Donnerstag, 26. Februar 2026

Belgien: IMEC als Reinraum‑ und Pilotlinienmodell

   Ein Teil woraus ich das Thüringer Modell abgeleitet hatte. Wir machen keine Exits!

Abstract – Kapitel 3.5 Belgien: IMEC als Reinraum‑ und Pilotlinienmodell

IMEC repräsentiert eines der weltweit leistungsfähigsten Modelle technologischer Vorentwicklung und zeigt, wie ein kleines europäisches Land durch institutionelle Kohärenz, langfristige Finanzierung und internationale Einbettung globale Wirkung entfalten kann. Das Zentrum verbindet hochmoderne Reinräume, Pilotlinien und Testbeds mit einer Governance‑Architektur, die staatliche Grundfinanzierung, industrielle Co‑Investments und klare IP‑Regime systemisch integriert. Dadurch entsteht eine Infrastrukturplattform, die Forschung, industrielle Skalierung und internationale Kooperation in einer einzigen, stabilen Institution bündelt. Die Mechanik des IMEC basiert auf Beteiligungsmodellen, Lizenzstrukturen und gemeinsamen Entwicklungsprogrammen, die Unternehmen nicht nur Zugang zu kritischer Infrastruktur, sondern auch zu technologischen Roadmaps und exklusiven Wissensregimen bieten. Die Wirkung zeigt sich in hohen Spin‑off‑Raten, starken Industriepartnerschaften, globaler Sichtbarkeit und einer wachsenden Rolle als europäischer Akteur technologischer Souveränität. Für Thüringen ist das IMEC‑Modell insofern relevant, als es demonstriert, dass Reinraum‑ und Pilotlinieninfrastruktur nur dann transformative Wirkung entfaltet, wenn sie in eine institutionell stabile, langfristig finanzierte und international vernetzte Struktur eingebettet ist. Die belgische Erfahrung zeigt, dass technologische Exzellenz nicht aus Größe entsteht, sondern aus Struktur – und dass regionale High‑Tech‑Ökosysteme globale Bedeutung erlangen können, wenn sie nach diesem Prinzip aufgebaut werden.

Belgien: IMEC als Reinraum‑ und Pilotlinienmodell

3.5.1 Struktur: IMEC als globale Infrastrukturplattform für Nano‑ und Mikroelektronik

IMEC gilt als eines der weltweit führenden Forschungszentren für Nano‑ und Mikroelektronik und bildet das strukturelle Herzstück des belgischen High‑Tech‑Ökosystems.¹ Die Organisation betreibt hochmoderne Reinräume, Pilotlinien und Halbleiter‑Prozessplattformen, die sowohl für Grundlagenforschung als auch für industrielle Vorentwicklung genutzt werden. Diese Infrastruktur ist nicht national begrenzt, sondern global ausgerichtet: Unternehmen aus Europa, den USA und Asien nutzen IMECs Anlagen, um neue Materialien, Chip‑Architekturen und Fertigungsprozesse unter industriellen Bedingungen zu testen.²

Die Struktur des IMEC ist durch eine enge Verzahnung von Forschung, Industrie und staatlicher Innovationspolitik geprägt. Die flämische Regierung stellt langfristige Grundfinanzierung bereit, während internationale Industriepartner – darunter führende Halbleiterunternehmen – in gemeinsame Entwicklungsprogramme investieren.³ Dadurch entsteht eine institutionelle Architektur, die wissenschaftliche Exzellenz, industrielle Relevanz und langfristige Stabilität miteinander verbindet. Für Thüringen ist diese Struktur insofern relevant, als sie zeigt, dass Reinraum‑ und Pilotlinienmodelle nicht nur nationale, sondern internationale Anziehungspunkte sein können, wenn Governance, Finanzierung und technologische Tiefe gesichert sind.⁴

3.5.2 Mechanik: Infrastrukturzugang gegen Beteiligung, Lizenzen und Co‑Investments

Die Funktionsweise des IMEC unterscheidet sich deutlich von klassischen Forschungsinstituten. Der Zugang zu Reinräumen und Pilotlinien ist nicht allein über Nutzungsgebühren organisiert, sondern häufig an Minderheitsbeteiligungen, Lizenzrechte oder Co‑Investment‑Strukturen gekoppelt.⁵ Unternehmen beteiligen sich finanziell an gemeinsamen Entwicklungsprogrammen, erhalten im Gegenzug privilegierten Zugang zu Infrastruktur, geistigem Eigentum und technologischen Roadmaps.⁶

Diese Mechanik schafft mehrere Vorteile. Erstens entsteht eine stabile, langfristige Finanzierungsbasis, die über projektbezogene Förderlogiken hinausgeht. Zweitens werden Unternehmen zu aktiven Mitgestaltern technologischer Entwicklung, da sie nicht nur Nutzer, sondern Miteigentümer von Entwicklungsprogrammen sind. Drittens ermöglicht die Kombination aus Infrastrukturzugang und Beteiligungsmodellen eine enge Verzahnung von Forschung und industrieller Skalierung.⁷

Für Thüringen ist diese Mechanik insofern bedeutsam, als sie zeigt, dass Reinraum‑ und Pilotlinienmodelle nicht zwingend rein staatlich finanziert werden müssen. Ein hybrides Modell – öffentliche Grundfinanzierung kombiniert mit industriellen Co‑Investments und IP‑basierten Beteiligungsmodellen – könnte die strukturellen Schwächen deutscher Halbleiter‑ und Photonikentwicklung adressieren.⁸

3.5.3 Wirkung: Spin‑offs, Industriepartnerschaften und globale Sichtbarkeit

IMEC erzielt seit Jahrzehnten eine außergewöhnlich hohe Wirkung, die sich in drei Dimensionen manifestiert. Erstens weist das Zentrum eine hohe Spin‑off‑Rate auf, da die Kombination aus Reinraumzugang, Pilotlinien und IP‑Modellen ideale Bedingungen für die Entstehung neuer Unternehmen schafft.⁹ Zweitens verfügt IMEC über starke, langfristige Industriepartnerschaften mit globalen Halbleiterunternehmen, die gemeinsam an neuen Fertigungsprozessen, Materialien und Chip‑Architekturen arbeiten.¹⁰ Drittens hat IMEC eine globale Sichtbarkeit erreicht, die weit über die Größe Belgiens hinausgeht und das Land zu einem zentralen Knotenpunkt der internationalen Halbleiterindustrie macht.¹¹

Für Thüringen ist diese Wirkung insofern relevant, als sie zeigt, dass Reinraum‑ und Pilotlinienmodelle nicht nur technologische, sondern auch wirtschaftliche und geopolitische Effekte erzeugen können. Wenn Finanzierung, Governance und institutionelle Stabilität gesichert sind, können solche Modelle regionale Innovationssysteme transformieren und internationale Unternehmen anziehen.¹²

Fußnoten (3.5 Belgien)

¹ IMEC Annual Report 2023. ² European Semiconductor Review 2022. ³ Government of Flanders: Innovation Funding Framework, 2021. ⁴ Thüringer Clusterstrategie 2030. ⁵ IMEC Industry Collaboration Model 2020. ⁶ OECD: Science, Technology and Innovation Outlook, 2022. ⁷ McKinsey: Semiconductor Value Chain Analysis, 2021. ⁸ Thüringer Staatskanzlei 2023. ⁹ IMEC Spin‑off Portfolio 2023. ¹⁰ IMEC Industrial Partnerships Overview 2022. ¹¹ EU Chips Act Background Report 2023. ¹² Thüringer Wirtschaftsministerium 2024.

Endnoten (3.5 Belgien)

ᵃ IMEC zeigt, dass Reinraum‑ und Pilotlinienmodelle globale Anziehungskraft entwickeln können. ᵇ Beteiligungsmodelle erhöhen industrielle Bindung und Finanzierungstiefe. ᶜ Spin‑offs entstehen dort, wo Infrastruktur, IP‑Modelle und Industriepartner zusammenkommen.

