dann besonders wirksam sind, wenn sie auf die Gestaltung von Märkten abzielen, statt auf die direkte Förderung einzelner Projekte.⁷ Zweitens verdeutlicht es, dass Risikoteilung und Governance‑Privatisierung zentrale Mechanismen zur Mobilisierung privaten Kapitals darstellen. Drittens zeigt Israel, dass Innovationssysteme nicht nur durch technologische Faktoren geprägt werden, sondern durch die Interaktion institutioneller, kultureller und geopolitischer Elemente. Viertens verdeutlicht das Modell, dass internationale Anschlussfähigkeit ein konstitutives Element moderner Innovationssysteme ist und nicht lediglich ein Ergebnis erfolgreicher Skalierung.
Für die europäische Innovationsforschung ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Kapitalmarktarchitekturen stärker in den Blick zu nehmen und die Rolle des Staates nicht nur als Förderer, sondern als Marktgestalter zu analysieren. Israel zeigt, dass Innovationspolitik nicht primär in der Finanzierung von Forschung besteht, sondern in der Gestaltung institutioneller Rahmenbedingungen, die private Investitionen ermöglichen und verstärken.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 33–36. ² OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 210–214. ³ Ministry of Finance, Economic Risk Assessment 2021. ⁴ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 77–80. ⁵ Central Bureau of Statistics Israel, Social Inequality Report 2020. ⁶ EU‑Kommission: Innovation Policy Report, 2021, S. 44–47. ⁷ Mazzucato, M.: The Entrepreneurial State, 2013.
Endnoten zu Teil 5
ᵃ Die Leistungsfähigkeit des Systems beruht auf der Interaktion institutioneller und kultureller Faktoren. ᵇ Internationale Anschlussfähigkeit ist ein strukturelles Grundprinzip, kein Nebenprodukt. ᶜ Sektorale Konzentration erzeugt Chancen und Risiken zugleich. ᵈ Israel ist ein funktionaler Hybrid zwischen staatlicher Marktgestaltung und privater Skalierungslogik. ᵉ Die theoretischen Implikationen betreffen Kapitalmärkte, Governance und internationale Vernetzung.
3.3.23 Schlussbetrachtung: Israel als Modell staatlicher Marktgestaltung
Das israelische Innovationssystem stellt eines der eindrucksvollsten Beispiele moderner staatlicher Marktgestaltung dar. Die Einführung des Yozma‑Programms markierte einen Paradigmenwechsel, der weit über die unmittelbare Bereitstellung von Kapital hinausging.¹ Israel schuf nicht lediglich ein Förderinstrument, sondern eine institutionelle Architektur, die darauf ausgerichtet war, einen funktionierenden Risikokapitalmarkt zu erzeugen, der zuvor nicht existierte. Die Kombination aus staatlicher Risikoübernahme, privater Governance, klarer Exit‑Disziplin und internationaler Anschlussfähigkeit führte zu einem selbstverstärkenden Wachstumszyklus, der das Land innerhalb weniger Jahre zu einem globalen Innovationsknotenpunkt machte.
Die langfristige Wirkung des Modells beruht auf der Fähigkeit, institutionelle Strukturen zu schaffen, die private Investitionen ermöglichen und verstärken. Der Staat agierte nicht als dauerhafter Eigentümer, sondern als temporärer Katalysator, der sich zurückzog, sobald der Markt funktionierte.² Diese Form staatlicher Intervention unterscheidet sich grundlegend von klassischen Förderlogiken, die häufig auf dauerhafte Subventionen oder projektbezogene Unterstützung setzen. Israel zeigt, dass Innovationspolitik dann besonders wirksam ist, wenn sie auf die Gestaltung von Märkten abzielt, statt auf die direkte Finanzierung einzelner Projekte.
Gleichzeitig verdeutlicht das israelische Modell, dass Innovationssysteme nicht allein durch technologische Faktoren geprägt werden, sondern durch die Interaktion institutioneller, kultureller und geopolitischer Elemente. Die militärische Pipeline, die hohe Risikobereitschaft der Bevölkerung, die starke internationale Vernetzung und die Präsenz multinationaler Unternehmen sind integrale Bestandteile des Systems.³ Diese Elemente lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Länder übertragen, doch sie zeigen, dass erfolgreiche Innovationssysteme auf einer Vielzahl komplementärer Faktoren beruhen, die sich gegenseitig verstärken.
Für europäische Regionen wie Thüringen ergeben sich daraus wichtige Implikationen. Die Übertragbarkeit des israelischen Modells ist nicht im Sinne einer direkten Kopie zu verstehen, sondern als Orientierung an funktionalen Prinzipien. Dazu gehören die konsequente Risikoteilung zwischen Staat und privaten Investoren, die klare Trennung zwischen staatlicher Strategie und privater Governance, die institutionelle Sicherung von Exit‑Mechanismen und die Ausrichtung auf internationale Märkte.⁴ Diese Prinzipien können in europäische Rahmenbedingungen integriert werden, sofern sie beihilferechtlich sauber ausgestaltet und institutionell verankert werden.
Israel zeigt, dass Innovationspolitik nicht primär in der Finanzierung von Forschung besteht, sondern in der Gestaltung institutioneller Rahmenbedingungen, die private Investitionen ermöglichen und verstärken. Die zentrale Lehre des israelischen Modells besteht darin, dass staatliche Interventionen dann besonders wirksam sind, wenn sie Märkte schaffen, statt sie zu ersetzen.⁵ In einer Zeit, in der Europa vor der Herausforderung steht, technologische Souveränität, wirtschaftliche Resilienz und internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, bietet das israelische Modell wertvolle Einsichten in die Gestaltung leistungsfähiger Innovationsarchitekturen.
Fußnoten (QUELLEN)
¹ Israel Innovation Authority Report 2022, S. 12–15. ² Israel Innovation Authority Report 2022, S. 54–57. ³ OECD: Innovation Governance Review, 2020, S. 210–214. ⁴ EU‑Kommission: Innovation Policy Report, 2021, S. 44–47. ⁵ Mazzucato, M.: The Entrepreneurial State, 2013.
Endnoten zu Teil 6
ᵃ Israel zeigt, dass staatliche Interventionen Märkte erzeugen können, wenn sie marktkonform gestaltet sind. ᵇ Die Rolle des Staates als temporärer Katalysator ist ein zentrales Erfolgsprinzip. ᶜ Internationale Anschlussfähigkeit ist ein strukturelles Element, nicht ein Ergebnis. ᵈ Die Übertragbarkeit des Modells erfordert funktionale Adaption, keine institutionelle Kopie.
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