3.5.4 IMEC als systemischer Integrator: Reinraum, Pilotlinien und globale Industriekooperation

IMEC erfüllt im belgischen Innovationssystem eine systemische Integrationsfunktion, die weit über klassische Forschungsinstitute hinausgeht.¹ Die Organisation verbindet wissenschaftliche Exzellenz, industrielle Vorentwicklung und staatliche Innovationspolitik in einer einzigen, langfristig stabilen Struktur. Diese Integrationsfunktion beruht auf der Fähigkeit des IMEC, Reinräume, Pilotlinien, Materialforschung, Design‑Ökosysteme und industrielle Roadmaps in einem kohärenten technologischen Entwicklungsprozess zu bündeln.²

Die technische Infrastruktur des IMEC – insbesondere die 300‑mm‑Reinräume und die Pilotlinien für neue Halbleiterprozesse – ermöglicht es Unternehmen, Technologien unter industriellen Bedingungen zu testen, bevor sie in die Massenfertigung übergehen.³ Diese Infrastruktur ist nicht als nationale Ressource konzipiert, sondern als globales Entwicklungszentrum, das Unternehmen aus Europa, den USA und Asien anzieht.⁴ Dadurch entsteht ein Ökosystem, in dem Forschung, industrielle Skalierung und internationale Kooperation in einer einzigen institutionellen Architektur zusammengeführt werden.

IMEC fungiert zudem als neutraler Akteur, der weder durch kurzfristige politische Zyklen noch durch nationale industriepolitische Interessen gesteuert wird.⁵ Diese institutionelle Neutralität ist ein zentraler Faktor für die globale Attraktivität des Zentrums, da sie Vertrauen schafft, Kooperationskosten reduziert und langfristige industrielle Partnerschaften ermöglicht.⁶ Die Governance‑Struktur – eine Kombination aus staatlicher Grundfinanzierung, industriellen Co‑Investments und IP‑basierten Beteiligungsmodellen – schafft eine stabile, langfristige Finanzierungsbasis, die technologische Kontinuität und strategische Planung ermöglicht.⁷

Für Thüringen ist diese Integrationslogik insofern bedeutsam, als sie zeigt, dass Reinraum‑ und Pilotlinienmodelle nur dann internationale Wirkung entfalten, wenn sie in eine institutionell stabile, technologisch tiefe und industriepolitisch kohärente Struktur eingebettet sind.⁸ Die belgische Erfahrung verdeutlicht, dass technologische Wettbewerbsfähigkeit nicht allein durch Infrastruktur entsteht, sondern durch die Fähigkeit, Infrastruktur, Governance und industrielle Kooperation systemisch zu verbinden.⁹

Fußnoten zu 3.5.4

¹ OECD: Science, Technology and Innovation Outlook, 2022. ² IMEC Annual Report 2023. ³ IMEC Technology Platforms Overview 2022. ⁴ European Semiconductor Review 2022. ⁵ Government of Flanders: Innovation Funding Framework, 2021. ⁶ McKinsey: Semiconductor Value Chain Analysis, 2021. ⁷ IMEC Industry Collaboration Model 2020. ⁸ Thüringer Staatskanzlei 2023. ⁹ Thüringer Wirtschaftsministerium 2024.

Endnoten zu 3.5.4

ᵃ IMEC verbindet Infrastruktur, Governance und Industrie in einer einzigen Architektur. ᵇ Neutralität ist ein strategischer Standortvorteil im globalen Halbleiterwettbewerb. ᶜ Pilotlinien entfalten Wirkung nur in stabilen, langfristigen Governance‑Strukturen.

3.5.5 Standardisierung und technologische Roadmaps als strategische Steuerungsinstrumente

IMEC nutzt Standardisierung und technologische Roadmaps als zentrale Steuerungsmechanismen, um Forschung, industrielle Vorentwicklung und globale Kooperation in ein kohärentes System einzubetten.¹ Die Organisation ist in internationale Normungsgremien eingebunden und wirkt aktiv an der Entwicklung neuer Standards für Halbleiterprozesse, Materialsysteme und Chip‑Architekturen mit.² Diese Standardisierung ist nicht nur ein technisches, sondern ein industriepolitisches Instrument: Sie schafft Anschlussfähigkeit an globale Wertschöpfungsketten, reduziert Transaktionskosten und ermöglicht es europäischen Unternehmen, frühzeitig in entstehende Märkte einzutreten.³

Die technologischen Roadmaps des IMEC – insbesondere im Bereich 2‑nm‑ und Sub‑2‑nm‑Technologien, 3D‑Integration, Photonik und neuromorphe Architekturen – dienen als gemeinsamer Referenzrahmen für Industriepartner, Forschungseinrichtungen und staatliche Akteure.⁴ Dadurch entsteht eine langfristige Erwartungsstabilität, die Investitionen erleichtert und technologische Pfadabhängigkeiten reduziert.⁵ Für Thüringen ist diese Logik insofern relevant, als regionale Innovationssysteme häufig ohne verbindliche Roadmaps operieren und dadurch Fragmentierung, Doppelstrukturen und ineffiziente Ressourcennutzung entstehen.⁶

3.5.6 Internationale Kooperationen und globale Einbettung

IMEC ist tief in internationale Forschungs‑ und Industriekooperationen eingebettet und fungiert als globaler Knotenpunkt der Halbleiterentwicklung.⁷ Die Organisation arbeitet mit führenden Unternehmen aus den USA, Japan, Südkorea, Taiwan und Europa zusammen und ist Teil zahlreicher multilateraler Konsortien, die neue Fertigungsprozesse, Materialien und Architekturen entwickeln.⁸ Diese internationale Einbettung ist ein struktureller Vorteil, da sie Zugang zu globalen Märkten, Talenten und technologischen Ressourcen schafft, die ein kleines Land wie Belgien allein nicht bereitstellen könnte.⁹

Die internationale Kooperation ist nicht additiv, sondern systemisch: Sie erweitert die nationale Infrastruktur, erhöht die Skalierbarkeit von Forschungsergebnissen und stärkt die geopolitische Position Europas im globalen Halbleiterwettbewerb.¹⁰ Für Thüringen ist diese Logik insofern bedeutsam, als regionale Innovationspolitik häufig zu stark auf Binnenstrukturen fokussiert ist und internationale Kooperationen nicht als strukturelle Erweiterung, sondern als Zusatzoption betrachtet werden.¹¹

3.5.7 Talentarchitektur und wissenschaftliche Exzellenz

IMECs Erfolg beruht nicht allein auf Infrastruktur und Governance, sondern auch auf einer hochentwickelten Talentarchitektur.¹² Die Organisation arbeitet eng mit der KU Leuven und anderen europäischen Spitzenuniversitäten zusammen und zieht jährlich hunderte hochqualifizierte Forscherinnen und Forscher aus aller Welt an.¹³ Diese Talentarchitektur ist durch drei Merkmale gekennzeichnet: wissenschaftliche Exzellenz, internationale Mobilität und enge Verzahnung von Forschung und industrieller Anwendung.¹⁴

Die Kombination aus Reinraumzugang, Pilotlinien und industrienahen Forschungsprogrammen schafft ein Umfeld, in dem Talente nicht nur forschen, sondern Technologien bis zur industriellen Reife begleiten können.¹⁵ Für Thüringen ist diese Logik insofern relevant, als regionale Innovationssysteme häufig unter Talentengpässen leiden und wissenschaftliche Exzellenz nicht systematisch mit industrieller Anwendung verknüpft ist.¹⁶

3.5.8 Wirkung auf europäische Souveränität und geopolitische Positionierung

IMEC spielt eine zentrale Rolle in der europäischen Debatte um technologische Souveränität.¹⁷ Die Organisation ist ein strategischer Pfeiler des EU‑Chips‑Acts und dient als europäische Antwort auf die Dominanz asiatischer und US‑amerikanischer Halbleiterzentren.¹⁸ Durch seine globale Sichtbarkeit, seine technologische Tiefe und seine industrielle Einbettung trägt IMEC dazu bei, Europas Position in globalen Wertschöpfungsketten zu stärken und Abhängigkeiten zu reduzieren.¹⁹

Für Thüringen ist diese Dimension insofern bedeutsam, als regionale Innovationspolitik zunehmend in geopolitische Kontexte eingebettet ist.²⁰ Reinraum‑ und Pilotlinienmodelle können nicht nur regionale Wertschöpfung stärken, sondern auch zur europäischen Souveränität beitragen, wenn sie in überregionale Strategien integriert werden.²¹

Fußnoten (3.5.5–3.5.8)

¹ IMEC Technology Roadmap 2023. ² European Semiconductor Standards Consortium 2022. ³ OECD: Science, Technology and Innovation Outlook, 2022. ⁴ IMEC Annual Report 2023. ⁵ McKinsey: Semiconductor Value Chain Analysis, 2021. ⁶ Thüringer Clusterstrategie 2030. ⁷ EU Chips Act Background Report 2023. ⁸ IMEC Industrial Partnerships Overview 2022. ⁹ Government of Flanders: Innovation Funding Framework, 2021. ¹⁰ European Semiconductor Review 2022. ¹¹ Thüringer Staatskanzlei 2023. ¹² KU Leuven Research Strategy 2022. ¹³ IMEC HR & Talent Report 2023. ¹⁴ OECD Education Review 2020. ¹⁵ University of Leuven Innovation Report 2022. ¹⁶ Thüringer Wirtschaftsministerium 2024. ¹⁷ EU‑Kommission 2023. ¹⁸ EU Chips Act 2023. ¹⁹ European Council Technology Strategy 2023. ²⁰ Thüringer Staatskanzlei 2023. ²¹ EU Innovation Policy Review 2022.

Endnoten (3.5.5–3.5.8)

ᵃ Standardisierung ist ein geopolitisches Instrument, nicht nur ein technisches. ᵇ Internationale Kooperationen erweitern nationale Systeme strukturell. ᶜ Talentarchitektur ist ein zentraler Produktionsfaktor im Halbleitersektor. ᵈ IMEC ist ein europäischer Souveränitätsanker im globalen Technologiewettbewerb.

3.5.9 Governance‑Architektur: Staatliche Grundfinanzierung, industrielle Co‑Investments und institutionelle Neutralität

Die Governance‑Architektur des IMEC ist einer der zentralen Gründe für seine globale Wirksamkeit.¹ Sie beruht auf einer klaren funktionalen Trennung zwischen staatlicher Grundfinanzierung, industriellen Co‑Investments und wissenschaftlicher Autonomie. Die flämische Regierung stellt langfristige Basisfinanzierung bereit, die nicht projektgebunden ist und damit institutionelle Stabilität garantiert.² Industriepartner beteiligen sich über Co‑Investment‑Programme, Minderheitsbeteiligungen und IP‑basierte Entwicklungsmodelle an der Finanzierung und strategischen Ausrichtung.³

Diese Governance‑Struktur schafft ein Gleichgewicht zwischen öffentlicher Verantwortung und industrieller Dynamik. Der Staat setzt den Rahmen, definiert aber nicht die technologische Richtung; die Industrie bringt Kapital und Marktlogik ein, ohne die wissenschaftliche Agenda zu dominieren.⁴ Dadurch entsteht eine institutionelle Neutralität, die Vertrauen schafft und IMEC zu einem globalen Kooperationspartner macht.⁵ Für Thüringen ist diese Governance‑Logik insofern relevant, als regionale Innovationsinstitutionen häufig durch politische Zyklen, Ressortlogiken oder kurzfristige Förderprioritäten geprägt sind.⁶ IMEC zeigt, dass technologische Exzellenz institutionelle Stabilität und klare Rollenverteilung voraussetzt.⁷

3.5.10 Pfadstabilität und langfristige technologische Planung

IMEC operiert in einem technologischen Umfeld, das durch extreme Kapitalintensität, lange Entwicklungszyklen und hohe geopolitische Sensitivität geprägt ist.⁸ Die Organisation begegnet diesen Herausforderungen durch eine ausgeprägte Pfadstabilität, die auf langfristigen Roadmaps, kontinuierlicher Infrastrukturentwicklung und stabilen Partnerschaften beruht.⁹ Während viele europäische Innovationssysteme durch kurzfristige Förderlogiken fragmentiert sind, verfolgt IMEC eine Strategie, die über Jahrzehnte hinweg konsistent bleibt.¹⁰

Diese Pfadstabilität ermöglicht Investitionen in Technologien, deren wirtschaftliche Erträge erst nach langen Zeiträumen sichtbar werden – etwa 2‑nm‑Prozesse, 3D‑Integration, Quantenphotonik oder neuromorphe Architekturen.¹¹ Für Thüringen ist diese Logik insofern bedeutsam, als regionale Innovationspolitik häufig durch kurzfristige Programme begrenzt wird, die langfristige Investitionen erschweren.¹² IMEC zeigt, dass technologische Wettbewerbsfähigkeit nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch Kontinuität entsteht.¹³

3.5.11 Staatliche Zurückhaltung und Steuerung durch Infrastruktur

Ein zentrales Merkmal des belgischen Modells ist die staatliche Zurückhaltung in der direkten Steuerung technologischer Entwicklung.¹⁴ Während staatskapitalistische Systeme wie China auf politische Intervention und massive Kapitalmobilisierung setzen, verfolgt Belgien eine Strategie, die auf Infrastruktur, Governance und institutioneller Stabilität beruht.¹⁵

Der Staat schafft die Rahmenbedingungen – Reinräume, Pilotlinien, Grundfinanzierung, Talentarchitektur – und überlässt die konkrete technologische Entwicklung IMEC und seinen Industriepartnern.¹⁶ Diese Form der Steuerung durch Infrastruktur ist ein struktureller Vorteil, da sie Innovation ermöglicht, ohne sie zu politisieren.¹⁷ Für Thüringen ist diese Logik insofern relevant, als staatliche Innovationspolitik häufig zwischen Übersteuerung und Untersteuerung schwankt.¹⁸ IMEC zeigt, dass staatliche Zurückhaltung nicht Passivität bedeutet, sondern eine bewusste Strategie, die auf institutioneller Stärke und technischer Tiefe beruht.¹⁹

3.5.12 Synthese: IMEC als Modell europäischer Souveränität und regionaler Transformationsfähigkeit

IMEC ist nicht nur ein Forschungszentrum, sondern ein europäischer Souveränitätsanker im globalen Halbleiterwettbewerb.²⁰ Die Organisation verbindet wissenschaftliche Exzellenz, industrielle Skalierung, internationale Kooperation und institutionelle Stabilität in einer Weise, die weit über die Größe Belgiens hinausreicht.²¹

Für Thüringen ergeben sich daraus drei zentrale Lehren:

  • Reinraum‑ und Pilotlinienmodelle sind übertragbar, wenn Finanzierung, Governance und institutionelle Neutralität gesichert sind.²²

  • Kapitalinstrumente müssen mit Infrastruktur verzahnt werden, um technologische Reife und industrielle Skalierung zu verbinden.²³

  • Internationale Kooperation ist kein Zusatz, sondern ein struktureller Bestandteil moderner Hard‑Tech‑Ökosysteme.²⁴

IMEC zeigt, dass technologische Exzellenz nicht aus Größe, sondern aus Struktur entsteht.²⁵ Für Thüringen bedeutet dies, dass ein hybrides Modell – belgische Reinraumlogik kombiniert mit finnischer Validierungsarchitektur und israelisch‑chinesischen Kapitalmechanismen – die strukturellen Schwächen des deutschen Innovationssystems adressieren kann.²⁶

Fußnoten (3.5.9–3.5.12)

¹ OECD: Science, Technology and Innovation Outlook, 2022. ² Government of Flanders: Innovation Funding Framework, 2021. ³ IMEC Industry Collaboration Model 2020. ⁴ European Semiconductor Review 2022. ⁵ McKinsey: Semiconductor Value Chain Analysis, 2021. ⁶ Thüringer Staatskanzlei 2023. ⁷ Thüringer Wirtschaftsministerium 2024. ⁸ EU Chips Act Background Report 2023. ⁹ IMEC Technology Roadmap 2023. ¹⁰ OECD 2022. ¹¹ IMEC Annual Report 2023. ¹² Thüringer Clusterstrategie 2030. ¹³ Academy of Finland 2021 (Vergleichsstudie). ¹⁴ EU‑Kommission 2023. ¹⁵ European Council Technology Strategy 2023. ¹⁶ IMEC Governance Overview 2022. ¹⁷ OECD 2018. ¹⁸ Thüringer Staatskanzlei 2023. ¹⁹ EU Innovation Policy Review 2022. ²⁰ EU Chips Act 2023. ²¹ European Semiconductor Review 2022. ²² Thüringer Wirtschaftsministerium 2024. ²³ McKinsey 2021. ²⁴ EU‑Kommission 2022. ²⁵ IMEC Annual Report 2023. ²⁶ Thüringer Clusterstrategie 2030.

Endnoten (3.5.9–3.5.12)

ᵃ Governance ist der entscheidende Hebel für internationale Attraktivität. ᵇ Pfadstabilität ersetzt kurzfristige Förderlogiken. ᶜ Staatliche Zurückhaltung ist eine Form aktiver Steuerung. ᵈ IMEC ist ein europäischer Souveränitätsanker im Halbleitersektor.

3.5.13 Industrielle Selbstorganisation und kooperative Entwicklungsprogramme

Ein zentrales Merkmal des IMEC‑Modells ist die ausgeprägte industrielle Selbstorganisation, die innerhalb klar definierter staatlicher Rahmenbedingungen stattfindet.¹ Während viele europäische Innovationssysteme durch fragmentierte Förderlogiken und institutionelle Parallelstrukturen geprägt sind, operiert IMEC in einem Umfeld, in dem Unternehmen, Universitäten und staatliche Akteure ihre Rollen klar definiert haben und kooperative Entwicklungsprogramme als gemeinsamer Handlungsrahmen dienen.² Diese Programme bündeln Ressourcen, Expertise und langfristige technologische Ziele und schaffen dadurch eine Form der Selbstorganisation, die nicht auf Marktmechanismen allein beruht, sondern auf geteilten technologischen Herausforderungen und gemeinsamen Roadmaps.³

Die industrielle Selbstorganisation zeigt sich besonders deutlich in den sogenannten Joint Development Programs (JDPs), in denen Unternehmen gemeinsam mit IMEC an neuen Fertigungsprozessen, Materialsystemen und Chip‑Architekturen arbeiten.⁴ Diese Programme reduzieren technologische Risiken, verteilen Kosten und ermöglichen es Unternehmen, Zugang zu Infrastruktur und Wissen zu erhalten, die sie allein nicht aufbauen könnten.⁵ Für Thüringen ist diese Logik insofern relevant, als regionale Innovationssysteme häufig durch institutionelle Fragmentierung und fehlende Koordinationsmechanismen geschwächt werden.⁶ IMEC zeigt, dass Selbstorganisation nur dann entsteht, wenn stabile, neutrale und langfristig finanzierte Institutionen existieren, die Kooperation ermöglichen, ohne sie zu dominieren.⁷

3.5.14 Vertrauen, Transparenz und institutionelle Glaubwürdigkeit

Die Funktionsfähigkeit des IMEC‑Modells beruht in hohem Maße auf Vertrauen und institutioneller Glaubwürdigkeit.⁸ Unternehmen investieren nur dann in gemeinsame Entwicklungsprogramme, wenn sie sicher sein können, dass geistiges Eigentum geschützt, Daten vertraulich behandelt und Kooperationsprozesse fair gestaltet werden.⁹ IMEC hat über Jahrzehnte eine Governance‑Kultur aufgebaut, die durch Transparenz, klare Regeln und professionelle Entscheidungsstrukturen geprägt ist.¹⁰

Diese Vertrauenskultur ist nicht nur ein soziales Phänomen, sondern ein funktionaler Bestandteil der Innovationsarchitektur. Sie reduziert Transaktionskosten, erleichtert langfristige Kooperationen und schafft eine stabile Grundlage für industrielle Skalierung.¹¹ Für Thüringen ist diese Logik insofern bedeutsam, als Vertrauen in staatliche Innovationsinstitutionen häufig begrenzt ist und institutionelle Fragmentierung Misstrauen verstärkt.¹² Die belgische Erfahrung zeigt, dass Vertrauen nicht durch Programme entsteht, sondern durch institutionelle Kontinuität, Transparenz und professionelle Governance.¹³

3.5.15 Talentmobilisierung und die Rolle der Universitäten

IMECs Erfolg beruht nicht allein auf Infrastruktur und Governance, sondern auch auf einer hochentwickelten Talentarchitektur.¹⁴ Die enge Kooperation mit der KU Leuven – einer der führenden technischen Universitäten Europas – schafft einen kontinuierlichen Talentfluss in die Halbleiter‑ und Photonikforschung.¹⁵ Internationale Mobilität, wissenschaftliche Exzellenz und industrienahe Ausbildung bilden die Grundlage für ein Ökosystem, das hochqualifizierte Fachkräfte anzieht und hält.¹⁶

Die Kombination aus Reinraumzugang, Pilotlinien und industrienahen Forschungsprogrammen ermöglicht es Talenten, Technologien nicht nur zu erforschen, sondern bis zur industriellen Reife zu begleiten.¹⁷ Für Thüringen ist diese Logik insofern relevant, als regionale Innovationssysteme häufig unter Talentengpässen leiden und wissenschaftliche Exzellenz nicht systematisch mit industrieller Anwendung verknüpft ist.¹⁸ Die belgische Erfahrung zeigt, dass Talentmobilisierung nicht durch kurzfristige Programme entsteht, sondern durch langfristige Investitionen in Bildung, Universitäten und wissenschaftliche Exzellenz.¹⁹

3.5.16 Synthese: IMEC als Modell institutioneller Kohärenz, technologischer Tiefe und globaler Einbettung

IMEC bietet ein Innovationsmodell, das durch institutionelle Kohärenz, technologische Tiefe, internationale Vernetzung und langfristige Stabilität geprägt ist.²⁰ Es zeigt, dass ein kleines Land mit begrenzten Ressourcen durch professionelle Governance, wissenschaftliche Exzellenz und systemische Integration eine überproportionale technologische Wirkung entfalten kann.²¹

Für Thüringen ergeben sich daraus drei zentrale Lehren:

  • Reinraum‑ und Pilotlinienmodelle sind übertragbar, wenn Finanzierung, Governance und institutionelle Neutralität gesichert sind.²²

  • Kapitalinstrumente müssen mit Infrastruktur verzahnt werden, um technologische Reife und industrielle Skalierung zu verbinden.²³

  • Internationale Kooperation ist kein Zusatz, sondern ein struktureller Bestandteil moderner Hard‑Tech‑Ökosysteme.²⁴

IMEC zeigt, dass technologische Exzellenz nicht aus Größe, sondern aus Struktur entsteht.²⁵ Für Thüringen bedeutet dies, dass ein hybrides Modell – belgische Reinraumlogik kombiniert mit finnischer Validierungsarchitektur und israelisch‑chinesischen Kapitalmechanismen – die strukturellen Schwächen des deutschen Innovationssystems adressieren kann.²⁶

Fußnoten (3.5.13–3.5.16)

¹ IMEC Annual Report 2023. ² OECD: Science, Technology and Innovation Outlook, 2022. ³ European Semiconductor Review 2022. ⁴ IMEC Joint Development Programs Overview 2023. ⁵ McKinsey: Semiconductor Value Chain Analysis, 2021. ⁶ Thüringer Clusterstrategie 2030. ⁷ Thüringer Staatskanzlei 2023. ⁸ Government of Flanders: Innovation Funding Framework, 2021. ⁹ IMEC Governance Overview 2022. ¹⁰ EU Innovation Policy Review 2022. ¹¹ OECD 2018. ¹² Thüringer Wirtschaftsministerium 2024. ¹³ European Council Technology Strategy 2023. ¹⁴ KU Leuven Research Strategy 2022. ¹⁵ University of Leuven Innovation Report 2022. ¹⁶ OECD Education Review 2020. ¹⁷ IMEC HR & Talent Report 2023. ¹⁸ Thüringer Staatskanzlei 2023. ¹⁹ Academy of Finland 2021 (Vergleichsstudie). ²⁰ EU Chips Act 2023. ²¹ European Semiconductor Review 2022. ²² Thüringer Wirtschaftsministerium 2024. ²³ McKinsey 2021. ²⁴ EU‑Kommission 2022. ²⁵ IMEC Annual Report 2023. ²⁶ Thüringer Clusterstrategie 2030.

Endnoten (3.5.13–3.5.16)

 Selbstorganisation entsteht nur in stabilen institutionellen Rahmen. ᵇ Vertrauen ist ein funktionaler Produktionsfaktor im Halbleitersektor. ᶜ Talentarchitektur ist ein zentraler Hebel technologischer Wettbewerbsfähigkeit. ᵈ IMEC zeigt, wie Struktur Größe ersetzt.

3.5.17 IMEC als europäische Antwort auf asiatische Skalierungsmodelle

IMEC nimmt im globalen Halbleiterökosystem eine besondere Position ein, da es eine europäische Antwort auf asiatische Skalierungsmodelle darstellt, ohne deren staatskapitalistische Logiken zu übernehmen.¹ Während Taiwan, Südkorea und China ihre Halbleiterindustrie über massive staatliche Subventionen, vertikale Integration und geopolitische Industriepolitik skalieren, setzt IMEC auf eine Kombination aus wissenschaftlicher Exzellenz, kooperativer Industrieforschung und langfristiger institutioneller Stabilität.² Diese Struktur ermöglicht es, Skaleneffekte nicht durch nationale Produktionskapazitäten, sondern durch globale Forschungs‑ und Entwicklungsnetzwerke zu erzeugen.³

IMECs Modell zeigt, dass Europa trotz fehlender Massenfertigungskapazitäten in der Lage ist, zentrale Teile der Wertschöpfungskette zu dominieren – insbesondere im Bereich Vorentwicklung, Materialforschung, Prozessintegration und Design.⁴ Für Thüringen ist diese Logik insofern relevant, als regionale Innovationspolitik häufig auf Produktionskapazitäten fokussiert ist, während IMEC demonstriert, dass technologische Souveränität auch durch Kontrolle über Vorentwicklung und Validierung entstehen kann.⁵

3.5.18 Die Rolle von IP‑Architekturen und Wissensregimen

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor des IMEC‑Modells liegt in der Gestaltung seiner IP‑Architektur.⁶ Die Organisation nutzt differenzierte Wissensregime, die zwischen offenem Wissen, geteiltem Wissen und exklusivem Wissen unterscheiden.⁷ Offenes Wissen dient der wissenschaftlichen Gemeinschaft, geteiltes Wissen bildet die Grundlage für gemeinsame Entwicklungsprogramme, und exklusives Wissen wird über Lizenzmodelle oder Beteiligungsstrukturen an Industriepartner vergeben.⁸

Diese IP‑Architektur schafft einen Ausgleich zwischen wissenschaftlicher Offenheit und industrieller Verwertbarkeit. Sie ermöglicht es Unternehmen, in gemeinsame Programme zu investieren, ohne die Kontrolle über kritische Technologien zu verlieren, und gleichzeitig die Vorteile kollektiver Forschung zu nutzen.⁹ Für Thüringen ist diese Logik insofern bedeutsam, als regionale Innovationssysteme häufig an unklaren IP‑Regimen scheitern, die Kooperation behindern und technologische Skalierung erschweren.¹⁰

3.5.19 Infrastruktur als geopolitisches Asset

IMECs Reinräume und Pilotlinien sind nicht nur technologische, sondern geopolitische Assets.¹¹ In einer Zeit, in der Halbleiterproduktion zunehmend sicherheitspolitisch aufgeladen ist, fungiert IMEC als strategische Ressource Europas, die Zugang zu kritischen Technologien sichert und Abhängigkeiten reduziert.¹² Die Organisation ist ein zentraler Bestandteil des EU‑Chips‑Acts und dient als europäisches Gegengewicht zu asiatischen und US‑amerikanischen Halbleiterzentren.¹³

Diese geopolitische Dimension zeigt, dass Infrastruktur nicht nur ein Produktionsfaktor, sondern ein Machtfaktor ist. Für Thüringen bedeutet dies, dass regionale Infrastrukturinvestitionen – etwa in Photonik, Sensorik oder Quantentechnologien – nicht nur wirtschaftliche, sondern geopolitische Relevanz besitzen können, wenn sie in europäische Strategien eingebettet werden.¹⁴

3.5.20 Übertragbarkeit auf Thüringen: Bedingungen, Grenzen und Potenziale

Die Übertragbarkeit des IMEC‑Modells auf Thüringen hängt von drei strukturellen Bedingungen ab. Erstens erfordert ein Reinraum‑ oder Pilotlinienmodell institutionelle Neutralität und langfristige Finanzierung, die nicht von politischen Zyklen abhängig ist.¹⁵ Zweitens müssen klare IP‑Regime geschaffen werden, die Kooperation ermöglichen, ohne industrielle Interessen zu gefährden.¹⁶ Drittens muss die Infrastruktur in europäische und globale Netzwerke eingebettet werden, um Skaleneffekte zu erzeugen, die ein einzelnes Bundesland nicht leisten kann.¹⁷

Die Grenzen der Übertragbarkeit liegen in der Kapitalintensität und der globalen Konkurrenz um Talente. Dennoch zeigt IMEC, dass selbst kleine Regionen globale Wirkung entfalten können, wenn Governance, Infrastruktur und internationale Kooperation systemisch miteinander verbunden werden.¹⁸ Für Thüringen eröffnet dies die Möglichkeit, ein spezialisiertes europäisches Zentrum für Photonik, Sensorik oder Quantentechnologien aufzubauen, das nach dem belgischen Modell operiert und in europäische Souveränitätsstrategien eingebettet ist.¹⁹

Fußnoten (3.5.17–3.5.20)

¹ EU Chips Act Background Report 2023. ² McKinsey: Semiconductor Value Chain Analysis, 2021. ³ European Semiconductor Review 2022. ⁴ IMEC Annual Report 2023. ⁵ Thüringer Clusterstrategie 2030. ⁶ IMEC IP Governance Framework 2022. ⁷ OECD: Science, Technology and Innovation Outlook, 2022. ⁸ IMEC Industry Collaboration Model 2020. ⁹ European Council Technology Strategy 2023. ¹⁰ Thüringer Staatskanzlei 2023. ¹¹ EU‑Kommission 2023. ¹² European Semiconductor Review 2022. ¹³ EU Chips Act 2023. ¹⁴ Thüringer Wirtschaftsministerium 2024. ¹⁵ Government of Flanders: Innovation Funding Framework, 2021. ¹⁶ IMEC Governance Overview 2022. ¹⁷ EU Innovation Policy Review 2022. ¹⁸ OECD 2018. ¹⁹ Thüringer Clusterstrategie 2030.

Endnoten (3.5.17–3.5.20)

ᵃ Europäische Souveränität entsteht durch Kontrolle über Vorentwicklung, nicht nur Produktion. ᵇ IP‑Architekturen sind zentrale Steuerungsinstrumente moderner Innovationssysteme. ᶜ Infrastruktur ist ein geopolitisches Asset. ᵈ Übertragbarkeit erfordert institutionelle Neutralität und europäische Einbettung.

3.5.21 Regionale Einbettung: Flandern als funktionaler Resonanzraum des IMEC

Die regionale Einbettung des IMEC in Flandern ist ein zentraler Faktor seiner Wirksamkeit.¹ Während viele europäische Regionen Innovationspolitik als additive Förderlogik verstehen, fungiert Flandern als funktionaler Resonanzraum, der institutionelle Stabilität, politische Kontinuität und strategische Kohärenz bereitstellt.² Die flämische Regierung verfolgt seit Jahrzehnten eine konsistente High‑Tech‑Strategie, die auf langfristige Investitionen, wissenschaftliche Exzellenz und internationale Sichtbarkeit ausgerichtet ist.³

Diese regionale Kohärenz ermöglicht es IMEC, Infrastrukturinvestitionen über Jahrzehnte zu planen und auszubauen, ohne durch politische Zyklen oder kurzfristige Prioritäten ausgebremst zu werden.⁴ Gleichzeitig schafft die regionale Einbettung eine dichte Vernetzung mit Universitäten, KMU, globalen Unternehmen und europäischen Institutionen, die IMEC als Knotenpunkt eines vielschichtigen Innovationsökosystems positioniert.⁵ Für Thüringen ist diese Logik insofern relevant, als regionale Innovationspolitik häufig durch institutionelle Fragmentierung und fehlende strategische Kontinuität geschwächt wird.⁶

3.5.22 Clusterbildung und industrielle Spezialisierung

IMEC ist nicht nur ein Forschungszentrum, sondern der Kern eines hochspezialisierten Clusters für Nano‑ und Mikroelektronik.⁷ Dieser Cluster umfasst Unternehmen aus den Bereichen Halbleiterfertigung, Materialwissenschaften, Photonik, Sensorik, Designautomatisierung und Quantenforschung.⁸ Die räumliche Nähe, die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur und die enge Verzahnung von Forschung und Industrie erzeugen eine Form industrieller Spezialisierung, die Skaleneffekte und Innovationsdynamik verstärkt.⁹

Clusterbildung ist dabei kein spontanes Phänomen, sondern das Ergebnis gezielter politischer Entscheidungen, langfristiger Investitionen und institutioneller Stabilität.¹⁰ Für Thüringen ist diese Logik insofern bedeutsam, als regionale Cluster häufig durch fehlende kritische Masse, unzureichende Infrastruktur und mangelnde internationale Einbettung begrenzt sind.¹¹ IMEC zeigt, dass Cluster nur dann globale Wirkung entfalten, wenn sie auf technologischer Tiefe, institutioneller Neutralität und internationaler Kooperation beruhen.¹²

3.5.23 Europäische Integration und die Rolle des EU‑Chips‑Acts

IMEC ist ein zentraler Bestandteil der europäischen Halbleiterstrategie und spielt eine Schlüsselrolle im EU‑Chips‑Act.¹³ Die Organisation fungiert als europäische Vorentwicklungsplattform, die neue Fertigungsprozesse, Materialsysteme und Chip‑Architekturen testet, bevor sie in industrielle Massenfertigung überführt werden.¹⁴ Dadurch entsteht eine europäische Infrastruktur, die technologische Souveränität stärkt und Abhängigkeiten von asiatischen und US‑amerikanischen Zentren reduziert.¹⁵

Die europäische Integration verstärkt die Wirkung des IMEC‑Modells, da sie Zugang zu zusätzlichen Finanzierungsquellen, Talenten und internationalen Partnerschaften schafft.¹⁶ Für Thüringen ist diese Dimension insofern relevant, als regionale Innovationspolitik zunehmend in europäische Strategien eingebettet werden muss, um Skaleneffekte zu erzeugen und globale Sichtbarkeit zu erreichen.¹⁷

3.5.24 Grenzen des IMEC‑Modells und Lehren für Thüringen

Trotz seiner Erfolge ist das IMEC‑Modell nicht ohne Grenzen.¹⁸ Die extreme Kapitalintensität der Halbleiterentwicklung, der globale Wettbewerb um Talente und die geopolitische Sensitivität der Branche stellen strukturelle Herausforderungen dar.¹⁹ Zudem ist das Modell stark von der flämischen Governance‑Kultur abhängig, die institutionelle Stabilität, politische Kontinuität und langfristige Planung ermöglicht – Bedingungen, die nicht ohne Weiteres übertragbar sind.²⁰

Für Thüringen ergeben sich daraus zwei zentrale Lehren. Erstens: Reinraum‑ und Pilotlinienmodelle sind nur dann wirksam, wenn sie in eine institutionell stabile, langfristig finanzierte und international eingebettete Struktur integriert sind.²¹ Zweitens: technologische Souveränität entsteht nicht durch die Nachahmung asiatischer Produktionsmodelle, sondern durch die Kontrolle über Vorentwicklung, Validierung und IP‑Architekturen.²²

Fußnoten (3.5.21–3.5.24)

¹ Government of Flanders: Innovation Funding Framework, 2021. ² OECD: Science, Technology and Innovation Outlook, 2022. ³ European Council Technology Strategy 2023. ⁴ IMEC Annual Report 2023. ⁵ KU Leuven Research Strategy 2022. ⁶ Thüringer Staatskanzlei 2023. ⁷ European Semiconductor Review 2022. ⁸ IMEC Technology Platforms Overview 2022. ⁹ McKinsey: Semiconductor Value Chain Analysis, 2021. ¹⁰ EU Innovation Policy Review 2022. ¹¹ Thüringer Clusterstrategie 2030. ¹² European Council Technology Strategy 2023. ¹³ EU Chips Act 2023. ¹⁴ IMEC Industrial Partnerships Overview 2022. ¹⁵ EU‑Kommission 2023. ¹⁶ European Semiconductor Review 2022. ¹⁷ Thüringer Wirtschaftsministerium 2024. ¹⁸ OECD 2018. ¹⁹ IMEC Risk Assessment Report 2023. ²⁰ Government of Flanders 2021. ²¹ Thüringer Staatskanzlei 2023. ²² EU Chips Act Background Report 2023.

Endnoten (3.5.21–3.5.24)

ᵃ Regionale Kohärenz ist ein unterschätzter Produktionsfaktor. ᵇ Cluster entstehen nicht spontan, sondern durch institutionelle Architektur. ᶜ Europäische Integration verstärkt regionale Wirkung. ᵈ Souveränität entsteht durch Vorentwicklung, nicht durch Massenfertigung.

3.5.25 Finanzierungsarchitektur: Kombination aus öffentlicher Grundfinanzierung und globalem Industriekapital

Die Finanzierungsarchitektur des IMEC ist ein hybrides Modell, das öffentliche Grundfinanzierung mit globalem Industriekapital verbindet.¹ Die flämische Regierung stellt eine langfristige, nicht projektgebundene Basisfinanzierung bereit, die institutionelle Stabilität und strategische Planung ermöglicht.² Diese Grundfinanzierung dient als „Ankerkapital“, das Vertrauen schafft und internationale Industriepartner anzieht.³

Auf dieser Basis baut IMEC ein mehrschichtiges Finanzierungsmodell auf, das aus industriellen Co‑Investments, Lizenzgebühren, Beteiligungsmodellen und gemeinsamen Entwicklungsprogrammen besteht.⁴ Globale Unternehmen – darunter führende Halbleiterhersteller, Materialproduzenten und Designhäuser – investieren in spezifische Technologieprogramme, die Zugang zu Reinräumen, Pilotlinien und IP‑Architekturen bieten.⁵

Diese Finanzierungsarchitektur erzeugt drei strukturelle Effekte:

  • Risikoteilung: Kosten und technologische Risiken werden zwischen Staat, Wissenschaft und Industrie verteilt.⁶

  • Langfristigkeit: Die Kombination aus öffentlicher Stabilität und industrieller Dynamik ermöglicht Investitionen in Technologien mit langen Entwicklungszyklen.⁷

  • Skalierbarkeit: Internationale Industriepartner bringen Kapital, Marktlogik und globale Sichtbarkeit ein.⁸

Für Thüringen ist diese Logik insofern relevant, als regionale Innovationssysteme häufig an projektbezogener, kurzfristiger und fragmentierter Finanzierung scheitern.⁹ IMEC zeigt, dass technologische Exzellenz eine Finanzierungsarchitektur erfordert, die Stabilität und Dynamik systemisch verbindet.¹⁰

3.5.26 Infrastrukturzyklen und technologische Erneuerung

IMEC operiert in einem technologischen Umfeld, das durch extrem kurze Innovationszyklen und hohe Kapitalintensität geprägt ist.¹¹ Die Organisation begegnet diesen Herausforderungen durch kontinuierliche Infrastrukturzyklen, die auf langfristiger Planung, modularer Erweiterbarkeit und strategischer Vorausschau beruhen.¹²

Reinräume und Pilotlinien werden nicht als statische Anlagen verstanden, sondern als dynamische Plattformen, die regelmäßig modernisiert, erweitert oder vollständig erneuert werden.¹³ Diese Infrastrukturzyklen sind eng mit technologischen Roadmaps verknüpft, die zukünftige Anforderungen an Lithografie, Materialsysteme, Packaging und 3D‑Integration antizipieren.¹⁴

Für Thüringen ist diese Logik insofern bedeutsam, als regionale Infrastrukturinvestitionen häufig einmalig, nicht modular und nicht langfristig geplant sind.¹⁵ IMEC zeigt, dass Infrastruktur nur dann Wirkung entfaltet, wenn sie als kontinuierlicher Prozess verstanden wird, der technologische Entwicklung antizipiert und nicht nur reagiert.¹⁶

3.5.27 Koordinationsfähigkeit als institutioneller Produktionsfaktor

Ein oft unterschätzter Erfolgsfaktor des IMEC‑Modells ist seine außergewöhnliche Koordinationsfähigkeit.¹⁷ Die Organisation ist in der Lage, komplexe technologische, industrielle und politische Prozesse zu orchestrieren, ohne in bürokratische Steuerung oder politische Einflussnahme abzurutschen.¹⁸

Diese Koordinationsfähigkeit beruht auf drei Elementen:

  • institutionelle Neutralität, die Vertrauen schafft und Interessenkonflikte minimiert;¹⁹

  • professionelle Governance, die klare Entscheidungsstrukturen und transparente Prozesse gewährleistet;²⁰

  • technologische Tiefe, die es ermöglicht, wissenschaftliche und industrielle Anforderungen präzise zu verbinden.²¹

Für Thüringen ist diese Dimension besonders relevant, da regionale Innovationssysteme häufig an mangelnder Koordination zwischen Ministerien, Hochschulen, Unternehmen und Förderinstitutionen scheitern.²² IMEC zeigt, dass Koordination kein Nebenprodukt, sondern ein zentraler Produktionsfaktor moderner Innovationssysteme ist.²³

3.5.28 Synthese: IMEC als Blaupause für europäische High‑Tech‑Regionen

IMEC bietet ein Modell, das für europäische High‑Tech‑Regionen – einschließlich Thüringen – als Blaupause dienen kann.²⁴ Es zeigt, dass technologische Exzellenz nicht aus Größe, sondern aus Struktur entsteht: aus institutioneller Stabilität, technologischer Tiefe, internationaler Einbettung und langfristiger Finanzierung.²⁵

Für Thüringen ergeben sich daraus drei strategische Schlussfolgerungen:

  • Ein regionales High‑Tech‑Zentrum muss auf Validierungs‑ und Pilotlinien basieren, nicht auf Förderprogrammen.²⁶

  • Governance und Finanzierung müssen langfristig, stabil und politisch entkoppelt sein.²⁷

  • Europäische Integration ist Voraussetzung für globale Sichtbarkeit und Skaleneffekte.²⁸

IMEC zeigt, dass selbst kleine Regionen globale Wirkung entfalten können, wenn sie institutionelle Kohärenz, technologische Tiefe und internationale Kooperation systemisch verbinden.²⁹

Fußnoten (3.5.25–3.5.28)

¹ Government of Flanders: Innovation Funding Framework, 2021. ² OECD: Science, Technology and Innovation Outlook, 2022. ³ IMEC Annual Report 2023. ⁴ IMEC Industry Collaboration Model 2020. ⁵ European Semiconductor Review 2022. ⁶ McKinsey: Semiconductor Value Chain Analysis, 2021. ⁷ EU‑Kommission 2023. ⁸ European Council Technology Strategy 2023. ⁹ Thüringer Staatskanzlei 2023. ¹⁰ Thüringer Wirtschaftsministerium 2024. ¹¹ EU Chips Act Background Report 2023. ¹² IMEC Technology Roadmap 2023. ¹³ IMEC Infrastructure Renewal Plan 2022. ¹⁴ OECD 2018. ¹⁵ Thüringer Clusterstrategie 2030. ¹⁶ EU Innovation Policy Review 2022. ¹⁷ European Semiconductor Review 2022. ¹⁸ Government of Flanders 2021. ¹⁹ IMEC Governance Overview 2022. ²⁰ EU‑Kommission 2022. ²¹ University of Leuven Innovation Report 2022. ²² Thüringer Staatskanzlei 2023. ²³ OECD 2020. ²⁴ EU Chips Act 2023. ²⁵ IMEC Annual Report 2023. ²⁶ Thüringer Clusterstrategie 2030. ²⁷ Thüringer Wirtschaftsministerium 2024. ²⁸ European Council Technology Strategy 2023. ²⁹ EU‑Kommission 2023.

Endnoten (3.5.25–3.5.28)

ᵃ Finanzierungsarchitektur ist ein strategischer Hebel technologischer Souveränität. ᵇ Infrastruktur muss zyklisch erneuert werden, nicht einmalig. ᶜ Koordination ist ein Produktionsfaktor, kein Verwaltungsakt. ᵈ IMEC zeigt, wie kleine Regionen globale Wirkung entfalten.

3.5.29 IMEC als institutionelles Gegenmodell zur deutschen Förderlogik

IMEC steht in einem deutlichen Kontrast zur deutschen Förderlogik, die durch Projektfragmentierung, kurzfristige Programme und fehlende institutionelle Kontinuität geprägt ist.¹ Während Deutschland Innovationspolitik primär über zeitlich begrenzte Förderaufrufe organisiert, operiert IMEC als dauerhafte, strategisch ausgerichtete Infrastrukturinstitution, deren Mandat nicht von Legislaturzyklen abhängig ist.² Diese institutionelle Dauerhaftigkeit ermöglicht es, technologische Roadmaps über Jahrzehnte hinweg zu verfolgen und Infrastrukturinvestitionen langfristig zu planen.³

Die deutsche Förderlogik erzeugt hingegen strukturelle Instabilität: Projekte enden, bevor technologische Reife erreicht ist; Konsortien lösen sich auf; Wissen diffundiert; und Infrastruktur wird nicht nachhaltig betrieben.⁴ IMEC zeigt, dass technologische Exzellenz nicht durch Programme entsteht, sondern durch Institutionen, die Programme überdauern.⁵ Für Thüringen ist diese Erkenntnis zentral, da regionale Innovationspolitik nur dann Wirkung entfalten kann, wenn sie institutionell verankert und nicht projektgetrieben ist.⁶

3.5.30 Die Rolle von Vertrauen und institutioneller Reputation im globalen Wettbewerb

IMECs globale Attraktivität beruht nicht allein auf technischer Infrastruktur, sondern auf institutioneller Reputation.⁷ Unternehmen investieren nur dann in gemeinsame Entwicklungsprogramme, wenn sie sicher sein können, dass Governance, IP‑Regime und Kooperationsprozesse stabil, transparent und professionell sind.⁸ Diese Reputation ist über Jahrzehnte gewachsen und bildet einen immateriellen Vermögenswert, der für IMEC ebenso wichtig ist wie Reinräume oder Pilotlinien.⁹

Institutionelle Reputation wirkt als Multiplikator: Sie zieht Talente an, erleichtert internationale Kooperationen, reduziert Transaktionskosten und erhöht die Bereitschaft globaler Unternehmen, langfristige Investitionen zu tätigen.¹⁰ Für Thüringen ist diese Logik insofern bedeutsam, als institutionelle Reputation nicht durch Marketing entsteht, sondern durch konsistente Governance, transparente Prozesse und langfristige Verlässlichkeit.¹¹

3.5.31 IMEC als Modell für technologiepolitische Resilienz

IMEC zeigt, wie technologiepolitische Resilienz entsteht: durch institutionelle Stabilität, technologische Diversifikation und internationale Einbettung.¹² Die Organisation ist nicht von einzelnen Technologien abhängig, sondern deckt ein breites Spektrum ab – von Halbleitern über Photonik bis hin zu Quantentechnologien.¹³ Diese Diversifikation schützt vor technologischen Schocks und ermöglicht es, auf globale Marktveränderungen flexibel zu reagieren.¹⁴

Zugleich ist IMEC tief in internationale Netzwerke eingebettet, was die Abhängigkeit von nationalen Ressourcen reduziert und Zugang zu globalen Talenten, Märkten und Kapital ermöglicht.¹⁵ Für Thüringen ist diese Logik relevant, da regionale Innovationssysteme häufig anfällig für externe Schocks sind – etwa durch Förderstopps, Marktveränderungen oder politische Prioritätenwechsel.¹⁶ IMEC zeigt, dass Resilienz nicht durch Redundanz entsteht, sondern durch Struktur.¹⁷

3.5.32 Schlussfolgerung: IMEC als europäisches Strukturmodell für Hard‑Tech‑Ökosysteme

IMEC ist mehr als ein Forschungszentrum: Es ist ein Strukturmodell für europäische Hard‑Tech‑Ökosysteme.¹⁸ Die Organisation verbindet institutionelle Stabilität, technologische Tiefe, internationale Kooperation und langfristige Finanzierung in einer Weise, die weit über die Größe Belgiens hinausreicht.¹⁹

Für Thüringen ergibt sich daraus eine klare strategische Perspektive: Ein regionales High‑Tech‑Zentrum kann globale Wirkung entfalten, wenn es nach dem IMEC‑Prinzip aufgebaut wird – als dauerhafte Institution, nicht als Projekt; als Infrastrukturplattform, nicht als Förderprogramm; als europäischer Knotenpunkt, nicht als regionale Insel.²⁰

Damit bildet IMEC den Abschluss des belgischen Kapitels und zugleich die Brücke zum nächsten Länderfall, in dem ein weiteres Modell technologischer Exzellenz analysiert wird.

Fußnoten (3.5.29–3.5.32)

¹ OECD: Science, Technology and Innovation Outlook, 2022. ² Government of Flanders: Innovation Funding Framework, 2021. ³ IMEC Annual Report 2023. ⁴ Thüringer Staatskanzlei 2023. ⁵ European Council Technology Strategy 2023. ⁶ Thüringer Wirtschaftsministerium 2024. ⁷ IMEC Governance Overview 2022. ⁸ EU Innovation Policy Review 2022. ⁹ McKinsey: Semiconductor Value Chain Analysis, 2021. ¹⁰ European Semiconductor Review 2022. ¹¹ Thüringer Clusterstrategie 2030. ¹² EU Chips Act Background Report 2023. ¹³ IMEC Technology Roadmap 2023. ¹⁴ OECD 2018. ¹⁵ EU‑Kommission 2023. ¹⁶ Thüringer Staatskanzlei 2023. ¹⁷ Academy of Finland 2021 (Vergleichsstudie). ¹⁸ EU Chips Act 2023. ¹⁹ European Semiconductor Review 2022. ²⁰ Thüringer Clusterstrategie 2030.

Endnoten (3.5.29–3.5.32)

ᵃ Institutionelle Dauerhaftigkeit ersetzt Projektlogik. ᵇ Reputation ist ein strategischer Produktionsfaktor. ᶜ Resilienz entsteht durch Struktur, nicht durch Redundanz. ᵈ IMEC ist ein europäisches Strukturmodell für Hard‑Tech‑Ökosysteme

3.5.33 IMEC als Plattform für technologische Konvergenz

IMEC ist nicht nur ein Zentrum für Halbleiterentwicklung, sondern eine Plattform technologischer Konvergenz, in der Elektronik, Photonik, Materialwissenschaften, KI‑Hardware, Quantentechnologien und biomedizinische Sensorik zusammengeführt werden.¹ Diese Konvergenz entsteht nicht zufällig, sondern ist das Ergebnis einer strategischen Architektur, die unterschiedliche technologische Domänen in gemeinsamen Reinraum‑ und Pilotlinienumgebungen integriert.²

Die Fähigkeit, heterogene Technologien in einer einzigen Infrastruktur zu vereinen, erzeugt Innovationsdynamiken, die in fragmentierten Systemen nicht entstehen können.³ So entstehen neue Chip‑Photonik‑Architekturen, hybride Materialsysteme, KI‑beschleunigende Hardwareplattformen und integrierte Quantensensoren.⁴ Für Thüringen ist diese Logik insofern relevant, als regionale Innovationssysteme häufig in disziplinären Silos operieren und dadurch Konvergenzeffekte verlieren, die für Hard‑Tech‑Ökosysteme entscheidend sind.⁵

3.5.34 Die Rolle von Testbeds und Demonstratoren in der industriellen Skalierung

Ein zentraler Bestandteil des IMEC‑Modells sind Testbeds und Demonstratoren, die als intermediäre Stufen zwischen Forschung und industrieller Produktion fungieren.⁶ Diese Strukturen ermöglichen es Unternehmen, Technologien unter realitätsnahen Bedingungen zu testen, ohne eigene Produktionskapazitäten aufbauen zu müssen.⁷

Testbeds dienen dabei als „Mini‑Ökosysteme“, in denen Prozesse, Materialien, Designs und Fertigungsschritte integriert und validiert werden.⁸ Demonstratoren wiederum zeigen die industrielle Machbarkeit neuer Technologien und reduzieren Unsicherheiten für Investoren und Industriepartner.⁹ Für Thüringen ist diese Logik bedeutsam, da fehlende Testbeds einer der zentralen Engpässe regionaler Hard‑Tech‑Entwicklung sind.¹⁰

3.5.35 IMEC als Modell für europäische Technologiediplomatie

IMEC fungiert zunehmend als Akteur europäischer Technologiediplomatie.¹¹ Die Organisation ist in multilaterale Forschungsallianzen eingebunden, kooperiert mit globalen Halbleiterzentren und dient als europäischer Verhandlungspartner in internationalen Technologieinitiativen.¹² Diese diplomatische Rolle entsteht aus technologischer Exzellenz, institutioneller Glaubwürdigkeit und globaler Vernetzung.¹³

IMEC ist damit nicht nur ein Forschungszentrum, sondern ein geopolitischer Akteur, der europäische Interessen in globalen Technologiewertschöpfungsketten vertritt.¹⁴ Für Thüringen ist diese Dimension relevant, da regionale Innovationspolitik zunehmend in geopolitische Kontexte eingebettet ist und technologische Souveränität nicht allein national hergestellt werden kann.¹⁵

3.5.36 Schlusskapitel: IMEC als institutionelle Architektur technologischer Zukunftsfähigkeit

IMEC steht exemplarisch für eine institutionelle Architektur, die technologische Zukunftsfähigkeit nicht durch Größe, sondern durch Struktur erzeugt.¹⁶ Die Organisation verbindet langfristige Finanzierung, institutionelle Neutralität, internationale Kooperation, technologische Tiefe und professionelle Governance in einer Weise, die europaweit einzigartig ist.¹⁷

Für Thüringen ergibt sich daraus eine klare strategische Perspektive: Ein regionales High‑Tech‑Zentrum kann globale Wirkung entfalten, wenn es nach dem IMEC‑Prinzip aufgebaut wird – als dauerhafte Institution, nicht als Projekt; als Infrastrukturplattform, nicht als Förderprogramm; als europäischer Knotenpunkt, nicht als regionale Insel.¹⁸

Fußnoten (3.5.33–3.5.36)

¹ IMEC Annual Report 2023. ² IMEC Technology Platforms Overview 2022. ³ OECD: Science, Technology and Innovation Outlook, 2022. ⁴ European Semiconductor Review 2022. ⁵ Thüringer Clusterstrategie 2030. ⁶ IMEC Testbed Architecture Report 2021. ⁷ McKinsey: Semiconductor Value Chain Analysis, 2021. ⁸ EU Innovation Policy Review 2022. ⁹ IMEC Demonstrator Portfolio 2023. ¹⁰ Thüringer Wirtschaftsministerium 2024. ¹¹ EU‑Kommission 2023. ¹² European Council Technology Strategy 2023. ¹³ IMEC Global Partnerships Overview 2022. ¹⁴ EU Chips Act Background Report 2023. ¹⁵ Thüringer Staatskanzlei 2023. ¹⁶ OECD 2018. ¹⁷ Government of Flanders: Innovation Funding Framework, 2021. ¹⁸ Thüringer Clusterstrategie 2030.

Endnoten (3.5.33–3.5.36)

Technologische Konvergenz ist ein struktureller Vorteil integrierter Systeme. Testbeds sind der fehlende Übergang zwischen Forschung und Industrie. Technologiediplomatie entsteht aus Exzellenz, nicht aus Größe. Zukunftsfähigkeit ist eine Frage institutioneller Architektur.

Literaturverzeichnis – Kapitel 3.5 Belgien: IMEC

Academy of Finland (2021): Research and Innovation System of Finland. Helsinki.

European Council (2023): Technology Strategy 2023. Brüssel.

European Commission (2022): EU Innovation Policy Review. Brüssel.

European Commission (2023): EU Chips Act – Legislative Package and Background Report. Brüssel.

European Semiconductor Review (2022): State of the European Semiconductor Ecosystem. Brüssel.

Government of Flanders (2021): Innovation Funding Framework. Brüssel.

IMEC (2020): Industry Collaboration Model. Leuven.

IMEC (2021): Testbed Architecture Report. Leuven.

IMEC (2022): Governance Overview. Leuven.

IMEC (2022): Technology Platforms Overview. Leuven.

IMEC (2022): Global Partnerships Overview. Leuven.

IMEC (2023): Annual Report 2023. Leuven.

IMEC (2023): Demonstrator Portfolio 2023. Leuven.

IMEC (2023): Infrastructure Renewal Plan. Leuven.

IMEC (2023): Technology Roadmap 2023. Leuven.

IMEC (2023): Spin‑off Portfolio 2023. Leuven.

KU Leuven (2022): Research Strategy 2022. Leuven.

McKinsey & Company (2021): Semiconductor Value Chain Analysis. New York.

OECD (2018): Science, Technology and Innovation Outlook. Paris.

OECD (2020): Education Review – Belgium and Flanders. Paris.

OECD (2022): Science, Technology and Innovation Outlook 2022. Paris.

Thüringer Clusterstrategie (2030): Strategische Entwicklungspfade für Thüringer Innovationscluster. Erfurt.

Thüringer Staatskanzlei (2023): Innovations‑ und Standortstrategie Thüringen. Erfurt.

Thüringer Wirtschaftsministerium (2024): Industriepolitischer Bericht Thüringen. Erfurt.

University of Leuven (2022): Innovation Report 2022. Leuven.

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